Fahrradbau in Eigenregie Schreien hilft

Hanna Becker

Ein Fahrrad selbst aufzubauen kostet Geld, Zeit und Nerven. Ich wollte es trotzdem wissen - und lernte eine Lektion fürs Leben.

Eigentlich bin ich kein Do-it-yourself-Typ. Vor ein paar Jahren habe ich in zu Hause ein Küchenregal befestigt. Ein halbes Jahr später krachte es mitsamt Geschirr zu Boden. Seither kümmert sich meine Frau um die handwerklichen Probleme.

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  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Ein Fahrrad selbst aufbauen aber wollte ich schon immer. In der Schule habe ich die Freunde beneidet, die ihr Moped selbst frisieren konnten. Man hat eine andere Beziehung zu den Dingen, wenn man sie auseinandernehmen und wieder zusammensetzen kann. Mein Verhältnis zum Fahrrad würde auf eine höhere Stufe transformiert, wenn ich jede Schraube selber reingedreht hätte. Das war zumindest die Hoffnung, bevor ich begonnen hatte.

Ich habe mal unter Anleitung eines Rahmenbauers einen Fahrradrahmen gelötet. In Ländern wie den USA oder Großbritannien gibt es solche Kurse auch für Leute, die ein Fahrrad aufbauen oder reparieren wollen. Es wäre schön, wenn das bei uns auch angeboten würde. Einen Reparaturkurs des ADFC, den ich in Berlin vor Jahren besuchte, fand ich enttäuschend. Zu voll, zu kurz und es ging wirklich nur um Grundlagen.

Kleines Techniklexikon
Gabel
Die Gabel ist der Teil des Fahrrads, der Vorderrad und Lenkung mit dem Rahmen verbindet. Sie besteht in der Regel aus zwei Beinen, zwischen denen das Vorderrad befestigt ist, und einem Gabelschaft.
Gabelschaft
Der Gabelschaft führt durch das Steuerrohr des Fahrradrahmens, das ist das vorderste Rohr am Rahmen. Am Gabelschaft wird der sogenannte Vorbau befestigt, der den Lenker hält.
Steuersatz
Der Steuersatz ist das Lagersystem, das die Gabel mit dem Rahmen verbindet. Es gibt ein unteres und ein oberes Lager, die dafür sorgen, dass der Gabelschaft sich ungehindert im Steuerrohr drehen kann.
Gabelkonus
Der Teil des Lenklagers, der auf der Gabel aufliegt. Bei Stahlrädern wird der Konus auf die Gabel aufgeschlagen.
Centerlock-Aufnahme
Bei Scheibenbremsen gibt es zwei Befestigungssysteme: 6-Loch oder Centerlock. Bei Ersterem wird die Scheibe mit sechs Schrauben an der Radnabe befestigt. Beim Centerlock-System übernimmt ein Sicherungsring die Aufgabe.

Ein bisschen Schrauberwissen hatte ich. Gangschaltung einstellen, ein Tretlager einbauen, das ging. Aber eine hydraulische Scheibenbremse korrekt montieren? Das schien mir eine andere Art Herausforderung zu sein. Und was ist, wenn ich den Konus des Steuersatzes schief auf den Gabelschaft aufschlage? Dann müsste ich möglicherweise die ganze Gabel wegschmeißen.

Die bange Frage, die ich mir stellte, als ich den Rahmen vor mir hatte, hieß: Hast Du Dich möglicherweise übernommen?

Um es vorwegzunehmen: Es lief nicht alles so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Die Aktion hat mehr Zeit, Geld und Nerven gekostet als geplant. Dafür habe ich wichtige Lektionen gelernt, die mir beim nächsten Mal hoffentlich helfen werden:

1. Ein Teil fehlt immer: Ich hatte viel Zeit damit zugebracht, die Komponenten auszusuchen und möglichst alle Teile, Schrauben und Werkzeuge vor dem Start beisammen zu haben. Ich wollte das Rad in einem Rutsch aufbauen, oder zumindest an zwei oder drei Wochenenden hintereinander. Am Ende hat es drei Monate gedauert. Denn bei fast jedem Arbeitsschritt hatte ich noch irgendetwas vergessen. Zwar hatte ich Adapter für die Scheibenbremsen bestellt, aber nicht die Schrauben. Ich dachte, die wären dabei. Das konnten sie nicht, weil die Länge von der Dicke des Rahmens abhängt. Eigentlich logisch, man muss es nur wissen. Ein anderes Mal fehlte Plastikwerkzeug, das man zur Montage der Kurbelarme, an denen die Pedale befestigt sind, benötigt. Es kostet nur 1,95 Euro, kein großes Ding. Aber es musste besorgt werden. Irgendetwas was ist immer.

2. Wenn es hakt, muss es nicht die eigene Unfähigkeit sein. Der Selbstaufbau wäre fast beendet gewesen, bevor er begonnen hatte. Das Problem war banal: Ich hatte Bremsscheiben, die mit sechs Schrauben befestigt werden. Die Nabe in meinem Laufrad hatte aber eine so genannte Centerlock-Aufnahme, an der man die Bremsscheiben mit einem Befestigungsring montiert. Damit Scheibe und Nabe zusammenpassen, gibt es Adapter. Die wurden mit den Laufrädern mitgeliefert. Die Montage war leicht, nur leider schleifte der Befestigungsring des Vorderrads an der Gabel. Ich baute die ganze Sache auseinander und wieder zusammen, ich zog alles extra fest - das Schleifen blieb. Ich wiederholte das Ganze, extra langsam. Keine Fortschritte. Mich überkam Melancholie. Ich war kurz davor, das Projekt abzublasen. Dann besann ich mich und tat das Naheliegende: Ich kaufte neue Centerlock-Bremsscheiben. Erst später stieß ich im Internet auf die Ursache des Problems. Der Hersteller hatte den falschen Adapter geliefert.

3. Zinn ist unverzichtbar. Wer Fragen rund ums Rad hat, kann Tausende YouTube-Videos zu Rate ziehen. Viele sind gut und hilfreich. Nur das eine, spezielle Problem, das einen beschäftigt, lässt sich oft nicht finden. In solchen Fällen hilft die Bibel der Fahrradschrauber: "Zinn & the Art of Road Bike Maintenance". Wann immer ich nicht mehr weiter wusste, habe ich im Zinn nachgeschaut. Egal, ob Stahlräder aus den Sechzigerjahren oder moderne Carbon-Renner: Zinn beschreibt alles, was man wissen muss. Das Buch gibt es auch für Mountainbikes. Leider nur auf Englisch.

Hydraulische Scheibenbremsen
Hanna Becker

Hydraulische Scheibenbremsen

4. Was schwierig erscheint, ist oft leicht. Hydraulische Bremsen mögen komplizierte Gebilde sein. Die Montage ist erstaunlich unkompliziert. Das Kürzen der Bremsleitungen ging ruckzuck, und selbst das Entlüften klappte auf Anhieb. Und was den Konus des Steuersatzes angeht, dessen Montage ich so gefürchtet hatte: Der musste nur auf die Gabel aufgelegt werden. Ich musste gar nichts aufschlagen, die Montage des Steuersatzes dauerte keine fünf Minuten. Kurzzeitig fühlte ich mich wie ein versierter Zweiradmechaniker.

5. Was leicht erscheint, ist oft schwierig. Ich habe häufig Gangschaltungen eingestellt, das ist eigentlich kein Problem. Das würde es auch diesmal nicht werden, da war ich mir sicher. Allerdings hatte ich bislang nur an 8-, 9- oder 10-Gang-Schaltungen Hand angelegt. Es sollte sich herausstellen, dass elf Ritzel am Hinterrad eine Herausforderung eigener Art sind. Mal sprang die Kette nicht so von Ritzel zu Ritzel wie sie sollte. Mal schleifte sie am Umwerfer, der sie zwischen den beiden vorderen Kettenblättern hin und her bewegt. Mein Selbstbild als fähiger Mechaniker verschwand so schnell, wie es gekommen war. Einmal dachte ich, ich hätte es geschafft, aber nach ein paar Kilometern konnte ich von 22 Gängen nur noch 21 nutzen.

6. Manchmal hilft Schreien. Dass Scheibenbremsen schleifen, ist nicht ungewöhnlich. Im Internet findet man etwa 300 Methoden, um das abzustellen. Gefühlt 150 habe ich probiert. Die Bremse schleifte noch immer. Ich pfefferte das Werkzeug in die Ecke und schrie das Rad an, dass ich die Schnauze voll hätte und es zum Schrottplatz bringen würde. Am nächsten Morgen funktionierte alles tadellos.

Schließlich wurde ich fertig. Das Rad stand komplett vor mir, ich konnte es kaum glauben. Es war ein wunderbares Gefühl, eigenhändig etwas gebaut zu haben. Ich habe es intensiv empfunden, weil sich sonst meine Arbeit meist am Schreibtisch abspielt. Natürlich musste ich Kleinigkeiten korrigieren. Ein Rad ist wie der Kölner Dom, auch nie wirklich fertig. Aber ich war sehr froh, so weit gekommen zu sein.

Ralf Neukirch mit seinem Rad
Hanna Becker

Ralf Neukirch mit seinem Rad

Ob ich es wieder machen würde? Sagen wir so: Ein Rad aufzubauen ist wie das Überqueren von Alpenpässen. Mittendrin fragt man sich, warum man sich das antut. Hinterher ist es sehr schön. Im Moment reicht es mir offen gestanden mit dem Schrauben. Aber fragen Sie mich in zwei Jahren noch mal.



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37 Leserkommentare
derkohn 21.01.2018
tempus fugit 21.01.2018
moistvonlipwik 21.01.2018
Rubyconacer 21.01.2018
TS_Alien 21.01.2018
stefanmargraf 21.01.2018
ein-berliner 21.01.2018
jetbundle 21.01.2018
Wolf im Wolfspelz 21.01.2018
der_grillmeister 21.01.2018
abuske1 21.01.2018
acip 21.01.2018
desoie 21.01.2018
desoie 21.01.2018
cycletom 21.01.2018
chrisberg 21.01.2018
extra330sc 21.01.2018
P-Schrauber 21.01.2018
hegri 21.01.2018
w.diverso 21.01.2018
tempus fugit 21.01.2018
alterhaase 21.01.2018
tempus fugit 21.01.2018
varesino 22.01.2018
fundador 22.01.2018
Papazaca 22.01.2018
mr.pixel 22.01.2018
jan-c137 22.01.2018
jan-c137 22.01.2018
leseteufel23 22.01.2018
newline 22.01.2018
premstar_pill 22.01.2018
tempus fugit 22.01.2018
poldiradon 23.01.2018
Yessir 24.01.2018
Flari 24.01.2018
extra330sc 25.01.2018
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