Ferngesteuerte Modellautos: Verrückt nach der Toystory

Von Dirk Maxeiner

Olivier S. ist Modellauto-Sammler: fanatisch, akribisch - irre. Über tausend Fahrzeuge und mehr als 1500 Bausätze bewahrt er in einer Hamburger Tiefgarage auf. Tagsüber schlummern sie im Inneren der Kartons - nachts erwachen sie zum Leben.

"Zugegeben, das ist eine einsame Sache", sagt Olivier Sebastiani* "und ich bin der Schlimmste von allen". Der Mann ist einer Leidenschaft verfallen, die man ihm nicht unbedingt ansieht. Nächtelang durchkämmt er das Internet auf der Suche nach neuen Objekten seiner Begierde. Agenten und Zuträger wissen von seiner geheimen Mission und halten überall auf der Welt die Augen für ihn auf. Die Trophäen werden dann in einer geheimnisvollen Tiefgarage in einem Hamburger Industrieviertel untergebracht.

Nur Eingeweihte wissen, was dort unten vor sich geht. Und es gibt viele Menschen, die würden zu Fuß nach Santiago de Compostella pilgern, um einmal einen Blick in diese Räumlichkeiten werfen zu dürfen. Schließlich lagert unter der Erde so eine Art Weltkulturerbe: die größte Sammlung von ferngesteuerten Modellautos diesseits der Milchstraße. In Fachkreisen heißen die wertvollen Stücke "RC-Modelle". RC steht für "remote controlled".


Eine sorgfältig geführte Inventarliste zählt über tausend Fahrzeuge und weit über 1500 Bausätze sowie Millionen von Ersatz- und Tuningteilen. Der RC-Modeller hat die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Reifen und Felgen, Fahrwerks- und Karosserieversionen, Getrieben und Motoren. Selbst in den kleineren Klassen, wie zum Beispiel bei den 1:32 Modellen, funktioniert vieles wie im richtigen Autoleben - bis hin zu Stoßdämpfern, die mit Öl gefüllt sind. Wollte Olivier Sebastiani mit jedem der in Schränken und Regalen, auf Tischen und auf dem Boden geparkten Minis ein wenig herumsausen, so würden viele Monate vergehen. Um alle Sammelstücke aufzubereiten und alle Bausätze zusammenzufügen, würde ein ganzes Sammlerleben schon lange nicht ausreichen.

Irgendwann, so ist der Plan, soll dieser Schatz im Rahmen einer Ausstellung für die Öffentlichkeit aufbereitet werden. Es geht dabei nicht nur um Sammlerleidenschaft und das Kind im Manne. Genau wie richtige Automobile, so erzählen auch ihre ferngesteuerten Miniaturen vom Zeitgeschmack und vom Zeitgeist. Die Botschaften sind ähnlich wie in einem guten Verkehrs- oder Technikmuseum – nur lassen sie sich auf kleinerem Raum unterbringen. Das geht bis hin zu den charakteristischen Illustrationen, welche die Originalverpackungen schmücken. Dafür hat sich ein ganz eigenes Illustrationsgenre entwickelt. Eine spezielle Künstlergilde war damit beschäftigt, die Automodelle in Szene zu setzen. Die Bilder künden von ungebrochenem Technik-Optimismus, wie er in Europa teilweise verloren gegangen ist, in Asien aber heute noch in voller Blüte steht.

Wer diese Illustrationskunst in zeitlicher Reihenfolge aneinanderreiht, erhält eine bemerkenswerte Chronologie des Zeitgeschmacks. Ganz so, als reihe er Titelbilder einer Illustrierten wie "Time" oder "Stern" aneinander. Olivier Sebastiani ist von Haus aus Designer und kann in diesen ebenso liebevollen wie historisch interessanten Bildern versinken. Die Geschöpfe, die im Inneren der Kartons schlummern, erwachen dann gleichsam zum Leben, genau wie die Spielzeug-Figuren in dem berühmten Animationsfilm "Toy Story".

Die Sammelleidenschaft war ihm nicht unbedingt in die Wiege gelegt, die Begeisterung für Technik aber durchaus. Die Familie ist ein früher Fall von Globalisierung, Olivier Sebastiani wurde in Frankreich geboren, sein Großvater hatte sich zuvor um Italien verdient gemacht – als Flugzeugkonstrukteur. "Ich fühle mich auf der Erdoberfläche wohler", sagt Olivier Sebastiani, wobei er dazu auch die Meeresoberfläche zählt. Während des Studiums entwarf er eine Hochsee-Segelyacht mit ziemlich wegweisenden Details, die danach gerne kopiert wurden. Sportliche Lösungen haben es ihm überhaupt angetan. So stolpert man in seiner Garage noch über einen Rennsportwagen im Stil der siebziger Jahre – nagelneu, straßentauglich und im Maßstab eins zu eins ...

Mit dem Modellauto-Virus wurde der Sammler infiziert, nachdem er einem Freund einen ferngesteuerten MGB-Bausatz als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Beim Durchstöbern von Internetangeboten, Katalogen und Geschäften lernte er staunend das artenreiche Biotop der Modellautos kennen. Der Zusammenbau des MGB wurde dann in gemeinsamen Nachtschichten erledigt, was die Begeisterung nur noch weiter steigerte. "Da", so erinnert er sich, "ist ein Funke übergesprungen." Schließlich loderten die Flammen lichterloh. Gerade zu "manisch" habe er in der Folgezeit nächtelang vor dem Computer gesessen und aus dem Internet-Arsenal der schönsten RC-Modellautos "laienhaft alles zusammengekauft, was ich kriegen konnte".

Keine Blindversteigerung war vor ihm sicher. Er sei sich dabei abwechselnd "wie ein Plünderer" und "ein wildgewordener Jagdhund" vorgekommen. Er nennt diese Zeit seine "Orientierungs- oder Experimentierphase". Diese war eine schwere Prüfung für die internationale Sammlerszene, der dieser mysteriöse Herr aus Hamburg so manchen Schatz vor der Nase wegschnappte. Und auch die Geduld seiner Frau wurde erheblich strapaziert. In einer wissenschaftlichen Phänomenologie des Sammlers ist wohl nicht ganz zu Unrecht von einer mitunter stattfindenden "Verschiebung zärtlich liebevoller Bedürfnisse vom Partner auf das Objekt der Sammlung" die Rede.

Die verschiedenen Modelle eroberten zunächst Regale und Schränke. Dann besetzten sie eine Küche im Kellergeschoss, die zur Werkstatt aufgerüstet wurde. Von dort schwappte die Flut in Flure und Garagen und schließlich ins Wochenendhaus. Als auch dort entschiedene Parkplatznot herrschte, wurde ein großer Raum in der Tiefgarage angemietet. Doch der war bald schon wieder zu klein und so erfolgte ein Wanddurchbruch zu einem zweiten Raum. Und von dort geht es wohl nach allen Regeln des Untertagebaus bald weiter. Dunkelheit, kühle Temperaturen und Trockenheit haben für den Erhalt der Sammlung eine wichtige Funktion: Im Tageslicht gasen die empfindlichen Kunststoff-Karosserien der kleinen Flitzer schneller aus, werden spröde und verlieren ihre Farben. Die dauerhafte Konservierung der wertvollen Stücke ist nicht einfach.

Nach der Phase der Raserei und des Raubrittertums hat inzwischen die Konsolidierung der Sammlung eingesetzt. Das ist anderen Sammlernaturen genauso gegangen. Anne Morow Lindbergh, die Frau des berühmten Ozeanfliegers Charles Lindbergh, war beispielsweise eine passionierte Muschelsammlerin. Und sie schrieb einmal: "Als alle meine Taschen ausgebeult und feucht, die Bücherregale ausgefüllt und die Fensterbretter übersät waren, fing ich an, meine Reichtümer zu sichten und eine Auswahl zu treffen."

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