E-Schwalbe im Test Ich flieg auf dich

Mit der Schwalbe kehrt ein DDR-Kultfahrzeug auf die Straße zurück. Die Neuauflage macht vieles besser als das Original - dank E-Antrieb.

Jochen Vorfelder

Der erste Eindruck: Cooler Vogel, eine Mischung aus sozialistischem Traditionsstinker und modernem Elektroroller.

Das sagt der Hersteller: Die Schönheitsoperation ist den Entwicklern der E-Schwalbe gut gelungen, die seit 2017 in Breslau montiert wird: Die Silhouette des neuen Elektrorollers ist den Umrissen des alten DDR-Zweitakters verblüffend ähnlich.

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E-Schwalbe im Test: Sympathischer Vogel

"Natürlich wollten wir möglichst nah am Original dran bleiben," sagt Rebecca Geiss, die Marketingleiterin bei Govecs in München. "Die Schwalbe hat mit ihrer Geschichte ja doch ziemlich hohen Kultstatus." Und einen fast unzerstörbaren Nutzwert: In der DDR, wo die Schwalbe seit 1964 im Suhler Fahrzeug- und Jagdwaffenkombinat "Ernst Thälmann" gebaut wurde, sind über eine Million Exemplare der Kleinkrafträder ausgeliefert worden. Erstaunlich viele sind heute noch immer unterwegs.

Govecs, seit 2009 Hersteller von Elektrorollern aus München, hat den Namen Schwalbe vor einigen Jahren als Lizenz erworben. Die E-Schwalbe als Moped ist seit Sommer 2017 im Angebot. Im kommenden Sommer soll eine weitere E-Leichtkraftrad-Version mit 90 km/h auf den Markt kommen.

Das ist uns aufgefallen: Die Sitzprobe bestätigt: Govecs ist ganz nah dran am Original, nur die Zutaten sind modern. Statt aus den dicken Metallblechen besteht das Kleid der Schwalbe jetzt aus Plastikteilen, neue LED-Lampen liefern die Beleuchtung und statt der Trommelbremsen hat man der Schwalbe ordentliche Scheibenbremsen mit ABS spendiert.

Andere Dinge sind gleich geblieben: Die Doppelsitzbank ist weiterhin zu weich, die Verarbeitung der Verkleidung immer noch schludrig, der Gepäckträger formschön, aber unpraktisch. Dafür gibt es nun ein Cockpit-Instrument, das alle nötigen Infos digital anzeigt - falls die Sonne nicht zu hell strahlt und das Ablesen mühsam macht.

Doch das Entscheidende hat sich unter der Verkleidung getan, wo früher der dampfende und stinkende Suhl-Zweitaktmotor gewerkelt hat: Dort hat Govecs einen komplett vom Partner Bosch gelieferten Antriebsstrang aus maximal zwei Batteriesätzen mit 4,8 kWh, einem Elektromotor mit 4 kW und der passenden Elektronik verbaut. Mit an Bord und per Wippschalter wählbar: ein Rückwärtsgang sowie die drei Fahrmodi Go für maximale Reichweite, Cruise für die City und Boost als "Racing"-Setup.

Das Ergebnis ist beeindruckend für ein Moped: Obwohl die neue Schwalbe mit dem optionalen zweiten Akkublock stattliche 135 Kilogramm wiegt, zieht das Fahrzeug stramm durch - aber leider nach LED-Anzeige nur bis Tempo 46. Dann wird wegen der Zulassung als Moped abgeregelt.

Das Fazit nach zwei Wochen Stadtbetrieb: Die Reichweite liegt mit zwei Batterien bei rund 115 Kilometern; das Ladekabel ist immer an Bord unter der Sitzbank. Je nach Steckdose und Batteriesatz dauert es zwischen einer und viereinhalb Stunden, die Akkus voll zu laden. Alles praktisch also.

Natürlich hat die Schwalbe ihre Schwächen. Manche Bauteile wie die Schwinge sind handwerklich ziemlich grob geraten. Auf schlechteren Straßen kommt die Vorderradgabel zügig an Grenzen; auf Kopfsteinpflaster fährt die Angst mit, das Plastikkleid könne auseinanderfallen. Stabile Bleche für den Batterietunnel und die Trittbretter wären besser gewesen.

Andererseits: Selten konnte ein Fahrzeug so viele spontane Sympathiepunkte verbuchen. Die Kombi aus DDR-Retro-Chic und Säuselantrieb ist auf Flaniermeilen und vor dem Eisladen unschlagbar.

Das muss man wissen: Weil die Schwalbe leicht zu fahren ist und gleichzeitig einen hohen Kultstatus mitbringt, ist sie ein ideales Fahrzeug für Verleihflotten. In Berlin beispielsweise hat der E-Roller-Sharing-Anbieter Emmy inzwischen rund 450 Schwalben im Sortiment; in München kann man den Vogel ebenfalls mieten. Bei Emmy Berlin kostet ein Tag mit der Schwalbe 24 Euro.

Eine eigene Schwalbe dagegen ist nicht billig. Der Grundpreis liegt bei 5.390 Euro, die Farben Rapsgelb, Opalgrün und Lichtblau kosten jeweils 150 Euro extra. Richtig teuer wird die zweite Batterie mit 600 Euro, ohne die nur eine Reichweite von mickrigen 63 Kilometern möglich ist. Eine flotte Version kostet also inklusive Hauptständer mindestens 6.260 Euro.

Das werden wir nicht vergessen: Dass man die Schwalbe mit dem normalen Autoführerschein mieten und ohne Moped-oder Motorradfahrstunden bewegen darf.

Das freut die Verleiher. Es nervt dagegen viele andere Verkehrsteilnehmer: In Berlin pfeifen es die Spatzen inzwischen von den Dächern, dass unerfahrene und unsichere Emmy-Fahrer rollende Verkehrshindernisse sind.

Vielen Schwalbisten ist beim Fahren ebenfalls nicht wohl: Die gesetzlich vorgeschriebene Geschwindigkeitsdrosselung auf 45 km/h verhindert, dass man im normalen Stadtverkehr mit schwimmt. Bei Überholmanövern von Automobilisten steht die Schwalbe oft auf deren Abschussliste. 55 km/h Höchstgeschwindigkeit für Mopeds würde allen Beteiligten das Leben wesentlich leichter machen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Govecs
Typ: Schwalbe
Karosserie: Roller
Motor: Elektromotor
Getriebe: Direktübersetzung
Leistung: 5 PS (4 kW)
Höchstgeschw.: 45 km/h
Gewicht: 135 kg
Preis: 5.390 EUR
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insgesamt 95 Beiträge
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Seite 1
Siggi_Paschulke 22.01.2018
1.
45 km/h sind nicht mehr zeitgemäß, das ist korrekt. Und: ein teurer Spass!
reader0815 22.01.2018
2. Suhl-Zweitaktmotor?
Es gibt Otto-Motoren, Wankel- und Dieselmotoren. Einen Suhl-Zweitaktmotor kenne ich nicht. Und Zweitaktmotoren stinken und dampfen fast alle. Auch bei ehemaligen Kreidler-Mofas mit dem sogenannten "Kornwestheim-Motor". Neben der Kultform des Produkts wäre es auch sehr kultig gewesen, die Arbeitsplätze für die Fertigung der E-Schwalbe an den Ursprungsort zu verlegen.
1lauto 22.01.2018
3. Die Daten im Kasten
Beziehen sich wohl auf die führerscheinpflichtige Version mit 80 km/h Höchstgeschwindigkeit.
holgerpache77 22.01.2018
4. Der Preis
Wie üblich bei solchen Geräten aus Deutschland ist absoluter Schwachsinn. Aus dem Ausland bekomme ich E-Roller mit geringerer Reichweite aber auch geringererem Gewicht und vor allem unter 1000 € mit ähnlichen Verarbeitungsmängeln wie im Bericht erwähnt. Aus Deutschland bekomme ich von einer anderen Firma einen E-Roller mit dem gleichen Antriebsstrang und der gleichen Reichweite für ziemlich genau die Hälfte und das ist immernoch grenzwertig teuer.
eunegin 22.01.2018
5. bis ich auf den Preis gesehen habe...
Wohnung - Büro in Berlin. Für's Fahrrad zu weit, Auto zu nervig, S-/U-Bahn ja klar (aber bei nettem Wetter lockt mehr Luft und Freiheit...). So hatte ich mich umgesehen und bin auch auf die neue Schwalbe gestoßen. Bei dem Preis aber ein klares "Nein danke". Das ist eher ein Livestyle-Mobil und in Berlin muss ich es auch noch dreifach anketten...
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