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Fahrräder: Den perfekten Sattel gibt es nicht

Ein neuer Sattel gleicht einem neuen Schuh: In den ersten Tagen drückt und scheuert er oft. Wie findet ein Radfahrer den perfekten Thron? Radsportdozent Achim Schmidt von der Sporthochschule Köln gibt SPIEGEL-ONLINE-Lesern Tipps.

Fahrräder: Den perfekten Sattel gibt es nicht Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Herr Schmidt, wie sieht der perfekte Sattel aus?

Schmidt: Den gibt es nicht. Jeder Mensch hat seine spezifische Anatomie und sein persönliches Schmerzempfinden. Es gibt Menschen, die setzen sich auf einen beliebigen Sattel - und merken gar nichts. Jeder Dritte hat auf dem Sattel hingegen starke Schmerzen.

SPIEGEL ONLINE: Hängt das nicht vor allem davon ab, wie häufig man fährt?

Schmidt: Natürlich, der Anpassungsfaktor ist wichtig. Ich vergleiche einen Fahrradsattel gerne mit hochhackigen Damenschuhen. Wer regelmäßig hohe Hacken trägt, kann damit prima laufen. Wer sie nur ab und zu spazieren führt, dem tun die Füße weh.

SPIEGEL ONLINE: Finden Menschen, die selten Rad fahren, folglich nie einen passenden Sattel?

Schmidt: Doch. Sie müssen allerdings einige Regeln beachten. Wer wenig fährt, alle zwei bis drei Wochen eine Stunde, beginnt immer wieder bei null. Der braucht einen weichen Sattel. Je weiter und häufiger man fährt, umso härter darf er sein. Nach 1000 Kilometern haben sich die Sitzbeinhöcker an den Sattel gewöhnt.

SPIEGEL ONLINE: Braucht man für verschiedene Fahrradtypen unterschiedliche Sättel?

Schmidt: Je aufrechter ich fahre, etwa beim Holland- oder Cityrad, umso größer und breiter ausgestattet darf der Sattel sein. Fahre ich aerodynamisch gestreckt, brauche ich einen schmalen Sattel. Und: Je schwerer ich bin, umso größer und voluminöser muss der Sattel sein

SPIEGEL ONLINE: Was halten sie von ergonomischen Vermessungen, die zum Wunschsattel führen sollen?

Schmidt: Das funktioniert erstaunlich gut. Man misst die Beckengröße, genauer gesagt, den Abstand zwischen den Sitzbeinhöckern. Dazu setzt man sich auf die gerippte Seite eines Stücks Wellpappe und bohrt seine Sitzknochen hinein. Entsprechend diesem Wert wählt man dann den passenden Sattel aus.

SPIEGEL ONLINE: Kann man einen Sattel falsch einstellen?

Schmidt: Man kann ihn zu schräg einstellen. Jeder Sattel wird waagerecht festgeklemmt. Nach ein, zwei Touren entscheidet der Fahrer, ob er ihn vorne etwas absenkt. Wenn er ihn mehr als zwei bis drei Zentimeter absenkt, rutscht er ab, die Hautschichten verschieben sich und er bekommt Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Kann es am Sattel liegen, wenn Hände oder Füße beim Fahren taub werden?

Schmidt: Wenn die Hände einschlafen, ist der Sattel möglicherweise zu hoch eingestellt. Sollten die Füße taub werden, klemmt der Sattel vielleicht einen Nerv oder ein Gefäß an der Innenseite des Oberschenkels ein.

SPIEGEL ONLINE: Sind geschlechterspezifische Sättel sinnvoll?

Schmidt: Der anatomische Unterschied wird zu Marketingzwecken gerne von der Industrie propagiert. Aber er wird überbewertet. Das beweist der Profisport: Frauen und Männer fahren dort die gleichen Sättel.

SPIEGEL ONLINE: Was darf ein guter Sattel kosten?

Schmidt: Zwischen 50 und 100 Euro, aber er kann auch günstiger sein. Es kommt immer darauf an, was man damit machen will.

SPIEGEL ONLINE: Was halten sie von klassischen Ledersätteln?

Schmidt: Weltumradler und Vielfahrer bevorzugen das häufig. Ein handgearbeiteter Kernledersattel von Brooks ist ein tolles Ding. Er ist anfangs allerdings sehr unbequem und muss 1000 Kilometer eingefahren werden. Man muss ihn eincremen und nachspannen. Und vor allem sollte er nicht nass werden.

SPIEGEL ONLINE: Was empfehlen Sie empfindlichen Radfahrern, die auf lange Tour gehen?

Schmidt: Eine Radhose mit Innenpolster oder eine Radunterhose. Beides ohne Unterwäsche tragen und maximal drei Tage fahren. Spätestens dann unbedingt waschen. Außerdem bieten einige Radhosenhersteller Sitzcremes an. Die machen die Haut gleitfähiger und verringern die Gefahr von Pickeln oder Furunkeln.

SPIEGEL ONLINE: Klingt alles sehr mühsam. Gibt es keinen einfachen Weg, zu einem bequemen Sattel zu kommen.

Schmidt: Das versprechen Ihnen die Hersteller. Aber es stimmt meistens nicht. Die Chance, einen Sattel zu finden, der sofort zu einem passt, ist gering. Man muss Geduld mitbringen, der Körper ist eben keine Maschine.

Das Interview führte Andrea Reidl

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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1. Ich fahr Liegerad
Bernd Paysan 22.07.2010
Da gibt's nämlich den perfekten Sitz, an den man sich nicht gewöhnen muss. Dafür muss man das Radfahren neu lernen, wenn man vom Normalrad zum Liegerad umsteigt.
2. Widerspruch
dick_&_durstig 22.07.2010
http://images.qxlricardo.com/ImgUsers/2/6/600/60007/6000798/600079808_Big.jpg
3. .
herr-vorragend 22.07.2010
Leider sehr sehr technisch beschrieben. Ich empfehle jedem, der einen neuen Sattel benötigt, ein gutes Fahrradgeschäft aufzusuchen. Gut heißt in diesem Fall, dass man den Sattel für ca. 2 Wochen umtauschen kann wenn er nicht gut passt. Das machen aber nicht viele Läden. Also notfalls zum nächsten Händler laufen.
4. Jeder hat die Sitzschmerzen, die er verdient ...
baninchenrenner 22.07.2010
Ich fahre seit Jahren mit dem im Artikel abgebildeten "Rideball"-Sattel, der übrigens aus nur einem (und nicht zwei) aufblasbaren Ball besteht. Dieser Sattel ist nach meiner Erfahrung an Komfort nicht zu überbieten, denn man sitzt auf einer luftgefüllten Gummiblase. Selbst Gelsättel können da nicht mithalten, denn es fehlt diese überflüssige "Nase" vorn am Sattel. Natürlich ist der "Rideball"-Sattel gewöhnungsbedürftig und auch ästhetisch nicht jedermanns Sache, aber ich werde beim Radeln in der Stadt unentwegt darauf angesprochen. Also ein Eye-Catcher ist er allemal. Es ist mir ohnehin ein Rätsel, warum die Räder luftgefüllt mit der Straße in Kontakt kommen dürfen, der menschliche Hintern jedoch auf zum Teil unglaublich harten Sitzen geschunden wird. Viele nehmen Taubheitsgefühle, wunde Abschürfungen, Hautreizungen aller Art (Bläschen, Furunkel usw.) stoisch ein leben lang in Kauf, weil der Fahrrad-Sattel unbedingt allgemeingültigen Kriterien entsprechen soll, statt so individuell wie möglich auf einen selbst angepasst. Da werden Kompromisse gemacht und schön geredet. Die Schmerzen werden eben verharmlost und heimlich ausgehalten. Bitteschön. Die Folge kann schlimmstenfals sogar Infertilität sein. Ich schwöre auf den "Rideball"-Sattel, kann ihn nur wärmstens empfehlen und bin sehr erstaunt, dass das immer noch ein Nischenprodukt ist und nicht einmal in Fahrradgeschäften zu finden ist, die sonst immer gern mit ausgefallenen Produkten protzen, die es angeblich nirgendwo anders zu kaufen gibt. Letzten Sommer wurde ich zu einer Radtour mit Freunden von Berlin zum Straussee und zurück (ca. 90 km) eingeladen. Alles veritable Vielradfahrer. Auf dem Rückweg strampelten sie samt und sonders nur noch im Stehen, ich saß dagegen entspannt auf meinem aufgeblasenen Gummithron. Jeder darf jetzt raten, warum Dummheit, Ignoranz und Eitelkeit wohl nimmer ausstirbt ...
5. ...
IsArenas, 22.07.2010
Zitat von Bernd PaysanDa gibt's nämlich den perfekten Sitz, an den man sich nicht gewöhnen muss. Dafür muss man das Radfahren neu lernen, wenn man vom Normalrad zum Liegerad umsteigt.
Hallo! Solche Liegeraeder sehe ich zuweilen hier rumfahren, allerdings nur in der Ebene. Fahren Sie damit etwa auch Berge hoch?
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Zur Person
Achim Schmidt
Achim Schmidt (41) ist Dozent für Radsport an der Deutschen Sporthochschule Köln, Geschäftsführer des Kompetenzzentrums für Nachhaltige Sportentwicklung, aktiver Radrennfahrer mit A-Lizenz und Buchautor. Seit Jahren setzt er sich vehement für einen Doping-freien Radsport ein.

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