Designstudien Zu sexy für den Autohändler

Schön, aber unerreichbar: Die hinreißendsten Autos des Genfer Salons sind Studien, die man nicht kaufen kann. Warum, fragt sich Abgewürgt-Kolumnist Thomas Hillenbrand, zeigen Hersteller uns solche Autos, wenn sie dann doch wieder nur blasse Blechkisten bauen?


Man stelle sich das einmal vor: Steve Jobs betritt die Bühne, er hält etwas in die Höhe. Das iPad! Das Publikum ächzt, einige fallen in Ohnmacht. Dann zeigt der Apple-Chef, was der Tabletcomputer so alles kann. Der Wahnsinn! Frauen in den vorderen Reihen reißen sich die iShirts vom Leib, alle anderen fallen ehrfürchtig zu Boden.

Und dann sagt Steve: "Hey, das ist natürlich nur eine Studie. Ob wir das iPad je bauen...mal gucken."

Ich bezweifle, dass Jobs nach dieser Nummer lebend aus der Halle käme. In der Autoindustrie ist derlei jedoch völlig normal. Auf jeder Branchenmesse stellen die Hersteller hinreißend schöne Autos auf die Bühne. Autos, die erfrischend anders aussehen als jene Allerweltskisten, in denen wir täglich herumzockeln müssen. Autos, die man gerne besäße.

Autos, die man nicht kaufen kann.

Gerade findet der Genfer Autosalon statt, traditionell die Messe für verwegene Studien. Bei meinem ersten Rundgang fielen mir zwei Fahrzeuge auf, die mich sofort überzeugten.

Wenn aus rasanten Studien lahme Blechkisten werden

Da ist zunächst ein cleveres kleines Stadtauto namens Emas, das sich der malaysische Hersteller Proton von Giugiaro hat entwerfen lassen - optisch ansprechend und mit einem brillanten Innenraumkonzept. Wird der je gebaut? Dazu gibt es leider keine Info.

Für längere Fahrten könnte ich mich mit der Mercedes-Studie F 800 Style anfreunden. Viele Benz-Modelle der vergangenen Jahre gefielen mir nicht, zu altbacken, zu sehr fahrende Hutablage. Aber wenn ein Serienfahrzeug aus Stuttgart so aussähe wie der F 800...kann man irgendwo vorbestellen?

Kann man natürlich nicht. Mercedes-Chefdesigner Gordon Wagner ist zuversichtlich, dass die nächsten Serienmodelle so ähnlich aussehen werden wie sein F 800. Das wäre wünschenswert - allein, mir fehlt der Glaube. Studien, vor allem die spektakulär schönen, haben die irritierende Angewohnheit, sich auf ihrem langen Weg zum Serienauto in dröge Allerweltsautos zu verwandeln.

Die Hersteller erklären dann entschuldigend, man habe die scharfen Flanken, das geile Heck oder den edlen Innenraum nicht "in die Serie retten können". Aus Kostengründen. Wegen Fertigungszwängen. Weil die Vibes gerade mies waren.

Das Gesetz der Serie

Um die Absurdität des Ganzen zu verdeutlichen, muss noch einmal Steve Jobs ran. Nehmen wir an, es ist nun 2013, die Tabletstudie haben die meisten schon vergessen, da kommt der Apple-Chef wieder auf die Bühne geschlendert und verkündet, man baue das Super-Gadget jetzt doch - brandender Applaus, "Steve ist Gott"-Rufe.

Der Meister hebt beschwichtigend die Hände. "Leider", sagt Jobs, "konnten wir nicht alle geplanten iPad-Features in die Serie retten. Der Bildschirm ist schwarz-grün, der Akku hält nur eine Stunde. Und das mit dem Touchscreen ging leider auch nicht, sorry."

Autohersteller würden einwenden, Studien hätten eine durchaus wichtige Funktion. Sie erlaubten es Designern, unabhängig vom Tagesgeschäft herumzuspinnen - zu probieren, was möglich wäre, wenn man die Rechnung ohne Erbsenzähler und Ingenieure machen könnte. "Eine tolle Studie kann intern Fakten schaffen", sagt ein Manager eines großen Herstellers.

Haute Couture aus Metall

Die Pkw-Konzerne vergleichen sich zudem gerne mit der Modeindustrie, der einzigen anderen Branche, die andauernd Dinge zeigt, die man nicht kaufen kann. Auch dort gibt es Serienklamotten (Prêt-à-porter) und ultraschräge, untragbare Fummel (Haute Couture). Wenn Christian Dior seinen Models einen Federkranz von der Größe eines Gullideckels vors Gesicht schnallt, ist allen relativ klar, dass dies nichts für H&M ist.

Dior ist mir freilich wurscht. Wie die meisten Normalsterblichen werde ich mir nie einen Gullideckel-Hut zulegen. Wohl aber hin und wieder ein Auto, weswegen mich die ganzen schönen Studien schier wahnsinnig machen. Besonders schlimm ist es, wenn man sich nach einer Messe wieder das Elend beim örtlichen Autohändler anschauen muss.

Vor über 40 Jahren stellte BMW auf dem Genfer Salon übrigens den Spicup 2800 vor - auch so eine hinreißende Studie, die nie gebaut wurde. Neulich las ich, dass zwei Holländer den Messe-Spicup wieder flottgemacht haben und damit durch die Gegend gondeln. Wie beruhigend, dass es wenigstens eine schöne Studie gibt, die nicht ganz nutzlos war.



insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Matt_999, 04.03.2010
1. .
Zitat von sysopSchön, aber unerreichbar: Die hinreißendsten Autos des Genfer Salons sind keine Serienfahrzeuge, sondern Studien. Dummerweise kann man sie nicht kaufen. Warum, fragt sich Thomas Hillenbrand, zeigen Hersteller uns solche Autos, wenn sie dann doch wieder blasse Blechkisten bauen? http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,681533,00.html
Danke. Genau das frage ich mich auch gerade beim Betrachten des sensationell schönen Pininfarina 2uettottanta. (Dass der so nicht kommen wird, liegt dann wahrscheinlich an der Untauglichkeit des Namens für den globalen Einsatz...)
Blueser, 04.03.2010
2. Baut wieder schöne Autos!
..und so scheint das Nonplusultra weiterhin die Wichtigkeit des Cupholders in der Mittelkonsole zu sein, genug Begründung, um selbst schöne und teuere Autos damit zu verschandeln. So zum Beispiel im Aston Martin Rapide oder im Maserati Gran Cabrio. Nicht nur vor dem Hintergrund schöner Designstudien fällt doch seit Jahren auf, dass die Autos zunehmend un-schöner werden, es werden schlicht kaum noch schöne Limousinen gebaut. Derzeit verabschiedet sich Mercedes immer mehr von den schönen Formen - das E-Coupe und das E-Cabrio sind alles andere als schön, die S-Klasse hat vor Jahren den Bangle-Buckel dezent geklont, die anderen Mopf-Verschlimmbesserungen sind auch nicht gerade große Würfe geworden. Und auf das derzeitige LED-Design kann ich ohnehin schon lange verzichten. Was war mein Rover 75 doch für ein schönes, klassisch-dezentes Auto...
Gegengleich 04.03.2010
3. Mercedes verabschiedet sich von schönen Formen?
Zitat von Blueser..und so scheint das Nonplusultra weiterhin die Wichtigkeit des Cupholders in der Mittelkonsole zu sein, genug Begründung, um selbst schöne und teuere Autos damit zu verschandeln. So zum Beispiel im Aston Martin Rapide oder im Maserati Gran Cabrio. Nicht nur vor dem Hintergrund schöner Designstudien fällt doch seit Jahren auf, dass die Autos zunehmend un-schöner werden, es werden schlicht kaum noch schöne Limousinen gebaut. Derzeit verabschiedet sich Mercedes immer mehr von den schönen Formen - das E-Coupe und das E-Cabrio sind alles andere als schön, die S-Klasse hat vor Jahren den Bangle-Buckel dezent geklont, die anderen Mopf-Verschlimmbesserungen sind auch nicht gerade große Würfe geworden. Und auf das derzeitige LED-Design kann ich ohnehin schon lange verzichten. Was war mein Rover 75 doch für ein schönes, klassisch-dezentes Auto...
Dem hätte ich bis vor kurzem zugestimmt. Aber da ich den neuen SLS AMG gesehen habe (leider nur in der Werbung), muß ich dem ganzen aufs Äußerste widerprechen. Denn der ist wirklich bildschön! Oder?
Dirty Diana 04.03.2010
4. s
Zitat von GegengleichDem hätte ich bis vor kurzem zugestimmt. Aber da ich den neuen SLS AMG gesehen habe (leider nur in der Werbung), muß ich dem ganzen aufs Äußerste widerprechen. Denn der ist wirklich bildschön! Oder?
Der SLS AMG ist in der Tat bildschön!
Cancun, 04.03.2010
5. Geht nicht
Man kann keine schönen Autos bauen, die zugleich den aktuellen Anforderungen an den Fußgängerschutz genügen und dann womöglich auch noch ein Minimum an Federungskomfort bieten. Bedankt euch beim TÜV und der fanatischen Sicherheitslobby.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.