Die Bedeutung der Mercedes S-Klasse Kanzlerlimousine und Hassobjekt

Kaum ein Auto polarisiert in Deutschland so wie die größten Mercedes-Modelle. Anlässlich der Premiere der neuen S-Klasse spricht der Historiker Hans Walter Hütter über Symbole, Hierarchien - und Vorstandsfelgen.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Hütter, am Mittwochabend stellt Mercedes seine neue S-Klasse vor. Der Wagen galt jahrzehntelang als Symbol für politische und wirtschaftliche Macht in Deutschland. Hat er diese Strahlkraft noch immer?

Hans Walter Hütter: Ja. Nach wie vor gehört der Wagen zur automobilen Oberklasse, die den Maßstab setzt bei Technik und Komfort. Allerdings gehören längst auch andere Modelle in diese Kategorie, etwa von BMW, Audi oder VW. Immer wenn ich in Berlin bin, fällt mir auf, dass rund ums Kanzleramt in Berlin die Mehrheit der Limousinen nicht mehr von Mercedes zu stammen scheint. Aber das müsste man empirisch untersuchen.

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Mercedes S-Klasse: Die Baureihen im Überblick
SPIEGEL ONLINE: Die S-Klasse ist nicht mehr das Nonplusultra unter den Staatskarossen? Warum?

Hütter: Ganz einfach, weil es inzwischen Konkurrenzmodelle auf gleichem Niveau gibt. Mit dem BMW 7er ab 1977, mit dem Audi A8 ab 1994 und mit dem VW Phaeton ab 2002 ging die Alleinstellung der S-Klasse in diesem Segment verloren. Heute wählen Politiker ihre Fahrzeuge auch aus landsmannschaftlichen Gründen, weshalb die Bayern mit Vorliebe BMW oder Audi fahren und der Niedersachse Gerhard Schröder einen VW Phaeton als Dienstwagen nutzte. Als Bernhard Vogel Ministerpräsident von Thüringen war, fuhr er Opel, weil es in Eisenach ein Opel-Werk gibt.

SPIEGEL ONLINE: Große und luxuriöse BMW-Modelle gab es früher auch schon, ganz abgesehen von anderen Nobelmodellen. Wie kam es zum Mercedes-Monopol auf die Staatskarosse?

Hütter: Mercedes hat schon immer große, repräsentative und technisch innovative Autos gebaut. Die fuhren die Machthaber über alle Systeme hinweg, Kaiser Wilhelm II. ebenso wie die Nationalsozialisten und später die Kanzler Adenauer, Schmidt oder Kohl. Die Symbolkraft in der Bundesrepublik ergab sich, weil Konrad Adenauer ab 1951 die Mercedes 300 Limousine als Dienstwagen nutzte. Er wurde später sogar Adenauer-Mercedes genannt. Das Auto war auch technisch ein Schlüsselmodell der Nachkriegszeit.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb?

Hütter: Weil es das erste Luxusauto aus Deutschland war, das komplett nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt und gebaut wurde und deshalb auf dem neuesten Stand war. Der damalige große BMW war dagegen ein Auto der Vergangenheit, ebenso der Opel Kapitän. Die waren noch im Geist der Vorkriegszeit konstruiert und sahen auch so aus. Und Jaguar, Rolls-Royce oder Cadillac spielten in Deutschland keine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Mercedes war das Zeichen, dass man es geschafft hatte?

Hütter: Die großen Mercedes-Limousinen waren und sind vor allem ein Abbild der jeweiligen Hierarchie. Das gilt für den Staat wie für die Privatwirtschaft. Kanzler, Minister, Vorstandsmitglieder fahren auch das größte Modell; Staatssekretäre oder Abteilungsleiter fahren die Modelle der nächstkleineren Baureihe. Es gab ja früher sogar den Begriff "Vorstandsfelge"; das waren die Leichtmetallräder, die nur an den Autos der Vorstandsmitglieder angebracht waren. Der Rest fuhr auf Stahlfelgen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Dienstwagen fahren Sie denn?

Hütter: Eine Mercedes E-Klasse - mit Leichtmetallrädern. Vor einigen Jahren war es ein BMW 5er. Ich fahre das, was die Beschaffungsstelle besorgt.

SPIEGEL ONLINE: In den siebziger Jahren war die Mercedes S-Klasse das automobile Feindbild der militanten linken Szene in Deutschland.

Hütter: Mangels Alternativen fuhren die Entscheidungsträger S-Klasse, und dadurch wurde das Auto zu einem Symbol der herrschenden Gruppen im Staat. Es war also naheliegend, dass der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer 1977 aus einer Mercedes S-Klasse entführt wurde. Oder dass der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen, 1989 bei einem Attentat in einer S-Klasse ums Leben kam. Und auch Lady Diana saß bei ihrem tödlichen Autounfall 1997 in Paris in einer S-Klasse.

SPIEGEL ONLINE: Haben solche Ereignisse Einfluss auf das Image eines Autos oder einer Marke?

Hütter: Klar ist, dass sich niemand eine solche Publicity wünscht. Andererseits waren S-Klasse-Fahrzeuge in unzähligen Nachrichtensendungen zu sehen, während Könige, Kanzler oder Präsidenten gerade ein- oder ausstiegen. Das war sozusagen kostenloses Product-Placement und hatte sicher einen positiven Werbeeffekt.

SPIEGEL ONLINE: Spiegeln sich in den großen Limousinen auch gesellschaftliche Entwicklungen?

Hütter: Das ist nur sehr selten der Fall. Als 1991 das Modell W140 auf den Markt kam, war es zu groß für eine Normgarage und zu breit, um auf den Autozug nach Sylt zu passen. Da gab es kritische Stimmen wegen des schier ungebremsten Wachstums. Man spürte, dass hier eine Grenze der gesellschaftlichen Akzeptanz erreicht worden war. Aber dieses Zurschaustellen von Größe ist ja insgesamt nicht mehr gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern haben Autos dieser Klasse überhaupt noch eine Zukunft?

Hütter: Komfort und Sicherheit werden die bestimmenden Kriterien dieser Fahrzeugklasse werden. Es gibt Politiker und Unternehmenslenker, die fahren weit mehr als 100.000 Kilometer pro Jahr mit dem Dienstwagen. So ein Auto muss heute ein vollwertiger rollender Arbeitsplatz sein. Außerdem bleibt das Bedürfnis nach Distinktion, nach klar erkennbaren Hierarchien. Und weil diese Luxusmodelle zugleich Technologieträger sind, werden mit ihnen automobile Innovationen eingeführt. Wenig später gibt es diese Neuerungen dann auch in den Autos kleinerer Klassen. Insofern sind die großen Limousinen wohl auch weiterhin stilprägend.

Das Interview führte Jürgen Pander



insgesamt 94 Beiträge
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saywer,tom 15.05.2013
1. Tempora mutantur
Zu der Frage "Inwiefern haben Autos dieser Klasse überhaupt noch eine Zukunft?": Im Vergleich zu einem Q7 beispielsweise ginge der W140 heute als zierliche Mittelklasse-Limousine durch.
oxnkyn 15.05.2013
2. Ich freue mich schon auf den ersten Kommentator...
...der darauf hinweist, dass solche Autos generell abzulehnen sind, weil H4 Bezieher so etwas nicht fahren können.
zensorsliebling 15.05.2013
3. Der gezeigte W126 ist ein Musterbeispiel.....
für Nachhaltigkeit. Wie k(aum) ein anderes Auto war er auf ultimative Lebensdauer und störungsfreien Betrieb ausgelegt. Selbst nach 30 Jahren stehen diese Autos - wenn halbwegs gepflegt und sinnvoll genutzt - noch heute wie ein Neuwagen da.
janne2109 15.05.2013
4. ...
ich kenne niemanden der das Auto als Hassobejekt sieht, aber mit Hilfe von Spon könnte es vielleicht eines werden.
Greyjoy 15.05.2013
5.
Zitat von oxnkyn...der darauf hinweist, dass solche Autos generell abzulehnen sind, weil H4 Bezieher so etwas nicht fahren können.
Der kommt in der Regel etwas später als der Kommentator der so ein Auto zur sinnlosen, anachronistischen Penisprothese erklärt. In der Regel geht das mit der Erklärung einher, dass man selbst natürlich einen verdammt vernünftigen Kleinwagen mit korrektem Verbrauch fährt. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern nur aus Liebe zu Umwelt und Vernunft.
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