Elektrobike e-Jalopy: Mein Fahrrad hat jetzt Internet

Von Andrea Reidl

Hier kommt das Fahrrad für die Generation Facebook: Mit einem neuen e-Bike mit Webanschluss will eine Schweizer Firma vernetzte Großstädter zum Umstieg aufs Velo motivieren. Die rollende Kommunikationszentrale soll Freunde in der Nähe aufspüren - und sogar Routen mit sauberer Luft vorschlagen.

Reto Andreoli

Stefan B. steigt auf sein Rad mit der überdimensionierten Hinterradnabe und montiert sein Smartphone am Lenker. Prompt trifft die Meldung ein, dass seine Kollegin Janet in fünf Minuten an der drei Kilometer entfernten Kreuzung eintrifft. Stefan fährt los. Janet grinst, als sie ihn sieht. Als sie die nächste Ampel passieren, blinkt Stefans Smartphone erneut und er weiß, worüber Janet sich freut.

Sie hat gestern seinen Rekord auf ihrer gemeinsamen Arbeits- und Rennstrecke geknackt. Seinen Schnitt von 29 km/h hatte bislang keiner seiner Kollegen gebrochen. Gestern war sie zwei Minuten schneller als er. Bevor Stefan etwas sagen kann, hält Janet an. Sie fotografiert ein Schlagloch am Mittelstreifen und sendet das Foto ans Bauamt. An der nächsten Kreuzung trennen sich ihre Wege. Stefan will einen Umweg fahren. Die Umweltsensoren an seinem Lenker empfehlen dem Allergiker heute via Smartphone eine pollenärmere Strecke. Janet fährt weiter geradeaus.

Wenn es nach den Forschern des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und dem Schweizer Fahrradhersteller MTB Cycletech geht, könnte diese Art von Radfahren bald Realität werden. Auf der Eurobike präsentieren MIT-Wissenschaftler Michael Lin und MTB Cycletech-Designer Butch Gaudy das ab 2012 erhältliche e-Jalopy. Viele der Ideen, die das Messe-Exponat zeigt, sind allerdings noch nicht serienreif. Das gilt zum Beispiel für die Sensoren im Lenker , die Kohlenmonoxid, Feinstaub und Pollen messen sollen.

Alte Technik neu interpretiert

Beim e-Jalopy ist der Antrieb direkt in die Radnabe eingebaut. Die Idee haben Entwickler bereits 1899 beim Lohner Porsche erfolgreich getestet. Mehr als hundert Jahre später ist die Smart Cities Group des MIT einen Schritt weiter gegangen. Im Zentrum des sogenannten Greenwheels, so heißt das Hinterrad des e-Jalopy, haben die Wissenschaftler Akku, Motor, die notwendige Steuerelektronik für E-Bikes mit Tret- und Elektrobetrieb und eine Bluetooth-Schnittstelle montiert. Dieses Rad wird zu einem geschlossenen System. Es kann in nahezu jedes andere Fahrrad eingebaut werden, ohne dass man zusätzliche Elektronik oder Kabel braucht. Es macht aus jedem Rad ein E-Bike.

Fotostrecke

7  Bilder
e-Jalopy: Social Media auf dem Rad
In Verbindung mit dem Smartphone vergrößern sich Nutzen und Einsatzmöglichkeiten von E-Velos. Ähnlich wie Mobilfunkanbieter die Bewegungsdaten ihrer Kunden anonym bereitstellen, um verlässliche Stauprognosen zu liefern, sollen Fahrradfahrer mit Hilfe der MIT-Technologie vielfältige Informationen über die Qualität von Straßen, die Verschmutzung der Luft und vieles mehr liefern. Die Entwickler stellen sich vor, dass jeder Fahrer spontan zum Fahrradkurier werden kann. Das GPS-System des Smartphones erkennt die Position des Fahrers. Wenn ein Lieferauftrag in der Nähe ansteht, kann der Radfahrer ihn annehmen und die Ware transportieren.

So etwas wäre durch spezielle Programme im Prinzip mit jedem Rad möglich, doch die Entwickler arbeiten an weiteren nützlichen Möglichkeiten.

Umweltsensoren am Lenker sollen laufend Daten zur aktuellen Luftqualität liefern. Fahrer können sehen, ob ihre Freunde und Kollegen gerade in der Nähe sind, um gemeinsam zur Arbeit zu fahren. Sie bieten eine Art Straßenrenn-Funktion: Die Radler können Strecken als Rennstrecke definieren - und alle anderen Radler auffordern ihre Bestzeit zu unterbieten.

Berechnungsgrundlage für die Kfz-Steuer

Ansätze zur Vernetzung von Verkehrsteilnehmern existieren bereits seit Jahren. Autofahrer rufen beim Radio an, um Staus oder Radarfallen zu melden. In den USA fordern Gemeinden wie Columbus in Ohio ihre Bürger auf, Schlaglöcher per Facebook und Twitter zu melden, damit die Behörde einen möglichst umfassenden Überblick über die Qualität der Straßen bekommt. Der Bedarf an Information ist da. Radfahrer und Fußgänger sind aufgrund ihrer Mobilität viel besser geeignet, sie zu liefern als Autofahrer, die die Straße nur vom Innern ihres Autos wahrnehmen.

Doch noch hakt es an der Umsetzung. Das Greenwheel ist in dieser Form noch nicht serienreif. MIT-Wissenschaftler Michael Lin hat sämtliche Patente daran erworben und entwickelt es nun weiter.

Das e-Jalopy könnte auch helfen, Geld zu sparen. Es informiert den Fahrer, welche Treibstoffkosten und wie viel CO2 die gleiche Strecke mit einem Auto produziert hätte. "Diese Funktion ist noch irrelevant, das sollte sich aber in Zukunft ändern", findet Gaudy. Seine Idee: Die Besitzer können mit dieser Funktion dokumentieren, wie viel CO2 sie durchs Radfahren einsparen - beispielsweise auf ihrem Weg zur Arbeit. Schafft die Politik die Rahmenbedingungen, könnten diese Daten vielleicht eines Tages dazu dienen, die Radfahrer durch eine Senkung der Kfz-Steuer zu belohnen.

Die Reichweite des Rades beträgt laut Hersteller etwa 30 Kilometer. Der Fahrer kann sie vergrößern, wenn er selbst in die Pedale tritt. In dem Greenwheel ist eine 36V, 5Ah Lithium-Batterie eingebaut, die in 90 Minuten geladen ist. Der 250 W Motor mit 30 Nm Drehmoment kann das Fahrrad bis auf 30 km/h beschleunigen, wird aber ab einer Geschwindigkeit über 25 Km/h automatisch heruntergeregelt.

Unabhängig davon ob der Fahrer schnell oder langsam unterwegs ist, auffallen wird er mit dem puristischen Stadtrad auf jeden Fall. Dafür hat Designer Gaudy gesorgt.

Doch ob das Konzept des e-Jalopy funktionieren kann, ist fraglich. Viele Apps, die Sport, Spaß und Einnahmemöglichkeiten bringen, funktionieren erst, wenn viele Fahrradfahrer sie nutzen und bereit sind, Daten zu liefern und sie zu teilen. Bleibt das aus, ist das e-Jalopy nur ein weiteres von vielen E-Bikes -zum Preis von mindestens 3050 Euro.

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insgesamt 77 Beiträge
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1. So ein Müll...
nemesis001 31.08.2011
und schon ist das teure Bike kaputt. Der Fahrer konnte sich leider nicht auf den Verkehr konzentrieren. Das Handy blinkte gerade und er wollte nur schnell lesen wer gerade aufs Klo geht. Sachschaden 3000 € am Fahrrad und 30000 € am Auto, welches Vorfahrt hatte. Zum Glück ist der Fahrradfahrer nur leicht verletzt. Das Smartphone hat es nicht überlebt.
2. Bald
alocasia 31.08.2011
Es wird die Zeit kommen, wo Waren damit beworben werden, dass sie keinen Internetanschluss haben, für Menschen die leben wollen.
3. Überflüssig
Rübezahl 31.08.2011
Bringt es auch den Radfahrenden verkehrgerechtes Verhalten bei,oder ist es nur ein weiteres Ablenkungsmittel, wie Ipod und Ohrstöpsel auf dem Fahrrad?
4. ...
Gaztelupe 31.08.2011
Zitat von sysopHier kommt das Fahrrad für die Generation Facebook: Mit einem neuen e-Bike mit Webanschluss*will eine Schweizer Firma vernetzte Großstädter zum Umstieg aufs Velo motivieren. Die rollende Kommunikationszentrale soll Freunde in der Nähe aufspüren - und sogar Routen mit sauberer Luft vorschlagen. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,783109,00.html
Ey, voll green und so, mit Elektromotor und Facebook an Bord. Gefällt mir. Das ist die emissionsfreie Zukunft, denn der Ladestrom kommt ja aus der Steckdose, die ihn irgendwie magisch und total umweltfreundlich produziert. Was für eine gigantische Zielgruppe, die Generation Web & Doof. Gigantisch blöd. Wie lustvoll sie sich täuschen läßt, wenn nur kein Kraftstoff aus Erdöl im Spiel ist ... Und ey, Freunde sind auch in der Nähe, mit denen man dann vollkommen verplant durch die Gegend eiern kann. Meine Güte ...
5. Will das jemand?
nurmeinsenf 31.08.2011
Ein Fahrrad, das "always on" ist und das mir am Lenker die Umweltbelastung mißt und mir Umwege empfiehlt? Ist ja interessant, was so alles technisch machbar ist, aber einen spontanen Habenwill-Faktor hat das nicht. Wahrscheinlich bin ich - obwohl internetaffin - einfach schon zu alt für sowas. Und ist ja schön, daß mir das Gerät mitteilt, wo Janet gerade ist, aber eigentlich interessiere ich mich mehr für Janine, die mit dem süßen Augenaufschlag - von der habe ich leider noch nicht alle internetrelevanten Daten. Aber vielleicht teilt sie mir die ja mit wenn sie sieht, was für ein cooles Fahrrad ich habe? :-D
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Führerschein für E-Bikes?
Fahrräder mit Elektromotor gibt es in unterschiedlichen Varianten. Bei den sogenannten Pedelecs (Pedal Electric Cycle) entfaltet der Antrieb seine Leistung nur dann, wenn der Fahrer in die Pedale tritt.

Die Straßenverkehrsordnung macht allerdings große Unterschiede, ja nachdem, ob der Motor unbeschränkt zugeschaltet ist, oder abgeschaltet wird, wenn man schneller fährt als 25 km/h. Für solche Pedelecs sind weder Führerschein noch Versicherung nötig. Fahrräder mit unbeschränkter Tretunterstützung sind dagegen versicherungspflichtig, und wer mit ihnen fahren will, muss einen (Mofa-)Führerschein besitzen.

Die E-Bikes ganannten Fahrräder mit Elektroantrieb, der auch ohne eigenes Treten über einen Drehgriff am Lenker aktiviert wird, gelten als Kleinkrafträder und nicht mehr als Fahrräder, mit allen rechtlichen Konsequenzen bezüglich der Helmpflicht, des Führerscheins und der Versicherungen.

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