Alltag im Elektroauto Stress mit Strom

Blockierte Ladesäulen, freies Parken, Denunzianten. Wer wie unser Autor Michael Specht mit einem E-Auto in der Großstadt unterwegs ist, erlebt bisweilen Eigenartiges. Doch wie lauten die Regeln wirklich?

MIchael Specht


Läuft ja wieder mal bestens. Fetter Range Rover steht auf Elektroparkplatz. So liebe ich das. Die Batterie meines BMW i3 zeigt nur noch wenige Kilometer Reichweite an. Für den Weg aus der Stadt nach Hause bräuchte ich aber dringend Strom. Was tun? Ganz ehrlich: Am liebsten würde ich dem Fahrer einen Zettel unter den Wischer klemmen. Aufschrift: "Ignorant". Es ginge natürlich noch ein paar Stufen härter auf der nach oben offenen Beleidigungsskala. Aber das wäre nicht zitierfähig.

Viele der Autos auf den ausschließlich für E-Autos und Plug-in-Hybride ausgewiesenen Parkflächen stehen absichtlich dort, das unterstelle ich jetzt einfach mal. Frei nach dem Motto "Die paar Ökos sollen sich nicht so anstellen". Erstaunlich ist dabei die äußerst niedrige Hemmschwelle, die bei dieser Art von Fremdparken an den Tag gelegt wird. Dieselbe Person würde dies vermutlich niemals bei einer Parkfläche für Behinderte machen - aus Respekt. Zudem würde das Ticket hier 35 Euro kosten. Beim E-Parkplatz sind es nur zehn Euro.

Können Falschparker einfach abgeschleppt werden?

  • Wenn Fahrer von Elektroautos ihren Handlungsspielraum ausschöpfen und in dieser Situation die Polizei informieren, wird es teuer, weil diese in der Regel dann den Abschleppdienst ruft. Das passiert immer öfter. Polizisten sind vereinzelt bereits genervt, E-Mobil-Eigner, die Falschparker melden, werden mitunter als Öko-Denunzianten bezeichnet.
  • In Sachen Abschleppen gibt es allerdings Grenzen. Stichwort: Verhältnismäßigkeit. Befindet sich in unmittelbarer Nähe eine weitere Ladesäule, die einen Platz frei hat, lassen beispielweise die Beamten in München den Falschparker nicht an den Haken nehmen. Ein Ticket gibt es aber auf jeden Fall.
Falschparker blockiert eine Ladesäule
MIchael Specht

Falschparker blockiert eine Ladesäule

Ist das Tanken für E-Autos an öffentlichen Ladesäulen kostenlos?

Seit Sommer 2015 gestattet das Elektromobilitätsgesetz EmoG, E-Fahrzeugen Sonderrechte zu erteilen. Allerdings wird dies nicht bundesweit einheitlich gehandhabt, sondern von jeder Stadt oder Gemeinde in Eigenregie umgesetzt. Das bedeutet, jede Kommune kann selbst entscheiden, ob E-Fahrer Vergünstigungen in Anspruch nehmen können oder eben nicht.

  • Mit gutem Beispiel voran geht Hamburg. E-Autos und Plug-in-Hybride dürfen öffentlichen Parkraum tagsüber (die Stadt spricht von "Bewirtschaftungszeitraum") kostenfrei für zwei Stunden nutzen. Parkscheibe aufs Armaturenbrett legen genügt. Mir selbst hat dies schon das eine oder andere Mal den mahnenden Zeigefinger selbsternannter Blockwarte eingebracht: "Hallo, Sie da, erst einmal bezahlen!"
  • Voraussetzung für das kostenlose Parken ist der Buchstabe E im Nummernschild. Fehlt dieser - es besteht kein behördlicher Zwang, sein Elektroauto mit einem E-Kennzeichen zu versehen -, klemmt schnell ein Ticket unterm Wischerblatt. Auch dann, wenn zweifelsfrei erkennbar ist, dass es sich um ein Elektroauto handelt, wie dies zum Beispiel beim Tesla Model S, BMW i3 oder Renault Zoe der Fall ist. Auch Stuttgart und Neuss gestatten E-Autobesitzern das freie Parken. Berlin und München dagegen gewähren Stromern keinerlei Bonus.

Dürfen Autos mit Verbrennungsmotor zu bestimmten Uhrzeiten an E-Ladesäulen parken?

Parkplatz für E-Autos und Plug-in-Hybride
MIchael Specht

Parkplatz für E-Autos und Plug-in-Hybride

An Ladesäulen dürfen Autos mit Verbrennungsmotoren auch außerhalb des Bewirtschaftungszeitraumes (meist 20 bis 9 Uhr) nicht stehen. E-Autos ist das hingegen erlaubt, sogar nachts. Hamburg verlangt nicht einmal, dass während des Parkens die Batterie geladen wird. Dazu heißt es von der Polizei: "Für die Stellplätze an Ladesäulen im öffentlichen Verkehrsraum in Hamburg gilt: Es handelt sich verkehrsrechtlich um gewöhnliche Parkplätze, die einer bestimmten Nutzergruppe (hier: E-Kfz) vorbehalten sind. Die Ladesäule spielt hierbei keine Rolle. Laden ist also nicht erforderlich, dürfte für versierte Nutzer von reinen E-Kfz jedoch eine Selbstverständlichkeit sein."

München hingegen verlangt ausdrücklich, dass E-Autos, die parken, auch laden (man achte auf das Schild mit dem Auto, aus dem ein Stecker hängt). Maximal vier Stunden Ladezeit ist erlaubt. Diese bayerische Regel macht die Parkplatzsuche für Elektroautos unnötig schwer. Denn es gibt Ladesäulen, zu der die eigene Chipkarte keinen Zugang hat, die Klappe für den Stecker bleibt dann verschlossen. Dieses Problem löst sich zunehmend auf. Immer mehr Stromnetzanbieter schließen sich diesbezüglich zusammen oder kooperieren mit den Autoherstellern.

Autor Michael Specht mit seinem BMW i3
Michael Specht

Autor Michael Specht mit seinem BMW i3

Dürfen E-Autofahrer die Busspur benutzen?

Flott durch die City, vorbei am Stau und cool die Bus- oder Taxi-Spur benutzen? Was in Norwegen für Fahrer von Elektroautos seit Jahren zum Alltag gehört, bleibt bei uns auch weiterhin Utopie. Den Kommunen ist das Thema zu heikel. Auch die norwegische Regierung rudert zurück, weil mittlerweile zu viele Stromer auf den Busspuren unterwegs sind. Wer heute mit seinem E-Mobil in der Rushhour auf der Busspur fahren will, muss einen Beifahrer an Bord haben.

Weniger Elektroautos werden dadurch nicht gekauft. Die Quote hat in Norwegen jüngst unglaubliche 46 Prozent erreicht. Allein in diesem Halbjahr wurden in dem skandinavischen Land 35.788 Stromer neu zugelassen. Allerdings: Wer denkt, die Norweger wären über die Maße besorgt um reine Luft und würden nur deshalb Elektroautos kaufen, irrt.

Der finanzielle Zuschuss vom Staat in Form von Steuererleichterungen dürfte eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Wenn ein Elektro-Golf in der Anschaffung nicht mehr kostet als ein normaler Golf oder ein Tesla Model S nur so viel wie ein Opel Insignia, fällt die Wahl natürlich leicht. Zumal Strom buchstäblich im Überfluss vorhanden ist. Er wird in Norwegen fast ausschließlich über Wasserkraft gewonnen.

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j1958 17.08.2018
1. Natur ist grausam
Nur so am Rande, auch Norwegen hat ein trockenes Jahr, da ist nix mit Wasserkraft. Das Land hängt zum Grosteiil an den sechs schwedischen Atomkraftwerken, die Volllast fahren weil Dänemark mangels Wind auch noch aufgepäppelt werden muss.
dbgollum 17.08.2018
2. danke für diesen sehr guten Artikel!
danke für diesen sehr guten Artikel! Hab das meiste nicht gewusst.
Schnorschel 17.08.2018
3. Elektro-und-Umwelt Märchen
Warum wird nur immer wieder in Artikeln davon ausgegangen, daß Fahrer von Elektroautos besonders umweltbewußt seien? Ich fahre seit vier Jahren elektrisch und mir ist die Umwelt herzlich egal. Elektrisch fahren ist billig, da quasi keine Wartung anfällt, die Ladung zu Hause bei 11c pro Kilowattstunde spottbillig und das Fahren die reinste Freude ist. Es ist reines Kalkül. Elektrisch fahren ist billiger. Gut 1000 Meilen bin ich im Mai letzten Jahres gefahren, um mir mein Traumauto, einen Chevrolet Spark EV von Maryland nach Florida zu holen. Per Autotrain von Virginia nach Sanford, FL verfrachtet. Ein Wolf im Schafspelz. Soviel Pepp habe ich selten bei einem Jahreswagen für $13.000 gesehen. Für meine tägliche Strecke von 45 Meilen zur Arbeit und zurück mehr als ausreichend. Wenn ich denn mal Langstrecke fahren will, gibt es diverse Schnelllader zu Hauf. Tampa - Daytona, Tampa - Miami alles kein Problem. Schreibt nur nicht immer so viele Artikel über Elektroautos, damit ist keinem geholfen. Keine Aufklärung den Ignoranten. Wir lachen uns ins Fäustchen. Laß die anderen Geld für Ölwechsel ausgeben. Wir wissen wie man Geld spart.
boffyflow 17.08.2018
4. Es geht auch anders
Hier in Vancouver, Kanada, ist das taegliche Fahren und Laden von E-Fahrzeugen wesentlich entspannter als hier im Beitrag beschrieben. Hier haelt die Ladeinfrastruktur fuer E-Autos (Benzin ist sehr teuer und Strom ist sehr guenstig da ueber 90% aus Wasserkraft gewonnen wird) sehr gut mit den schnell wachsenden Anzahl von E-Autos mit. Als ich mir vor knapp 3 Jahren einen Leaf zulegte gab es schon 3 oeffentlich Ladestationen, die in Fussnaehe und umsonst sind. Zu der Zeit sah ich auf meinen halbstuendigen Arbeitsweg etwa 1 oder 2 E-Autos woechentlich, inzwischen sind es mindestens ein Dutzend am Tag. Grundsaetzlich findet man an den meisten oeffentlichen Behoerden, privaten Parkgaragen und Einkaufsmalls Moeglichkeit zum Laden. Oft ist man hier auch recht pragmatisch und findet handgeschriebene Schilder an normalen Steckdosen in Tiefgaragen. Es muss nicht immer ein Hightech Schnelllader sein, sondern ein einfacher Stromanschluss tuts oft auch. Ich habe noch keine Probleme mit der Etiquette and Ladeparkplaetzen gehabt. Es kommt sehr selten vor das ein Benziner auf ein E-Parkplatz steht. Ich bin mir relativ sicher das es keine rechtliche Grundlage fuer einen Strafzettel und Abschleppen gibt. Aber es ist schon so, das E-Autofahrer ein wenig snobbig sind und sich gegenueber normalen Fahrer ueberlegen fuehlen ;-) Andererseits ist der Zusammenhalt unter E-Fahrern sehr gut, z.B. teilen sich oft zwei Stellplaezte ein Ladekabel; dabei ist es ueblich dass man einfach seine Ladeklappe am Auto aufmacht und wenn man sein Auto wegfaehrt das Kabel in das Nachbarauto steckt. Grundsaetzlich habe ich sehr gute Erfahrungen mit meinen E-Auto im Alltag gemacht und werde sicher nicht mehr ein Benziner im meinem Leben erwerben. Mit ein bisschen Planung und Ruecksicht kann es gut klappen - wenn natuerlich auch die Politik, insbesondere auf kommunaler Ebene, auch mitzieht.
PRAN1974 17.08.2018
5.
Böse Absicht sollte man bei Falschparkern nicht unterstellen. Das Problem ist einfach der allgemeine Parkplatzmangel in den Städten. In dieser Hinsicht finde ich auch bezeichnend, dass sich der Autor später im Artikel darüber beschwert, dass er mit seinem Auto nur parken darf, wenn er auch tatsächlich laden kann. Dass er mit seinem Elektroauto ebenfalls eine Ladesäule für andere Ladewillige blockieren könnte, scheint ihm dabei nicht in den Sinn zu kommen. Das wird den Autor auch noch härter treffen, falls hier tatsächlich einmal ein relevanter Anteil der Autos elektrisch fährt. Dann sind es nicht mehr die Falschparker, die seine Ladesäule blockieren, sondern andere Elektroautos, die auch laden müssen.
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