Fahrverbot für alte Taxis: Mumbai verbannt seine Ikonen
Sie gehören zu Mumbai wie die Yellow Cabs zu New York: Schwarz-gelbe Taxis des indischen Herstellers Premier. Jetzt wird die Zahl der Straßenikonen auf einen Schlag halbiert. Denn die Fahrzeuge machen die Metropole zwar bunt, aber vor allem auch dreckig.
Mumbai - Wann ist ein Auto berühmt? Auf jeden Fall dann, wenn es symbolisch für eine ganze Stadt steht. So wie die Yellow Cabs für New York oder die schwarzen Taxis für London. Das Modell Premier Padmini ist, was die Farbe betrifft, eine Mischung aus diesen Fahrzeugen: Die Viertürer haben ein knallgelbes Dach und eine schwarze Karosserie. Seit einem halben Jahrhundert prägen sie das Stadtbild der Millionenmetropole Mumbai. Aber damit ist jetzt Schluss.
Auf einen Schlag sollen etwa 4500 der insgesamt 9500 Padminis von Mumbais Straßen verschwinden. So viele Fahrzeuge sind laut A. L. Quadros, dem Vorsitzenden der örtlichen Taxifahrergewerkschaft, von einer neuen Verordnung der Stadtbehörde betroffen: Demnach erhalten alle Taxis, die älter als 20 Jahre sind, keine Zulassung mehr.
"Ihre Abgase verpesten die Umwelt", sagt Ramesh Sarnaik von der Verkehrsbehörde Mumbais. Weil die alten Stinker durch neue Autos ersetzt werden, soll die Luftqualität in der Megacity verbessert werden. Gleichzeitig, so Sarnaik, wird den Taxikunden dadurch endlich mehr Komfort geboten.
Ein Italiener erobert Indien
Der Mann hat in beiden Punkten recht. Die Fahrzeuge sind bestenfalls auf dem technischen Stand von 2000, als die Produktion gestoppt wurde. Eine Klimaanlage, durchaus sinnvoll in Mumbai, hatten die Wagen noch nie. Die ersten Exemplare rollten 1964 vom Band und wurden umgehend zu Verkaufsschlagern. Zu dieser Zeit war das Angebot auf dem indischen Automarkt äußerst dünn - wer mobil sein wollte, hatte eigentlich nur die Wahl zwischen dem Premier Padmini und dem Hindustan Ambassador, beide aus heimischer Produktion.
Der Padmini basierte auf dem Fiat 1200 GranLuce Berlina, und noch heute werden die schwarz-gelben Droschken Fiat-Taxis genannt. "In Mumbai gab es mal mehr als 62.000 Exemplare davon", sagt Taxi-Gewerkschaftsführer A. L. Quadros. Für ihn markiert die strenge Verordnung der Stadt das Ende einer Ära. "Der Premier Padmini ist eine Ikone und wird auf der ganzen Welt mit Mumbai in Verbindung gebracht", sagt er.
Weltberühmte Sitzbezüge
Über die Jahre wurde der Padmini nicht nur für seine klassische zweifarbige Karosserie berühmt, sondern vor allem auch für sein buntes Interieur. Viele Exemplare waren so alt und abgenutzt, dass die Fahrer neue Sitze einbauten. Die Bezüge sind oft exzentrisch - psychedelische Muster werden ebenso gern benutzt wie Leoparden- und Tiger-Looks. Es gibt Blogs, die sich ausschließlich den skurrilsten Designs widmen.
Aber mit einem einfachen Wechsel der Sitzbezüge können alte Padminis von nun an nicht mehr gerettet werden. Für viele Taxifahrer bedeutet das nach Ansicht von Quadros den Ruin. Etwa zehn Prozent der Fahrer, die ihr Taxi durch die neue Regulierung verlieren, werden sich laut seiner Einschätzung kein neues Modell leisten können.
Auch Dashrath Sawant weiß nicht, wie es für ihn weitergehen soll. Der Taxifahrer kutschiert seine Kundschaft seit 26 Jahren mit dem gleichen Padmini durch die Stadt. Bestimmt, so glaubt er, hätte der Wagen noch fünf weitere Jahre seinen Dienst getan. Das neue Gesetz empört den 60-Jährigen. Die Padminis haben seiner Ansicht nach ein Recht darauf, weiterhin durch Mumbai zu fahren: "Menschen kann man doch auch nicht einfach von der Straße verbannen, wenn sie alt werden."
cst/AP
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