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Skateboard mit Elektromotor: Brettern im Kopf

Von

Kolja Warnecke

Bei den Autos kommt die Elektromobilität nur schwer in Schwung, aber bei den Kleinstvehikeln tut sich was: Ein deutsches Start-Up hat jetzt ein Skateboard mit Elektromotor vorgestellt - ein Traum für Surfer und Snowboarder.

Mit der von der Bundesregierung geforderten Million Elektroautos bis 2020 wird es ja wohl nichts, von den angepeilten Zielen jedenfalls ist die Marktentwicklung weit entfernt. Vielleicht sollte man einfach die Kriterien etwas aufweichen, und zwar in Richtung "Hauptsache, es hat vier Räder und Elektroantrieb", dann könnte es klappen mit der Million. Denn dann würde auch die Erfindung von Johannes Schewe und Kilian Green mit eingerechnet werden.

Die beiden haben einen Elektroantrieb für Skateboards entwickelt, den man unter jedes Brett montieren kann. Einfach die vier Schrauben der Hinterachse lösen, diese durch die kombinierte Akku-Antriebseinheit ersetzen und losfahren. "Wir sind beide leidenschaftliche Brettsportler", sagt Schewe, "und wie eigentlich alle Surfer oder Snowboarder hatten wir immer extreme Entzugserscheinungen, wenn wir nach einem Surf- oder Snowboardurlaub wieder in der Stadt waren". Selbst extralange Skateboards, die sogenannten Longboards, konnten keine dauerhafte Abhilfe schaffen.

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Elektro-Skateboard: Mit dem Strom
Was fehlte, war das, was Schewe den "Endless Ride" nennt - das fortwährende Dahingleiten, ohne von den abrupten Bewegungen des Anschwunggebens, dem "Pushen", unangenehm unterbrochen zu werden. Ein Gefühl, wie man es beim Abreiten einer Welle oder bei der Fahrt mit einem Snowboard den Tiefschneehang hinunter hat.

Beeindruckendes Drehmoment

Dieses Gefühl haben die beiden jetzt in ein kompaktes High-Tech-Modul gepresst. Warum der Antrieb "Mellow" heißt, leuchtet im ersten Moment nicht ein, denn nach der Transplantation marschiert das Brett energisch los. "Das wird beim fertigen Produkt anders sein", versichert Green, "das hier ist ja nur der Prototyp". Die beiden haben eine Kickstarter-Kampagne initiiert, um die Finanzierung für die Serienfertigung auf die Beine zu stellen. Im Video zur Kampagne sieht man auch die Fernbedienung, mit der der Mellow-Antrieb später gesteuert werden soll: ein kleiner, schwarzer Schieberegler, der in der Hand förmlich verschwindet.

Für den Prototyp muss eine Pistolenfernbedienung reichen, wie man sie aus dem Modellbau kennt, zur Steuerung von Auto- oder Schiffsmodellen. Am Abzug ist ein sensibler Finger gefragt: Das Drehmoment der Motoren sorgt immer wieder für kleine Schrecksekunden, wenn das Brett bei unbedachter Handhabung unter einem wegzuschießen droht.

Lieber erst mal von Hand, äh, zu Fuß Anschwung geben - und dann vorsichtig den Motor zuschalten. Einmal in Fahrt, beginnt der Spaß. Lässig auf dem Brett stehend eine Steigung hochfahren? Kein Problem, man muss nur das ungläubige Staunen der Passanten aushalten. Auch die 2,5 Kilo Mehrgewicht des Antriebs spürt man dann nicht mehr - stattdessen den Fahrtwind im Gesicht und das Adrenalin im Kopf.

Aus der Mitte kommt der Saft

Die Idee eines elektrisch betriebenen Skateboards ist nicht neu, es gibt am Markt schon Produkte für rund 600 Euro. Doch die beiden wollten es besser machen, vor allem den Antrieb. Green hat, bevor er sich Hals über Kopf in das Projekt stürzte, bei BMW in der Prototypenentwicklung gearbeitet. Und zwar bei der Entwicklung von Elektroprototypen, Autos und Motorräder. Er ist der Geek von beiden, oder, wie Schewe es sagt: "Kilian kommt aus Nerdistan".

Mit Green nahm das Projekt in technischer Hinsicht auch erst richtig Fahrt auf. Zuvor hatte Schewe mit verschiedenen Universitäten zusammengearbeitet, ohne dass es entscheidend voranging. Dann lernten sich die beiden im Winter 2013/2014 beim Surfen in Marokko kennen, und Green brachte seine BMW-Erfahrung ein. Während die Konkurrenzprodukte die Kraft vom Akku über einen Elektromotor und einen Zahnriemen übertragen, sitzen beim Mellow-Modul die Motoren, übrigens eine Eigenentwicklung von Green, in den Rollen. "Das ist viel sicherer, stabiler und vor allem effizienter", sagt er.

Qualität ist den beiden wichtig. Mit Ausnahme der Rollen, die von einem Skaterollenhersteller aus Tschechien kommen, werden alle anderen Teile bei verschiedenen Betrieben in Deutschland gefertigt - nach den Spezifikationen von Schewe und Green. Auch der Akku, der aus einem Hamburger Betrieb kommt und eine Reichweite von 15 Kilometern ermöglichen soll.

Keine Lust auf "Made in China"

"Wir wurden von potenziellen Geldgebern immer wieder gefragt, warum wir nicht in China produzieren wollen", sagt Schewe. Sie entschieden sich dagegen, weil sie Qualitätsbedenken hatten. Doch es gibt auch noch einen anderen Grund: "Wir können doch nicht sagen, dass wir mit unserem Board einen Beitrag zur nachhaltigeren Mobilität leisten wollen - und dann lassen wir es in einem Sweat-Shop in China produzieren und um die halbe Welt nach Deutschland schiffen".

Ungeklärt ist bislang, wie Elektro-Skateboards rechtlich in der Straßenverkehrsordnung verortet werden. "Da bewegen sich alle Hersteller in einer Grauzone", sagt Green. Aber auch dafür haben die beiden eine Lösung parat. In der zum Antrieb gehörenden App wird es verschiedene Fahrmodi zur Auswahl geben, unter anderem auch einen Anfängermodus mit besonders sanftem Anfahrverhalten. "Und wenn man in der Mellow-App den Antrieb so konfiguriert, dass er im "Endless Ride"- Modus ist, also nur die Geschwindigkeit gehalten wird, die man selber durch Pushen erreicht hat, dann funktioniert das im Prinzip wie ein Pedelec - da dürfte es also kein Problem geben."

So oder so wäre es absurd, würden sich genau an dieser Stelle Hürden auftun. Denn ein Ziel haben die beiden auf jeden Fall erreicht: Eine Ersatzdroge für alle Boardsportler zu schaffen. Wenn der Schub des Elektroantriebs einsetzt, fühlt es sich an, als wenn einen die Welle ergreift und mitnimmt - nur ohne Wasser. Und wenn man leicht und unbeschwert, nur angetrieben vom Antrieb, sanft seine Bögen schwingt, ist das wie Snowboardfahren - nur ohne Berg und Schnee.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Rekuperation?
stefanmargraf 26.05.2015
Hat es? Oder hat es nicht?
2. shut up...
istdochallesnichtwahr 26.05.2015
...and take my money! her mit dem ding! :)
3. Die Grauzone gibt es nicht
Jurx 26.05.2015
Die angegebene Grauzone gibt es zumindest in Deutschland nicht: Laut StvZO §18 sind sämtliche Kraftfahrzeuge nur dann zulassungsfrei, wenn die Höchstgeschwindigkeit maximal 6 km/h beträgt, oder falls eine der folgenden Voraussetzungen vorliegt: Erteilung einer Betriebserlaubnis oder einer EG-Typgenehmigung, oder durch Zuteilung eines amtlichen Kennzeichens für Kraftfahrzeuge. Das Ding darf damit also nur auf privaten Strecken benutzt werden, aber nicht legal im öffentlichen Strassenverkehr. Wer den potentiellen Interessenten an solchen Elektrofahrzeugen nach derzeitiger Rechtslage etwas anderes erzählt, handelt meiner Meinung nach irgendwas zwischen "völlig verantwortungslos" bis "kriminell". Wahrscheinlich aus "geschäftlichem Interesse". Bis so ein Board legal einem Benutzer unter den Füßen wegrollen und und einem Auto auf der Fahrbahn unter die Räder rollen darf, dürfte noch viel Wasser den Rhein und die Elbe runterfließen, bis die zulassungs-, versicherungs- und haftungsrechtlichen Voraussetzungen für den legalen Betrieb solcher Elektroflitzer im öffentlichen Raum geklärt sind. Wenn das überhaupt jemals passiert.
4. Ja,ja....
Mumpitz 26.05.2015
wenn Mercedes-Benz 100 Millionen Euro für Werbung zum Super-Bowl in den Staaten ausgibt, dann bleibt da leider nichts mehr für alternative und klimaschonende Antriebe über :( Warum auch (...) Benziner und Diesel verkaufen sich eben besser. Ach so: So lange es diesen Herrn Gabriel als Wirtschafts-Statthalter der CDU gibt, wird sich daran auch in den nächsten Jahren wenig ändern. Mach es gut Du schöner Planet, der Du bis zum bitteren "ENDE" ausgebeutet wurdest.
5. Wozu?
Havenpirat 26.05.2015
Zitat von stefanmargrafHat es? Oder hat es nicht?
so schon nicht leicht. ;-) wichtiger is, wie schnell geht das aufladen und warum gibs keine weiteren technischen Infos. Ansonsten super, wenn der Motor stark genug is kann man den auch woanners runterschrauben **gG**
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