Fahrrad mit Seilsattelkonstruktion Der Velosoph

Ein Entwickler aus Hamburg erfindet das Aufsatteln beim Fahrrad neu und ersetzt die Sattelstütze durch Stahlseile. Warum? Eine Frage der Philosophie.

Achim Multhaupt

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Die Fahrt auf einem der Bikes von Sahabi Arouna gleicht einem Hochseilakt. Der Sattel sitzt nicht auf einer Stütze - wie bei normalen Fahrrädern - sondern ist an zwei Drähten befestigt und lässt sich beliebig hin und her schieben. Das zeichnet die Prototypen aus, die der 36-Jährige aus Hamburg entworfen hat. Warum das so ist? Eine lange Geschichte, die er gleich erzählen wird. Denn Sahabi Arouna will nicht nur Entwickler sein, er bezeichnet sich selbst als Philosoph.

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Fahrrad mit Seilsattelkonstruktion: Der Zweirad-Philosoph

Sahabi Arouna, Sohn von Wüstennomaden aus dem Süden der Sahara, wohnt in einem Altbau in Hamburg. Im Wohnzimmer, das mit zwei Sofas und drei Prototypen seiner jüngsten Fahrradentwicklung mehr als ausgefüllt ist, kniet er auf den Holzdielen und erklärt das Projekt. Er hat sich ein paar Notizen gemacht. "Es verbindet klassisches Rahmendesign mit Seilelementen", liest der junge Mann aus seinem selbst formulierten Werbekatalog ab.

In der Fahrradbranche herrscht Goldgräberstimmung, und das lockt Autodidakten wie Arouna an. Vor 17 Jahren ist er aus Frankreich nach Deutschland gekommen, um Profifußballer zu werden. Er spielte in kleineren Klubs, als das Kreuzband riss, begann er ein Physikstudium in Hamburg. Das brach er ab.

Arouna hat ein Faible für historische Räder

Parkplatznot in den Großstädten und ein zunehmendes Gesundheitsbewusstsein der Deutschen führt zu einer positiven Entwicklung auf dem Fahrradmarkt. Zwar wurden im vergangenen Jahr weniger, dafür aber teurere Fahrräder verkauft - was laut Zweirad-Industrie-Verband zu einem Umsatz von 2,6 Milliarden Euro führte - einem Plus von sieben Prozent. Die Kunden suchen nach individuellen Bikes, die Hersteller drängen in immer neue Nischen.

Arouna ist nicht nur Fast-Physiker, verhinderter Fußballer, sondern auch velophil - ein echter Fahrradfan. Sein neu entwickeltes Rad bezeichnet er als Umsetzung der mechanischen Philosophie in ein Projekt. "Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen", sagt er. Kernidee der Lehre nach Arouna sei "die absolute Einheit". In diesem Fall passe sich das Fahrrad dem Fahrer an, "es ist absolut flexibel". Detaillierter kann er seine Philosophie nicht beschreiben. Es fällt schwer, ihm zu folgen.

Vor der Gründung seiner Firma Velopedart habe er mehrere klassische Fahrräder restauriert. Allen gemein war, dass sie den Fahrer in eine bestimmte Sitzposition gezwungen haben. "Das nimmt die Inspiration", sagt er. Bei seinem Prototyp, den es derzeit in drei verschiedenen Rahmenhöhen gibt, lässt sich der Sattel hin und her schieben. Sitzt er in der Mitte, fährt sich das Rad fast wie ein altertümliches Hochrad. Befindet er sich hinten, lässt es sich wie ein normales Stadtrad bewegen - nur mit mehr Sitzkomfort. Denn durch die Seilkonstruktion, federt der Sattel ein und bietet die Gemütlichkeit eines Gummisitzballs fürs Büro. Zum Aufsteigen muss man das Fahrrad leicht zur Seite kippen. "Ich habe es zum Patent angemeldet", sagt Arouna und blättert in seinen Unterlagen. "Zwar ist es noch nicht erteilt, es sieht aber gut aus", glaubt er.

Über sein Fahrrad schrieb er ein Gedicht

Auf den ersten Blick erinnert sein Rad, das den Namen "Der Philosoph" oder "Die Philosophin" trägt, an ein Pedersen, das um 1890 von dem Dänen Mikael Pedersen entwickelt wurde und bis heute gebaut wird. Auch er war mit dem Sitzkomfort der damals erhältlichen Fahrräder nicht zufrieden und entwickelte einen geflochtenen Sattel, der wie eine Hängematte zwischen Lenker und Sattelstütze aufgehängt wird. Im Unterschied zum Arouna-Sattel kann der des Pedersen nicht verschoben werden. Arouna besitzt selbst ein Pedersen von 1904. Das parkt als Bestandteil einer kleinen, aber feinen Sammlung direkt neben seinem Bett. Fahrräder sind ihm nah.

Seinem eigenem Bike mit Seilsattelkonstruktion widmete er sogar ein Gedicht:

"Es ist wie eine Frau.
Sie hat mir ihre Geheimnisse verraten.
Sie hat mir erzählt, wie sie sein will.
Ich habe ihr gut zugehört.
Und ich habe sie so gut wie ich konnte beschrieben."

Die ersten Prototypen baute Arouna vor gut einem Jahr in einer Werkstatt in seinem Viertel, er besitze eine Ausbildung als Kunstrestaurator, daher das handwerkliche Geschick. Etwa 1,30-Meter Draht laufen an den Rohren des Rads vorbei, auch die Sattelhöhe lässt sich leicht variieren. Freunde rieten ihm ursprünglich davon ab, ein neues Fahrrad auf den Markt zu bringen. "Da ist kein Raum für Neuentwicklungen", sagte man ihm. Doch mittlerweile habe er über seine Facebook-Seite Kaufanfragen über Deutschland hinaus. Aber reicht das aus für die Geschichte vom Self-Made-Fahrradhersteller?

Die Historie renommierter Firmen belegt, dass es in Deutschland möglich ist, quasi aus der Garage heraus eine erfolgreiche Fahrradfirma zu gründen. "Selbstverständlich entscheidet neben dem handwerklichen letztendlich das unternehmerische Geschick über den wirtschaftlichen Erfolg. Als Beispiele für Unternehmungen aus Leidenschaft, die sich am Markt etablieren konnten, lassen sich zum Beispiel Riese & Müller oder Schindelhauer nennen", sagt David Eisenberger, Leiter Marketing und Kommunikation beim Zweirad-Industrie-Verband, der die Interessen von etwa 85 Mitgliedsunternehmen vertritt.

Velopedart finanzierte der Entwickler mit seinen Ersparnissen

Arounas Prototypen sind so simpel gehalten wie möglich. In erster Linie, um Geld zu sparen. Er benutzte Stahl als Material für den Rahmen, verzichtete auf eine Gangschaltung, nähte die Ledersättel selbst und wählte als Fixierung für den Verstellmechanismus des Sattels Schnellverschlüsse von Turnschuhen. Zur Finanzierung des Projekts griff er auf seine Ersparnisse zurück, für die Fertigung hat er eine Kampagne bei Startnext gestartet.

In Serie wird er die Produktion an Profis auslagern. Er beschäftigt einen Rahmenbauer in Hamburg, einen Produzenten in Lübeck, und auch die Sättel will er künftig mithilfe von Lasertechnik in Hamburg fertigen lassen. Zusätzlich zu den bisher entwickelten drei Rahmengrößen soll es auch noch eine XL-Version geben für Menschen über 1,85 Meter Körperlänge. Je nach Ausstattung sollen die "Philosophen" 2500 bis 3500 Euro kosten.

Dass er die Räder in Deutschland produzieren lässt, sei ihm sehr wichtig, sagt er. Hamburg bezeichnet er als Heimat. Wenn er für sich selbst etwas aufschreibt, dann tut er das in deutscher Sprache und nicht etwa auf Französisch. "Deutsch ist besonders präzise", sagt Arouna. Und Genauigkeit gehört eben zur Kunst des Rahmenbaus.

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neighbourofthebeast 24.07.2017
1. Ich wünsche jedem, der
den Mut aufbringt, sich mit einer Idee selbstständig zu machen viel Erfolg. In diesem Fall bin ich aber etwas skeptisch. Abgesehen vom verschiebbaren Sattel ist es... nun ja.... eben ein Pedersen Rad, oder nicht? Insgesamt wirkt das wie eine Weiterentwicklung im Detail und nicht wie eine neue Erfindung, weswegen ich mir da irgendwie kein Patent drauf vorstellen kann. Aber ich kenne mich mit Patentrecht nicht aus. Jedenfalls toi toi toi.
observerlbg 24.07.2017
2. Na denn mal viel Glück....
Individualisierung ist derzeit angesagt. Und in weiten Kreisen der urbanen Deutschen scheint ja genug Geld für Produkte abseits des Massenmarktes zu sein. Im Falle von Fahrrädern finde ich das sehr sinnvoll. Gerade hier in Hamburg muss der Druck auf den Senat erhöht werden, eine noch radfahrerfreundlichere Verkehrsgestaltung zu erreichen. Viiel mehr Pendlerstellplätze am Stadtrand, viel mehr "Fahrradsafes" an den Bahnstationen, viel mehr sichere Radstellmöglichkeiten in der Innenstadt.... Eine unendliche Liste. Wenn ich mir hier die Rennbahnstraße, die Elbchaussee, die Kielerstraße.... ansehe, ist allein bein Radwegausbau noch viel Potential. Und die PKW-Hersteller zerlegen sich ja gerade selbst. Ich plediere für Hamburg DAS Kopenhagen Deutschlands zu werden ;-)
anton_ansichtsbuch 24.07.2017
3. Bonne chance
Brauchen wir noch ein Spezialrad und noch einen Pedersen-Ableger? Wahrscheinlich nicht, aber es ist eine Freude zu sehen, wie hier eine Idee mutig umgesetzt wird, wie Leben in die normierte Welt des Fahrrads kommt, und allein deswegen verdient Velopedart Unterstützung. Ob Sie auch von mir kommt? Ich weiß nicht, ob mir 3 500 Euro nicht doch ein wenig zu teuer sind. Aber wenn ich eine Hotelkette hätte oder dem Bundestag neue Räder spendieren müsste, der Mann aus Hamburg bekäme sofort einen werbewirksamen Auftrag. Persönlich interessiert mich noch, wie sich ein solches Spannseilrad fährt. Der Hintern fragt nach einer Probefahrt.
walter_e._kurtz 24.07.2017
4. bin da optimistischer
Zitat von neighbourofthebeastden Mut aufbringt, sich mit einer Idee selbstständig zu machen viel Erfolg. In diesem Fall bin ich aber etwas skeptisch. Abgesehen vom verschiebbaren Sattel ist es... nun ja.... eben ein Pedersen Rad, oder nicht? Insgesamt wirkt das wie eine Weiterentwicklung im Detail und nicht wie eine neue Erfindung, weswegen ich mir da irgendwie kein Patent drauf vorstellen kann. Aber ich kenne mich mit Patentrecht nicht aus. Jedenfalls toi toi toi.
Also, auf "Weiterentwicklung" des Pedersen-Konzeptes können wir uns meinetwegen einigen, aber nur im Detail? Ich meine, Arounas Rad ist wesentlich klarer gezeichnet, von der Auslegung her wesentlich näher am Form-Follows-Funktion-Konzept mit gänzlich anderen (jetzt sind wir wieder beim -> Detail-) Lösungen, sowohl was den massiven Lenkkopf/Rohrbereich angeht (vgl. die filigrane Pedersen "Lenkrohr-"Partie), als auch die Seilführung/Kräfteumleitung der Sattelaufhängung, was massive konstruktive Änderungen des Rahmendesigns nach sich zieht. Bsplw. hat Arouna mitten im Rahmen ein Seilstück angesetzt, weil ein weiteres Rohr überflüssig ist - dieses Bauteil wird nur auf Zug belastet! Da scheint mir insgesamt der Beinahe-Physiker mit Fahrradphilosophieanspruch durchzukommen. Erstmal, so ohne Fahreindruck, find ich´s cool! Würde mich auf jeden Fall interessieren, wie sich so ein Design fahren läßt - denkbar sind ja auch Sport-/Komforableger mit veränderter Geometrie, kleinem Dämfer im Sattelseilzug, anderem Lenker, ....
barlog 24.07.2017
5.
Wahrscheinlich wäre dieses Konzept nichts für mich, denn an dieser Stelle vermisse ich keine großzügige Verstellmöglichkeit. Ich habe mal bei einem SSP und einem MB unabhängig voneinander über Wochen alle Sattel- und Vorbaueinstellungen so lange verändert, bis ich das Gefühl hatte, daß wirklich nichts mehr drückt, ich quasi mit dem Fahrrad verwachsen bin und die Kraft optimal auf die Pedale bringe. Später habe ich da mal nachgemessen und festgestellt, daß viele Verhältnismaße sich bei den beiden Rädern trotz unterschiedlicher Rahmen und Lenker fast auf den Millimeter glichen (Sattelspitze zur Griffposition, Höhenverhältnis Sattel - Griffposition). Deshalb glaube ich, daß eine individuelle Anpassung des Fahrrades an die Körpermaße des Fahrers wichtig ist und wohl letztlich auch eine ziemlich feine Einstellung (incl. evtl Sattel-, Vorbau- und Lenkerwechsel) beinhaltet. Viel Glück auf jeden Fall dem mutigen Unternehmer, der wohl leider auch mit dem Problem kämpfen muss, daß sein in Deutschland gefertigtes Produkt, den Deutschen, die ihn feiern, zu teuer sein wird.
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