Fahrzeugtuning So breit, so flach

Getuntes Auto im Drift
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Getuntes Auto im Drift

Von Jens Tanz


In den Neunzigern war der D&W-Katalog die Bibel der Tuningfans. Doch die Zeiten der gepimpten Opel Astra, VW Polo oder Ford Sierra sind vorbei. Oder etwa nicht?

UZ UZ UZ!!! Hinter mir kommt was Rollendes mit lauten Bässen angehopst, während ich an der roten Ampel warte. Sagenhaft! Im Rückspiegel sehe ich eine Hutze auf einer Kunststoffmotorhaube mit Rennverschlüssen. Jetzt zieht der Wagen nach rechts und steht neben mir. UMF! UMF! UMF! Die automobile Gürtellinie zieren die in Schreibschrift gesetzten Initialen des Fahrers. Glaube ich. Noch ist die Ampel rot. Der Heckflügel vom Format eines Kneipentresens wird abgerundet durch Insektenaugenrücklichter mit ganz vielen kleinen Lämpchen drin. Teils fast auf der Straße schleifend, bewundere ich ganz unten verbreiterte Plastikschweller und mit Aufklebern angedeutete Lufteinlässe.

Auto-Blog "Fahrtenbuch"
  • Joy Kroeger
    Wir bewegen Autos und das bewegt uns. Unser Leben auf Rädern ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, viele nichtig, andere wichtig und erzählenswert. Jens Tanz haben diese besonderen Momente im Mobil schon immer so fasziniert wie die Autos selbst. Von seinen liebsten Episoden, seinen Beobachtungen des Autoalltags erzählt Tanz in diesem Blog.

Kein Federweg ist für den Fahrer offenbar ein guter Federweg, die Niederquerschnittsreifen kauern direkt in den Radhäusern. Den Rücksitz ersetzt ein Subwoofer vom Durchmesser einer Regentonne, die Bässe verursachen trotz Pufferkondensator Zündaussetzer und lassen die Rücklichter im Takt flackern. BOUM! BOUM! BOUM! Alle Karosserie-Schweißpunkte, die nicht das straffe Fahrwerk schon hat brechen lassen, reißen spätestens bei 230 Bpm. Beide Fenster sind heruntergekurbelt, der Beat stampft aus den Boxen und lässt die oben aufgezählten Anbauteile schnarrend vibrieren.

BUMM SCHRR! BUMM SCHRR! BUMM SCHRR! Den Fahrer sehe ich fast gar nicht, er scheint recht klein zu sein. Aus irgendeinem Grund wird das Lenkrad mit dem durchgestreckten linken Arm gehalten, die Schulter unter dem Hosenträgergurt dabei leicht nach oben gezogen, der Oberkörper zur Fahrzeugmitte und zur Musikanlage geneigt. Neben ihm erahne ich eine junge Frau, die auf ihr Smartphone guckt. Die beiden reden nicht, wie auch, bei der lauten Musik? Die Ampel wird grün. Der Motor röhrt für einen kurzen Moment lauter als die Musik. Hinten mündet das dünne Serienrohr des Vierzylinders in ein Ofenrohr, in das ein Handball reinpassen würde. Das Aggregat entfesselt seine 70 PS bei 7000 Umdrehungen und entwickelt dabei das Drehmoment einer rotierenden Wahrheit-oder-Pflicht-Flasche auf einem Kindergeburtstag. Weg ist er und lässt mich in einer kleinen, blauen Ölwolke fassungslos stehen.

Geschmack ist nicht verhandelbar

Ich hatte wirklich geglaubt, die Baumarkt-Tuner seien in den Neunzigerjahren ausgestorben, dem scheint aber nicht so. Doch wissen Sie was? Am Ende des Tages zolle ich demjenigen meinen Respekt, der viel Geld und viel Zeit in sein Auto investiert, um es so zu personalisieren, dass es seinen Wünschen entspricht. Das müssen ja nicht meine Wünsche sein. Wer bin ich denn, dass ich da urteilen müsste? Geschmack ist nicht verhandelbar, und Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Oder des Besitzers. Aber auf meiner Weiterfahrt muss ich doch ziemlich schmunzeln und werde die Bilder im Kopf nicht mehr los. Noch Minuten später meine ich, entfernt den Bass zu hören.



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13 Leserkommentare
ollis.post 22.04.2018
der_gezeichnete 22.04.2018
anselmwuestegern 22.04.2018
Stäffelesrutscher 22.04.2018
Lotus Driver 22.04.2018
schade1001 22.04.2018
Nelkenghetto 22.04.2018
frankenbaer 22.04.2018
mazzmazz 22.04.2018
sarah_weinberg 22.04.2018
rocketsquirrel 22.04.2018
Oberleerer 23.04.2018
brotherandrew 23.04.2018

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