Dreisitziges Fahrrad von Santana: Langstreckenjäger zum Kleinwagenpreis

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Preis und Material katapultieren Santana-Räder eindeutig in die Luxuskategorie. Doch die Mehrsitzer von Bill McCready aus Kalifornien sind mehr als Designerschmuck fürs Haus. Seine Tandems, Triplets oder Quads muss man fahren - und das macht großen Spaß.

Dreisitzer von Santana: Leicht, stabil und schnell Fotos
pd-f.de

"Rechtes Pedal auf elf Uhr. Alles klar?", fragt der Captain am vorderen Lenker. "Alles klar", melde ich brav vom dritten Sattel, obwohl ich nicht finde, dass alles klar ist. Mein Lenker ist starr und abgesehen vom Lenkerband nackt. Über Bremse und Schaltgriff verfügt bei Mehrsitzern lediglich der Fahrer in der Pole-Position. Mein Mitfahrer und ich blicken erwartungsvoll Richtung Captain. Es ist unsere erste Fahrt auf einem Triplet, einem Fahrrad mit drei Sitzen. Jetzt fährt er los. Zwei Runden im Wendehammer, dann zieht er Richtung Straße und damit in die erste Kurve. Wir sehen nichts und legen uns intuitiv in die Schräge. Uaah. Die hinteren Plätze sind nichts für Kontrollfreaks. Wer hier sitzt, muss seinem Captain blind vertrauen.

Wir rollen auf einem Santana Cabrio Triplet über den glatten Asphalt, dem Maybach unter den Mehrsitzern. Ein Luxusschlitten, den man so gut wie nie auf deutschen Straßen sieht. Denn europaweit werden jedes Jahr gerade mal fünf Exemplare dieses Modells verkauft. 17.200 Euro kostet der Dreisitzer - so viel wie ein Kleinwagen. Der doppelwandige Titanrahmen macht das Rad unverwüstlich. Wer das kauft, hat ein Bike für die Ewigkeit.

Trotz ihres Preises sind Santana-Triplets keine Designerräder für Flanierfahrten. Im Gegenteil. Triplets und auch die viersitzigen Quads werden gerne als ideale Familienräder bezeichnet. Tourenfahrer können ihren Nachwuchs, sobald er sicher im Sattel sitzt, mitnehmen und per Kinderkurbelsatz mittreten lassen. Eingerahmt von den Eltern, befinden sich die Kids im Zentrum des Geschehens, essen während der Fahrt oder plaudern im Windschatten mit Vor- und Hintermann. Derweil kurbeln die Eltern ihr gewohntes Tempo, sind aber bedeutend schneller unterwegs als auf ihrem Solorad.

Alternative für die Mittelstrecke

Schließlich treten bei einem Triplet sechs Beine. Die einwirkenden Luft- und Rollwiderstände steigern sich gegenüber einem Einsitzer aber nur geringfügig. Mühelos fahre ich mit meinen fünf- und neunjährigen Kindern in der Ebene Tempo 30. Später, unterwegs mit Kind und einem gut trainierten Fahrer, steigern wir uns auf über 40 km/h. In dieser Besetzung überholen wir an diesem Tag jedes Velo.

Die hohe Geschwindigkeit, mit der man problemlos größere Distanzen zurücklegt, können Mobilitätsgewohnheiten verändern. Distanzen von 20 bis 40 Kilometern schafft man mit diesem Rad schweißfrei in 30 bis 60 Minuten. Damit bekommt das Auto selbst für diese Strecken echte Konkurrenz - zumindest bei gutem Wetter.

Doch zurück auf die Straße. "Nach 1000 Kilometern hat man sich eingefahren, dann fährt man zu dritt im Wiegeschritt bergauf", hatte Gunnar Fehlau, Leiter vom Pressedienst Fahrrad, angekündigt. Davon sind wir drei noch weit entfernt. Dennoch kurbeln wir das Rad entspannter den Berg hinauf als erwartet. Mehrsitzer nivellieren die Leistungsunterschiede der Fahrer, sagen Tandemfreunde. Das stimmt: Falle ich am Berg häufig hinter meinem Vordermann zurück, ziehen wir jetzt zügig die Steigung hoch und sind beide mit unserem Schnitt zufrieden.

Mit 85 km/h den Berg runter

Oben angekommen, geht es in den Wald. Sicher wie ein Traktor pflügt sich das mehr als drei Meter lange Rad mit seinen Big-Apple-Reifen durch das daumentiefe Laub-Sand-Gemisch. In einem schmalen Hohlweg sehe ich nur noch schulterhohe Lehmwände. Mit zeitlicher Verzögerung hüpft das Hinterrad über Steine und Wurzeln. Der Rahmen steht stocksteif und stabil unter uns. Dann geht es bergab.

Mit 85 km/h sind Fehlau und sein Team beim Trondheim-Oslo-Rennen auf einem Triplet den Berg hinuntergerast. Die Kräfte, die dann auf Rahmen wirken, sind enorm. Eine 10-Zoll-Winzip-Scheibenbremse im Heck bremste damals souverän ihr Hinterrad. So eine ist neben einer V-Brake auch in unserem Rad eingebaut. Dennoch: An die hohe Geschwindigkeit müssen wir uns noch herantasten.

Die optimale Besatzung besteht für mein Fahrgefühl entweder aus drei Erwachsenen oder aus zwei Erwachsenen und einem Kind. Das hohe Gewicht bringt Ruhe in den Rahmen. Ein Schwergewicht von 90 Kilo im Heck macht das filigrane Rad zu einer verwindungssteifen Rennmaschine. Mit zwei Kindern im Rücken fährt sich das Triplet im hinteren Teil ziemlich schwammig. Es scheint in Kurven auszuscheren, was es aber nicht tut.

Einfache Montage

Santana-Gründer Bill McCready ist vor 35 Jahren mit dem ehrgeizigen Ziel angetreten, die besten Tandems der Welt zu bauen. Seitdem versorgt er den Markt mit Rädern, die extrem stabil sind und sehr leicht.

Mit Experten entwickelte McCready Spezialrohre, die nahtlos verlaufen und so verarbeitet sind, dass die Wandstärken möglichst dünn sind. Außerdem hat er die für Santana typische S-förmige Unterrohrkupplung erfunden. Diese verleiht den Mehrsitzern über die komplette Länge eine hohe Seitensteifigkeit. Die übrigen Rohre werden mit S&S-Kupplungen verbunden. Beide Kupplungen sind leicht und einfach zu bedienen. Mit ihrer Hilfe lässt sich das Rad mit etwas Übung in 20 bis 30 Minuten zusammenbauen.

Santana produziert seine Tandems, Triplets oder Quads in extrem kleinen Serien. Das macht sie teuer. Grundsätzlich kostet ein Tandem etwa das Zweieinhalbfache eines vergleichbaren Solorads. Beim Santana Cabrio Triplet ist das Pendant ein Rennrad aus Titan, für etwa 4000 Euro. Das Triplet, das wir testen, gibt es bereits für 11.800 Euro. Dann kann man es allerdings nicht auseinanderbauen. Was wenig Sinn macht. Schließlich passt es zusammengebaut weder in einen Intercity noch in ein Flugzeug.

Günstigere Mehrsitzer bieten etablierte Hersteller wie Zwei plus zwei, Koga, Germans Cycles, Velotraum oder Bernds. Allerdings ist beim Kauf eines Santana Triplets weniger der Preis, sondern eher die eigene Radbiografie ausschlaggebend. Ein Triplet ist nie das einzige Rad im Schuppen. Es ist eines für den besonderen Anlass. Wie ein Maybach - auch der steht eher selten als einziges Auto in der Garage.

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insgesamt 23 Beiträge
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1. Bremsleistung...
stebbele 26.10.2011
Leider taugen die Standard-V-Brakes (Bremsen) nicht für lange Bergabfahrten (siehe akt. Tour-Magazin)!
2. ...
slinred 26.10.2011
Ob nun V-Brakes oder die verbauten mechanischen Scheibenbremsen. Bei einem 17k € Fahrrad kann der Kunde doch ein ganzheitlich durchdachtes Konzept erwarten. Insbesondere dann, wenn es um das Thema Sicherheit geht.
3. Radurlaub beginnt Zuhause
Hugh 26.10.2011
---Zitat--- (aus dem Artikel) Das Triplet, das wir testen, gibt es bereits für 11.800 Euro. Dann kann man es allerdings nicht auseinander bauen. Was wenig Sinn macht. Schließlich passt es zusammengebaut weder in einen Intercity noch in ein Flugzeug. ---Zitatende--- Dieser Satz macht nun wirklich wenig Sinn. Urlaub beginnt Zuhause. Und normale Radtouren auch.
4. Hmm..
trompetenmann 26.10.2011
Für Alpenpässe scheint ein Triplet oder gar ein Quad bei den Ausmassen nicht geeignet, oder? Da kommt man doch um keine enge Kurve rum? Außerdem verstehe ich nicht, wieso die Scheibenbremse am Hinterrad moniert ist und nicht am Vorderrad? Aber sicherer als zu viert (mit zwei Kindern) auf vier Rädern ist es wahrscheinlich schon (immer abhängig davon, wo man langfährt...)
5. Doppelwandig oder konifiziert?
jbirck 26.10.2011
Lieber Autor, Tandemfahren hat Ihnen offenbar gefallen, ein schöner Erlebnisbericht. Es scheint dabei allgemein nur zwei Optionen zu geben - es lieben oder hassen, Sie haben Glück. Zwei Details sind mir aufgefallen - handelt es sich wirklich um "doppelwandige Rohre" oder eher um "doppelt konifizierte Rohre"? Und Ehre, wem Ehre gebührt: Die geniale S&S-Kupplung wurde meines Wissens von einer kleinen, rührigen Maschinenbaufirma entwickelt, Sandsmachines, die Santana-Lösung für ovale Unterrohre ist erst viel später in direkter Anlehnung daran entstanden. Eine letzte Behauptung: So erfreulich Ihr Enthusiamus in Bezug auf die Marke ist, so unterschiedlich fallen die Modelle aus. (Zur Einordnung: hier stehen derzeit sechs Tandems im Keller, davon noch zwei Santanas) Also nicht blind kaufen, nur weil S. darauf steht. Und eine allerletzte Behauptung in Bezug auf einen Leserbrief: abseits aller Tests können Felgenbremsen, zu denen auch V-Brakes gehören, in der Praxis ein sportlich gejagtes Tandem mit und ohne BobYak-Anhänger in- und außerhalb der Alpen sicher zum Stehen bringen. Immer wieder.
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