Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Fahrrad-Polo: Treffen der tätowierten und bärtigen Spielkinder

Von

In den Metropolen haben Fahrradkuriere ein altes Spiel wiederbelebt: das Bikepolo. Es ist rau, hat viel mit Eishockey gemein und setzt perfekte Fahrkünste voraus. In Karlsruhe trafen sich am Wochenende die besten Spieler aus sieben Nationen zum ersten internationalen Turnier des Jahres.

Bike-Polo: Treffen in Karlsruhe Fotos
Andrea Reidl

Eine Horde bärtiger Typen und ein paar Frauen trödeln am Samstagmorgen inmitten von Fahrrädern im Foyer der Karlsruhe Messe herum. Im Zentrum der Meute: Ein hölzernes Oval, die Spielfeldumzäunung für das Bikepolo. Gerade spielt hier Benelux gegen London. Ein altes Spiel, das neu entdeckt von Fahrradkurieren, sich weltweit zum urbanen Trendsport entwickelt. Das Greifmasters 2011 in Karlsruhe ist das erste internationale Bikepolo-Turnier des Jahres. Offiziell geht es um nichts. Inoffiziell ist es die Gelegenheit nach der Winterpause die Stärken und Schwächen der Gegner zu testen und Freunde wieder zu sehen.

Neun Teams aus sieben verschiedenen Ländern sind mit jeweils zehn Spielern zum Bikepolo angereist. Das Spiel selbst hat eine lange Tradition. Es wurde vor 120 Jahren in Irland erfunden, 1908 bei den Olympischen Spielen in London getestet und anschließend völlig vergessen.

"Ready?", fragt der Schiedsrichter in Karlsruhe die Teams. Je drei Teilnehmer aus Deutschland und Frankreich stehen sich gegenüber. Die linke Hand umfasst den Lenker, die Rechte den Schläger. Die Füße scheinen an den Pedalen festgeklebt. Die Regel lautet: Sie dürfen nicht den Boden berühren. Sonst geht's zur Straffahrt zum so genannten Tap-out am Spielfeldrand. Dort muss der Übertäter einen aufgehängten Gegenstand berühren. Das sind heute zwei Dosen Bier an einem Galgen.

Vorteil Frankreich

Die Fahrer nicken. Tunnelblick. "Have a nice game", brüllt der Schiri: "Three, two, one, Polo." Die Spieler rasen los. Ihr Ziel ist der rote kleine Ball auf der Mittellinie. Der soll ins gegnerische Tor. Frankreich ist schneller, schlägt zu, der Ball schießt los und die Spieler hetzen hinterher.

Schläger klacken, Räder blockieren, Ellenbogen bohren sich in die Seiten des Gegners. Einer fliegt mit dem Kopf voran über den Lenker, springt sofort wieder auf, schmeißt sich in den Sattel, stürmt zum Tap-out, schlägt an, rast zurück. 38 Minuten lang zählt auf dem Spielfeld keine Freundschaft mehr. Die Spieler sind Kämpfer, hart im Nehmen und gnadenlos beim Austeilen. Jeder will gewinnen. Auf dem Spielfeld ist fast alles erlaubt.

Bikepolo im 21. Jahrhundert ist eine Mischung aus Eishockey, Rugby und Fahrradkunst. Die Sportgeräte sind Eigenbauten: Eingangräder ohne Bremsen - so genannte Fixies - mit kurzen Radständen, niedrigen Rahmen und abgesägten Lenkern. Das macht sie extrem schnell und wendig. Je nach Nationalität ist der Fahrstil ruppiger oder eleganter. Angstmachen und Respekteinflößen sind Teil des Spiels, aber der Trend geht zu mehr Spieltechnik - jedenfalls in Europa.

Deutschland spielt mit zwei Frauen in der Mannschaft, das ist ungewöhnlich. Eduard Krömer, kurz Eddy, findet das gut: "Anja hat jahrelang Fußball gespielt, und ist fitter als die meisten Jungs. Außerdem ist sie eine super Teamspielerin und hat das ganze Spielfeld im Blick." Anna hütet an diesem Wochenende in Karlsruhe das Tor. Sie spielt seit zwei Jahren mit Mo und David unter dem Namen "Polosynthese" Bikepolo in Frankfurt. Im vergangenen Jahr haben sie bei der Weltmeisterschaft in Berlin den siebten Platz belegt, von 64 Teams. Das war ein Kulturschock für die Amerikaner, die gemischte Teams belächeln.

Wer keinen Bart trägt, ist ein Milchbubi

Bei Turnieren bleibt Anna, die drahtige Frau mit den dunklen Haaren, lieber im Tor. "Wenn die Gegner verlieren, stürzen sie sich sofort auf das schwächste Glied", sagt sie. Als Frau ist das sie. Gegen 90 Kilo hat das Leichtgewicht beim Bodycheck keine Chance.

Da sind Männer im Vorteil. "Wenn der Gegner einen Psycho in der Mannschaft hat, holen wir den vom Rad", sagt Eddy grinsend. Der Mann aus München ist der Prototyp des Polospielers. Für ihn ist das nicht nur ein Spiel, sondern Lifestyle. Der Inhaber eines Fahrradladens ist zwei bis drei Mal pro Woche beim Training, reist von Turnier zu Turnier, ist tätowiert und Bartträger.

Die Gesichtsbehaarung ist wichtig in der Szene. Sie ist Erkennungszeichen und soll Respekt einflößen. Glattrasierte ernten Hohn. "Milchbubi, vor dir werden wir nie wieder Angst haben", höhnten die Spieler, als Eddy mit Dreitagebart zum Bikepolo in Barcelona aufkreuzte. Aber die Jungs beweisen Humor: Für Karlsruhe haben sich aus dem italienischen Team fast alle Spieler ihre Bärte gestutzt. Sie traten mit Schnauzern an.

Noch ist die Szene der Bikepolo-Spieler überschaubar. Angefangen hat alles auf den Parkplätzen in Seattle. Dort haben Fahrradkuriere das Spiel vor rund 15 Jahren festivalfähig gemacht. Erst kamen die Leute zum Zuschauen, dann zum mitspielen. Das Equipment ist simpel: Man braucht ein Rad, einen Schläger, selbstgebaut aus einem Abflussrohr und einem Skistock und einen Streethockeyball.

Kameradschaft nach dem Spiel

Nach und nach verbreitete sich Urban Bikepolo via Internet um den Globus. Längst hat in der Szene ein Generationswechsel stattgefunden. Kamen die ersten Spieler ausschließlich aus der Kurierszene, sind sie jetzt in der Minderheit. Anwälte, Lehrer, Schlosser, Studenten oder Fahrradschrauber haben sie abgelöst. Und die nächste Generation steht schon bereit. Junge Spieler um die zwanzig, wie Mo und David aus Frankfurt.

Abpfiff: 38 Minuten sind um. Deutschland hat verloren. 8 zu 9 gegen Frankreich. Drei Minuten zuvor haben die Franzosen noch erbittert um ein Tor gestritten. Bis zur letzten Sekunde kämpften die Kontrahenten verbissen um jeden Ball. Jetzt liegen sie sich lachend in den Armen.

Nach dem Spiel sind sie Freunde. Beste Kumpel, die jeden Tag in Bikeforen miteinander chatten und über Bikes und Teile tratschen. Spielen sie in anderen Städten, übernachten sie auf dem Sofa des Gegners, bei deren Mitbewohnern und Freunden im Bett oder auf dem Boden. Jeder sorgt für jeden, das ist Gesetz. Bis zum nächsten Spiel, dann geben sie alles: touchieren einander, bremsen sich aus, tricksen, blockieren, rempeln. Denn eigentlich wollen sie nur eines: Bikepolo spielen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Klingt ja spannend...
dosmundos, 08.02.2011
Action scheint garantiert. Haben wir als Kinder auch gerne gespielt, war aber schwierig, da die Jungs mit BMX-Rad klar im Vorteil waren. Jetzt noch die Bierdosen zum "Tap-out" durch Dosen eines bekannten Flügel verleihenden Energy-Drink-Produzenten ersetzen, und der Fernsehkarriere des Sports stehen alle Türen offen :-)
2. Radball
Stefanspiegelt 08.02.2011
Das hat vor 40 Jahren einfach Radball geheißen.
3.
hopper77, 08.02.2011
Zitat von StefanspiegeltDas hat vor 40 Jahren einfach Radball geheißen.
Radball spielt man nur mit Rad und Ball. Einen Schläger gab es dort nicht. Von daher ist der Begriff Rad-Polo schon zutreffender.
4. Radball vs. Radpolo vs. Bike-Polo
Radballer 09.02.2011
Oje, hier muss man mal mit den getroffenen Aussagen aufräumen: Radball wurde nicht vor 40 Jahren gespielt und heißt heute Bike-Polo, sondern es heißt immer noch Radball, man spielt es bis heute in Hallen und das auch sehr organisiert und international (siehe www.radball.at). Von der Bezirksliga bis zur 1. Bundesliga gibt es in Deutschland insgesamt 6 Klassenstufen, wobei schon ab der 2. Liga dreigleisig gespielt wird/werden muss. Der aktuelle Weltmeister kommt ebenfalls aus Deutschland. Radball ist bis heute (auf wenige Ausnahmen im Jugendbereich) ein reiner Männersport geblieben. Eine Sicherheitsausrüstung wie beim Bike-Polo ist nicht nötig, obwohl das Spiel auch sehr ruppig zugehen kann. Radpolo ist die Hallenradsportveriante zu Radball für Frauen. Auch hier spielen zwei gegen zwei und ebenso sind keine Schutzausrüstungen nötig. Deswegen musste ich auch ein wenig schmunzeln, als erwähnt wurde, dass Deutschland gar mit 2 Frauen im Team spielt. Durch das Regelwerk wird vermieden, dass es zu Verletzungen kommt - ein Draufdreschen mit dem Schläger gibt es hier nicht. Hier ist viel mehr körperliche Technik am Start. Von der Radtechnik sind die sog. "Radballmaschinen" wie auch die "Polomaschinen" Sonderanfertigungen, die von Fahrradmanufakturen in kleinen Stückzahlen hergestellt werden. Sie haben Dirketübersetzung, d.h. man kann auch Rückwärtsfahren. Ein Abkleben der Räder zum Schließen von Lücken, damit der Ball nicht "durchgeht" oder um das Verhaken von Schlägern zu vermeiden ist im Regelwerk von Radball wie auch Radpolo untersagt. Wir Radballer sind uns bewusst, wie auch im Übrigen die Hallenradsportler allgemein inklusive den Kunstradfahrern (ganz anderes Thema!), dass unser Sport immer ein Nischensport bleiben wird, da der Bund Duetscher Radfahrer (BDR) lieber olympische Disziplinen und damit aktuell vermehrt die durch Doping in Verruf gekommenen Disziplinen fördert. Trotzdem möchten wir jede Gelegenheit nutzen , auf uns aufmerksam zu machen und unseren Sport vorzustellen, auch wenn es "nur" im SPON-Forum ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Aktuelles zu


Aktuelles zu