Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Rarität Vorserien-Mustang: Erster!

Von

50 Jahre Ford Mustang: Wie am ersten Tag Fotos
Tom Grünweg

An Ostern zelebrierten Ford-Mustang-Fans weltweit den 50. Geburtstag der Ikone. Auch Michael Krämer aus dem hessischen Lohra feierte, ein paar Tage früher. Krämers Cabrio ist ein Vorserienmodell - und damit einer der ältesten Mustangs der Welt.

Die Plakette ist kleiner als ein Bierdeckel, ihr Materialwert beträgt ein paar Cent. Doch Michael Krämer hütet das kleine Stück Metall wie einen Schatz in einer Schatulle. Es ist die "door-plate" (auch "door-tag" oder "data-plate") eines Ford Mustang und damit eine Art Geburtsurkunde des Autos, aus deren Gravuren sich beispielsweise Produktionsdatum und -ort sowie der Farbcode des Fahrzeugs ablesen lassen. Diese door-plate gehört zu einem rangoonroten Cabriolet, das zwischen einem limegoldenen Shelby GT und einem acapulcoblauen Fastback in Krämers Garage im mittelhessischen Lohra parkt. Das Auto ist ein ganz spezielles: Es stammt aus dem Mustang-Premieren-Jahr 1964.

Am diesem Osterwochenende haben Tausende Mustang-Fans in New York sowie auf den Rennstrecken in Charlotte und Las Vegas den 50. Geburtstag des Urtyps aller Pony-Cars gefeiert, der am 17. April 1964 auf der Weltausstellung in New York erstmals enthüllt wurde. Auch Michael Krämer feierte mit bei der PS-Party in Manhattan - mit einem wissenden Lächeln.

Denn die door-plate seines Mustang Cabrios trägt die Seriennummer #5F08F100123 und als Produktionsdatum den Code: "05C". Krämer sagt, die Kombination stehe für den 5. März 1964 - sein Auto wurde also bereits vor der offiziellen Premiere gebaut; und zwar, siehe Seriennummer, als 123. Exemplar der Baureihe. Über seine Recherchen zur Herkunft des Modells sagt Krämer: "Mein Wagen stammt vom allerersten Tag, an dem in Dearborn die Bänder liefen."

Ein Auto, das gar nicht verkauft werden durfte

Dass es diesen Wagen ausgerechnet in die hessische Provinz verschlagen hat, ist Folge glücklicher Zufälle. Krämer kaufte den Mustang vor zwei Jahren im schwedischen Helsingborg. "Es war ein Glücksfund im Internet, bei dem ich nicht lange gezögert habe", berichtet Krämer. "An einem Tag gesehen, am nächsten Tag saß ich schon im Flugzeug und am Abend war ich mit dem Mustang bereits auf dem Heimweg."

Der schwedische Vorbesitzer wiederum hatte den Wagen ein paar Jahre zuvor als Wrack in Los Angeles entdeckt und dort komplett restaurieren lassen. All das ist dokumentiert, und Krämer blättert mit einer Mischung aus Stolz und Trauer durch ein kleines Fotobuch, das sein Cabrio als ausgebleichtes Wrack in der kalifornischen Sonne zeigt. Zum Glück verfügte das Schrottauto noch über den Originalmotor, die wichtigsten Anbauteile und natürlich die door-plate. Welches Schicksal der Wagen davor erlitten hatte, verliert sich im Ungewissen. Offiziell verkauft worden war das Auto vermutlich nicht. Krämer: "Der Mustang stammt aus der Vorserie und war gar nicht für den Verkauf bestimmt. Die Kundenproduktion begann erst bei Produktionsnummer 200."

Während es heute üblich ist, dass vor dem eigentlichen Produktionsstart oft Hunderte Autos zum Warmlaufen der Fabrik gebaut und danach bei Crashtests zerstört, im Werksverkehr genutzt oder aus Gewährleistungsgründen verschrottet werden, war das damals offenbar anders. Auch der Produktionsvorlauf war früher kürzer. "Der 5. März 1964 war ein Donnerstag, da wurden in Dearborn die Bänder angeschaltet, etliche Autos produziert und übers Wochenende die wesentlichen Probleme in der Produktion beseitigt, ehe am Montag, dem 9. März offiziell die Serienfertigung begann", berichtet Krämer. Seine Nummer 123 gehört zu den ganz wenigen Autos jenes Tages, die bis heute überlebt haben und nicht im Ford-Museum stehen. Krämer hat herausgefunden: "In Europa gibt es keinen älteren Mustang und in den USA vielleicht eine Handvoll."

Demnächst wird das rote Cabrio aus dem Verkehr gezogen

Wie viel er für den Wagen bezahlt hat, verschweigt Krämer. "Sechsstellig war der Preis nicht", sagt er nur. Im Vergleich zu europäischen Sportwagen dieser Altersklasse sind Mustang-Modelle eher Schnäppchen, was an den großen Produktionszahlen liegt. Daher gibt es auch heute noch einen nicht versiegenden Nachschub alter Mustang-Typen, und auch die Ersatzteilversorgung ist gesichert. Dank der riesigen Fangemeinde und einer florierenden Restaurierungs-, Reparatur- und Tuningszene gelange man an Ersatzteile für einen Mustang fast schneller als an solche für einen Focus oder Mondeo, sagt Krämer.

Der selbständige Verfahrensingenieur Krämer hat, neben seinen drei klassischen Mustang-Modellen, noch zwei Alltagsautos im Fuhrpark. Bei trockenem Wetter allerdings fährt er praktisch immer einen der Mustangs. Und natürlich fällt die Wahl in diesen Tagen häufig auf das Jubiläumsmodell, dessen 260 cubic inches - nur Ignoranten rechnen das in 4,3 Liter um - großer V8-Motor 164 PS leistet und das Leichtgewicht überraschend agil macht.

Krämer genießt diese Ausfahrten, jedoch mit wachsendem Wehmut. Denn spätestens Ende dieses Sommers will er Nummer 123 aus dem Verkehr ziehen, einen Teil der Garage zum Museum umbauen und das Cabrio einmotten. "Zum Fahren ist ein Auto mit so einer Historie eigentlich viel zu schade", sagt der Sammler. Wenn es soweit ist, will Krämer noch einmal das Werkzeug zücken und dem Jubilar zu Leibe rücken. Um die door-plate wieder dort anzubringen, wo sie hingehört: an die Fahrertür, gleich unterhalb des Schlosses.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erstaunlich präziser Bericht
tommahawk 21.04.2014
Endlich mal ein gut recherchierter Bericht! Dank an Herrn Krämer, der dem Tom Grünweg eine weitere Schlappe erspart hat. Die Geburtstagsparty in Las Vegas auf der Motor Speedway Arena war nett und ein Treffpunkt echter Fans dieser Ikone aus den 60ern. Das Auto hat was, und es ist gut, dass so viele Exemplare erhalten werden!
2. Geile Karre!!!
Bärthold 21.04.2014
Und das sage ich als Öko-Gutmensch und Radfahrer. Diese Sahnestückchen sind bei angemessener Verwendung in meinen Augen nicht umweltschädlicher als ein Q7 im alltäglichen Semmelholeinsatz. Und wenn auf einer Radtour so ein Gefährt lässig an mir vorbei bollert, freue ich mich mit dem Besitzer.
3. Herr Krämer
--rio 21.04.2014
...das "Museum" für ihr Auto ist die Straße. Dort können es viele Menschen bewundern...und sich daran erfreuen. Bitte.....lassen Sie dieses Mustang...weiter in seiner natürlichen Umgebung...und sperren Sie ihn nicht in einen "Stall" ein.
4. nicht originalgetreu
andreasneu 21.04.2014
ich bezweifel, dass dies ein Vorserienmodell ist. Das Instrumentendisplay stammt vom 1966er Jahrgang, die Sitze sind ebenfalls nicht Original. So ist das Auto kein "Museumsstück". Mein 1966er 2+2 ist zwar keine Vorserie, dafür aber 100%Original.
5. Die ersten Modelle
mregge 21.04.2014
hatten, soweit ich mich richtig erinnern kann, keine kleinen weißen Rückfahrleuchten. Ich bitte um Berichtigung, sollte ich irren.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Facebook


Aktuelles zu