Fahrrad-Blog Mode-Tipps für den "Mamil"

Café du Cycliste

Ich liebe Fahrradfahren, aber ich sehe nicht gerne wie ein Fahrradfahrer aus. Und erst recht will ich kein "Mamil" sein.

Das Akronym Mamil kommt aus Großbritannien und steht für Middle Aged Men in Lycra. Der lautmalerische Begriff bringt ein Dilemma auf den Punkt: Dass sich nämlich ein Großteil der angebotenen Fahrradbekleidung auf bunte und elastische Stoffe wie Lycra beschränkt.

Ich schäme mich zum Beispiel schon, in einer Radhose mit Sitzpolster ein Café zu betreten. Meine Fahrradkleidung soll so aussehen, dass ich mich darin nach der Arbeit auf ein Bier mit Freunden treffen kann, ohne mich in einer dunklen Ecke verstecken zu müssen.

Mit diesem Wunsch bin ich bestimmt nicht allein, deshalb macht "Radel verpflichtet" in dieser Folge einen kleinen Schlenker hin zum Mode-Blog: Die folgenden Hinweise und Erfahrungsberichte sind für andere Radfahrer hoffentlich hilfreich - ich bin jedenfalls der Überzeugung, dass man weder als Mamil noch völlig unpraktisch angezogen durch die Gegend fahren muss.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Aus England kommen glücklicherweise nicht nur Spottbegriffe für mittelalte Männer in Lycra, sondern auch modische Gegenentwürfe. Zum Beispiel eine Regenjacke der Firma Rapha. Die Jacke mit einrollbarer Kapuze benutze ich seit einigen Monaten. Sie ist unauffällig genug, um den Weg durchs Großraumbüro zum Schreibtisch mit Würde zurückzulegen. Außerdem ist sie winddicht, mit einem Pullover darunter reicht sie für Fahrten bis in den späten Herbst.

Wenn meine Jacke verschlissen ist, werde ich mir den Kurzmantel der Firma Vulpine näher anschauen. Mit der Fahrradkleidung dieses Herstellers habe ich bereits gute Erfahrungen gemacht. Der Mantel ist optisch an einen klassischen Trenchcoat angelehnt und hat einige für Radfahrer interessante Details, etwa den reflektierenden Einsatz zwischen den Schößen und den großzügigen Schnitt an Brust und Schulter. Man könnte ihn auch zu einem Geschäftstermin tragen.

Zugegeben: Die Preise sind, wie häufig bei britischen Produkten, hoch. Aber die Qualität ebenfalls.

Eine sportlichere Variante der Winterjacke kommt aus Frankreich. Die Heidi-Jacke der provenzalischen Firma Café du Cycliste kann ebenso gut für eine Freizeittour wie für den Weg zur Arbeit genutzt werden und sieht auch in der Kneipe nicht fehl am Platz aus. Dank der Wattierung an der Vorderseite hält sie auch an wirklich kalten Tagen warm.

Dass auch deutsche Firmen modische Radkleidung entwerfen können, zeigt die Firma O1O6. Den Kurzmantel Lehel habe ich einem Münchner Fahrradgeschäft anprobiert. Saß perfekt und hatte die kleinen Details, auf die man als Vielfahrer achtet: Ärmelbündchen, die keine Kälte durchlassen, Stretcheinsätze unter den Armen und einen Kragen, der sich bis zum Hals hochschließen lässt. Mir schien der Mantel allerdings sehr warm zu sein, sodass er vermutlich nur für die richtig kalten Tage geeignet ist.

Fotostrecke

8  Bilder
Fahrrad-Blog "Radel verpflichtet": Trag's mit Fassung

Das Problem im Winter ist in der Regel nicht, dass man zu kalt, sondern zu warm eingepackt ist. Ich habe eine einfache Faustregel: Wenn ich losfahre und leicht fröstele, dann bin ich richtig angezogen. Nach zwei bis drei Kilometern zügigen Fahrens ist mir angenehm warm. Meine wattierte Jacke von Gore Bike Wear trage ich nur, wenn die Temperatur deutlich unter Null sinkt oder ich mal kurz zum Supermarkt fahre.

Als Hose reicht mir eine Jeans, jedenfalls im Sommer. Im Winter bevorzuge ich eine spezielle Fahrradjeans, die hinten etwas höher geschnitten ist, damit der Wind nicht reinpfeift. Wenn man die Hose hochkrempelt, wird man im Dunkeln außerdem gut gesehen, weil sie an der Innenseite der Beine reflektierende Elemente hat.

Radlerjeans gibt es mittlerweile auch in Karottenform, also oben weiter und unten eng. Kenne ich noch aus den Achtzigerjahren, in denen ich modisch sozialisiert wurde. Das ist eigentlich der für das Fahrrad am besten geeignete Schnitt. Allerdings bin ich noch nicht so weit, mich darauf wieder einzulassen.

Die Lösung mit den Wanderschuhen ist noch nicht ausgereift

Das Hauptproblem an kalten Wintertagen sind die Füße, und hier gibt es leider keine wirklich befriedigende Lösung. Thermo-Überschuhe sind zwar fürs Rennrad okay, aber in der Stadt nervt das Aus- und Anziehen der Schlappen. Wenn es wirklich kalt ist, fahre ich in Wanderschuhen mit Schafswollsohle. Die sind eigentlich zu schwer, aber warme Füße sind wichtiger.

An den kältesten Tagen im Januar und Februar, wenn die Temperaturen in Berlin auf minus zehn Grad oder niedriger sinken, trage ich an den Händen Fäustlinge, die ich mir zum Skifahren gekauft habe. Das reicht, um mit warmen Fingern im Büro anzukommen. Ansonsten tun es meistens ein paar Handschuhe, die nicht speziell für das Radfahren gedacht sein müssen.

Bleibt noch der Kopf. Da ich nur mit Helm fahre, brauche ich eine dünne Mütze zum darunterziehen. Seit einigen Jahren gibt es Kappen, die nach dem Vorbild belgischer Fahrradmützen gearbeitet sind. Ich habe eine von der japanischen Firma Pedal Ed. Sie hält Ohren und Nacken warm und sieht stylish aus. Finde ich zumindest. Meine Frau kommt dagegen aus dem Lachen nicht raus, wenn sie mich mit der Kappe sieht.

Radfahren, das habe ich mittlerweile gelernt, ist nicht nur eine körperliche Herausforderung, sondern auch eine ästhetische.

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
72 Leserkommentare
trians 08.12.2016
iwes69 08.12.2016
huckzuck 08.12.2016
DerRegionator 08.12.2016
ctwalt 08.12.2016
danielc. 08.12.2016
perpetualis 08.12.2016
glasperlenspieler 08.12.2016
nickellasso 08.12.2016
dired1979 08.12.2016
bostonshaker 08.12.2016
solna 08.12.2016
mikaiser 08.12.2016
Ronnie68 08.12.2016
p2063 08.12.2016
ed_knorke 08.12.2016
heb78 08.12.2016
kleiner-wilder 08.12.2016
thomas_schwuchow 08.12.2016
quark2@mailinator.com 08.12.2016
dont_think 08.12.2016
meursault242 08.12.2016
rsl1411 08.12.2016
alpenradler 08.12.2016
rheinischerfrohsinn 08.12.2016
herr wal 08.12.2016
Ge-spiegelt 08.12.2016
gumbofroehn 08.12.2016
chichawa 08.12.2016
tillobasso 08.12.2016
tkwm 08.12.2016
blackbike67 08.12.2016
c.PAF 08.12.2016
take5 08.12.2016
saldegracia 08.12.2016
Herr_Jeh 08.12.2016
brehn 08.12.2016
derjohn 08.12.2016
nativebiker 08.12.2016
Micha_Zimmer 08.12.2016
fehleinschätzung 08.12.2016
rennflosse 08.12.2016
dickerulle 08.12.2016
guenbi 08.12.2016
siebenachtneun 08.12.2016
Friedhelm_Müller 08.12.2016
Leser161 08.12.2016
Stäffelesrutscher 08.12.2016
blackbike67 08.12.2016
oskar-maria-castorp 08.12.2016
misterknowitall2 08.12.2016
oskar-maria-castorp 08.12.2016
-seltsam- 08.12.2016
Steve B 08.12.2016
schlaueralsschlau 08.12.2016
Flari 08.12.2016
cor 08.12.2016
Sibylle1969 08.12.2016
pizzerino 08.12.2016
blackbike67 08.12.2016
rennflosse 08.12.2016
Reflective Cyclist 08.12.2016
heb78 08.12.2016
Arminiafan 08.12.2016
Flari 08.12.2016
Flugor 08.12.2016
HH1960 08.12.2016
Flari 08.12.2016
varesino 09.12.2016
mikaiser 09.12.2016
HH1960 09.12.2016
dietmarklevenstein 16.12.2016

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.