eROCKIT-Motorrad Erster Serienhybrid aus Mensch und Maschine

Stefan Gulas wollte nur ein Elektro-Fahrrad kaufen. Weil ihm keins gefiel, baut der Tüftler jetzt in seiner Berliner Manufaktur die eROCKIT – den ersten Mensch-Maschine-Serienhybrid. Und er gibt Gas mit den Füßen.

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Der Fahrer des roten Ford Fiesta schaut ziemlich ungläubig. Eben noch ist er zügig die Straße des 17. Juni runtergebrettert, im Rückspiegel dauernd ein Motorrad. Jetzt steht er an der Ampel vor der Siegelsäule und kurbelt hektisch die Scheibe runter. Sein Verfolger hat sich links in der freien Spur eingeordnet: "Hey, das waren doch knapp 70 Sachen. Was issen das für ein Ding, gepimptes Fahrrad oder wat?"

Stefan Gulas ist neugierige Fragen gewohnt, wenn er mit der eROCKIT in Berlin seine Runden dreht. Er legt den Kopf zur Seite und deutet auf die Aufschrift www.erockit.net auf dem Helm, bevor er loslegt: "Nein, kein Fahrrad, aber auch kein normales Motorrad. Hat Elektroantrieb; musste aber treten, wenn du vorwärts kommen willst." Die Ampel springt auf Grün und Gulas gibt Gas – pardon, tritt in die Pedale, denn einen Gasgriff hat die eROCKIT nicht. Der Prototyp des ersten Mensch-Maschinen-Hybrids, den Gulas in den letzten vier Jahren entwickelt hat, hat eine Beschleunigung, die mit Serienmotorrädern locker mithalten kann. Der Unterschied: Bei der eROCKIT kommt die Antriebskraft aus einer einmaligen Kombination aus Muskelkraft und einer intelligent eingesetzten Nano-Phosphat-Lithium-Ionen-Batterie.

Neues Konzept

Wie der Fiesta-Fahrer schaut auch Gulas, ein 37-jähriger Österreicher, manchmal sehr ungläubig. Besonders dann, wenn er über die technischen Besonderheiten seiner Erfindung doziert. Dann bohrt sich sein Blick tief in das Gehirnkästelchen seines Gegenübers, ganz so als wolle er orten, ob der Groschen dort schon gefallen ist: "Ich hab mir die Teile angeschaut. Das bisherige Konzept von Elektrofahrrädern, bei denen der Antrieb vom Strampeln direkt unterstützt wird, ist völlig ineffizient. Entweder man tritt zu schnell und quasi gegen den Generator oder man ist zu langsam in den Pedalen und kommt nicht hinterher, verstehens?"

Bei der eROCKIT ist das anders: Gulas hat die Pedale vom Elektroantrieb durch das sogenannte Serienhybrid-Konzept entkoppelt. Der Fahrer treibt dabei mit den Füßen einen Generator an, der die Hochleistungsbatterie speist. Gleichzeitig steuert das Radeln über eine ausgefuchste Elektronik die Elektrokraft, von der über einen zweiten Generator das Hinterrad angetrieben wird. Die dabei vom Antriebselektromotor aus dem Akku gezogene Power ist 50-mal stärker als das bloße Treten: Drehmomente von 75 Newtonmetern und Spitzen von 80 km/h sind drin.

Faible für geniale Ideen

Gulas hat ein Faible für einfache und zugleich geniale Ideen. Er sagt: "Am liebsten erfinde ich Dinge oder schmiede Geschäftsideen. Ich lese gerne Wirtschaftsmagazine und denk mir dabei Sachen aus, die erfolgreich sein könnten." Das klappt nicht immer. Mit einem Internet-Start-Up in San Francisco ist der gelernte Bergbauingenieur baden gegangen. Und bei seinem Intermezzo als Marketingexperte bei der Telekom, das hat ihn nach Berlin geführt, hat er sich irgendwann gelangweilt. Gulas hat sich selbständig gemacht, als Erbauer der eROCKIT: "Wissens, die Arbeit muss ja eine intellektuelle Herausforderung sein."

"Also hab ich von Anfang an auch nicht über ein reines Elektromotorrad nachgedacht, das machen ja viele. Sondern über einen Zwitter, ein Ding, das es vorher so noch nicht gab. Man sollte sich körperlich bewegen wie auf einem Fahrrad, aber die Kraft eines Bikes spüren." Darum ersetzt an der eROCKIT, von der inzwischen der vierte Prototyp gebaut ist, das Fußpedal den Gasgriff. No pain, no gain - ohne Strampeln geht nach Gulas Fahrzeugphilosophie nichts.

Außerdem liebt es Gulas exklusiv, und daher ist die eROCKIT ein elegantes und verdammt hochwertiges Fahrzeug, eine Art iPod unter den alternativen Zweirädern, geworden. Rahmen und Schwinge sind handgefertigt in seiner Fahrzeugschmiede, deren genauer Standort in Berlin der Entrepreneur nicht nennen will. Zehn Mitarbeiter, auch Spezialisten für Elektrotechnik, Metallbau und Fahrzeugbau, beschäftigt er dort zurzeit. Sie haben auch alle Karbonteile wie die Akkuverkleidung von Hand gefertigt und die meisten Anbauteile wie Bremshebel und Generatorendeckel selber gefräst.

Mit 80 Sachen über die Avus

Die Materialien sind edel: Alu und Titan. Für die Schwinge und bei den Laufrädern hat man sich bei High-End-Crossmaschinen bedient; der ursprüngliche Kettenantrieb ist beim aktuellen Typ durch eine saubere Riemenlösung ersetzt. "Andere Teile wie etwa den Sattel haben wir ganz bewusst so einfach wie möglich gelassen. Man soll ja nicht vergessen, dass man auf einem Radl unterwegs ist." Unterm Strich hat die Tüftelei am Detail viel gebracht – der Prototyp 4 wiegt knapp hundert Kilo.

Die strampelt Stefan Gulas weg, ohne ins Schwitzen zu kommen. Mit 60 km/h – "Auf der Avus krieg ich locker 80 Sachen auf den Tacho, glaubens mir!" - stromert er runter zum Kanzleramt und setzt den 12-Volt-Blinker. Kurze Pause in der Grünanlage: Das eROCKIT zieht Schaulustige an wie Licht die Motten. Ja, man braucht einen Führerschein, weil das Fahrzeug als Leichtkraftrad zugelassen wird. "Und wie lange kann ich damit fahren, bevor der Strom ausgeht?", will ein Yamaha-Biker wissen. Gute Frage, sagt Gulas, weil ja in der Praxis der Antrieb mehr Saft aus dem Akku saugt, als der Fahrer reinstrampelt. Irgendwann ist selbst für das Citymobil Schicht. Aber die Reichweite hängt stark vom Fahrstil und der Strecke ab – in der Praxis lohnt sich’s wohl, die eROCKIT nach 60 Kilometern wieder für ein paar Stunden an die Steckdose zu hängen – zu theoretischen Kosten für etwa 60 Cent pro hundert Kilometern.

Wer die eROCKIT kaufen will, kommt erst einmal nicht so günstig weg. Gulas plant für 2009 eine Kleinserie von zehn Maschinen und für jede will er vorab rund 25.000 Euro haben. "Wissens, ich baue ja keine Maschine für die Masse, keinen Konfektionselektroroller aus China, sondern ein schnelles Schmuckstück, das keinen Sprit braucht, und gleichzeitig das Fitnessstudio spart. Das hat halt seinen Preis." Und wenn es keiner will? "Das passt scho," sagt er und lacht dabei wissend wie Daniel Düsentrieb.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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brainomat 23.09.2008
1. Hybrid - Wortbedeutung?
Ohne die Leistung des Tüftlers schmälern zu wollen: Das ist nicht der erste, wie im Artikel genannte Mensch-Maschine-Serien-Hybrid. Der gute alte Tretroller war schon ein solches Hybrid-Fahrzeug. Hybrid muss nichts mit Elektro zu tun haben.
brainomat 23.09.2008
2. Kommentar zurück ;)
Ist doch der erste Serien-Hybrid ;) Erst lesen, dann Kommentare schreiben. Merk ich mir für die Zukunft. Hatte gedacht der erste Mensch-Maschine Hybrid, der in Serie gegangen ist.
Datenscheich 23.09.2008
3. Gutes Konzept - aber noch zu teuer
Jede Innovation in dieser Richtung sollte begrüßt werden. Insbesondere die Entkoppelung der Pedale vom Elektroantrieb ist eine sehr clevere Idee. Allerdings muß der Preis noch ordentlich fallen, falls das eROCKIT auf dem Markt Erfolg je haben will. Im Laufe des letzten Jahres haben nämlich auch die Entwickler in Japan, Korea, den Staaten und anderswo nicht auf der faulen Haut gelegen. Hier sind die aktuellen Entwicklungen im Bereich der 'Elektrischen Mobilität' dokumentiert: > http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_11_12_mobile_anwendungen_2007_1.htm
javra 23.09.2008
4. Reichweite
Könnte man nicht einen Regler anbauen, auf dem man die gewünschte Reichweite einstellen kann, und das Ding steuert dann, wie viel Prozent vom eingespeisten Strom entnommen werden darf?
mitbürger 23.09.2008
5. Es ist zu schwer!
Gratulation. Aber es ist zu schwer. Man müsste damit auch ohne aufgeladenen Akku fahren können. Das wäre mal eine echte Innovation. Kraft und Fahrrad passen überhaupt nicht zusammen. Interessant wäre eine leichte Unterstützung des eignen Tretens, so dass man statt 30 km vielleicht 100 km weit (nicht schnell) fahren könnte. Eine hohe Endgeschwindigkeit ist beim Fahrradfahren völlig unwichtig und auch nicht gewünscht, weil zu gefährlich.
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