E-Faltrad Tern Vektron Seltener Falter

Elektrische Fahrräder boomen. Selbst vor Falträdern macht der Trend nicht halt. Macht das noch Sinn? Ein Selbstversuch mit dem Tern Vektron.

Tern Bicycles

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Beim Anblick dieses Fahrrads leide ich plötzlich unter Neophobie. Ich will dieses Ding nicht ausprobieren. Alles sträubt sich. Woran das liegt? An der Kombination von zwei technisch komplizierten Fahrradtypen in einem. Das Tern Vektron ist Faltrad und Pedelec zugleich.

Neophobie haben viele, besonders kleine Kinder, wenn sie zum ersten Mal Spinat essen sollen. Mir schmeckt nicht, dass ich mich auf dieses elektrisch unterstützte Bike setzten muss. Doch wie den ersten Löffel Spinat quatschten mir Profis das Vektron auf. Mit vielen guten Worten: "Das kompakteste E-Bike mit Bosch-Antrieb", warb die PR-Agentur für das Faltrad. Damit hatte ich das Angebot eines Testfahrrads endgültig geschluckt. Okay, einmal probieren. Ablehnen kann ich es ja immer noch.

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E-Faltrad Tern Vektron: Das klappt

Falträder sind eine Nische im Fahrradmarkt. Mit E-Motor erst recht - trotz Elektro-Boom in der Branche. Der englische Klapp-Spezialist Brompton oder der deutsche Anbieter Riese und Müller besitzen derzeit kein Modell mit elektrischer Unterstützung und Faltmechanismus im Programm. "Aus unserer Sicht zu schwer, zu unhandlich, nicht konzeptadäquat", sagt Riese-und-Müller-Geschäftsführerin Dr. Sandra Wolf. Der englische Konkurrent Brompton sieht das anders. Im Sommer werde man ein erstes E-Faltrad präsentieren, erklärte deren Vertriebsmanager Tanguy Scorpati. Momentan kämen die meisten Kunden für Pedelecs oder E-Bikes vom Land, so Scorpati. Das elektrische Faltrad könnte künftig die Städte erobern, glaubt er.

Fahrverbote für Autos könnten den Absatz von E-Falträdern fördern

Seine Hoffnung wird dadurch genährt, dass sich in Metropolen kaum jemand traut, ein teures Pedelec am Laternenmast zu parken. Ein E-Faltrad hingegen können die Kunden einklappen und diebstahlsicher im Büro unter dem Schreibtisch parken - oder in der Wohnung deponieren. Auch drohende Autofahrverbote in den Städten spielten dem noch ungewöhnlichen Konzept in die Hand. Das E-Faltrad, im Kofferraum deponiert, bringe den Autofahrer dann unverschwitzt vom Park-and-Ride-Parkplatz in die City.

Tern aus Taiwan schätzt das Potenzial der E-Falter ähnlich ein. Zwar fällt das Angebot mit zwei E-Versionen von mehr als 20 Modellen noch sehr schmal aus, doch das soll sich nach der Fahrradmesse Eurobike ändern. Im Spätsommer plant Tern eine E-Offensive.

Meine größten Bedenken galten dem Gewicht. Ein Faltrad, das 21,8 Kilo auf die Waage bringt? Modelle ohne E-Motor wiegen oft sogar weniger als zehn, in der Regel zumindest nicht mehr als 15 Kilo. Aber knapp 22 Kilo? Ich bekomme ja kaum meinen zweijährigen Sohn gestemmt - und der wiegt vielleicht 16 (und isst übrigens keinen Spinat, der kleine Neophobiker). Bei Falträdern zählt jedes Kilo zu viel besonders schwer. Notfalls soll man sie ja einfach unter den Arm klemmen können. Sonst reicht ja auch ein Hollandrad. Macht da die Kombination mit einem Elektromotor und Akku überhaupt Sinn?

So faltet und fährt sich das Vektron:

SPIEGEL ONLINE

Beim ersten Versuch, das gefaltete Vektron anzuheben, fühlte ich mich in meinem Vorurteil bestätigt: Für Gewichtheber vielleicht genau das richtige tägliche Training, aber für mich auf dem Weg ins Büro? Doch wer sich die Anleitung des Faltrades durchliest oder bei Youtube ansieht, lernt schnell. Dass Vektron will nicht getragen, sondern geschoben werden. Wie ein Rollköfferchen - und so leicht fällt es auch. Der Sattel dient dabei als Ziehgriff, die beiden Räder haften dank eines Magneten zusammen. Mehrere Bänder halten das E-Bike zudem wie ein Päckchen geschnürt, das plötzlich nur noch 86 mal 68 mal 36 Zentimeter misst. Damit erfüllt es zwar nicht die üblichen Maße fürs Handgepäck im Flugzeug (meist 55 x 40 x 25), aber im ICE findet das Rad locker Platz.

Gerade für Bahnreisende scheint das Vektron ideal. Wer beispielsweise zwischen Hamburg und Berlin mit der Bahn pendelt, wird das Faltrad lieben lernen. Auf dem Bahnsteig lässt es sich in deutlich weniger als zwei Minuten falten, gut zehn Handgriffe sind dafür nur nötig, alle Scharniere und Griffe machen einen soliden Eindruck und sind zum Teil durch einen patentierten Schließmechanismus doppelt gesichert. Dank der 300Wh Bosch-Batterie sind pro Ladung Reichweiten von 50 bis zu 100 Kilometer drin. Wer braucht da noch den ÖPNV?

Wie groß die Autonomie von den örtlichen Verkehrsbetrieben tatsächlich ist, hängt von der eigenen Bequemlichkeit ab. Fünf Fahrmodi bietet das Tern an, diese bestimmen maßgeblich die Reichweite und den Schweißfaktor.

Pedelecs wie das Tern Vektron sollte es auf Rezept geben

Der Spaßbeschleuniger und Schweißkiller sitzt in Form des 250W Bosch-Motors direkt am Tretlager, der Akku am Rohr für die Sattelstütze. Wer aufsattelt, muss zunächst die Batterie einschalten, das geschieht direkt am Energiespeicher selbst. Der Ladestand erscheint im Monitor - ebenso wie Geschwindigkeit und Reichweite. Es ist erstaunlich, wie normal sich das Tern bewegen lässt, mit klapprigen Klapprädern der Siebzigerjahre hat das Faltrad nichts mehr gemein. Es federt eher straff wie ein Rennrad und ist ungemein wendig. Trotz der kompakten Größe lässt es nichts vermissen, was ein ausgewachsenes Rad dem Fahrer bietet. Dank einer großen, regenfesten Tasche aus dem Zubehör, die sich am Gepäckträger festklippen lässt, eignet sich das Tern auch zum Transport von Alltagskram wie Handtaschen oder Lebensmittel.

Tern ist noch eine junge Marke. Seit 2011 baut das Unternehmen Fahrräder. Gründer war Joshua Hon, der Sohn von David Hon, der in den Achtzigern die US-Fahrradmarke Dahon etabliert hat. Dahon ist Weltmarktführer bei Falträdern. Im Gegensatz zu seinem Vater wollte Joshua Hon mit seiner Marke mehr auf Qualität statt auf Quantität setzen. Als Firmennamen wählte das Team Tern, den englischen Namen der Küstenseeschwalbe. Sie bringt Eigenschaften mit, die das Unternehmen auch achte - heißt es auf der Firmenhomepage. Zuverlässigkeit und lang anhaltende Verbindungen gehörten dazu.

Auch ich würde mich länger an das Tern binden, beim Pendeln zur Arbeit bin ich richtig auf den Geschmack gekommen. Wäre da nicht der Preis, der bei guten Pedelecs immer noch beachtlich ist. Die Preisempfehlung für die Händler beträgt in Europa zwischen 2.999 und 3.300 Euro. Vielleicht gibt es das Tern künftig auf Rezept - als Alltagskur gegen Neophobie.

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insgesamt 44 Beiträge
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mikaiser 12.06.2017
1. Habe viel gelernt
über Neophobie, Spinat und Frau Huckos Nachwuchs. Die Alltagserfahrungen mit dem E-Bike werden noch nachgereicht?
2cv 12.06.2017
2. 2 Minuten Faltzeit...
2 Minuten Faltzeit. Wow. Wenn 20 Sekunden draus werden, ok. Und 22kg den Bahnsteig hochwuchten (ich muss über drei Treppen, und habe noch zusätzlich eine Packtasche am Rad mit Laptop und Co. ...) hmmh. Nicht sicher dass das meinem Wunschziel entspricht. Mal vom Preis ganz abgesehen. Da tuts mein gebrauchtes Rad allemal. Aber für Poser sicherlich cool.
luganorenz 12.06.2017
3. Glücklich...
... wer in diesem Werbetext den Test findet. Könnte man eigentlich auch als solchen markieren.
eunegin 12.06.2017
4. 3000 Euro
Das ist schon mal vorab der Punkt, der es müßig macht, alles andere zu lesen. Kommt im Artikel deshalb sinnigerweise am Ende.
tiger-li 12.06.2017
5. Ewige Falterei
Schöner Artikel Mein Faltrad (dahon) hab ich wieder billig abgeben. Grund war nicht das es keinen Motor hatte sondern über 1 Minute falterei benötigte. Falten. Aus dem Zug raus. Falten am Arbeitsplatz. Falten vor dem Zug.... dazu Kahm noch das das Ding im Zug recht unhandlich war. Bin dann doch wieder zu Fuss zur Arbeit....
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