Fernverkehr Benzin aus der Whiskey-Flasche

Wer im bettelarmen Burma einen fahrbaren Untersatz besitzt, der nimmt auch schlechte Straßenverhältnisse oder altersschwache Autos klaglos in Kauf. SPIEGEL-ONLINE-Leser Florian Grupp hat Verkehr und Straßenbild in dem südostasiatischen Land fotografiert.

Florian Grupp

Seit mehreren Jahrzehnten schottet die herrschende Militärjunta Burma von der Außenwelt ab. Da das Regime zudem wenig Interesse daran hat, dass sich die Menschen im Land einfach fortbewegen können, sind Verkehrsinfrastruktur und Transportmittel hoffnungslos unterentwickelt und veraltet.

Manche der Lkw und Busse mit ihren Holzkarosserien stammen noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aber dank ihrer Improvisationsgabe und der buddhistischen Gelassenheit finden die leidgeprüften Burmesen immer wieder einfallsreiche Lösungen, um Personen und Waren von A nach B zu transportieren. Und sie lassen sich auch nicht von einem Regime aufhalten, das ihnen mit kuriosen Entscheidungen immer wieder neue Hindernisse in den Weg legt.

So wurde 1970 auf Anweisung des damaligen Militärherrschers Ne Win der Linksverkehr von heute auf morgen plötzlich auf Rechtsverkehr umgestellt. Offiziell wurde dies damit begründet, dass sich Burma von allen Relikten aus der britischen Kolonialzeit trennen wollte. Man munkelt aber, dass dem abergläubischen Herrscher vorhergesagt wurde, er werde demnächst bei einem Unfall auf der linken Straßenseite ums Leben kommen. Was lag da näher, als auf Rechtsverkehr umzustellen?

Bis heute sitzt in fast allen Fahrzeugen in Burma das Steuer noch auf der rechten Seite, obwohl rechts gefahren wird. Das macht Überholvorgänge für Busse auf den Überlandstraßen, auf denen viele Lkw unterwegs sind, nicht gerade einfach. Neben dem Busfahrer fährt daher immer mindestens eine Begleitperson mit, die vor dem Überholen aus der linken Bustüre herausschaut, ob mit Gegenverkehr zu rechnen ist.

Autoschmuggel mit Elefanten

Ein eigenes Fahrzeug, und sei es noch so alt, kann sich kaum ein Burmese leisten. Ein 30 Jahre alter Toyota Corolla kostet wegen der Einfuhrbeschränkungen mehr als in Deutschland ein neuer.

Früher wurden Autos in Einzelteile zerlegt, auf Elefanten verladen, im Dschungel über die Grenze geschmuggelt und danach wieder zusammengesetzt. Selbst jene Glücklichen, die ein fahrtüchtiges Fahrzeug besitzen, können damit aber noch lange nicht losfahren. Zwar steht jedem Burmesen mit Pkw an den staatlichen Tankstellen eine bestimmte Ration Benzin zu. Da dort aber selten Benzin zu bekommen ist, muss man auf dem Schwarzmarkt zusätzlich Kraftstoff kaufen. Das Benzin gibt es dort allerdings nicht an einer Zapfsäule; es wird in alten Whiskey-Flaschen angeboten.

Eine Überlandfahrt mit dem Bus ist in Burma immer ein großes Abenteuer. Selbst die wichtigsten Verbindungsstraßen sind selten asphaltiert, dafür umso reicher an Schlaglöchern. Doch auch darauf sind die Burmesen bestens vorbereitet. Die Gepäckfächer der Busse sind bis oben hin mit Ersatzteilen und Werkzeug gefüllt, das Gepäck der Fahrgäste landet auf dem Dach oder im hinteren Teil des Busses, insbesondere wenn es sich um lebende Waren wie Hühner handelt. Der Gang wird gerne mit Plastikschemeln für zusätzliche Fahrgäste vollgestellt, oder mit leeren Bierfässern.

Ersatzteile im Gepäckfach

So schaukelt man gemächlich durch die Landschaft - bis es irgendwann einen lauten Knall gibt, wie es mir zum Beispiel auf einer Nachtfahrt von Yangon nach Mandalay passiert ist. Mitten in der Nacht standen wir mit einem geplatzten Bremszylinder auf einer stockfinsteren Landstraße. Der Fahrer muss so etwas geahnt haben, denn ein passendes Ersatzteil fand sich im Gepäckfach, und in weniger als einer Stunde hatte es die Busbesatzung mit Unterstützung der Fahrgäste, einem Hammer und einer Zange geschafft, das defekte Teil auszutauschen und den Bus wieder flott zu bekommen.

Staus sind aufgrund des geringen Verkehrs eher selten, aber wenn man wirklich einmal in einen hineingerät, hat der es meist in sich. Einspurige Straßen in den bergigen Regionen sind anfällig für Verstopfungen. Wenn auf so einer Strecke ein Fahrzeug liegen bleibt, müssen alle anderen eben solange warten, bis es wieder fahrtüchtig ist.

Bis jetzt haben die Burmesen ihre Fahrzeuge immer wieder flott bekommen, auch wenn sie dazu aus leeren Bierdosen über einem Lagerfeuer neue Vergaser basteln oder zum Schweißen auf einen Stromgenerator und zwei Kabel zurückgreifen müssen.

In den etwas abgelegeneren Regionen verkehren eher Pick-ups. In und auf solch einem Kleinlaster finden problemlos 30 und mehr Menschen Platz. Wichtig ist nur, dass die Männer stets oben sitzen. Trotz aller buddhistischen Toleranz ist es in Burma nach wie vor undenkbar, dass eine Frau über einem Mann sitzt.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.