Hightech-Wracks aus Kalifornien: Alter!

Von Christian Frahm

Zweites Leben für Autowracks: Aufbau Rost Fotos
ICON

Was kostet so viel wie ein Porsche, sieht aber aus wie die allerletzte Rostlaube? Ein "Derelict" von Jonathan Ward. Der Kalifornier schraubt unter das Blech angegammelter Oldtimer Technik vom Feinsten. Die alltagstauglichen Resto-Wracks kosten bis zu 200.000 Euro - und finden reißenden Absatz.

Eine Schande, wie die Karre aussieht. Völlig verwahrlost und braunrot vor Rost steht der 52er Chevrolet Deluxe Coupé am Straßenrand in Chatsworth, einem heruntergekommenen Distrikt von Los Angeles. Jonathan Ward jedoch kann sich gar nicht sattsehen an der rotten Kiste: Es ist sein Auto. Und es birgt ein Geheimnis.

Unter dem augenscheinlich maroden Blech steckt moderne Technik; etwa ein 6,2-Liter-V8-Motor mit Einspritzanlage und 430 PS. Die ollen Trommelbremsen wurden durch Sechskolben-Scheibenbremsen ersetzt, das Fahrwerk inklusive Vierlenkerhinterachse statt der alten Blattfedern ist komplett neu, das Chassis pulverbeschichtet.

Der automobile Mix aus alt und neu ist das Geschäftsmodell von Jonathan Ward. Er ist Chef der Firma Icon Inc. aus Kalifornien, die Offroad-Klassiker mit Hightech-Ausstattung verkauft und seit einiger Zeit sogenannte Derelicts im Angebot hat - Autowracks, die es in sich haben. Rund zwanzig Mitarbeiter zählt Wards Unternehmen, in dem pro Jahr rund 20 Geländewagen entstehen und bislang vier Derelicts fertiggestellt wurden.

Am Anfang steht die Rostlaube

Für fünf weitere liegen bereits Bestellungen vor. Doch die Mechaniker können erst dann tätig werden, wenn die passende Rostlaube vorhanden ist. Zu diesem Zweck beschäftigt Ward zusätzlich zwei "Hunter", wie er die Mitarbeiter nennt, die auf Hinterhöfen und Schrottplätzen nach maßvoll angegammeltem Altmetall fahnden. "Inzwischen ist unser Konzept allerdings in einschlägigen Kreisen bekannt, so dass wir immer wieder E-Mails erhalten mit Tipps, wo passende Autowracks herumstehen", sagt Ward.

Rostflecken als Diebstahlschutz

Er bevorzugt Fahrzeuge aus den späten dreißiger Jahren bis in die frühen Fünfziger, am liebsten sind ihm Modelle längst ausgestorbener Marken wie Cord, DeSoto oder Hupmobile. Die Liebe zum Rost pflegt Ward erst seit kurzem. Früher restaurierte er Autos nach einem anderen Credo: Sie sollten in einem besseren Zustand aus seiner Werkstatt rollen als Jahrzehnte zuvor aus der Fabrikhalle.

Bei diesen Autos aber gab es ein Problem, und das brachte Ward auf die Idee mit den Derelicts: "Ich hatte immer Angst, mit diesen Autos auch zu fahren. Jeder Kratzer wäre eine Katastrophe gewesen." Und auch die originalgetreu restaurierte Technik der Oldies war nicht unbedingt alltagstauglich.

Das ist bei den Derelicts ganz anders. "Ich will Autos schaffen, die ich jeden Tag benutzen kann", sagt Ward. "Und ich wollte keine Angst mehr haben, dass meine Kinder das Auto ruinieren." Außerdem schrecken Rostflecken und blinder Lack Diebe zuverlässig ab.

Es geht um die inneren Werte

"Wabi-Sabi" nennt Ward diesen Stil, der auf einem japanischen Konzept der Wahrnehmung von Schönheit basiert. Kurz gesagt geht es darum, dass es nicht auf das Offensichtliche ankommt, sondern auf das Unscheinbare, Tieferliegende.

Die Idee kommt bei Kennern gut an. Es sind meist Männer zwischen 30 und 60, die sich für die Derelicts interessieren. Sie haben ganz bestimmte Vorstellungen von ihrem Auto - und das entsprechende Kleingeld. Umgerechnet zwischen 95.000 und 200.000 Euro kostet ein auf Vordermann gebrachtes Wrack.

Die Kunden erhalten dafür einen Wagen mit Technik nach ihren Wünschen. Und zumindest einem gewissen Understatementfaktor. "Diese Leute sind wohlhabende Individualisten, möchten aber nicht mit einem überrestaurierten Oldie auffallen. Außerdem wollen sie nicht auf moderne Technik und Sicherheit verzichten", sagt Ward.

Aktuell arbeitet Wards Team an einem Lincoln Zephyr von 1937 und einem Dodge Truck von 1950. Es gab auch schon den Fall, dass ein Kunde seinen eigenen Rosthaufen mitgebracht hat, um ihn frisch füllen zu lassen. Dann wird es ein bisschen billiger. Geduld aber brauchen Derelict-Interessenten auf jeden Fall: Bis zu acht Monate dauert ein Umbau. Und neue Aufträge werden erst wieder im nächsten Jahr angenommen.

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insgesamt 42 Beiträge
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    Seite 1    
1. Tolle Idee
udlinger 21.11.2012
...was für eine tolle Idee als Opposition zu dem "Einheits-Brei" auf unseren Straßen.
2. Schmerzen
ChrisQa 21.11.2012
Mir blutet das Herz, wenn ich lesen muss, dass diese seltenen Fahrzeuge verschandelt werden. Und was an einem 6,2-Liter V8 modern sein soll, erschliesst sich mir auch nicht ganz. Schade um die schönen Kisten.
3. optional
jenniferrod 21.11.2012
Cuba, öffnet eure Grenzen! Das ist DIE Chance, euer kaputtes System mit Devisen zu versorgen!?!
4. Toll :-(
ctwalt 21.11.2012
So ein Ding kann sich dann ja Jay Leno oder Georg Clooney als 153. Fahrzeug in seine Garage stellen...... Ich kenn da auch noch jemanden der pimpt Rasenmäher, Nähmaschinen und Küchengeräte............
5. Auf der
felisconcolor 21.11.2012
Zitat von sysopWas kostet so viel wie ein Porsche, sieht aber aus wie die allerletzte Rostlaube? Ein "Derelict" von Jonathan Ward. Der Kalifornier schraubt unter das Blech angegammelter Oldtimer Technik vom Feinsten. Die alltagstauglichen Resto-Wracks kosten bis zu 200.000 Euro - und finden reißenden Absatz. Die Firma Icon Motors implantiert in rostige Altautos moderne Technik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/die-firma-icon-motors-implantiert-in-rostige-altautos-moderne-technik-a-866912.html)
eine Seite sage ich schöne Idee. Würde gern einen Retro mit moderner Technik fahren. Sie sahen früher einfach schöner aus. Auf der anderen Seite blutet mir auch irgendwie das Herz schön Original aufgearbeitet und wieder strassentauglich gemacht wäre vielleicht doch besser Weil... sie sahen halt früher doch schöner aus ;-)
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