Designer Albrecht Graf Goertz Paradiesvogel als Retter für BMW

Aristokrat, Emigrant, Ästhet, Weltbürger - und Autodesigner war Albrecht Graf Goertz auch noch. Er schuf den BMW 507, einen legendären Roadster von bis heute unerreichter Eleganz. Das Hamburger "Museum für Kunst und Gewerbe" gibt jetzt Einblicke in Goertz' Design-Werk.

Von Jürgen Pander


BMW war zu Beginn der fünfziger Jahre eine gebeutelte Autofirma. Es fehlten die richtigen Modelle, und einen glanzvollen Sportwagen hatten die Bayern auch nicht. Im Gegensatz zur Konkurrenz aus Stuttgart. Mercedes stellte eine solche Vollgas-Ikone 1954 mit der Serienversion des Flügeltürers 300 SL vor. In München wurde zwar zur gleichen Zeit ebenfalls an einem Luxussportwagen gearbeitet, doch für die Optik des Autos fehlte noch eine zündende Idee.

Max Hoffman, US-Importeur diverser europäischer Luxusmarken, der schon die Serienfertigung des 300 SL angeregt hatte, wusste von den Formgebungs-Problemen in München und ermunterte einen Bekannten aus New York, doch mal ein paar Skizzen zu BMW zu schicken. Der Bekannte war Albrecht Graf Goertz - und aus den Entwürfen wurde binnen weniger Monate der BMW 507, ein Auto das noch immer Bewunderung auslöst.

Für Albrecht Graf Goertz war der BMW 507 der Durchbruch als Designer; den etwas schlichteren Sportwagen BMW 503 entwarf er übrigens gleich mit. Beide Autos wurden auf der IAA des Jahres 1955 vorgestellt und katapultierten BMW mit einem Schlag auf den Auto-Olymp. Unternehmenschef Hanns Grewenig telegrafierte nach New York, denn Goertz war gar nicht zur Ausstellung nach Frankfurt gekommen: "Der 507 ist der Star der Ausstellung. Gratuliere!"

Das Auto wurde auf Anhieb zur Ikone, sein Designer zum Star. Doch was Albrecht Graf Goertz in der Folge sonst noch alles formte und gestaltete, ist kaum bekannt. Das "Museum für Kunst und Gewerbe" in Hamburg, das den Nachlass des Designers besitzt, gibt nun in einer Ausstellung mit dem Titel "Made in USA - Design von Albrecht Graf Goertz" einen Einblick in das Schaffen des Mannes, der als einer der ersten universellen Industriedesigner mit seiner betont unkonventionellen Art einen ganz neuen Stil etablierte.

"Goertz hätte heute in der Autoindustrie keine Chance"

"Ein Graf Goertz hätte heute in der Autoindustrie keine Chance", sagt Andreas Braun vom BMW-Museum in München. "Er arbeitete in Eigenregie, übernahm damit persönlich die ästhetische Verantwortung und ging ein hohes Risiko sein. Aber ihm wurde auch zugetraut, einen wirklich einmaligen Entwurf abzuliefern", beschreibt Braun die Goertz'sche Vorgehensweise. "Mein Eindruck ist, dass heutzutage kein junger Designer mehr derartige Freiräume bekommt - und das könnte ein Fehler sein."

Goertz kam, designte und ging wieder. Nur als von außen Kommender konnte er beispielsweise die schon damals klassische BMW-Niere beim Modell 507 einfach flachlegen und derart in die Breite ziehen, dass sie praktisch gar nicht mehr erkennbar war. Einem BMW-Mitarbeiter hätte man dies wohl als Sakrileg angekreidet und nicht durchgehen lassen. Dem Sportwagen jedoch stand diese optische Unbotmäßigkeit ungeheuer gut. Dass der 507 ein ökonomisches Desaster für BMW wurde lag jedenfalls nicht am Design; das Auto kostete damals 26.500 Mark und war damit viel zu teuer; lediglich 251 Exemplare des Modells mit Alukarosserie wurden weitgehend in Handarbeit gebaut. Geld war unter diesen Umständen nicht zu verdienen. "Für das Markenimage aber ist das Auto unbezahlbar", sagt BMW-Historiker Braun.

Goertz zeichnete und entwarf in der Folge für zahlreiche Autohersteller. Für BMW etwa entstanden Skizzen und Modelle für eine Isetta mit vier Sitzplätzen und einen so genannten Mittelwagen. Darüber hinaus fertigte er Karosserieformen für Porsche, Renault und Datsun. Für den japanischen Hersteller entwarf Goertz den Prototypen Fairlady. Später wurde aus dem Modell der Datsun 240 Z - und die Z-Baureihe zu einer der meistverkauten Sportwagen-Serien überhaupt. Allerdings gab es heftigen Streit darüber, wie hoch Goertz' Anteil am Erfolg einzuschätzen sei. Erst 1980 einigten sich der Graf und Nissan gütlich.

Autos waren der rote Faden im beruflichen Leben des gebürtigen Deutschen. Zunächst absolvierte er eine Banklehre in Hamburg, ehe er 1936 im Alter von 22 Jahren in die USA emigrierte - seine Mutter war Jüdin, er galt als Halbjude und musste mit massiven Problemen in Nazi-Deutschland rechnen. In Kalifornien interessierte er sich für die gerade aufkeimende Hot-Rod-Szene, er tunte Ford-Modelle und baute auf einem Mercury-Chassis seine erste eigene Karosserie. Goertz nannte das Modell "Paragon" und stellte es auf der Weltausstellung in San Francisco 1939 vor.

Eine Zufallsbekanntschaft auf dem Hotelparkplatz

Er wurde US-Staatsbürger und von der US-Armee eingezogen. Nach dem Krieg fuhr er mit seinem Paragon-Eigenbau nach New York und traf auf dem Parkplatz des Waldorf-Astoria-Hotels auf einen ebenfalls auffallend individualisierten Lincoln Continental. Die beiden Fahrer kamen, jeweils interessiert am Auto des anderen, ins Gespräch, und so lernte Goertz den Designer Raymond Loewy kennen. Loewy, damals für die US-Automarke Studebaker aktiv, stellte Goertz kurz darauf ein. Wenig später kam dann der Anruf von Hoffman wegen des stilistischen Vakuums bei BMW.

Aber Goertz beschränkte sich nicht allein aufs Autodesign. Er gestaltete auch Musikinstrumente, Radios, Sportkleidung, Küchengeräte, Schulmöbel und einen Jubiläums-Flügel der Firma Steinway. Einen BMW 507 übrigens besaß er nie; jedoch fuhr er bis ins hohe Alter (Goertz starb 2006) Sportwagen vom Typ BMW M3.

"Made in USA - Design von Albrecht Graf Goertz", Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Ausstellung bis 27. März 2011.

Mehr zum Thema


insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
graf.koks 22.01.2011
1. Lieber SPON!
Zitat von sysopAristokrat, Emigrant, Ästhet, Weltbürger - und Autodesigner war Albrecht Graf Goertz auch noch. Er schuf den BMW 507, einen legendären Roadster von bis heute unerreichter Eleganz. Das Hamburger "Museum für Kunst und Gewerbe" gibt jetzt Einblicke in Goertz' Design-Werk. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,740328,00.html
Das Bild 1 in der Fotoserie hättet Ihr Euch sparen können. Es ist eine sehr schlechte Montage! Erstens: was ist das Graue vorn rechts am Auto zwischen Vorderrad und Stoßstange, die auch noch abgeschnitten wurde? Zweitens hat der Mann nie auf diesem Auto gesessen und wurde einmontiert, zudem in einem falschen Größenverhältnis. ÜBEN! Da müßt Ihr noch mal ran! Vielleicht die Nordkoreaner fragen, wie man das macht? Da gibt es bessere Bilder vom 507! Googeln hilft!
tritop 22.01.2011
2. Bmw
Dann kam Claus Luthe, für mich der Größte seiner Zunft, sogar noch vor den Italienern, n. m. M.. Wie der Dilettant Bangle dann in diese Position kam, wird mir immer ein Rätsel bleiben.
quodlibed 22.01.2011
3. ein wenig Relativierung tut not...
Vorab: das Thema" ist ja wohl einigermaßen unsinnig formuliert. Die Entwürfe des 503 und des 507 bedeuteten keineswegs die Rettung der schwer angeschlagenen Firma BMW, sondern führte sie noch näher an den Konkurs. Oder was soll man von Autos erwarten, die 412 bzw 251 mal gebaut wurden? Da sind wohl noch nicht einmal die Entwicklungskosten verdient worden! Von den Herstellkosten will ich gar nicht reden (man schaue sich einmal diese Autos an: extrem aufwändig gebaut bei winziger Stückzahl. Z.B. ist das Armaturenbrett aus Druckguß!!! Da fehlte es seinerzeit bei BMW an jeglichem Sachverstand für Produktion und kaufmännische Belange). Die Arbeit von Graf Gortz wird heute gerne idealisiert und überhöht aufgrund des Schicki-Micki-Charakters und des exorbitanten Preises des 507. Das Leben war aber ein wenig anders. Das fing mit seiner abgebrochenen (!) Lehre in einem Bankhaus an und endete damit, daß er das Rittergut seiner Vorfahren in Brunkensen verkaufen musste, um (über)leben zu können. Er war eben ein extrem emotioneller Mensch, der sich von niemanden etwas sagen lassen wollte. Noch mit fast 90 Jahren (!) beklagte er sich bitterlich darüber, daß der Verkaufsvorstand von BMW an der Zierleiste des von ihm entworfenen 503 (meines Erachtens der gelungenste Entwurf von Graf Goertz!) herumgekrittelt und deren Verlauf in der Serie 2 begradigt hat (hatte zuvor einen Knick am Ende). Von daher ist die Aussage völlig richtig: mit anderen hätte er wohl nie zusammenarbeiten können. Dafür sind aber sehr eigenständige Entwürfe herausgekommen - über die heute niemand mehr sprechen würde, wäre BMW damals tatsächlich Konkurs gegangen oder von Mercedes übernommen worden, wie geplant...
Rooo 22.01.2011
4. Warum dieser Hass auf Bangle?
Zitat von tritopDann kam Claus Luthe, für mich der Größte seiner Zunft, sogar noch vor den Italienern, n. m. M.. Wie der Dilettant Bangle dann in diese Position kam, wird mir immer ein Rätsel bleiben.
Ich konnte das ewige Bangle-Bashing noch nie nachvollziehen. Für mich ist vor allem der (inzwischen) alte 5er BMW E60 ein wunderschönes Auto.
stanis laus 22.01.2011
5. Zusammengestoppelt
Seitlich sieht der 507 phantastisch aus. Wie eine spätere Corvette. Aber von vorne erinnert er (insbesonder bei dem Modell) an das Isabella Coupé v. 1958 von Borgward. Wer ein Sportwagenpurist ist, sollte sich aus dieser Zeit mal die Alfa Guiletta angucken. Da passt Vorder-, Hinter -und Seitenansicht zusammen. Ein Guss.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.