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17. Februar 2013, 16:55 Uhr

Motorradsause Elefantentreffen

Winterpause? Noch nie gehört!

Von Fabian Hoberg

Motorradsaison ist bloß im Sommer? Nicht für ein paar hundert Hartgesottene. Sie versammeln sich stets im Februar zum sogenannten Elefantentreffen - bei Eis, Schnee und klirrender Kälte. Auch 2013 haben sich wieder Motorradverrückte aus allen Teilen Europas auf den Weg zum Nürburgring gemacht.

Bei strahlend blauem Himmel über die Landstraße wieseln, während die laue Luft durch die Lederkombi und in den Helm fährt - das ist ein Hochgenuss. Motorradfahren im Winter? Das ist Wahnsinn - deswegen parken die meisten Zweiradfans ihre Böcke über die kalte Jahreszeit in der Garage. Aber nicht alle.

Mitten im Februar, mitten in Eis, Matsch und Schnee treffen sich jedes Jahr rund 2000 Biker zu einer Party bei klirrender Kälte. "Wo kann man sich denn sonst auch zu dieser Jahreszeit mit Gleichgesinnten treffen, grillen und zelten?", fragt der 50-jährige Reiner. In einem Motorradbeiwagen sitzt ein Plüschelefant und hält ein Schild in den Pfoten: "Altes Elefantentreffen Nürburgring - Endlich normale Leute", steht darauf. Manchmal sind die Gründe für Wahnsinn ganz einfache.

Unter den Füßen knirscht Zentimeter dicker Schnee. Dem Fahrer eines MZ-Gespanns scheint das alles nichts auszumachen. Mit aufgerissenem Gashahn, den Beiwagen voll Brennholz, schlittert er den Berg hinauf. Der Schnee spritzt zur Seite, die Menge ist begeistert. Es riecht nach Lagerfeuer, Würstchen und verbranntem Benzin. Von irgendwo ertönt der Dudelsack eines Schotten. "Neben Deutschen reisen hier vor allem Briten, Franzosen und Italiener an", sagt Mitorganisator Zoran Bogic. Aber auch Slowenen und Russen findet man auf dem Platz.

Anreise aus Moskau - auf dem Motorrad

Die meisten kommen mit ihren Gespannen der Marken BMW, Ural, MZ, Dnepr über die verschneiten Wege, auch ein paar Enduros sind dabei. Der Teilnehmer mit der weitesten Anreise kommt aus dem 2784 Kilometer entfernten Moskau und freut sich hier eher über sommerliche Temperaturen.

Reiner ist mit seinem BMW K100-Gespann aus Schweinfurt angereist, trifft sich mit ein paar Kumpels zu Wurst und Bier und tauscht ein paar Tricks aus. Dicke Jacke, Stiefel, Mütze und auch sein dichter, grauer Vollbart schützen ihn vor der Kälte. "Motorradfahren im Winter ist anders, die Maschine muss anders gewartet und gefahren werden, hier finde ich Gleichgesinnte, die mich auch verstehen", sagt Reiner, der schon über 20-mal beim Elefantentreffen dabei war.

Dafür ist Vorbereitung alles: Die Elektrik muss vor dem Salz geschützt werden, zusätzliche Bleche halten den kalten Wind von Füßen und Knien fern, dicke Pelz-Muffs schützen die Hände. Für mehr Traktion sorgen zur Not Seile oder spezielle Schneeketten an den Rädern. Gegen die Kälte in der Nacht schützen zwei dicke Isomatten und ein extradicker Schlafsack. "Ein Feldbett benötige ich nicht, so alt bin ich noch nicht", sagt er stolz. Dass Wintercampen im Alter aber kein grundsätzliches Problem ist, beweist Herman van Woudenberg - er ist 72 Jahre alt und der älteste Teilnehmer des Treffens.

Hort der Hartgesottenen

Das wohl älteste Motorradtreffen Deutschlands entstand 1953 aus reiner Neugierde durch den Motorradjournalisten Ernst "Klacks" Leverkus. Der wollte wissen, wer noch außer ihm im Winter eine Zündapp KS 601 fährt. Die Maschine, gebaut zwischen 1950 und 1957, ist schwer, hat ein bulliges Drehmoment und wird in der Szene "Grüner Elefant" genannt.

Leverkus schaltete an seinem Wohnort Stuttgart Anzeigen in Tageszeitungen und lud "Elefantenfahrer" in seinen Garten ein. Eine Handvoll Hartgesottene kamen, hatten Spaß und verabredeten ein Wiedersehen im nächsten Jahr. Der Garten wurde im Laufe der Jahre immer voller und irgendwann zu klein. Das erste öffentliche Elefantentreffen, auch ohne Elefanten, wurde 1956 auf die Solitude-Rennstrecke in Stuttgart verlegt, 1968 zogen die Organisatoren an den Nürburgring.

Reparaturen im Schnee

Bis zu 15.000 Besucher zählte das Treffen zu Hochzeiten, bis 1977 ein Besucher erschossen wurde. Das Treffen wurde verboten und zog nach Österreich. Umweltauflagen und andere Streitereien zwischen den Veranstaltern spalteten aber die Gemeinschaft. So gibt es seit 1990 das alte Elefantentreffen am Nürburgring und das Elefantentreffen in Solla im Bayerischen Wald.

"Wer das Original ist, ist mir ziemlich wurscht", sagt Stefan, der mit seinen Kumpels beide Treffen besucht. "Das in Solla ist zwar größer, das am Nürburgring dafür aber gemütlicher", sagt er, drückt sich tiefer in seinen Klappstuhl und wendet gleichzeitig sein brutzelndes Würstchen um. Die Fellmütze mit den Hörnern sitzt zwar schief, dafür passt die speckige Kutte mit den vielen Aufnähern wie eine Presspassung.

Beim Motorradclub aus Ostfriesland brutzeln Schweinshaxen unter der Alufolie, die Bierflaschen ploppen laut auf und die Stimmung ist gut - trotz kalter Füße und eisigem Wind. Die Norddeutschen können das ab. Auch Hendrik Märtens aus Nienburg zwischen Hannover und Bremen macht die Kälte nichts aus. Allerdings springt seine Yamaha XT600 nicht mehr an.

"Das liegt ganz klar an der übermäßigen Pflege", grinst er, als er den Tank abbaut, um den Vergaser zu reinigen. Das Motorrad hat schon bessere Zeiten gesehen, wie man an den verrosteten Felgen und dem stumpfen Lack am Rahmen ablesen kann. Märtens ist Student und mit seinem Kommilitonen Jann Eilers aus Norden zum ersten Mal beim Elefantentreffen und von der Atmosphäre begeistert. "Und natürlich davon, dass wir mit unseren Kisten überhaupt angekommen sind", sagt er und lacht.

Martin Daube hilft den Jungs. Der Biker aus Bochum hat in seinem beheizten Werkstattzelt zwar keine Ersatzteile, aber einiges an Werkzeug und eine Menge Tricks auf Lager. "Meist sind es kleine Reparaturen, schlappe Batterien oder abgerissene Vergaserschläuche, die ich wieder repariere", sagt er. Für Rahmenbrüche steht noch ein Schweißgerät parat und auch Kaltmetall-Kleber hat schon mal einen Ventildeckel gerettet. "Die Maschine fährt immer noch mit meiner notdürftigen Reparatur ", sagt Martin stolz.

Hendrik Märtens hat bei seiner Yamaha mittlerweile den Vergaser abgenommen und gereinigt. "Falls die XT jetzt nicht anspringt, halbiere ich den Teilnehmer-Aufkleber- denn schließlich habe ich nur die halbe Strecke geschafft. Dann muss ich es nächstes Jahr im Februar noch mal versuchen."

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