Elektro-Kleinstfahrzeuge Cool, aber illegal - Skateboards auf Speed

E-Roller oder -Skateboards bringen den Nutzern Spaß - und der Polizei Probleme. Denn die meisten dieser Micromodelle sind im Straßenverkehr verboten, eine Regelung lässt auf sich warten. SPIEGEL ONLINE hat drei davon getestet.

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Skateboardfahrer sind oft jung, gerne cool - und in der Regel keine Verbrecher. Doch wer auf einer elektrischen Variante dieser Sportgeräte unterwegs ist, läuft Gefahr, von der Polizei wie ein Krimineller behandelt zu werden. Im Straßenverkehr sind Skateboards mit E-Motor nämlich verboten. Je nach Bundesland greifen die Ordnungshüter hart durch.

Im vergangenen Sommer musste ein Mann in Berlin das leidvoll erfahren. Am Brandenburger Tor stoppte ihn die Fahrradstaffel der Polizei und beschlagnahmte sein Longboard mit E-Motor. Anschließend posteten die Beamten ein Foto des Corpus Delicti bei Facebook mit der Zeile "Elektronisches Longboard - ein sehr kurzer Spaß". Kurz vor Weihnachten warnen die Beamten Eltern mittlerweile regelmäßig davor, ihren Kindern Hoverboards oder vergleichbare E-Mobile unter den Tannenbaum zu legen. In offiziellem Ton - als handele es sich dabei um Partydrogen.

Was im Hinterhof für ungetrübten Spaß sorgen darf, kann sich auf der Straße tatsächlich zu einem Fiasko entwickeln.

Bundesverkehrsministerium lehnt elektrische Kleinstfahrzeuge nicht kategorisch ab

Nach geltendem Recht werden die meisten "elektrischen Fortbewegungsmittel für den Nahbereich" wie E-Scooter oder Hoverboards aufgrund ihres Motors als Kraftfahrzeug eingestuft. Voraussetzung für das Führen sind ein Pkw-Führerschein, eine Zulassung und eine Versicherung, die es allerdings nicht gibt. Anders als Segways, für die in den vergangenen Jahren eine eigene Fahrzeugklasse geschaffen wurde, können stromunterstützte Tretroller, Skateboards oder Monowheels meist keiner bestehenden genehmigungspflichtigen Fahrzeugart zugeordnet werden. Wird ein Fahrer damit auf öffentlicher Straße erwischt, muss er laut ADAC mit einer Geldbuße, einem Punkt in Flensburg und einem Strafverfahren rechnen. Kommt es zu einem Unfall, haftet ausschließlich der Fahrer für Sach- und Personenschäden.

Verkehrspolitiker Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen, fordert die Bundesregierung auf, die E-Zwerge im Verkehr zuzulassen: "Die Nutzung von E-Kleinstfahrzeugen muss unter klaren Bestimmungen in Punkto Sicherheit sowohl für die Nutzerinnen und Nutzer als auch für die anderen Verkehrsteilnehmer legalisiert werden", sagte er auf Anfrage. Gastel hatte 2017 mit anderen Abgeordneten seiner Fraktion eine kleine Anfrage zum Thema im Bundestag gestartet.

Aus seiner Sicht bieten die innovativen E-Kleinstfahrzeuge viele Vorteile - nicht nur als Spaßbringer in der Freizeit. Sie könnten den Weg zur und von der S-Bahn oder U-Bahn erleichtern und so die die Attraktivität des Nahverkehrs steigern. Vorausgesetzt, die Sicherheit stimmt.

Umstrittene Geräte im Test

Selbst das konservativ geführte Bundesverkehrsministerium lehnte die E-Fahrzeuge zum Mitnehmen nicht grundsätzlich ab. 2014 beauftragte es die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) mit einer Prüfung. Bisher ohne öffentlich zugängliches Ergebnis.

SPIEGEL ONLINE hat eine kleine Auswahl der umstritten Geräte getestet.

Der gerade noch tragbare E-Scooter

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Was ist es? Ein elektrifizierter Mini-Roller.

Wie cool sieht man darauf aus? Mini-Roller, die aus den Kickboards hervorgegangen sind, sahen noch nie richtig lässig aus. Was auch daran liegen mag, dass Mini-Roller, außer von Kleinkindern, bevorzugt von Anzugträgern als Last-Mile-Transportmittel genutzt werden. Ein Hingucker ist die Bremsleuchte dieses elektrifizierten Mini-Rollers: Die ist im Schutzblech des Hinterrades integriert und leuchtet automatisch auf, wenn man drauftritt.

Wie fährt es sich? Nicht so berauschend. Der Elektromotor ist ziemlich laut, erzeugt aber ein Geräusch, das eher nach altersschwachem E-Rollstuhl klingt, als nach flottem Flitzer. Wirklich schnell wird man zudem auch im sportlicheren der beiden Fahrmodi nicht. Zudem geht schon bei leichtesten Steigungen die Leistung des Motors auch bei ausreichend geladenem Akku in die Knie - an eine Heimfahrt vom Büro nach Hause haben wir uns da gar nicht erst getraut.

Wie gut passt es in Bus und Bahn? Hier kommt dem Scooter sein eher gemächliches Gemüt entgegen. Im Prinzip kann man mit dem kompakten Gerät direkt in die Bahn rollern. Zusammenklappen lässt sich der Scooter zwar auch, dann aber müsste man ihn tragen und ein Leichtgewicht ist er nicht gerade.

Die wichtigsten technischen Daten in Kürze: Der Elektromotor leistet 300 Watt, der Akku hat eine Kapazität von 4400 mAh. Die Höchstgeschwindigkeit liegt laut Herstellerangaben bei 20 km/h, die Reichweite bei 20 km. Der Scooter wiegt 12 Kilogramm und kann Personen mit einem Gewicht von maximal 100 Kilogramm befördern. Preis: UVP 599 Euro, im Onlinehandel schon für knapp 400 Euro zu erwerben.

Das elektrische Einrad

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Was ist es? Das Solowheel ist ein elektrisches Einrad und ein "Must-have" für alle, die darunter leiden, zu wenig Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ändert sich schlagartig mit Fahrtantritt.

Cool oder nicht? Das hängt vom Könnerstatus ab. Wer das erste Mal auf ein Solowheel steigt, sollte resistent sein gegen Scham und mitleidige Blicke. Nach drei Stunden üben ist das Schlimmste geschafft und man fühlt sich in der Lage, mit Flamingos zu konkurrieren, was die Haltung angeht. Noch drei Stunden weiter und man tanzt mit dem Solowheel Flamenco. Ja, es ist erlernbar.

Wie fährt es sich? Erst wacklig, dann fast von selbst. Gesteuert wird das Solowheel über die Körperneigung. Will man Geschwindigkeit aufnehmen, muss sich der Körper leicht nach vorne legen, Bremsen funktioniert dementsprechend andersherum. Eine echte Herausforderung stellt das Aufsteigen dar. Erst setzt man einen Fuß auf die Standfläche, während der andere am Boden bleibt. Mit dem Bein, das auf der Fußraste ist, baut man einen Gegendruck auf, damit man leichter aufspringen kann. Absteigen ist ähnlich herausfordernd: Hand an den Griff in der Mitte und einen Fuß nach dem anderen absetzen. Bloß nicht nach vorne abspringen, dann beschleunigt das Rad womöglich.

Wie gut passt es in Bus und Bahn? Das Solowheel ist nicht größer als eine schwerere Hantelscheibe und würde deshalb selbst in der U-Bahn von Tokio noch einen Platz finden. Allerdings verleitet das E-Mobil mit einem Gewicht von gut elf Kilogramm nicht gerade dazu, es kilometerweit zu schleppen. Also: kurz in die Bahn tragen und dann möglichst schnell wieder aufsteigen.

Die wichtigsten technischen Daten in Kürze: 1500-Watt-Motor mit aufladbarer Batterie. Akkulaufzeit ca. eine Stunde, Reichweite acht bis 16 Kilometer, max. Geschwindigkeit 16 km/h, Gewicht: ca. 11-12 kg, Maximalgewicht: 113 Kilo, Preis: ca. 1300 Euro.

Wo ist die Fernbedienung? Das etwas andere Skateboard

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Was ist es? Ein elektrifiziertes Skateboard. Davon gibt es schon einige, die meisten Angebote sind aber eher kostengünstig in China gefertigte Varianten mit Riemenantrieb. Beim Mellow Board, das in Deutschland produziert wird, sitzen die Elektromotoren direkt in den Rollen der Antriebsachse und werden mit einer Schiebefernbedienung gesteuert.

Wie cool sieht man darauf aus? Kommt drauf an, ob man vorher schon Longboard fahren konnte oder nicht. Könner surfen mach einer kurzen Eingewöhnung mit der Fernbedienung lässig den Endless Ride auf dem Bürgersteig. Anfänger wählen den entsprechenden Modus und lernen das Longboard-Fahren im Zweifelsfall schneller mit Antrieb als ohne. Was beiden Nutzergruppen garantiert staunende Blicke von Passanten einbringt: entspannt bergauf fahren, ohne zu pushen. Coolness-Faktor 3000!

Wie fährt es sich? Faszinierend. Kaum ein Skater liebt das Pushen (Anschwung geben), mit dem Mellow Board braucht es nur einen kleinen Initialanschwung (damit einem das Brett nicht unter den Füßen wegsaust), dann kann man ohne Unterbrechung fahren, bis der Akku alle ist. Lässig ist auch das Bremsen per Rekuperation, aber am tollsten ist das Fahrgefühl. Von entspannt bis so engagiert, dass einem der Fahrtwind ins Gesicht bläst, lässt sich die Geschwindigkeit variieren. Dabei fühlt es sich fast immer so an, als würde man mit dem Snowboard einen frisch beschneiten Tiefschneehang herunterschweben.

Wie gut passt es in Bus und Bahn? Schlecht. Das ist (neben dem Preis) das einzige Manko. Die von Mellow Boards mitgelieferten Decks sind typische Longboards und entsprechend lang. Doch selbst wenn man die Akku/Antriebseinheit mit einem kürzeren Board oder einem Flexdeck vereint (das ist problemlos möglich), ist es zwar nicht mehr so sperrig, aber immer noch schwer. Also: Kein Vergleich mit einem Faltrad, aber irgendwie im Widerspruch zum sonst so leicht beschwingten Produktgefühl.

Die wichtigsten technischen Daten in Kürze: 2 Elektromotoren zu je 1000 Watt liefern je 3 NM Drehmoment und beschleunigen das Mellow Board auf bis zu 40 Km/h. Zwei verschiedene Bremssysteme gewährleisten Verzögerung auch bei längeren Bergabstrecken. Gewicht: 3,9 Kilo (für die Antriebseinheit), 15 km Reichweite, Ladezeit 3,5 Stunden, Preis: 1799 Euro.

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insgesamt 51 Beiträge
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Seite 1
MondVogel 15.06.2018
1. total laecherlich
die dinger sind auch nicht schneller oder gefaehrlicher als Fahrraeder und werden auch nicht von voellig durchgedrehten Fahrradkurieren betrieben. Hier in den USA sieht man die ueberall und ich hab noch keinen einzigen Unfall erlebt.
menton 15.06.2018
2. ?
kann man den Test auch irgendwo sehen? Bei mir endet das Video nach der Anmoderation...
kmgeo 15.06.2018
3.
aber wackelige Senioren düsen auf e-Bikes überfordert über Radwege!
and_over 15.06.2018
4. typisch deutsch...
woanders interessiert das keine Sau, ob der Tretroller einen Motor hat oder nicht. Sowas macht den ÖPNV erst halbwegs nutzbar, wenn man nicht gerade an der Haltestelle wohnt.
michaelXXLF 15.06.2018
5. Ganz klar.
Es ist neu, hatten wir noch nie, was wäre wenn? Und es könnte Menschen davon abhalten, ein Auto zu kaufen. Geht gar nicht. Am besten direkt verbieten!
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