Design Das Spinnendreirad mit der Hüftsteuerung

Akkuschrauber drehen nicht nur Schrauben. Sie können auch Fahrzeuge antreiben. Das spinnenförmige Konstrukt "Ex" von vier Hamburger Design-Studenten sieht unbequem aus, wenn man aber erstmal drauf sitzt, möchte man sobald nicht mehr runter.

Ruben Faber

Design-Studenten stellt man mitunter schräge Aufgaben. Vier Hamburger haben vor zwei Jahren ein skelettartiges Dreirad gebaut. Der Antrieb: zwei 18 Volt starke Elektro-Schrauber. Der Anlass: Das Akkuschrauber-Rennen für skurrile Gefährte der Hildesheimer Hochschule. Nach dem Rennen hängten die vier ihre "Ex" an die Werkstattwand der Hamburger Hochschule. Für SPIEGEL ONLINE haben sie sie abgenommen und die Akkus aufgeladen.

"Kinder haben das Fahren mit der "Ex" sofort drauf", versichert Designstudent Ruben Faber. "Eltern dagegen tun sich schwer, die denken zu viel nach." Wen wundert das? Stellt sich bei dem spinnenförmigen Ding als erstes die Frage, wie man überhaupt aufsteigt. Oder einsteigt? Die Hände am Lenker, lässt man die angewinkelten Knie nacheinander in den blanken Stahlbügel sinken. Das sieht ungemütlich aus, ist aber erstaunlich bequem.

"Zum Eingewöhnen machen wir eine Testfahrt in der Eingangshalle", hatten die Studenten angekündigt. Denn die "Spinne" habe kleine Besonderheiten. Eine ist ihr Gasgriff. Die Studenten haben es sich leicht gemacht und zwei Bremshebel an den Lenker geschraubt: Rechts gibt man Gas, links wird gestoppt.

Niedriger als ein Kinderfahrrad

Unter dem leisen Surren der beiden 18 Volt starken Elektro-Schrauber zieht die "Ex" an. Mein Kinn 50 Zentimeter vom frisch polierten Steinboden entfernt und die schnell näher kommende Wand vor den Augen, versuche ich das 20 Kilo schwere Fahrzeug, dazu zu bringen, eine Kurve zu fahren. Vergeblich. So sehr ich auch am Lenker zerre: nichts. Die Ex ist störrisch wie ein alter Esel. Mit Muskelkraft kommt man bei ihr nicht weiter.

"Man steuert die "Ex" nicht mit den Armen", erklärt Mitentwickler Sebastian Auray, "sondern über Gewichtsverlagerung." Was auch immer das bei diesem Konstrukt heißen mag. Nächster Versuch: Gas geben, Fahrt aufnehmen und vorsichtig die Hüfte kippen. Die Dame reagiert sofort. Sacht dreht sie nach links. Je mehr ich kippe umso enger wird die Kurve. Ihr Rückrat, das massige Gelenk in der Mitte des Fahrzeugs, ist das Herzstück der Konstruktion. Bekommt sie hier einen gefühlvollen Kick, fährt sie sanfte Kurven. Verlagert man sein Gewicht jedoch zu schwungvoll, reagiert sie zickig und kippt kurz auf zwei Räder. Wer es ganz grob angeht, landet im Dreck.

Wir verlassen die Eingangshalle, bleiben aber auf einem geschützten Asphalt- und Schotterweg, der um die Hochschule herumführt. Hier kann man ungestört Gas geben. "Im Straßenverkehr ist das aussichtslos", meint Auray. Auf der "Ex" liegt man niedriger als auf einem 16 Zoll Kinderrad. Fährt man auf Fahrradwegen durch die Stadt, sind Kollisionen programmiert. Die größte Gefahr stellen abbiegende Autofahrer dar, die kaum eine Chance haben, die "Ex" nebst Fahrer zu sehen.

Wie auf der Wasserrutsche

30 km/h soll sie schaffen. Nüchtern betrachtet, ist das wohl eine Illusion. Aber wenn sich die Nase beim Fahren kurz über dem Boden befindet und der Asphalt im Augenwinkel unter einem weggleitet - dann ist man nicht mehr nüchtern. Dann steigert sich die gefühlte Geschwindigkeit mindestens aufs Doppelte vom Realwert. Das erinnert an früher, wenn man bäuchlings und kopfüber von einer dieser Riesenwasserrutschen im Freibad herunterraste. Auray und Faber grinsen. "Dieser Effekt ist beabsichtigt", sagen sie. Die Studenten wollten die geringe Geschwindigkeit erlebbar machen - und das glückt ihnen. Und etwas entscheidendes außerdem: Das Fahren mit der "Ex" macht Spaß. Es ist ein Spielzeug, das Fortbewegung mit ungewohnten Bewegungsmustern kombiniert, die jeder schnell umsetzen kann. Wer erstmal auf der "Ex" sitzt, möchte sobald nicht mehr absteigen.

Muss er aber. Maximal zwei bis drei Kilometer weit trägt sie ihre Fahrer. Dann sind die Akkus leer. Die Erfinder betonen: Die "Ex" wurde für einen einzigen Zweck erdacht: Das Akkuschrauber-Rennen. Das Dreirad sollte auffallen und Spaß bringen. Es war nie für den Straßenverkehr gedacht. Und für eine Renn-Karriere reichte es auch nicht - in Hildesheim belegten die Designer nur einen Platz im hinteren Mittelfeld. Jetzt, wo die Akkus leer sind, kommt sie zurück an die Wand in der Hochschulwerkstatt.



insgesamt 7 Beiträge
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kabelfritze 21.05.2011
1. Witzig
Zitat von sysopAkkuschrauber drehen nicht nur Schrauben. Sie können auch Fahrzeuge antreiben. Das spinnenförmige Konstrukt "Ex" von vier Hamburger Design-Studenten sieht unbequem aus, wenn man aber erstmal drauf sitzt, möchte man sobald nicht mehr runter. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,763646,00.html
Ich finde darin schon eine künstlerische Komponente. Nur die völlige Loslösung von allen Konventionen ermöglicht derart faszinierende Spielereien. Sowas sollte man aus der Nische holen. Wer braucht die Formel 1, wenn es Akkuschrauber gibt? Unsere Mobilitätskultur ist moralisch verkommen. Es gilt das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Schwereren. Wenn es irgend etwas auf sich hätte mit der "Gestaltungskraft der Politik", hätten wir shared space überall und würden bloß noch 30 fahren. Dann könnten wir einem Jugendlichen erlauben, mit einem elektrifizierten Bügelbrett in der Gegend rum zu karjolen. Wir würden die Freiheit des Geistes fördern, Kreativität möglich machen, die Jugend zu Experimenten anregen.... aber nein. In Deutschland kann man mit Freiheit nichts anfangen.
PeterPan95 22.05.2011
2. Spielerei solls bleiben
Zitat von kabelfritzeIch finde darin schon eine künstlerische Komponente. Nur die völlige Loslösung von allen Konventionen ermöglicht derart faszinierende Spielereien. Sowas sollte man aus der Nische holen. Wer braucht die Formel 1, wenn es Akkuschrauber gibt? Unsere Mobilitätskultur ist moralisch verkommen. Es gilt das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Schwereren. Wenn es irgend etwas auf sich hätte mit der "Gestaltungskraft der Politik", hätten wir shared space überall und würden bloß noch 30 fahren. Dann könnten wir einem Jugendlichen erlauben, mit einem elektrifizierten Bügelbrett in der Gegend rum zu karjolen. Wir würden die Freiheit des Geistes fördern, Kreativität möglich machen, die Jugend zu Experimenten anregen.... aber nein. In Deutschland kann man mit Freiheit nichts anfangen.
Wenn Sie es aus der Nische holen, gibt es bald Regeln, Vorschiften, Bestimmungen, Paragraphen. Das macht dann keinen Spaß mehr ;)
Jonny_C 22.05.2011
3. Ich liebe Akku-Schrauber-Rennen !
Was die Leute sich da alles einfallen lassen - genial. Ich könnte mir vorstellen eine richtige Batterie an die EX zu bauen und die Schrauber damit zu versorgen - könnte eine riesen Gaudi werden. Kenn Ihr Tool-Race ? http://www.youtube.com/watch?v=Gyg9U1YaVk8 Macht den "Bastlern" auch richtig Freude.
Illya_Kuryakin 22.05.2011
4. Häää???
Zitat von kabelfritzeIch finde darin schon eine künstlerische Komponente. Nur die völlige Loslösung von allen Konventionen ermöglicht derart faszinierende Spielereien. Sowas sollte man aus der Nische holen. Wer braucht die Formel 1, wenn es Akkuschrauber gibt? Unsere Mobilitätskultur ist moralisch verkommen. Es gilt das Recht des Stärkeren, Schnelleren, Schwereren. Wenn es irgend etwas auf sich hätte mit der "Gestaltungskraft der Politik", hätten wir shared space überall und würden bloß noch 30 fahren. Dann könnten wir einem Jugendlichen erlauben, mit einem elektrifizierten Bügelbrett in der Gegend rum zu karjolen. Wir würden die Freiheit des Geistes fördern, Kreativität möglich machen, die Jugend zu Experimenten anregen.... aber nein. In Deutschland kann man mit Freiheit nichts anfangen.
Wie meinen? Wo genau drückt Ihnen denn der Schuh? Und was hat das mit dem "Spinnendreirad" zu tun? Was die "Ex" angeht: Affengeil! Sieht ein bisschen aus wie aus einem Science-Fiction Film entsprungen. Von diesem "Akkuschrauber-Rennen" höre ich zum ersten mal. Scheint gegenüber der Formula-Student der interessantere Wettbewerb zu sein. Mehr Freiheitsgrade, weniger Reglement, weniger... "aufgelähte Wichtigtuerei".
ok-info 22.05.2011
5. 18 Volt stark, das atmet Sachkenntnis -
auch hier ist die Batterie das Problem, ein Akkuschrauber kennt ja nicht mal das Wort Ampèrestunde... vielleicht ein kleiner, leichtlaufender Anhänger, der über den Batterien ein Solarpanel hat ? Man komme jetzt nicht mit Gewicht, der Fahrer hat viel mehr "totes" Gewicht als die Akkus. Mopedfahrer sind ja meist eh nur bei Sonnenschein unterwegs, das ist gut - und gerade die billigen Chinapanels sammeln auch bei iffuser Beleuchtung schon gut Energie... Dann dürfte das vorausschauende Fahren noch problematisch werden, wegen der Nackenkrampf- Kopfhaltung... sonst finde ich das Ding gut. Vielleicht gibt es ja bald die Neuauflage des Messerschmidt-Kabinenrollers: das wär´doch was.
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