Fahrräder für Kleinwüchsige "Hauptsache, Käpt'n Blaubär ist nicht drauf" 

Es gibt Fahrräder für Erwachsene und welche für Kinder. Doch was machen Menschen, die zwar erwachsen sind, aber nur so groß wie Kinder? Juliane Neuß hat sich mit ihren Bikes auf diese Zielgruppe spezialisiert.

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In ihrem Leben spielt Größe eine entscheidende Rolle. Juliane Neuß öffnet die Tür zu ihrer Souterrain-Wohnung in Glinde, etwa 20 Kilometer von Hamburg entfernt. "Ich habe nichts anzuziehen", scherzt die Frau mit dem kastanienbraunen Kurzhaarschnitt zur Begrüßung, lacht und deutet auf ihre Garderobe links neben dem Eingang.

Fahrräder im Flur
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Fahrräder im Flur

Statt Jacken hängen dort Fahrräder an der Wand, die Vorderreifen nach oben, die Lenker zur Seite geklappt. "Die großen sind meine", sagt sie, zeigt erst auf ein Falt- und anschließend auf ein Rennrad. Die Mehrzahl der Modelle, die dort auf ihren Einsatz warten, fällt jedoch gleich mehrere Nummern kleiner aus. Kinderfahrräder?

Nicht alle. Neuß baut Räder für Kleinwüchsige. Mit ihrer Firma Junik gehört die 54-Jährige zu den wenigen Experten für Spezialanfertigungen in Europa.

Die meisten Kunden sind zwischen 0,85 und 1,30 Meter groß

Etwa 100.000 Menschen leben in Deutschland mit den Folgen einer Wachstumsstörung. Bei Männern sprechen Mediziner bis zu einer Größe von 1,50 Metern von Kleinwuchs, bei Frauen bis 1,40. "Die meisten meiner Kunden sind zwischen 0,85 und 1,30 Meter groß", sagt die Frau aus Glinde. Doch wie kommt man dazu, Fahrräder für diese Zielgruppe zu entwickeln, die zahlenmäßig gar nicht so klein ist? "Zufall", erklärt Neuß kurz.

Neuß ist Laborantin für Werkstoffkunde (Metallographin) und autodidaktische Fahrradexpertin mit einem Kompakt-Fernlerngang Fahrrad-Einzelhandel als Ausbildung. Auf ihrem Gebiet gehört sie zu den gefragtesten Spezialisten - europaweit - unter anderem arbeitet sie für die englische Faltrad-Traditionsmarke Brompton. Zudem unterrichtet sie am Berufsbildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Frankfurt angehende Meister in Ergomomie und Werkstoffkunde. "Ich hab Gene, die aus Ketten und Speichen sind", sagt sie.

Wie es zu dieser Biographie kam? Durch einen Nebenjob. Am Wochenende verdiente sie in einem Fahrradladen in Hamburg etwas Geld dazu, montierte dort neue Fahrräder zusammen. Später führte sie sechs Jahre lang die Filiale. Als ihre Nichte in ein Alter für ein Kinderfahrrad kam, entwickelte Neuß lieber selber eins. "Sie sollte nicht auf einem Schrottrad fahren lernen - und ich hab schon immer an Fahrrädern geschraubt", erzählt sie. Im Laden seien ihr zu viele Kinderräder untergekommen, die ergonomisch eine Katastrophe waren. "Das, was ich da gesehen habe, konnte einfach nicht gut passen", sagt sie.

Die meisten Kinderräder sind für Kleinwüchsige ungeeignet

1993 konstruierte Neuß deshalb das Skippy, ein mitwachsendes Kinder-Fahrrad, das der Hersteller Patria in den Folgejahren bis 2015 baute. "Den Kontakt zu Patria hat mein damaliger Chef aus dem Radladen hergestellt", erinnert sie sich. Zwar habe Patria den Bau des Skippy erst einmal kategorisch abgelehnt - zu teuer, zu extrem - um dann kurz vor der jährlichen Fahrradmesse doch noch einen Prototypen fertig zu stellen. "Als auf der Messe 50 Bestellungen eingegangen waren, ging es los mit der Serienproduktion", erinnert sie sich.

Das Skippy war für Neuß der Einstieg in das Geschäft mit Spezialanfertigungen für Kleinwüchsige. Ein Betroffener, der in den Fahrradladen kam, und ein Bike für sich suchte, bat Neuß für eine Sitzprobe auf das Kinderrad. "Aufgrund seiner vielen Verstellmöglichkeiten konnte ich das Skippy gut an seine Größe anpassen". Glücklich über Neuß kompetente Beratung, empfahl er die Fahrradexpertin an eine kleinwüchsige Freundin weiter. "Die hat mich dann in die Szene eingeführt", sagt Neuß.

Jedes Jahr treffen sich Betroffene in Hohenroda, Hessen, um sich mit Fachleuten über Kleinwuchs auszutauschen. Neuß fährt regelmäßíg mit ihren Probefahrrädern dorthin. Den dort Anwesenden zeigt sie, dass es möglich ist, ein perfekt passendes Fahrrad zu finden statt sich auf einem für ihre Bedürfnisse ergonomisch fragwürdigen Kinderrad abzumühen. "Kleinwüchsige haben eine andere Physiognomie als Kinder. Ihre Rücken sind länger und die Gliedmaßen kürzer", sagt Neuß. Deshalb seien die meisten Kinderräder für Kleinwüchsige nur schlecht geeignet. Bei der Anfertigung müsse "jeder Zentimeter stimmen".

Die meistverkaufte Farbe ist Mattschwarz

Neuß bei der Arbeit
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Neuß bei der Arbeit

Es klingelt an der Tür. Neuß öffnet, vor ihr steht Franziska Stoldt mit ihrem Freund Michel, beide sind kleinwüchsig. Stoldt schiebt ihr dunkelblaues Fahrrad zur Wartung in die Wohn-Werkstatt von Neuß. "Du musst unbedingt mit mehr Luftdruck fahren, das wird zu anstrengend!", sagt die Junik-Geschäftsführerin mit Blick auf die Reifen. Stoldt, 23 Jahre alt, hat sich im vergangenen Jahr ein von Neuß angepasstes Fahrrad gegönnt und fährt damit nun täglich an die Universität Hamburg, wo sie als Verwaltungsfachangestellte arbeitet. "Ich habe ein viel sichereres Fahrgefühl als früher", schwärmt sie. "Es ist mit allem ausgestattet, Acht-Gang-Schaltung, Licht, Gepäckträger - und vor allem: Es ist kein Kinderrad".

Dass, worüber sich durchschnittsgroße Erwachsene keinen Kopf machen müssen, ist für Kleinwüchsige ein Problem: "Ich möchte, dass mein Fahrrad altersgerecht aussieht", sagt sie. Ein bescheidener Wunsch, doch auch die 1,20 Meter große Frau fuhr zuvor ein Kinder-Mountainbike mit gelben Griffen, den Sattel ganz nach unten geschraubt. "Hauptsache, Käpt'n Blaubär ist nicht drauf", dachte ich damals beim Kauf.

Neuß kennt das Problem. "Meine meistverkaufte Farbe ist mattschwarz. Die Kunden haben es satt, Himmelblau und Rosa zu fahren". Doch ihre Spezialanfertigungen haben ihren Preis. Statt 200 Euro für ein durchschnittliches Kinderrad auszugeben, kosten die Räder bei Neuß zwischen 1500 und 2000 Euro. Von der Krankenkasse gibt es dazu für Erwachsene keine Zuschüsse. Wie in vielen Bereichen scheitert es an einer Formalität: "Den Rädern fehlt die für die Kostenerstattung nötige Hilfsmittelnummer", sagt Stoldt. "Doch die Krankenkassen bedenken nicht, wie ein Fahrrad die Lebensqualität steigert".

"Schwer und hässlich können andere"

Für die meisten Kleinwüchsigen ist ein Fahrrad mehr als nur eine Alternative zum Bus oder zum zu Fuß gehen. Vielen Kleinwüchsigen fällt aufgrund ihrer kurzen Beine das Laufen schwer, ein Rad oder eine Laufmaschine ohne Pedale ermöglicht ihnen mehr Mobilität. Vorausgesetzt, die Konstruktion stimmt. Oftmals ist das nicht der Fall, weiß Neuß, die deshalb ein T-Shirt mit dem Slogan trägt: "Schwer und hässlich können andere".

Viele ihrer Kunden waren zuvor zwar auf speziellen Behindertenfahrrädern unterwegs. Doch mit einem Gewicht von mehr als 20 Kilo waren die Räder oftmals schwerer als die Fahrer selber. Dazu kamen auffällige Stützrad-Konstruktionen, obwohl diese gar nicht nötig gewesen wären. Spaß beim Radeln oder Akzeptanz unter Gleichaltrigen? Kommt so garantiert nicht auf.

Einen Großteil ihrer Zeit verbringt Neuß mit der Teilebeschaffung. "Ich arbeite oft mit Restbeständen von Herstellern", doch vieles müsse sie selber kürzen. Kettenschutz, Kurbelgarnitur, Lenker und Ständer bearbeitet sie in ihrer Wohn-Werkstatt mit Säge und Rohrschneider. Der Montageständer für die Fahrräder steht ebenfalls im Flur. Neuß zeigt auf dessen nachgerüstete Rollen, "so kann ich ihn jederzeit wegschieben und mich hier trotzdem noch bewegen".

Der Rahmen wird extra angefertigt

Als Geheimnis ihrer Fahrräder bezeichnet sie die kurze Kurbel, also jenes Teil, an dessen freien Ende die Pedale angebracht sind. "Es werden eigentlich immer zu lange Kurbeln verbaut", erklärt sie. Das führe zu dem Effekt, dass übertrieben gesprochen, die Knie beim Fahren an den Ohren hängen.

Damit das nicht passiert, wird jeder Kunde erst einmal vermessen. Mit Hilfe der Daten zeichnet die Ergonomie-Expertin die Geometrie des Fahrrads und lässt den Rahmen dann bei einem befreundeten Spezialisten in Erkelenz bauen.

Am liebsten liefert Neuß die Räder selber aus - besonders dann, wenn es sich bei dem neuen Besitzer um ein Kind handelt. "Kleinwüchsige Erwachsen könnten notfalls auf einem Kinderrad fahren, aber für kleinwüchsige Kinder gibt es nichts passendes von der Stange", sagt Neuß. "Dieses Strahlen in den Augen, wenn das Kind dann plötzlich Radfahren kann - das vergisst Du nie".

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Reza Rosenbaum 29.05.2016
1. Sehr schoen!
Eine tolle Idee, die sowohl die Lebensqualitaet vieler Menschen drastisch verbessert, als auch als Geschaeftsmodell viel Sinn macht. Vollkommen unverstaendlich, warum in D fuer derartige Fahrraeder keine Hilfsmittelnummer zur Verfuegung steht, wo die KVs ja sonst allen moeglichen Unsinn (Homoepathie zum Beispiel) bezahlen. Das waere vielleicht ein lohnendes Thema fuer die entsprechenden Interessensverbaende. Ein custom-made Fahrrad, mit eigens angefertigtem Rahmen und hochwertigen Komponenten fuer 1500-2000 Euro sehe ich uebrigens als ziemliches Schnaeppchen an. Vielleicht liessen sich ja auch ein paar guenstigere Alternativen entwickeln, die auf bereits bestehenden Rahmen aufbauen, zum Beispiel aus dem BMX Bereich, und trotzdem wenigstens fuer manche immer noch ergonomisch "ertraeglich" sind. Ich glaube Ingo Brantl von 2soulcycles hat mal sowas fuer sein Kind gebaut - aber vielleicht war sein Rahmen damals auch ein Eigenbau... Mit einem Modulsystem aus verschiedenen Komponenten koennte man so moeglicherweise eine relativ grosse Gruppe an Physiognomien abdecken, ohne jedes mal von Grund auf einen neuen Rahmenriss entwerfen zu muessen. Eine interessante Alternative koennte auch der Einsatz von neuartigen Materialien wie Bambusrohr sein, der es erlaubt, mit "Hammer und Saege" Rahmengeometrien zu variieren und dabei unglaublich schicke Raeder zu kreieren. Naja, hat die Gruenderin vermutlich alles durchdacht - sie ist ja schliesslich die Expertin hier. Glueckwunsch zur Unternehmensgruendung und zu einem tollen, und wirklich nuetzlichen Produkt!
Hamberliner 29.05.2016
2. hohlspiegelreife Stilblüte
Da weiß wohl jemand nicht, was "drauf" sein bedeutet. Nein, Käpt'n Blaubär macht sich niemals einen Druck, er ist niemals fett und hat niemals Steckies, er braucht keine Gun (oder Pumpe) und kein Asco, er hat keine Therapie als Substi nötig. Käpt'n Blaubär ist clean, da bin ich mir ganz sicher. Und der Zusammenhang? Ach so, ich verstehe: Wer drauf ist, klaut andauernd Fahrräder, um sich das nächste Packin' zu kaufen. Man macht sich also Sorgen, Käpt'n Blaubär könnte Fahrräder klauen.
monolithos 29.05.2016
3.
Zitat von Reza RosenbaumEine tolle Idee, die sowohl die Lebensqualitaet vieler Menschen drastisch verbessert, als auch als Geschaeftsmodell viel Sinn macht. Vollkommen unverstaendlich, warum in D fuer derartige Fahrraeder keine Hilfsmittelnummer zur Verfuegung steht, wo die KVs ja sonst allen moeglichen Unsinn (Homoepathie zum Beispiel) bezahlen. Das waere vielleicht ein lohnendes Thema fuer die entsprechenden Interessensverbaende. Ein custom-made Fahrrad, mit eigens angefertigtem Rahmen und hochwertigen Komponenten fuer 1500-2000 Euro sehe ich uebrigens als ziemliches Schnaeppchen an. Vielleicht liessen sich ja auch ein paar guenstigere Alternativen entwickeln, die auf bereits bestehenden Rahmen aufbauen, zum Beispiel aus dem BMX Bereich, und trotzdem wenigstens fuer manche immer noch ergonomisch "ertraeglich" sind. Ich glaube Ingo Brantl von 2soulcycles hat mal sowas fuer sein Kind gebaut - aber vielleicht war sein Rahmen damals auch ein Eigenbau... Mit einem Modulsystem aus verschiedenen Komponenten koennte man so moeglicherweise eine relativ grosse Gruppe an Physiognomien abdecken, ohne jedes mal von Grund auf einen neuen Rahmenriss entwerfen zu muessen. Eine interessante Alternative koennte auch der Einsatz von neuartigen Materialien wie Bambusrohr sein, der es erlaubt, mit "Hammer und Saege" Rahmengeometrien zu variieren und dabei unglaublich schicke Raeder zu kreieren. Naja, hat die Gruenderin vermutlich alles durchdacht - sie ist ja schliesslich die Expertin hier. Glueckwunsch zur Unternehmensgruendung und zu einem tollen, und wirklich nuetzlichen Produkt!
Sehe ich ähnlich. Zum einen ist der Preis für eine Maßanfertigung wirklich ok, zum anderen hat es jemand mit dieser Körpergröße in allen Bereichen des Lebens so schwer, dass sowas die "Solidargemeinschaft" bezahlen müsste. Dieses Geld sähe ich wirklich gut eingesetzt. Wenn man bedenkt, was Kleinwüchsige noch so alles ertragen müssen: Eine Frontlader-Waschmaschine werden sie noch bedienen können. Aber wie sieht es am Herd aus oder am Waschbecken? Gibt es Möbel für Kleinwüchsige? Spezielle Autos wahrscheinlich nicht, Einkaufswagen ebenso wenig und und und. Und da kriegt die Krankenkasse noch nicht mal ein Fahrrad bezahlt, das billiger ist als so manches HighTech-MTB oder Rennrad? Unglaublich.
wahrsager26 29.05.2016
4. An Reza Rosenbaum. Nr1
Bitte versuchen Sie sich nicht als Konstrukteur von Fahrrädern.Die Eigenschaften von Bambus sind mir bekannt....hoffentlich wissen Sie auch was man als Knotenpunkte beim Fahrradrahmen benennt?Ja,ja,Bambus....!Sicherlich ist es unerhört ,das zu wenig in unserem gutmenschlichen Staat getan wird für die wirklich Bedürftigen !Ich würde mit Freuden Krankenkassenleistungskataloge ausmisten ......Aber wir sind so sozial.Kleine Anmerkung:In Altenheimen gibt es so viele alleinstehende Menschen ohne Angehörige,die sich über eine kleine Ausfahrt freuen würden....sagen Sie das doch bitte unseren Heerscharen an anderweitigen Helfern!!Hierzulande stimmt vieles nicht!Danke
kc85 29.05.2016
5. Nun ja ...
... viele "Kinderräder" sind, genau betrachtet, für Kinder auch nicht wirklich geeignet: viel zu schwer, zu lange Kurbel, ... Das Anforderungsdprofil und die Herangehensweise ist am Ende also wie bei einem wirklich guten Rad für Kinder. Da ist es mit einer 200EUR-Allerweltsgurke eben nicht getan. Aber man kann ja umbauen. 300-400EUR später hat man dann ein recht leichtes Rad mit kurzer Kurbel und rundum passender Ergonomie und auch sonst guten Komponenten. Ein paar solcher Umbauten hab ich selber schon hinter mir. 1500-2000EUR ist ganz schön happig (für solche Beträge baut mancher radbegeisterte Papa ein Rad unter 6kg aus Carbon für den Nachwuchs). Viel mehr als 600-800EUR muss man aber eigentlich nicht ausgeben, will man was wirklich ordentliches haben. Dafür gibt es sehr gute Kinderräder "ab Werk", leicht und mit mit top Ergonomie (entsprechende Spezial-Marken findet man in über jedes gute Radforum). Und blau oder pink muss da auch nicht zwingend sein. Die Räder sollten auch für viele Kleinwüchsige super passen und den gewünschten Zweck bestens erfüllen. Der vorgestellten Dame trotzdem alles gute für die Zukunft. kc85
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