Gymkhana-Star Ken Block: Als Beifahrer beim Irren

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Für Millionen YouTube-Nutzer ist Ken Block ein Held, seine perfekt inszenierten Videos todesverachtender Autofahrten sind für sie das Allergrößte. Aber ist dieser Mann wirklich wahnsinnig? SPIEGEL ONLINE wollte es wissen - und ist bei einer Stuntshow mitgefahren.

Eine Metropole wie San Francisco sperrt vier Tage lang bereitwillig ganze Kreuzungen, damit ein Mann dort sämtliche Verkehrsregeln brechen kann. Klingt verrückt? Willkommen in der Welt von Ken Block, dem wohl berühmtesten Autofahrer der Welt. Die Videos, in denen der 44-Jährige irrwitzige Stunts in einem Rallyewagen vollbringt, wurden auf YouTube über 150 Millionen Mal angeklickt.

Gymkhana nennt sich diese Motorsportdisziplin, bei der die Fahrer mit ihren Autos um Hindernisse driften. Schaut man sich die waghalsigen Aktionen von Ken Block an, hält man ihn unweigerlich für einen irren Draufgänger. Doch das ist falsch, denn Wahnsinn ist sein Business-Plan.

"Willkommen in meinem Büro, bitte einsteigen"

Die NEC-Messehalle in Birmingham ist so groß wie ein Flugzeug-Hangar. Hier veranstalten die Macher der BBC-Sendung "Top Gear" eine Art Motorzirkus. Ken Block ist Stargast der Show. Unter dem Hallendach ist ein Parcours aufgebaut - eine kurze Gerade, zwei scharfe Kurven, ein kleiner Kreisverkehr, viele Reifenstapel. Von der Tribüne johlen knapp zweitausend Zuschauer. Block wird den Parcours sechs Minuten lang mit dicken Gummispuren überziehen.

Kurz vor dem Start öffnet er höflich die Beifahrertür. "Willkommen in meinem Büro, bitte einsteigen." Block, wie man ihn aus den Videos kennt: breitschultrige Einsfünfundachtzig, Overall, Baseball-Mütze, Kinnbärtchen. Sein "Büro" ist ein Rallyewagen mit 660 PS. Der modifizierte Ford Fiesta braucht von null auf 100 zwei Sekunden.

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Gymkhana-Star Ken Block: Ausfahrt mit dem Drift-König
Innen riecht es nach Tankstelle und nach verbrannten Reifen. Man klettert über die Metallstreben des Überrollkäfigs und kauert auf einem harten Schalensitz. Block verstaut die Mütze unter seiner Schale und zieht den Helm auf. Aus der Mittelkonsole ragt eine flache, armlange Alustange - die Handbremse. In den Griff ist der Nachname Blocks gefräst, mit einem stilisierten Totenkopf anstelle des "o". Wann immer er während der Fahrt an der Stange reißt, rutscht und dreht sich das Büro.

Und er reißt oft an der Stange. Der Fiesta schießt mit ohrenbetäubendem Geknatter auf die Strecke, der Rest ist ein einziges Reifengequietsche. Block lässt den Wagen auf der Stelle Pirouetten drehen und driftet quer um die Ecke. Vom Trick bis zum Totalschaden sind es oft nur Zentimeter.

Mit Vollgas rast er um die Kurve, reißt an der Handbremse, schlägt das Lenkrad ein. Das Heck bricht aus, der Wagen schliddert der Betonbande entgegen. Wie im Zeitraffer kommt das Hindernis näher. Ein Wimpernschlag noch, und es kracht. Aber im letzten Moment fängt Block den Wagen wieder ein und lässt ihn mit Hilfe von 900 Newtonmeter Drehmoment nach vorne schnalzen. Es fühlt sich an, als säße man in einem Jojo. Für Ken Block ist es eine Art Büroalltag.

Vom Chefsessel ins Rampenlicht

Seit mehr als fünf Jahren fährt Block Gymkhana-Rennen. "Ich war schon als Kind verrückt nach Motorsport", erzählt er im Interview vor der Show in Birmingham, "und als Erwachsener kann ich mir meine Träume von damals erfüllen." Auf seine Fahrkunst bildet er sich nicht viel ein - "pures Training", sagt er. Was Ken Block wirklich stolz macht, ist sein Gespür für Marketing.

Geschäftssinn beweist er schon im Alter von 26 Jahren. Zusammen mit einem Freund gründet er eine Skateboard-Marke. Block entwirft Schuhe und T-Shirts, kleidet bekannte Skater damit ein und filmt, wie sie in seinen Klamotten ihre besten Tricks zeigen. Nach zehn Jahren verkauft er die Firma für rund 90 Millionen Dollar. Block hat jetzt Zeit und Geld. Er nutzt die Freiheit für eine zweite Karriere. In seinen Videos spielt nun er die Hauptrolle.

2008 produziert er den ersten Gymkhana-Clip. "Ich hatte mir damals für eine Gymkhana-Rennserie ein Auto anfertigen lassen, aber dann wurden plötzlich alle Veranstaltungen abgeblasen. Ich hatte also diesen Wagen rumstehen und habe mich von den Skate-Videos inspirieren lassen. Ich habe meine besten Tricks zusammengeschnitten, sie mit Musik unterlegt und das Ganze so unterhaltsam wie möglich gemacht."

Dass sein Erstling gleich mehrere 100.000-mal auf YouTube angeklickt wurde, überraschte ihn. Aber der Marketing-Profi wusste, was zu tun war: nachliefern und eine Schippe obendrauf legen.

Eine lohnende Investition

Fünf Gymkhana-Videos sind bisher auf diese Weise entstanden. Bei allen Produktionen hatte das Allround-Talent Ken Block sprichwörtlich den Helm auf. "Ich suche die Location, schreibe das Drehbuch und mache die Stunts. Eigentlich kümmere ich mich um alles", beschreibt er den Entstehungsprozess. "Ich habe ein tolles Team, das mich unterstützt - aber nur ich sitze am Steuer und weiß, was geht und was nicht. Deshalb liegen die Entscheidungen am Ende bei mir."

Die Zuschauer bewundern Ken Block für seine verrückten Drifts. Er selbst feiert die Effizienz seiner Arbeit. Denn die millionenfach geklickten Clips sind für seine Sponsoren eine unbezahlbare Werbung. "Kein Konkurrent hat in dieser Hinsicht etwas Vergleichbares zu bieten. Die Gymkhana-Videos sind die besten Viralmarketing-Spots der Welt", sagt Block. Über die Kosten für die Videos schweigt er. Das sei Sache seines Hauptsponsors und der einzige Bereich, mit dem er nichts zu tun habe. Nur soviel: "Die Investition lohnt sich, sonst hätte man mir längst das Budget gekürzt."

Bevor Block kam, war Gymkhana eine Randsportart. Ein Hobby für Bleifüße, die nachts auf abgelegenen Parkplätzen einen Parcours durchkurven und dabei ihre Reifen verschleißen. Nun soll daraus dicker Kommerz werden. Blocks Hauptsponsor hat sich sogar die Rechte an dem Begriff gesichert. Wie ist es möglich, eine Sportart auf diese Weise zu vereinnahmen? "Das kann ich nicht beantworten", sagt Block, "ich bin kein Anwalt." Mehr lässt er dazu nicht raus. Kein Wunder: Bei zu viel Marketing bleibt irgendwann die Authentizität auf der Strecke.

Pikanter Handy-Clip

Mit einem anderen Reizthema geht er offener um. Ken Block fährt seit 2010 in der Rallye-Weltmeisterschaft - bislang ziemlich erfolglos. Es gibt ein Video von einem Rennen in Spanien, wo er von der Strecke abkommt und im Gebüsch landet. Ein Zuschauer filmt die Szene mit dem Handy. Die verwackelte Aufnahme sieht aus wie eine Parodie auf Blocks perfekt inszenierten Gymkhana-Clips. Er wirkt hilflos, die Reifen seines Wagens drehen im Sand durch, Männer aus dem Publikum müssen ihn auf die Strecke zurückschieben.

Kann er über dieses Video lachen? "Ja, solche Fehler passieren nun mal. Ich habe eine Kurve zu schnell genommen und bin rausgeflogen. Das ist Rallye. Ich sammle immer noch Erfahrung bei der Weltmeisterschaft." Falls es Block nervt, auf seine Pannen angesprochen zu werden, weiß er es gut zu kaschieren.

Die Leute wollen ihn sowieso lieber über Asphalt als über Rennpisten jagen sehen, und das weiß er. Also, was gibt es über das nächste Gymkhana-Video zu berichten? Block macht ein Geheimnis daraus. "Wir arbeiten gerade noch an Ideen und haben uns bisher noch nichts näher angeschaut." Eine Fortsetzung sei für 2013 aber fest geplant. "So lange die Idee zieht, produzieren wir jedes Jahr ein Video." Vorerst wird Ken Block sein Büro nicht räumen.

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insgesamt 16 Beiträge
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1.
unter_linken 29.10.2012
Zitat von sysopAPFür Millionen YouTube-Nutzer ist Ken Block ein Held, seine perfekt inszenierten Videos todesverachtender Autofahrten sind für sie das Allergrößte. Aber ist dieser Mann wirklich wahnsinnig? SPIEGEL ONLINE wollte es wissen - und ist bei einer Stuntshow mitgefahren. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/eine-stuntshow-fahrt-mit-gymkhana-star-ken-block-a-863948.html
Rally ist nun mal der Ernstfall, seine Gymkhana Videos das Training. Ein Fehler bei der Rally und du fliegst ab. Die Videos bestehen aus Einzelsequenzen, zusammengeschnitten und immer wieder versucht. Was ihn aber nicht zu einem schlechteren Fahrer macht. Ken Block kann fahren, wie viele andere auch. Er kann aber auch vermarkten, das können viele nicht. Schau mir die Videos gerne an.
2.
der_durden 29.10.2012
Zitat von unter_linkenRally ist nun mal der Ernstfall, seine Gymkhana Videos das Training. Ein Fehler bei der Rally und du fliegst ab. Die Videos bestehen aus Einzelsequenzen, zusammengeschnitten und immer wieder versucht. Was ihn aber nicht zu einem schlechteren Fahrer macht. Ken Block kann fahren, wie viele andere auch. Er kann aber auch vermarkten, das können viele nicht. Schau mir die Videos gerne an.
Genau so ist es! Da gibt es nichts hinzuzufügen!
3. ...
onkelbenz,derechte 29.10.2012
Hoffentlich trinkt er nix von der Mönster-Brause, für die er Werbung fährt.
4. Nette Show
rainer_d 29.10.2012
habe mal zufällig so ein Video gesehen. Es ist klar, das Rallye fahren schwieriger ist. Aber was solls. Zauberkünstler können auch nicht wirklich zaubern, das weiss jeder, trotzdem schauen es sich die Leute gern an (wenn es gut ist, und die Videos sind gut).
5. Beschleunigung?
hannesjo 29.10.2012
Wär mal interessant zu erfahren, wie der Wagen eine Beschleunigung von 2 Sekunden auf 100 km/h hinbekommt. Denn ohne Hilfsmittel sind eigentlich 2,8 Sekunden das äusserste, aufgrund der Reibung der Reifen, die normalerweise nicht mehr hergibt.
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