Extrem-Radler: "Müde Glieder, wach im Kopf"

Von Andrea Reidl

Für Strecken, die Normalbürger per Auto oder Bahn zurücklegen, nimmt er sein Fahrrad: Renndistanzen von 500 Kilometern pro Tag sind für Walter Lauter kein Problem. Auch zur Arbeit fährt der IT-Profi stundenlang per Rad - der perfekte Ausgleich zum Schreibtischjob.

Extremsport im Alltag: Bei schönem Wetter ein doppelter Umweg Fotos
Andrea Reidl

Sein Hintern tut zum Glück nicht mehr weh, die fünfmarkstückgroße Blase ist weg. Aber seine linke Hand spürt er kaum. Das Taubheitsgefühl war ein Überbleibsel von der Grenzsteintrophy (GST). 1250 Kilometer weit und 18.000 Höhenmeter war Walter Lauter über die Lochplatten entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze gekurbelt. Die Erschütterungen auf dieser einwöchigen Fahrt hatten seinen Händen zugesetzt.

Das ist sieben Tage her. Jetzt steht er wieder am Start. "Quäldich" leuchtet von den Shirts der Mitfahrer, die bereits im vergangenen Jahr dieses Rennen gefahren sind. In den kommenden Tagen wird Lauter mit der Außenseite seiner linken Hand schalten, seine Finger kann er nicht bewegen. Das ist lästig, mindert aber nicht seine Vorfreude. Schließlich liegen 1390 Kilometer und 23.000 Höhenmeter vor ihm. Für ihn sind das neun perfekte Tage. Mehr Spaß geht kaum.

Lauter ist einer der unzähligen ambitionierten Hobbyfahrer in Deutschland, die auf hohem sportlichen Niveau unterwegs sind. Zwischen 17.000 und 21.000 Kilometer spult er pro Jahr auf seinem Rad ab. Top-Profis, die bei der Tour de France starten, fahren in dieser Zeit 30.000 bis 40.000 Kilometer.

Lauter ist IT-Administrator, Radfahren ist für ihn ein Ausgleich zum Schreibtischjob. Eine seiner Trainingsstrecken ist sein Arbeitsweg: 32 Kilometer hin, 32 Kilometer zurück. Eine Stunde braucht er pro Weg. Wenn er sich auf lange Rennen vorbereitet oder das Wetter schön ist, steht er gerne früh auf und fährt einen Umweg.

Vier Stunden bis in die Firma

"Es ist alles eine Frage des Zeitmanagements", sagt er. Statt bis Mitternacht fernzusehen, geht er um 22 Uhr schlafen. Um 4.30 Uhr ist er dann wach und fährt los. Von seinem Haus in Bad Kissingen, in einem weiten Bogen über Gemünden, Würzburg bis nach Schweinfurt. Je nach Route sind das 120 bis 150 Kilometer. Nach vier Stunden kommt er in der Firma an. "Mit müden Gliedern, aber wach im Kopf", wie er sagt.

Lauter war immer sportlich. Jahrelang übte er Karate und Bogenschießen, ging Wandern, zum Fallschirmspringen, fuhr Wasserski und Motorrad. Als befreundete Motorradfahrer verunglückten, verkaufte er sein Krad und suchte Ersatz. Anderthalb Jahre später saß er das erste Mal auf seinem eigenen Mountainbike.

Anfangs fuhr er zweimal pro Woche durchs Gelände, startete bei Cross-Country-Rennen und gewann ein paar Mal. Fünf, sechs Jahre ging das so. Dann lieh er sich ein Rennrad und entdeckte eine neue Dimension des Radfahrens: große Distanzen. Und in dieser Disziplin war er richtig gut.

Strecken, die andere per Auto oder Bahn zurücklegen, fuhr der 1,70 Meter große, kompakte Mann von nun an mit dem Rad. Erst 100, 200, dann 300 und schließlich 400 Kilometer am Tag.

Damals hatte er noch kein GPS, mit dem er die Routen exakt bestimmen konnte. Deshalb suchte er sich einen Weg entlang einer stillgelegten Bahntrasse. Die Strecke war exakt 17 Kilometer lang und führte über 120 Höhenmeter. Hier wollte er hin- und herfahren, bis er die 500 Kilometer voll hatte. Seinen VW-Bus mit Ersatzrad, Ersatzteilen und Lebensmitteln hatte er am Fuß der Strecke geparkt. Um Mitternacht fuhr er los.

Nach 552 Kilometern wollte er nur noch zu seiner Familie

Zwei Freunde wussten von seinem Vorhaben. Einer rief mittags an. "Es gibt Spaghetti, komm vorbei". Lauter unterbrach sein Pendeln, aß mit ihm und gondelte weiter. Gegen 20 Uhr zeigte sein Tacho 500 Kilometer. Doch es ging noch was. Also fuhr er weiter. Vage visierte er die 600 Kilometergrenze an. Doch anderthalb Stunden später kam der nächste Anruf: "Weißbier im Biergarten" lockten ihn seine Freunde. Das war's. Er rollte die letzten Kilometer zum Bus, packte sein Rad ein und fuhr los. 552 Kilometer war er gefahren. Jetzt hatte er nur noch ein Ziel: nach Haus zu seiner Familie.

Der Start um Mitternacht ist mittlerweile sein Prinzip. Lauter mag es, nur einen Tag unterwegs zu sein, im Dunkeln aufzubrechen und bei Sonnenaufgang eine dreistellige Kilometeranzeige auf seinem Bordcomputer zu sehen. Das motiviert ihn und macht ihn zufrieden.

"Walter ist tiefenentspannt", sagen gute Freunde über ihn. Mit ihm sei man unkompliziert unterwegs - trotz unterschiedlicher Leistungsniveaus. Der Sportler sieht gerade darin einen Vorteil. "Ist jemand schneller, lerne ich etwas von ihm, ist jemand langsamer, unterhalten wir uns beim Fahren." Um den Leistungsunterschied nach unten auszugleichen, wählt er ein Rad, das ihn mehr fordert; etwa ein Singlespeed.

Nur mit Gleichstarken ist er nicht so gern unterwegs. "Dann wird schnell ein Rennen draus", sagt er. Das braucht er nicht. "Ich bin 54 Jahre alt, ich weiß, was ich kann, ich muss niemandem mehr etwas beweisen." Bei der "Quäldich" wechselte er nach einer Etappe von der ersten in die zweite Leistungsgruppe. "Am ersten Tag bin ich am Limit gefahren", sagt er. Doch bei dieser Tour geht es für ihn nicht um Bestzeit. Dort will er Freunde treffen. "Ich bin so häufig allein auf dem Rad unterwegs, ich genieße diese gemeinsamen Fahrten."

Touren wie die GST oder die Fichkona, die 601 Kilometer nonstop vom Fichtelberg im Erzgebirge bis zum Kap Arkona auf Rügen führt, mag Lauter. Sie werden im Kopf entschieden, nicht mit den Waden. Wenn das Unterbewusstsein Warnmeldungen sendet, ignoriert er sie. Während der Fahrt beleuchtet er einen vermeintlichen Konflikt von jedem erdenklichen Standpunkt. Ist er damit fertig, ist sein Kopf klar und er Dutzende von Kilometern weiter.

Plagen ihn Schmerzen, beginnt er eine Reise durch den Körper und fragt jedes Körperteil nach seinem Befinden. Meist geht es 90 Prozent seines Körpers gut. Das reicht ihm. Aber Lauter ist auch nicht zimperlich, wenn er ein Ziel hat. Will er das erreichen, fährt er auch mal ein, zwei Tage überwiegend im Stehen - wie bei der GST, als ihn die Blase am Hinterteil quälte.

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