Autowracks in Amerika Auf Schrottes Pfaden

Dieter Klein ist quer durch die USA gereist, um verrostete Autos zu fotografieren. Klingt irgendwie kaputt? Dann schauen Sie sich mal seine Bilder an.

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Spiegel Online: Herr Klein, haben Sie schon mal ein Auto auf den Schrottplatz gebracht?

Klein: Nein. Ich bin kein großer Autofan.

Spiegel Online: Wie sind Sie dann auf die Idee zu ihrem Bildband über verrottende Autos gekommen?

Dieter Klein: Durch Zufall. Während eines Frankreichurlaubs habe ich einen alten, verfallenen Citroen-Laster entdeckt. Ein Modell aus der Baureihe Rosalie von 1937. Dieser kleine Laster war in einen Holunderbusch eingewachsen, ein armdicker Ast rankte durch das Lenkrad. Davon habe ich ein Foto gemacht. Das Bild ließ mich dann nicht mehr los.

Spiegel Online: Wie meinen Sie das genau?

Klein: Das Auto ist etwas uns sehr Vertrautes. Und dieses Vertraute in einem nicht vertrauten Zusammenhang zu sehen - das faszinierte mich. Ich begann zu recherchieren. Ich fand lauter verlassene Schrottplätze in Europa und verewigte sie in einem Bildband. Daraufhin machten mich Leser auf einen speziellen Gammel-Garten in den USA aufmerksam.

Spiegel Online: Was hatte es damit auf sich?

Klein: Es handelte sich um eine gigantische Autosammlung in den USA. Der Besitzer hatte sich nach Streitigkeiten mit den lokalen Behörden über sein Grundstück dazu entschieden, seinen Schrottplatz nicht mehr weiterzuführen und wieder als Farmer zu arbeiten. Das war 1953 - und seitdem war die Sammlung unberührt. Mich hatte diese Geschichte so fasziniert, dass ich kurzerhand einen Flug in die USA buchte, um mir die Autos aus der Nähe anzugucken. Daraus wurde dann die erste vier Wochen dauernde Reise.

Spiegel Online: Wie lange waren Sie in den USA unterwegs?

Klein: Für beide Bildbände habe ich insgesamt vier Reisen unternommen. Zweimal sechs Wochen und zweimal vier Wochen. Ich bin 42.000 Kilometer weit durch 39 Bundesstaaten gefahren.

Fotostrecke

30  Bilder
Autowracks in Amerika: Rastlos den Rostlauben hinterher

Spiegel Online: Wie sind Sie bei der Planung vorgegangen?

Klein: Im habe im Vorfeld jeder Reise ein paar Plätze mit Potenzial recherchiert und ansonsten viel Zeit für Spontanfunde eingeplant.

Spiegel Online: Spontanfunde im Vorbeifahren?

Klein: In der Regel eher nicht. Viele Fahrzeuge stehen auf riesigen, hektargroßen Privatgrundstücken, man sieht die Autos also von der Straße aus nicht. Außerdem empfiehlt es sich in den USA nicht unbedingt, ohne Erlaubnis ein Privatgelände zu betreten. Einige Fahrzeuge habe ich aber tatsächlich im Vorbeifahren entdeckt.

Spiegel Online: Aber wie sind sie dann zu den Fundorten gelangt?

Klein: Oft durch Einheimische. In abgelegenen Orten haben die Leute anhand meines Akzents natürlich sofort gemerkt, dass ich fremd bin. So kamen wir ins Gespräch, ich zeigte Postkarten mit Bildern, die ich von Autowracks gemacht hatte, und die Leute gaben mir Tipps, wo ich weitere finden konnte. Sie vermittelten Kontakt zu den Grundstücksbesitzern oder zeigten mir selber Fundorte. Eine Dame ließ mich erst auf ihr Grundstück, damit ich dort fotografieren konnte. Irgendwann war sie so Feuer und Flamme für die Sache, dass sie sechs Stunden mit mir durch die Gegend fuhr und mir weitere Wracks zeigte.

Ein Porsche-Friedhof in den USA

Ein Porsche-Friedhof in den USA

Spiegel Online: Wie erklären Sie sich diese Begeisterung für die alten Rostlauben?

Klein: Ich glaube, dass das eine ureigene amerikanische Form von Geschichtsbewusstsein ist. Die amerikanische Geschichte ist, verglichen mit der Europas, sehr kurz. In Deutschland kann man in eine Barockkirche gehen oder den Kölner Dom, der bald tausend Jahre alt ist. So etwas gibt es in den USA nicht, deswegen stiften Exponate der jungen amerikanischen Geschichte wie diese Autos eine Form der Identifizierung.

Spiegel Online: Was meinen Sie damit?

Klein: Für viele Amerikaner sind ihre Fahrzeuge Teil der Familiengeschichte und werden entsprechend präsentiert. Neben dem Eingang zu einer Ranch fand ich einmal den Familienfuhrpark der vergangenen Jahrzehnte: Zwölf Fahrzeuge, fein säuberlich aufgereiht, von Lastern über Pick-ups bis zu Limousinen. Hierzulande undenkbar - niemand würde sich Autos in den Vorgarten stellen und die einfach vergammeln lassen. Aber der Besitzer erzählte mir stolz zu jedem Auto die Geschichte.

Spiegel Online: Das Auto als Lebensmittelpunkt?

Klein: Manchmal schon. In Mojave, Kalifornien, etwa zwei Autostunden von Los Angeles entfernt, hatte ich eine solche Begegnung. Dort sah ich eines Tages eine Werkstatt mit interessanten Autos. Ich plauderte mit dem Besitzer, ein älterer Mann, der sich als "Gene" vorstellte. Er führte mich in sein Haus, das an die Werkstatt angrenzte, öffnete die Tür - und plötzlich standen wir in einer Tankstelle. Regale voller Glühbirnchen, Zündkerzen, Ölkännchen, alles voll mit Krimskrams. Er öffnete die nächste Tür - und da stand, mitten im Wohnzimmer, eine total abgefahrene Designstudie. Außerdem Vitrinen voller Pokale und Spielzeugautos. Erst da dämmerte mir, dass ich, ohne es zu wissen, bei Gene Winfield, gelandet war - einem der legendärsten Rennfahrer und Customizer der USA. Er gestaltete zum Beispiel Filmautos für "Blade-Runner", "Batman" und "Star Trek". Der lebte da in der Wüste und baute mit seinen Kollegen aus alten Autos Hot Rods zusammen. Für ihn waren Autos definitiv der Lebensmittelpunkt.

Spiegel Online: Haben Sie ein Lieblingsauto, ein Lieblingsmotiv?

Klein: Ja, das Titelbild des zweiten Bandes. Den Wagen habe ich im äußersten Nordosten von Montana gefunden. Es ist ein Dodge Pioneer in Pink, wie es zu Zeiten von Elvis Presley durchaus Mode war. Der Wagen war 1977 von seinem Besitzer vor dessen Haus abgestellt worden - zwei Tage später starb er. Sein Sohn hat mir erzählt, dass die Familie den Wagen aus Respekt dem Vater gegenüber nie wieder angefasst hat, genau wie das Haus nicht mehr betreten wurde. Der Garten wurde nicht mehr gepflegt, das Haus verfällt, das Auto verfällt, die Zeit ist eingefroren worden.

Spiegel Online: Eine berührende Geschichte.

Klein: Das Motiv ist aber auch aus fotografischer Sicht mein Favorit. Ich kam an dem Ort am Nachmittag an. Die Sonne schien, es war ein bisschen bewölkt. Ich wartete auf ein ganz bestimmtes Licht und als die Sonne unterging, geschah es: Der pinke Dodge unter pinken Wolken vor dem verfallenen Haus - mein perfektes Bild.

Dieter Kleins Lieblingsbild der Serie

Dieter Kleins Lieblingsbild der Serie

Spiegel Online: Langes Warten auf das richtige Licht - wie oft kam das vor?

Klein: Ich bearbeite meine Bilder nicht nach, sondern arbeite mit dem natürlichen Licht. Da muss man schon mal warten, manchmal einen ganzen Tag lang.

Spiegel Online: Waren Sie bei einem der Autos versucht, es mitzunehmen und wiederherzurrichten?

Klein: Nein, ich brauche ein Auto, was zuverlässig ist und fährt.

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insgesamt 14 Beiträge
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Worldwatch 29.05.2017
1. Das Autowrack ...
... aus dem die Bäume herauswachsen, daß ist es! Ganz wunderbar morbide Tiefe, und zeigt den Menschen und dessen vergängliche Unwichtigkeit in wunderbarster Weise. Würde ich nur zu gern als gerahmtes Poster im Unternehmen ausstellen. Gratulation an den Fotokünstler. Sein hier gezeigten Genre der ?Zerfallsethik? ist ein wachsendes Künstler-Nischengenre. Es mahnt, bei allem Kunstgenuss, und bei Könnern wie dem vorstellten Fotografen, an unser aller labiles Sein und raschen Vergänglichkeit. In photographische Poesie transponierte Seinskritik.
Steve B 29.05.2017
2. Hat sich erstaunlich gut gehalten
Bildunterschrift bei Nr. 12: "1393 Chrysler Imperial" Tja, 99 Jahre vor Columbus wurde halt noch für die Ewigkeit gebaut.
kaributz 29.05.2017
3. Tolle Bilder
Ich hätte es dem Fotografen allerdings gegönnt, wenn er etwas von der Freude und dem Gefühl erlebt hätte, ein solches altes Auto zu restaurieren, erhalten und es zu besitzen.
Wofgang 29.05.2017
4.
Beeindruckende Bilder, wie unter 1. schon geschrieben, zeigt sehr eindrucksvoll die Endlichkeit unseres Scheins und Schaffens. Für die Spiegel Seite ist das auch ein Trost. Wirklich schlecht gemacht die Werbeeinblendungen, selbst wenn man die beworbene Seite anschaut kommt man nicht auf das Bild. Ähnlich wie beim Forum das ja auch nur mit Tricks bedienen lässt.
ironbutt 29.05.2017
5. Photographisch eher so mittelprächtig
Ja, es sind ganz und gar tolle Aufnahmen dabei - beispielsweise die #2, die für mich "das beste Bild" ist. Ausschnitt/Gestaltung, Bildaufbau, Wetter ... Top! Dann sind Motive dabei, die man nur technisch sauber ablichten musste, wie zB #29 ... handwerklich geht es nur noch darum, die Kamera gerade zu halten und die Belichtung nicht zu versauen. Schlimm (wirklich) finde ich die überraschend vielen Knipsbildchen ohne jeden handwerklichen Anspruch. Kühlerfiguren auf rostiger Haube von schräg oben - ohne jede Gestaltung der Tiefe oder Sinn fürs Detail - oder auch zB die beiden alten Porsche 356 "im Garten einer Photographin". Solche Bilder machen Grundschüler mit der Handy-Cam ...
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