Ford Mustang aus "Bullitt" Der verschollene Filmstar

Die Verfolgungsjagd aus "Bullitt" ist Filmgeschichte. Der Jäger, ein Ford Mustang, galt lange als verschollen - bis ihn der Zufall zurückbrachte. Diesen Sommer könnten Fans ihn erstmals in Europa bestaunen.

HVA/ Casey Maxon

Von


Das Geheimnis der Familie Kiernan fand sein Ende in einem Chevrolet Avalanche, einem klobigen, lieblos entworfenen Pickup. Sean Kiernan war 2015 auf dem Heimweg von einer Dienstreise, neben ihm sein Chef, Casey Wallace. Im Auto herrschte Stille, den beiden fehlt lange Zeit ein Gesprächsthema. Kiernan liebt, im Gegensatz zu seinem Chef, Autos und ist - untypisch für die USA - ein fanatischer Fan der Formel 1. Das ist auch seinem Chef nicht verborgen geblieben, also wählte der dieses Thema für den dringend nötigen Small Talk. Was bei ihm denn so zu Hause rumstehe, fragte Wallace. Sean Kiernan zählte ein paar ältere Autos auf, irgendwann war der Mustang der Familie an der Reihe: GT390, Baujahr 1968, dunkelgrün.

"So, wie der in 'Bullitt'?", fragte Wallace.

"Bullitt". Der Film, bei dem man nie weiß, wer denn nun die Hauptrolle gespielt hat. Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt vom San Francisco Police Departement - oder sein Dienstwagen, ein Mustang, lackiert in Highland Green. Nur zehn Minuten machten den Wagen zur Legende: Steve McQueen verfolgt in ihm einen Dodge Charger durch die Hügel von San Francisco, am Steuer zwei Killer der Mafia.

Das richtige Auto für einen Krimi

McQueen hatte präzise Vorstellungen von seinem Mustang. Keine Embleme zierten den Wagen, er war unauffällig, aber doch präsent und kraftvoll. Genau das richtige Auto für einen Kriminalkommissar, sagt Mark Gessler, Präsident der Historic Vehicle Association: "Das Auto gab dem Film Gewicht, machte ihn realistisch. McQueen wollte kein schickes Auto, das die Zuschauer nur ablenken würde. Er wollte einen rohen, starken Mustang."

Doch ein Auto allein macht keinen Film zur Ikone. "Die kulturelle Bedeutung des Films ist nicht zu unterschätzen", erklärt Gessler. "Bullitt" veränderte die Art, wie Verfolgungsjagden gefilmt werden bis heute. Wo vorher Autos um Ecken fuhren, die Zuschauer einen Unfall hörten und dann nach einem Schnitt nur das Wrack sahen, qualmten bei "Bullitt" Reifen, sprangen Autos über Kuppen, nur um bei der Landung ihre Radkappen in alle Richtungen fortzuschleudern. "Diesen Realismus gab es zum ersten Mal, dieses Gefühl, selbst am Steuer zu sitzen," so Gessler. Ohne "Bullitt" hätte es keinen der großen Autofilme gegeben, erklärt Gessler: "'Bullitt' war 'the First of the Furious'."

In der tristen Plastikwüste des Chevrolet Avalanche löste die Frage nach dem Mustang bei Sean Kiernan Nervosität aus. Der Mustang galt als verschollen, Gerüchte rankten sich um seinen Verbleib. Wusste sein Chef Bescheid? Kannte er das Geheimnis des Wagens?

Auf Augenhöhe mit James Bonds Dienstwagen

Genauer gesagt: beider Wagen. Zwei äußerlich identische Mustangs brachten damals die verschiedenen Szenen auf die Leinwand, das sogenannte Jump Car die Stunts, das Hero Car die Nahaufnahmen. Nach den Dreharbeiten verschwanden die beiden mythischen Helden. Vor allem das Hero Car wurde verzweifelt gesucht, es wurde zum heiligen Gral aller Mustangfans, erklärt Mark Gessler: "Der Wagen ist eine Ikone, auf einer Stufe mit James Bonds Aston Martin DB5."

1990 gab es das letzte Lebenszeichen des berühmten Mustang. In der "Mustang Illustrated", einem Fachblatt für Mustang-Fans, behauptete ein Fan, das Hero Car gefunden zu haben, das McQueen einst sogar zurückkaufen wollte. Eine Lüge, die den tatsächlichen Besitzer auf den Plan rief: Er ließ der Zeitschrift eine Kopie des Briefes von Steve McQueen zukommen, in dem der Filmstar erklärt, den Wagen zurückkaufen zu wollen. Der Wagen existierte also, blieb aber verschollen - denn der Besitzer wollte anonym bleiben. "Mustang Illustrated" veröffentlichte den Brief mit dem kryptischen Zusatz, der originale Wagen befinde sich "irgendwo an der Ostküste".

Ein Drehbuch nur für den Mustang

Obwohl sich Wallace nicht für Autos interessierte, diese Geschichte kannte er. Mehr noch: Der Mustang und sein mysteriöses Verschwinden hatten Wallace so fasziniert, dass er mit einem Freund zusammen einst ein Drehbuch verfasste. Zwei junge Männer wollen darin einen Scheunenfund zu schnellem Geld machen: Mustang, Highland Green. Der Besitzer des Wagens aber betrügt die beiden, verkauft den Mustang an einen weiteren Interessenten, zwischen beiden Käufern entbrennt ein Rennen um den Scheunenfund. Am Ende erhalten die beiden jungen Männer das Auto und finden im Handschuhfach einen Brief McQueens, in dem der Schauspieler erklärt, er würde seinen Wagen aus "Bullitt" gerne zurückkaufen.

Wallace geriet auf der Tour durch Tennessee in Fahrt. Er erzählte Kiernan von dem Drehbuch und auch von den Gerüchten, die sich um das Auto rankten und die er stets verfolgt hatte: Das Auto sei lange Zeit in Kentucky gewesen und befände sich jetzt hier, irgendwo in Tennessee, verriet Wallace. Neben ihm saß Sean Kiernan, aufgewachsen an der Ostküste, später umgezogen nach Kentucky, jetzt in Tennessee lebend. "Mein Boss erzählte mir meine Lebensgeschichte", erinnert sich Sean Kiernan. Irgendwie fasste er in diesem Moment Vertrauen zu Casey Wallace und lüftete ein seit Jahrzehnten gut gehütetes Familiengeheimnis: "Ich hab ihn. Den Mustang."

Sein Vater, Bob Kiernan, hatte 1974 eine Anzeige im "Road and Track"-Magazin entdeckt: "1968er Mustang, gefahren von Steve McQueen in 'Bullitt'. Belege vorhanden." Kiernan hatte gerade seinen MG verkauft, suchte nach einem Mustang und war ein Fan des Films. Also rief er an und sah sich den Wagen an. Kaum zu glauben, aber er blieb der einzige Interessent und kaufte den Wagen.

Zweite Karriere als Familienkutsche

Bob Kiernan bescherte dem Filmhelden eine zweite Karriere. Der Mustang war das einzige Auto des Paares Kiernan, am Wochenende machten Bob und seine Frau Ausflüge mit dem Wagen, unter der Woche fuhr sie damit in die Arbeit - sie war Lehrerin an einer katholischen Schule. "Das Auto ist extrem laut, die Nonnen hörten meine Mutter jeden Tag kommen, das war sicher heftig", lacht Sean Kiernan.

1977 kam McQueens Brief, der Filmstar wollte das Auto zurück. Nicht, um es zu restaurieren, sondern weil es ihm einfach so viel bedeute. Doch er stieß bei Bob Kiernan auf taube Ohren. "Mein Vater hatte nie Probleme, 'nein' zu sagen, egal zu wem", erinnert sich Sean Kiernan. Also behielt die Familie den Wagen, es hingen einfach zu viele Erinnerungen am dunkelgrünen Mustang. Und der spulte weiter fleißig Meilen ab, im Alltag und auf Ausflügen des Ehepaars. Doch 1980 war Schluss, nach 46.000 Meilen. In dem Jahr, in dem Steve McQueen starb, gab auch die Kupplung des Mustang auf. Für den Kinohelden ging es bis zur Reparatur in die Werkstatt.

Der "Bullitt"-Mustang in einer Scheune.
HVA/ Casey Maxon

Der "Bullitt"-Mustang in einer Scheune.

Dort blieb er länger als geplant. Der Mustang war unpraktisch geworden. Er war laut, statt einer Rückbank gab es Platz für Kameras. Damit war er nach Seans Geburt als Familienkutsche ziemlich ungeeignet.

Eine zweite Hauptrolle für den Mustang

1984 zog die Familie von New Jersey nach Kentucky, 1995 weiter nach Tennessee, der dunkelgrüne Kinorentner kam natürlich mit. Und dann motivierte Hersteller Ford, ohne es zu wissen, Vater und Sohn: "2001 kam das erste 'Bullitt'-Sondermodell raus, da haben mein Vater und ich begonnen, den Wagen zu zerlegen", erinnert sich Sean Kiernan. "Aber nicht um ihn zu restaurieren. Wir wollten ihn nur etwas auffrischen und zurück auf die Straße bringen, auf keinen Fall aber seine Geschichte zerstören." Also wurde der Wagen auseinandergenommen und der Motor überholt.

Doch wie schon 1980 machte das Leben die Reparaturpläne zunichte. Bei Bob Kiernan wurde Parkinson diagnostiziert, Sean bekam sein erstes Kind. Der Mustang wanderte in Einzelteilen zurück in die Garage. 2014 starb Bob Kiernan, der Mustang war immer noch zerlegt. Sean wusste nicht, was er mit dem großen Haufen Filmgeschichte anfangen sollte. Bis zu jenem schicksalhaften Augenblick an Bord des Chevrolet Avalanche, als sich Kiernan seinem Chef offenbarte. "Das war der erste Moment, in dem ich meinen Vater nach seinem Tod spüren konnte", erinnert sich Sean Kiernan.

Am Tag darauf zeigten ihm Wallace und sein Coautor Ken Horstmann das Drehbuch, Sean ihnen Steve McQueens Brief. Ab da stand für ihn eins fest: "Ich muss dafür sorgen, dass aus dem Drehbuch meines Chefs ein Film wird", erklärt er mit ernster Stimme. Ein Film in dem sein berühmter Wagen ein zweites Mal die Hauptrollen spielen sollte. Also baute er den Wagen Stück für Stück wieder zusammen, mit permanenten Selbstzweifeln. Was, wenn er einen Fehler machen würde, ausgerechnet bei diesem Stück Geschichte?

Sean Kiernans Sorgen waren unbegründet, im Mai 2016 war der Mustang fertig, auf einem Anhänger ging es nach Atlanta, dort bestätigte ein Experte für Ford-Oldtimer die Echtheit des Wagens. Wenig später kam der Kontakt zu Mark Gessler von der Historic Vehicle Association zustande, die das kulturelle Erbe des amerikanischen Autos dokumentiert. Und schließlich auch der Kontakt zu Ford. Sean und sein Vater wollten den Konzern schon länger kontaktieren, damit ihr Bullitt-Mustang Teil des offiziellen Erbes des Urvaters der Pony Cars werden kann.

"Bullitt" trifft auf seinen Nachfolger

Ford hatte dafür den perfekten Moment parat: Auf der Detroit Autoshow 2018 präsentierte der Autohersteller ein neues "Bullitt"-Sondermodell, zum 50. Geburtstag des Films. Und zu diesem Jubiläum kehrte auch das berühmteste Exemplar zurück, mit all seiner Patina und den Spuren zweier Karrieren als Filmstar und Alltagsauto, genau so, wie es 1980 seine letzte Meile gefahren war. "Das war unsere Art, Steve McQueens Andenken zu ehren. Er hat den Wagen nicht zurückbekommen, aber er ist immer noch genau so, wie er auf der Leinwand war", mein Kiernan.

Genau so möchte er den Wagen jetzt möglichst vielen Menschen zeigen und tourt mit ihm durch die USA. Und im Sommer hofft er, sich mit ihm einen Traum erfüllen zu können: Einen Besuch des Goodwood Festival of Speed in England - natürlich mit dem Mustang, um auch die Fans in Europa am Mythos teilhaben zu lassen.

"Die Freude über das Auto, die vielen Menschen, die ich seitdem kennenlernen durfte, all das war einfach großartig", sagt Sean Kiernan und fügt an: "Meine Frau und ich brauchten nur Inspiration, um den Wagen wieder zusammenzubauen." Und die kam ausgerechnet auf der Fahrt durch Tennessee, bei der ein langweiliger Chevrolet Avalanche eine Hollywoodlegende auferstehen ließ.

Anm. d. Red.: Ursprünglich hieß es im Text, James Bonds Auto sei ein Aston Martin DB4, tatsächlich handelt es sich jedoch um einen DB5. Das aktuelle "Bullitt"-Sondermodell des Ford Mustang wurde außerdem zum 50. Geburtstag des Films, nicht des Modells präsentiert. Diese Fehler wurden mittlerweile korrigiert.



insgesamt 28 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mazzmazz 02.04.2018
1. Schöne Geschichte
Es wäre natürlich nett, wenn der EIgner den Wagen einfach ab und an fahren würde. Interessanterweise fanden so einige Filmlegenden in private Garagen von Leuten, die keine stinkreichen Autosammler sind. So tauchte vor ein paar Jahren auch eines der 3 Miami Vice Fimautos auf, ein Mc Burnie Daytona. Wurde in den USA auf ebay mit klarer Historie und beklagenswertem Zustand für ca. 20.000 USD verkauft, wenn ich mich recht erinnere. Ein weiterer wurde im Web auch mal erwähnt. Der dritte wurde bekanntlich im Film gesprengt. Wer ein wenig über das eine oder andere legendäre Filmauto recherchiert wird sehen, dass so etwas durchaus auch mal zu volkstümlichen Preisen verhökert wird, weil die Autos oft nicht mehr brauchbar und beschädigt sind. Der Bullitt - Mustang ist natürlich der Traum Nr. 1 und ich finde es klasse, dass nicht Leno & Co. das Ding in einer Halle verschwinden lassen konnten, sondern es einfach im Alltag gefahren wurde. So soll es sein. Einen der MV Daytonas hätte ich zu gerne. Als Alltagsauto für den Sommer. Aber aktuell passt das nicht zur Familienplanung und es wird keiner angeboten. Mal sehen...
AlexZatelli 02.04.2018
2.
Wundervolles Storytelling-Marketing. Es wurden allerdings zwei Mustangs bei den Dreharbeiten eingesetzt, wegen der mörderischen Sprünge. "Den" Original-Bullitt-Mustang gibt es so nicht.
schlauchschelle 02.04.2018
3. Da haben Sie recht:
Das Fahrverhalten damals war abenteuerlich, zudem die Reifen in Sachen Spurtreue und Traktion / Seitenführung, naja, suboptimal ;) waren. Ich habe 2 Wagen aus den frühen 1980-ern, deren Grundkonstruktion in den 1960-ern liegt. Trotz McPherson an der VA, neuer Stoßdämpfer (Gas) & Federn, neuer Fahwerkbuchsen und Reifen ist das Fahrverhalten im Vergleich zum modernen Alltagswagen bisschen wie ein Ruderboot, in Verbindung mit den "Sofasesseln" zwingen Kurven bzw. Kreisverkehre zum gelassenen Cruisen. Genau das macht es aber aus: Entspanntes Fahren :) . Zum Mustang: Als ich vor Jahrzehnten den Film sah war ich geflashed: Hier stimmte Alles: Der kurrige, wortkarge McQueen, der kantige, kraftvolle Mustang, gerade im Vergleich zum doch etwas schwülstigen Charger, die Handlung, alles auf den Punkt. So wie der Mustang ausschaut, egal ob als Fast- oder Notchback, ein GT bzw. Sportwagen muss so ausschauen, hier stimmt jede Linie, jede Kante. Und das, obwohl der Mustang ein Kompromiss zwischen Iacocca und den "Steelheads" in der Konzernzentrale war: Iacocca wollte ein knackiges, kleines, 2-sitziges Sportcoupe, die Bosse aber, dass die Basis des simplen Ford Falcon benutzt wird, aus Kostengünden. Das Ergebnis ist dennoch ein Traum. Alle Mustangs, die danach kamen, egal ob Mach I - III usw. waren, naja, im Auge des Betrachtes "schön", wenn auch ab den 1970-ern (Ralph Nader) ohne Leistung und ohne Seele. Es wird übrigens kolportiert: 1. dass der Mustang stark getunt werden musste (Fahrwerk, Reifen, Motorleistung), um im Film mit dem Charger mithalten zu können. 2. McQueen, der Autonarr, nutze angeblich seine eigenen Wagen, weil dem Produzent die Kosten zu hoch waren. Egal, ich liebe den Film, der Mustang und der Charger sind heute Ikonen.
Diwoka1 02.04.2018
4. Vielen Dank Mr. Obvious
Zitat von AlexZatelliWundervolles Storytelling-Marketing. Es wurden allerdings zwei Mustangs bei den Dreharbeiten eingesetzt, wegen der mörderischen Sprünge. "Den" Original-Bullitt-Mustang gibt es so nicht.
"Genauer gesagt: beider Wagen. Zwei äußerlich identische Mustangs brachten damals die verschiedenen Szenen auf die Leinwand, das sogenannte Jump Car die Stunts, das Hero Car die Nahaufnahmen" Leseverständnis 1+
bullet69 02.04.2018
5. #3 Was bitte daran war erschreckend?
so war das halt in den 50er 60er und den 70ern. Stand der Technik ohne Elektronik im Fahrwerk. Mit der Technik ist man damals über die Alpen bis nach Italien gekommen. Einen Unterschied zu heute gibt es dennoch: Früher musste man noch richtig fahren können.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.