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Die Mutter aller Motorroller: Ein Gefühl namens Vespa

Von Jürgen Pander

Am Anfang war der Mangel, dann folgten ein paar geniale Ideen und schließlich wurde daraus ein Welterfolg. Heute ist der Motorroller Vespa ein Kultmobil - mit einem Rad in der Szene, mit dem anderen in der Vergangenheit. SPIEGEL ONLINE traf Vespa-Fans im Benzindunst.

Vespa-Treffen: Atze, "Püppi" und die andern Fotos
Jürgen Pander

Eigentlich ist eine Vespa total unmodern. Die Idee, das Design, die Technik - alles schon mehr als 60 Jahre alt. Und entstanden aus einer Notsituation, denn die Firma Piaggio, die für das faschistische Italien Kriegsflugzeuge gebaut hatte, musste sich nach dem Krieg ein neues Betätigungsfeld suchen: die Entscheidung fiel auf die Konstruktion und Herstellung eines billigen Alltagsfahrzeugs. Und so entwarf Corradino D'Ascanio, der bis dahin Flugzeuge und Hubschrauber entwickelt hatte, frei von der Leber weg einen Motorroller. Mit Schubkarrenreifen, Direktantrieb und einem komplett verkleideten Flugzeuganlassermotor als Kraftquelle. Firmenchef Enrico Piaggio fand, das Ding sehe aus wie eine Wespe, auf italienisch "Vespa". 1946 begann die Serienproduktion.

Knapp 100 Kubikzentimeter, 3,2 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h reichten damals vollauf, um auf schlechten Straßen kommod unterwegs zu sein. Rasch verbreitete sich die Vespa, die alsbald auch von Lizenznehmern in England (Douglas), Frankreich (ACMA) und Deutschland gebaut wurde. Hier waren es die Gebrüder Hoffmann aus Lintorf bei Düsseldorf, die ab dem Frühjahr 1950 Vespa-Modelle für den deutschen Markt fertigten.

Der Roller mit dem italienischen Flair kam im Nachkriegsdeutschland bestens an. Noch 1950 wurde in Hamburg der erste hiesige Vespa-Club gegründet - gerade erst feierte der Verein das 60-jährige Bestehen. "Ich weiß auch nicht genau warum, aber eine Vespa ist etwas Besonderes. Das Ding ist wunderschön, die Technik ist einfach und sie ist robust." Das sagt Hendrik Harms, 30, im Hauptberuf Maler- und Lackierermeister, sonst seit sieben Jahren als Vorsitzender des Vespa-Club Hamburg engagiert.

Per Roller durch Nordamerika und für tausend Euro Chromschmuck

"Obwohl", schränkt Harms gleich ein, "ich bin jedes Mal wieder froh, wenn ich heil in der Garage bin." Der Clubchef favorisiert die alten "Rohrlenker-Modelle", also jene Vespa-Typen bis zum Baujahr 1957, deren Lenker aussieht wie der eines Fahrrads. "Wenn man auf so einem Teil unterwegs ist, hofft man ständig, dass der Bock nicht kaputtgeht." Harms scheint dieses Gefühl aber durchaus auch zu genießen, denn gemeinsam mit einem Kumpel knatterte er auf einer Vespa schon kreuz und quer durch Nordamerika. "13.500 Kilometer haben wir abgespult, und im Prinzip den kompletten Roller während der Reise einmal auseinandergelegt und alles repariert, was es so zu reparieren gibt."

Oliver Jean kann zu solchen Erzählungen eher weniger beisteuern. Der Österreicher aus der Steiermark hat zwar die weiteste Anreise zum Jubiläumstreffen des Hamburger Vespa-Clubs zurückgelegt - doch 1000 der insgesamt 1200 Kilometer per Lkw. Seine Vespa PX 125 Ultima steht daher wie aus dem Ei gepellt da, funkelnd und strahlend. "Da sind Chromanbauteile für etwa tausend Euro drangebaut", sagt Jean. Außerdem sagt er, dass der Roller noch nie Regen gesehen habe und überhaupt in zwei Jahren erst 4200 Kilometer gelaufen sei. Jean: "Wenn ich nach Rimini will, nehm' ich eh das Auto."

Die Scooter-Szene dreht auf - bis hin zur Lachgaseinspritzung

Hartgesottene Rollerfahrer schütteln nur den Kopf, wenn sie so etwas hören. Und Atze vom Scooter-Club "Piratos" in Voerde am Niederrhein hat den Satz gehört. "Natürlich fährt ein Rollerfahrer auf dem Roller nach Rimini, was denn sonst", schnaubt er. Atze fährt derzeit allerdings erst mal gar nicht, ein Rollerunfall auf der Autobahn zwingt in vorübergehend in den Campingstuhl, wo er sozusagen passiv am Vespa-Treffen vor den Toren Hamburgs teilnimmt.

Er zählt sich zur inoffiziellen Vespa-Szene, die etwas verächtlich auf die "Prodomo-Fahrer - eben solche Typen wie in der Werbung" schaut, wie Atze erklärt. Vielmehr gehe es um Ska- und Soulmusik, um die Scooterrun genannten Treffen, um das Drum und Dran eben. Die Roller werden gestrippt, lackiert, verändert - auf jeden Fall umgebaut und meist auch schnellergemacht. Atzes persönlicher Rekord? "Bei 150 hab' ich Gas weggenommen, eine Vespa ist nicht für solche Geschwindigkeiten gemacht", sagt er. Ein Clubkamerad jedoch sei da anderer Meinung und experimentiere gerade mit einer Lachgaseinspritzung.

Die "Königin der Roller" und ein Modell namens Püppi

In den Anfangsjahren der Vespa-Ära war Höchstgeschwindigkeit durchaus ein wichtiges Thema. 1951 wurde ein speziell aufgerüstetes Modell namens Silivo mit dem Rekordtempo von 171 km/h gemessen. Und die Firma Hoffmann, die Vespas in Deutschland unter Lizenz fertigte, erhielt 1954 die fristlose Kündigung, weil sie es gewagt hatte, das damalige Modell HC 125 eigenmächtig auf eine Leistung von 4 PS zu kitzeln und als "Königin der Roller" zu verkaufen.

Scooter-Queen - ein bisschen so fühlt sich vermutlich Susanne Bahnsen aus Hamburg, die zum ersten Mal auf einem Vespa-Treffen ist und auffällt wie eine Libelle unter lauter Wespen. Der Grund ist ihre rosafarbene Vespa LX 50, die sie Püppi nennt und mit der sie jetzt in einen wunderbaren Rollersommer starten möchte. Die Liebe zum Roller, speziell zur Vespa, wird also weitergehen. Im Fall von Susanne Bahnsen sogar in doppelter Hinsicht, denn der Traum in Rosa ist ein Geschenk ihres Freundes.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. .
Haio Forler 09.06.2010
Zitat von sysopAm Anfang war der Mangel, dann folgten ein paar geniale Ideen und schließlich wurde daraus ein Welterfolg. Heute ist der Motorroller Vespa ein Kultmobil - mit einem Rad in der Szene, mit dem anderen in der Vergangenheit. SPIEGEL ONLINE traf Vespa-Fans im Benzindunst. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,699415,00.html
Gut, das Ding. Auch heute noch solide.
2. Warum?
fiwanow 09.06.2010
Zitat von sysopAm Anfang war der Mangel, dann folgten ein paar geniale Ideen und schließlich wurde daraus ein Welterfolg. Heute ist der Motorroller Vespa ein Kultmobil - mit einem Rad in der Szene, mit dem anderen in der Vergangenheit. SPIEGEL ONLINE traf Vespa-Fans im Benzindunst. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,699415,00.html
Ich such immer noch jemand, der erklären kann, warum Menschen Roller fahren und nicht anständig Fahrrad oder Motorrad. Ich mein' nicht mit 14 oder 15, das ist klar, aber als Erwachsene. Warum?
3. Darum!
lacki_starr 09.06.2010
Zitat von fiwanowIch such immer noch jemand, der erklären kann, warum Menschen Roller fahren und nicht anständig Fahrrad oder Motorrad. Ich mein' nicht mit 14 oder 15, das ist klar, aber als Erwachsene. Warum?
Nun, ich fahre (außer Fahrrad) auch Roller. Weil ich es genieße, ohne Schaltung und Kupplung zu bedienen, gemütlich über die Straßen zu rollern. Ich genieße es außerdem, meinen Helm, die Jacke und die Hose locker im serienmäßigen Staufach unterzubringen und Spaziergänge völlig unbelastet vorzunehmen. Ich genieße die entspannte Haltung beim Fahren, den Wetterschutz und vielen Komfort mehr. Und, ehrlich gesagt, genieße ich es auch, so manchem mitleidig grinsenden Motorradfahrer die Rücklichter beim Start an der Ampel zu zeigen. Die Fahrleistungen meines Rollers reichen dafür jedenfalls locker aus. Und noch ein Argument, dass ich von ehemaligen Motorradfahrern schon oft gehört habe: das Aufsteigen ist wesentlich einfacher. Und das ist für manchen, der nach einem Unfall oder auf Grund seines Alters nicht mehr ganz so beweglich ist, ein sehr wichtiges Argument. Und nun hätte ich gern mal gehört, warum ein Motorradfahrer meint, ein Roller sei "kein vernünftiges Gefährt". Dafür habe ich jedenfalls auch noch keine schlüssigen Argumente gehört. Schönen Gruß, ein glücklicher Rollerfahrer.
4. Ich verstehe es...
peter-stuttgart 09.06.2010
Zitat von fiwanowIch such immer noch jemand, der erklären kann, warum Menschen Roller fahren und nicht anständig Fahrrad oder Motorrad. Ich mein' nicht mit 14 oder 15, das ist klar, aber als Erwachsene. Warum?
Vermutlich noch nie selbst mit einem Roller gefahren, oder? Es ist einfach ein total entspanntes und angenehmes fahren. Die Billigroller und 25 km/h Mofas sind sicher nicht ganz so angenehm. Eine alte Vespa mit Handschaltung macht einfach Spaß. Ich denke wer ein solches Fahrzeug hat braucht keinen prolligen Sportwagen. Rollertuning verstehe ich jedoch NICHT... WARUM?
5. Langsame Beschleunigung, piepsender Blinker und max. 45 km/h
3-plus-1 09.06.2010
Zitat von lacki_starrNun, ich fahre (außer Fahrrad) auch Roller. Weil ich es genieße, ohne Schaltung und Kupplung zu bedienen, gemütlich über die Straßen zu rollern. Ich genieße es außerdem, meinen Helm, die Jacke und die Hose locker im serienmäßigen Staufach unterzubringen und Spaziergänge völlig unbelastet vorzunehmen. Ich genieße die entspannte Haltung beim Fahren, den Wetterschutz und vielen Komfort mehr. Und, ehrlich gesagt, genieße ich es auch, so manchem mitleidig grinsenden Motorradfahrer die Rücklichter beim Start an der Ampel zu zeigen. Die Fahrleistungen meines Rollers reichen dafür jedenfalls locker aus. Und noch ein Argument, dass ich von ehemaligen Motorradfahrern schon oft gehört habe: das Aufsteigen ist wesentlich einfacher. Und das ist für manchen, der nach einem Unfall oder auf Grund seines Alters nicht mehr ganz so beweglich ist, ein sehr wichtiges Argument. Und nun hätte ich gern mal gehört, warum ein Motorradfahrer meint, ein Roller sei "kein vernünftiges Gefährt". Dafür habe ich jedenfalls auch noch keine schlüssigen Argumente gehört. Schönen Gruß, ein glücklicher Rollerfahrer.
[QUOTE=lacki_starr;5660663]Und nun hätte ich gern mal gehört, warum ein Motorradfahrer meint, ein Roller sei "kein vernünftiges Gefährt". Dafür habe ich jedenfalls auch noch keine schlüssigen Argumente gehört.QUOTE] Ich habe drei. Zum Einen beschleunigen die neuen Roller ohne Schaltung mit Verzögerung, so dass man sich vorkommt als fahre man Ameise (elektrischer Palettentransporter im Lager), zum zweiten finde ich es superpeinlich, dass bei Rollern der Blinker piepsen muss (Ist das für Roller vorgeschrieben? Bei Motorrädern habe ich das noch nie gehört) und zum Dritten sind 50er Roller aus dem 21. Jahrundert auf unsinnige 45 km/h begrenzt und damit ein Hinderniss in einer 50-km/h-Innenstadt-Welt. Schade finde ich im Übrigen, dass BMW den C1 nicht weiterentwickelt hat. Beim Original passte der Sound nicht zum Aussehen, aber als moderne Individualverkehrsvariante mit E-Antrieb (wie von Quanta) wäre das genau die Art der Fortbewegung, die in die Zeit passen würde.
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