Radel verpflichtet

Radel verpflichtet Welcher Reifen passt zu mir?

Bicycle Quarterly

Viele Alltagsräder fahren sich hart und unbequem. Dabei wäre es ganz einfach, ihr Fahrverhalten zu verbessern.

Wenn ich mein Fahrrad vor dem SPIEGEL-Büro in Berlin anschließe, schaue ich mir manchmal die anderen Räder an, die dort abgestellt sind. Die meisten sind Trekking- oder Stadträder, ein paar Mountainbikes und leichte Fitnessbikes sind auch dabei. Fast alle haben eins gemein: die falschen Reifen.

Die montierten Pneus erfüllen natürlich ihren Zweck. Man kann mit ihnen von A nach B fahren. Sie sind robust und viele von ihnen pannensicher. Aber sie können nicht das, was ein guter Reifen bietet. Viele Fahrradfahrer könnten mehr Spaß haben, wenn sie andere Reifen wählten. Mit keinem anderen Teil lässt sich das Fahrgefühl auf so einfache Weise verbessern.

Zum Autor
  • Hanna Becker
    Zunächst deutete wenig auf eine andauernde Liebesaffäre hin. Die erste Begegnung mit einem Fahrrad, an die Ralf Neukirch sich erinnert, endete mit einem Sturz. Doch irgendwann wurde für den SPIEGEL-Redakteur das Radfahren von der Notwendigkeit zur Leidenschaft. Seither hält er es mit John F. Kennedy: "Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Rad zu fahren."

    Von den schönen Momenten, aber auch den sportlichen, technischen und persönlichen Herausforderungen des Radfahrens erzählt Ralf Neukirch regelmäßig in diesem Blog.

Ich selbst hatte mein Erweckungserlebnis, als ich vor einigen Jahren an meinem damaligen Tourenrad statt der vom Hersteller aufgezogenen klassischen 50 mm breiten Schwalbe Marathon Reifen auf den ebenfalls von Schwalbe hergestellten Marathon Supreme umgestiegen bin. Das Ergebnis war verblüffend: Das Rad fuhr sich leichter, schneller und deutlich komfortabler. Es war ein wunderbares Gefühl.

Es ist schwierig, einen guten Reifen auf den ersten Blick von einem schlechten zu unterscheiden. Einen sicheren Hinweis gibt es: Der einfache Marathon hatte ein ausgeprägtes Profil, der Supreme ein ganz feines. Lange Zeit dachte ich, ein tiefes Profil sei sicherer, vor allem bei Nässe. Mittlerweile weiß ich, dass das Quatsch ist. Aquaplaning gibt es bei Fahrrädern nicht.

Profilierte Reifen sind schwerer, sie rollen nicht so leicht ab und sie haben weniger Grip als Reifen mit feinem Profil oder so genannte Slicks, die völlig glatt sind. Das gilt für Asphalt und auf Schotterwegen durch Parkanlagen gleichermaßen. Also auf den Belägen, auf dem die Mehrzahl der Radler unterwegs ist.

Trotzdem haben die meisten Tourenräder und Stadträder Reifen mit kräftigem Profil. Einige Räder vor dem SPIEGEL-Büro hatten sogar Stollenreifen aufgezogen. Die rollen auf der Straße nicht nur schwer, vor allem in Kurven ist die Haftung deutlich schlechter als mit Straßenreifen. Die Hersteller wissen das. Aber viele Kunden wollen Reifen, die optisch etwas hermachen.

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Radel verpflichtet: Reifenwahl - von butterweich bis unkaputtbar

Ein weiterer Grund, warum manche Reifen besser rollen als andere, ist die Beschaffenheit der Karkasse, also des eigentlichen Reifenkörpers. Je flexibler dieser ist, desto komfortabler rollt der Reifen - und desto schneller. Das liegt daran, dass flexible Reifen Unebenheiten besser schlucken. Der so genannte Road Buzz, die Vibrationen auf rauem Untergrund, verschwinden nahezu. Das spart Kraft.

Das Problem ist nur: Woran erkennt man einen guten Reifen? Ein Indikator ist der so genannte TPI-Wert (der verwirrenderweise manchmal in EPI angegeben wird). TPI heißt Thread per Inches und gibt an, mit wieviel Fasern pro Zoll die Karkasse gewebt ist. Als Faustregel gilt: Je höher der TPI wird, desto leichter, flexibler und schneller der Reifen. Wettkampfreifen haben Werte von bis zu 127 TPI. Manche Hersteller kommen sogar auf TPI-Werte von mehr als 300. Das liegt allerdings daran, dass sie jede Gewebelage einzeln zählen. TPI-Zahlen allein sagen aber noch nicht genug über das Fahrverhalten eines Reifens. Die Gummimischung ist wichtig, die Beschaffenheit der Lauffläche, die Art des Pannenschutzes. Tests in Fachzeitschriften können bei der Reifenwahl helfen.

Vor zweieinhalb Jahren dachte ich, ich hätte bei einem Amerika-Aufenthalt den perfekten Reifen entdeckt: Das Modell Stampede Pass der amerikanischen Firma Compass Cycles, das bei Panaracer in Japan gefertigt wird. Schon beim Auspacken des Reifens war ich erstaunt, wie flexibel die Karakasse war, selbst im Vergleich zu einen Rennradreifen von Continental. Die Fahrt mit den Compass Reifen war ein Traum. Butterweich und enorm schnell. Das war besser, als alles, was ich bis dahin gefahren bin. Außerdem hatte die Compass Reifen eine beige Seitenwand. Das verbessert das Fahrverhalten zwar nicht, sieht aber super aus.

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Fahrradreifen

Die Reifenprüfung: Worauf legen Sie wert?

Es wäre zu schön gewesen, wenn dieser Reifen nicht doch einen Nachteil hätte. Es ist nicht die Pannensicherheit, wie ich vermutet hatte. Platten hatte ich so wenige wie mit meinen alten Reifen. Aber nach einem guten Jahr an meinem Alltagsrad, das ich oft auch mit schweren Packtaschen fahre, waren die Reifen hin. Die Seitenwände waren verschlissen. Da die Reifen bei günstigem Dollarkurs und ohne Zoll im Paar etwa 100 Euro Dollar gekostet hatten, habe ich mich nach Alternativen umgesehen.

Compass Reifen nutze ich heute nur noch an meinem Rennrad. Am Stadtrad habe ich die 32 mm breiten Continental 4 Seasons montiert. Die rollen auch gut und halten lange. Sie fahren sich allerdings wesentlich härter als die Compass-Reifen. Ich war überrascht, wie deutlich der Unterschied spürbar ist.

An meinem Fixie, einem Rad mit Starrgang, probiere ich gerade die 30 mm breiten Strada Bianca Pro Reifen der italienischen Firma Challenge aus. Sie fahren sich großartig, einen Komfort-Unterschied zu den Compass Reifen spüre ich nicht. Allerdings habe ich die Strada Bianca noch nicht lange genug, um beurteilen zu könne, wie gut sie halten.

Den richtigen Reifen für alle gibt es nicht. Es kommt darauf an, wofür man das Rad braucht. Wer nur kurze Strecken in der Stadt fährt, der kann auch mit einem der "unplattbaren" Modelle von Schwalbe glücklich werden, die an vielen Rädern montiert sind.

Wer aber auf Komfort und Geschwindigkeit Wert legt und auch sein Fahrrad für längere Strecken nutzt, der sollte experimentieren. Es lohnt, etwas Neues auszuprobieren, wenn ein Reifenwechsel ansteht. Am Ende kann nur jeder Fahrer selbst entscheiden, ob ein Reifen ihm zusagt. Nur eine Sache ist sonnenklar: Ein dickes Profil braucht außer Mountainbike-Fahrern und Cyclocrossern niemand.



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76 Leserkommentare
diskantus 06.05.2017
bissig 06.05.2017
Ge-spiegelt 06.05.2017
brotherandrew 06.05.2017
monoman 06.05.2017
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dirsch 06.05.2017
dbeck90 06.05.2017
Leser161 06.05.2017
klausm0762 06.05.2017
qoderrat 06.05.2017
-william- 06.05.2017
meiner79 06.05.2017
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lenni2 06.05.2017
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dichris 06.05.2017
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elveda 06.05.2017
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rs-quant 06.05.2017
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cycling247 06.05.2017
peter_freiburg 06.05.2017
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peter_freiburg 06.05.2017
Papazaca 06.05.2017
nönönönö 06.05.2017
Papazaca 06.05.2017
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nönönönö 06.05.2017
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rs-quant 07.05.2017
derkohn 07.05.2017
elveda 07.05.2017
liquimoly 07.05.2017
mikaiser 07.05.2017
jufo 07.05.2017
Pango 07.05.2017
varesino 07.05.2017
Flari 07.05.2017
redneck 07.05.2017
Flari 07.05.2017
mikaiser 07.05.2017
ue_fachmann 08.05.2017
juri. 08.05.2017
varesino 08.05.2017
nmu 08.05.2017
misterknowitall2 08.05.2017
pastazzo 08.05.2017
spinningdoctor 08.05.2017
112211 08.05.2017
hansriedl 08.05.2017
ErhardtVortanz 10.05.2017

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