Selbstgebauter Sportwagen: Der große Beradino

Von Fabian Hoberg

Selbstgebauter Sportwagen: Ein Studentenjob fürs Leben Fotos
Fabian Hoberg

Dieser Flitzer hat einen Porsche-Motor, trägt den Namen eines Westernhelden - und es gibt ihn nur ein einziges Mal. Als Student erfüllte sich der Rheinländer Johannes Peter Paulussen den Traum vom eigenen Sportwagen. Als Rentner lässt ihn seine Kreation immer noch nicht los.

Mit 17 hat man noch Träume. Bei Johannes Peter Paulussen sind es Autos. Genauer: Sportwagen. Er liebt Flitzer, die stark, schnell und flach sind. So einen will er 1961 auch haben.

Doch exklusive Boliden sind zu teuer für den Schreinersohn aus dem Rheinland. Vergessen kann er sie trotzdem nicht. Er träumt weiter, wälzt Autoheftchen und liegt seinen Eltern unablässig in den Ohren. Sein Vater ist nach fünf Jahren genervt von der Schwärmerei seines Sohnes und gibt ihm 1966 den entscheidenden Tipp. "Wenn du so ein Ding haben willst, dann musst du es schon selbst bauen."

So beginnt JP Paulussen mit dem Projekt Beradino - seinem selbstentworfenen Sportwagen. Der Name stammt von einem Schauspieler, er liest ihn in einem Abspann und findet ihn markant. Gleichzeitig nimmt er auch das Studium der Kfz-Technik auf. Das Thema Auto wird ihn in den nächsten 50 Jahren nicht mehr loslassen.

"Das Projekt war nicht nur Träumerei, sondern auch eine gute Anbindung an mein Studium, dadurch habe ich viel gelernt", sagt der heute 69-Jährige. Tagsüber studiert Paulussen an der Uni in Aachen, am Abend und an Wochenenden arbeitet er am Beradino.

Motor von Porsche, Türschaniere von Jaguar

Schon beim ersten Bleistiftstrich hat er klare Vorstellungen vom Endprodukt: Elegant soll die Eigenkonstruktion sein; flach, sportlich und schnittig, aber sie darf keinesfalls wie eine Bastelbude aussehen. Motor und Sound müssen sich an den Sportwagen der damaligen Zeit messen lassen können. Das typische Käfer-Klingeln kommt für den jungen Mann aus Erkelenz bei Köln nicht in Frage - auch wenn der Selbstbau der Einfachheit halber auf dem Wolfsburger Kleinwagen basiert.

Die Zeichnungen entstehen im Jugendzimmer, doch das erste Modell aus Gips im Maßstab 1:10 benötigt mehr Platz. Also baut Paulussen auf dem elterlichen Grundstück eine Garage. Hilfe bekommt er von seinen Brüdern und ein paar Freunden. Doch die meiste Zeit werkelt er allein. Er will es allen zeigen. "Mein Vater hat mir in seiner Werkstatt schon früh viel beigebracht, deshalb konnte ich auch fast alles selbst machen", erzählt er.

Damit der TÜV keine Zicken macht, verwendet er Bauteile aus dem VW- und Porsche-Regal: Unter anderem einen 2,0-Liter-Sechszylinder-Porsche-Boxermotor mit 110 PS sowie einen stabilen Vierkantrohr-Stahlrahmen. Und er wird auf dem Schrottplatz fündig. Den Innenraum des Zweisitzers zieren Rundinstrumente vom Iso Rivolta und Glas 1700 GT, die Türscharniere stammen vom Jaguar E-Type.

Spendabler Scheibenhersteller

Am meisten Arbeit macht ihm die Karosserie. Der angehende Konstrukteur zimmert eine Positiv-Form in den Maßen 1:1 aus 25 Zentnern Gips und einer Menge Holz. Davon nimmt er eine GFK-Negativform ab und laminiert sie mit Glasfasermatten und rotem Polyesterharz. "Anders hätte ich die Form auch gar nicht so genau und glatt hinbekommen", sagt er.

Auch die Windschutzscheibe bereitet Probleme - es gibt keine passende, die flach und lang genug ist. JP Paulussen holt sich Rat bei einem Scheibenhersteller. Als er von seinem Projekt erzählt, fertigt ihm ein hilfsbereiter Meister kurzerhand den richtigen Rahmen.

Paulussen arbeitet nicht nur exakt, er führt auch genau Buch. Deshalb weiß er heute noch, dass er fast tausend Stunden pro Jahr in sein Traumauto investierte - sieben Jahre lang.

Pünktlich zum Diplom ist der rote Flitzer fertig. 1975 erhält er die Zulassung. Hersteller: Paulussen - Typ und Ausführung: Cabrio mit Hardtop. So kann kein Prüfer ihm hinterher nachsagen, er hätte nachträglich das Dach abgeschnitten.

Mit einer paar Handgriffen sind nämlich Decke und Seitenelemente getauscht, und der Zweitürer steht wahlweise als Coupé, Stufenheck oder Roadster in einem neuen Kleid da. Der Beradino ist vier Meter lang, nur 1,04 Meter hoch und wirkt durch den Kühlerschlund, als würde unter der vorderen Haube ein mächtiger Motor arbeiten. Die Proportionen erinnern an eine Mischung aus Ferrari 275, Ford GT 40 und Lamborghini Miura. So sieht also ein wahr gewordener Traum aus.

Rückkehr zur alten Liebe

"Die erste Fahrt vergesse ich nie, es war das schönste Geschenk nach so viel Arbeit und ein sehr glücklicher Moment in meinem Leben", erinnert sich Paulussen. Bis 1991 wird das Auto wenig bewegt, nur 8500 Kilometer in 16 Jahren. Der stolze Besitzer freut sich mehr über seine eigene Leistung, die Begeisterung bei Passanten, wenn sie sein Auto sehen und die erstaunten Reaktionen, wenn sie erfahren, dass es eine Eigenkonstruktion ist.

Am Ende fehlt aber die Zeit fürs Hobby, Öl tropft aus dem Porsche-Motor und Paulussen kümmert sich mehr um die Familie als um das Auto. Ein paar Jahre verstaubt der angemeldete Wagen in der Garage, und Mäuse nisten sich in der Mittelkonsole ein.

Pünktlich zur Pensionierung, nachdem er 30 Jahre lang am Berufskolleg für Technik und Informatik in Neuss lehrte, nimmt der Rentner das Projekt aus seiner Jugend wieder auf. Zunächst richtet er den Originalmotor her und lackiert die Karosserie richtig.

Gleichzeitig modernisiert der Erfinder auch Front und Heck mit neuen Scheinwerfern und Rückleuchten aus einem Mini. Er steckt nicht nur wieder ein Haufen Geld in sein Projekt, sondern auch weitere 3000 Arbeitsstunden. Heute sieht das Auto aus wie aus einer Kleinserie. Tatsächlich ist es aber einzigartig.

Doch Paulussen ist auch nach 52 Jahren noch nicht am Ziel, er träumt weiter. Nämlich davon, dass seine Idee vom idealen Sportwagen weitergedacht wird. Mit neuer Technik, vielleicht wirklich in einer Kleinserie. Der Perfektionist ist natürlich darauf vorbereitet, fertige Konzepte liegen in seiner Schublade. Paulussen wartet nur darauf, dass einer anfängt, mit ihm zu träumen.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, dass der Ferrari 275 GTB, der Ford GT 40 oder der Lamborghini Miura 1961 die Traumwagen von Johannes Peter Paulussen waren. Diese Autos waren zu diesem Zeitpunkt noch nicht gebaut. Tatsächlich dienten diese Modelle Paulussen als Vorbilder, als er Ende der Sechziger die ersten Zeichnungen für seinen Beradino anfertigte. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Respekt!
fitzke 23.07.2013
Großer Respekt! Ein wunderbares Automobil!
2. Ein sehr schoenes Auto.
eunegin 23.07.2013
Es waere schoen, wieder mehr gutes und zeitloses Design auf den Strassen zu sehen.
3. Korrektur
Mastermason 23.07.2013
Schöner Artikel, aber Erkelenz liegt nicht bei Köln, sondern bei Mönchengladbach.
4. Respekt
goldstück1977 23.07.2013
für diese Leistung und die Energie seinen Traum zu leben!
5.
Saïph 23.07.2013
Zitat von sysopFabian HobergDieser Flitzer hat einen Porsche-Motor, trägt den Namen eines Westernhelden - und es gibt ihn nur ein einziges Mal. Als Student erfüllte sich der Rheinländer Johannes Peter Paulussen den Traum vom eigenen Sportwagen. Als Rentner lässt ihn seine Kreation immer noch nicht los. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/einzelstueck-paulussen-beradino-sportwagen-im-eigenbau-a-910264.html
Respekt für den Aufwand! Und schön geschnitten ist es auch noch.
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