Trickfotografie mit Modellautos: Schöner Schwindel mit teuren Schlitten

Von

Trickfotografie mit Modellautos: Er bringt sie ganz groß raus Fotos
Eric Otto

Eric Otto fotografiert Autos in der Tradition alter Gangsterfilme. Der Clou dabei: In Wahrheit handelt es sich bei den Straßenkreuzern und Verbrecher-Flitzern um winzige Modellautos - aber der Schwindel ist kaum zu erkennen.

Die grauschwarzen Dachgiebel des alten Schlosses ragen weit in den düsteren Abendhimmel hinein. Ein Polizeiwagen steht mit Warnlicht auf der Hofeinfahrt und versperrt einem Chevrolet Impala den Weg. In dem Gemäuer ist ganz sicher ein Verbrechen geschehen, vielleicht sogar Mord. Und der Besitzer des Impala hängt garantiert tief in der Geschichte mit drin, er darf nicht entkommen. Nur: Von wann stammt eigentlich das Foto? Und, Moment mal: Der Chevy und der Polizeiwagen - sind das etwa Modellautos?

"Ja, Maßstab eins zu dreiundvierzig", sagt Eric Otto. Er hat das Bild geschossen und die Szene arrangiert. Das geheimnisvolle Schloss und der finstere Himmel sind echt. Aber die Fahrzeuge sind nur so groß wie Kinderschühchen. Otto besitzt mehr als hundert von den Spielzeug- und Sammlermodellen, umhüllt von Schaumstoff liegen sie in Alukoffern verstaut. "Ich reise mit diesen Autos durch die Welt", sagt der 43-Jährige.

Angefangen hat alles mit einem Urlaubsfoto. Mit Freunden hatte er sich in einem Häuschen in Südfrankreich einquartiert, eines Abends waren die Rotweinflaschen leer und die Köpfe voller Ideen. Otto griff sich das Miniaturmodell eines Citroën DS aus dem Regal, stellte es auf den Boden und legte sich mit seiner kleinen Digitalkamera auf Augenhöhe daneben, knipste ein paar Bilder. Das Ergebnis überraschte ihn: "Auf den Fotos sah der Citroën aus wie ein richtiges Auto."

Traumwagen vom Flohmarkt

Wieder zu Hause in Hamburg, wo er seit einigen Jahren lebt und arbeitet, beschloss er, eine Serie solcher Bilder zu produzieren. Der Fotograf wurde zum Sammler und stellte sich einen großen Fuhrpark mit den kleinen Autos zusammen. Die meisten bestellte er im Internet, und auf einem Flohmarkt in Frankreich öffnete sich für ihn eine Schatzkammer: "Ich habe dort einen Händler entdeckt, dem mehr als 3000 Modellautos gehören", erzählt Otto, "mit ihm mache ich viele Tauschgeschäfte." Nur hochwertige und makellose Fahrzeuge kommen in seinen Koffer. "Viele sind handgefertigt, einige bis zu 200 Euro teuer", sagt er.

Bilder von einem Mini-Mercedes CLA oder einem winzigen Lamborghini Aventador wird man von ihm nicht zu sehen bekommen. Otto interessiert sich ausschließlich für Oldtimer. "Früher waren die Autos noch Kunstobjekte", sagt er und zählt seine Lieblingsklassiker auf, den Citroën DS 19 zum Beispiel, oder den Chevrolet Chevelle. Aufgeregt berichtet er von seinem neusten Traumwagen, einem Stutz Blackhawk Coupé, Baujahr 1971. "Abgefahren!", ruft Otto, das Modell ist schon bestellt. "Ich kann das Foto mit ihm schon vor mir sehen."

Ein schmutziges Geschäft

Für die Aufnahmen legt er sich bäuchlings in den Schmutz. "Du musst runter auf den Boden und dich dreckigmachen", erklärt der Künstler. Die Autos werden umso größer, je kleiner er sich macht. Wichtig ist dabei natürlich, dass kein einziger Regentropfen oder Krümel die Karosserie verschandelt - denn die würden im Bild dann zu Pfützen oder Wackersteinen anwachsen.

Von einer Szene schießt er Dutzende Bilder. "Manchmal drehe ich die Kamera dabei nur um ein paar Millimeter", sagt Otto, "aber es ist dann oft das entscheidende Stückchen, das die Einstellung perfekt macht." Und perfekt ist sie dann, wenn das Modellauto so wirkt, als könnte man direkt einsteigen und damit losfahren.

Alles also eine Frage der Perspektive? "Nein, es kommt auch auf die richtige Atmosphäre an", sagt Otto. Düster und zwielichtig muss sie sein, denn die Szenen auf seinen Bildern handeln von Räubern und Gendarmen. Er sei einfach ein Nostalgiker, sagt der 43-Jährige, seine Werke versteht er als Hommage an Filmklassiker aus den siebziger Jahren: "French Connection", "Der Clan der Sizilianer" - Filme, in denen Gut und Böse noch Hüte trugen und dicke Schlitten fuhren. "Gangster fahren nun mal schöne Autos", erklärt Otto seine Faszination für die Verbrecherstorys.

Lieber Autos als Menschen

Für schummrige Lichtverhältnisse ist er schon um drei Uhr nachts mit seinem Alukoffer unterm Arm an den Hamburger Hafen geradelt. "Sonnenschein würde auf meinen Fotos einfach nicht die passende Stimmung verbreiten", sagt er. Dabei reagieren die Leute immer mit einem Lächeln, wenn sie Otto bei der Arbeit beobachten. "Manche halten mich natürlich für verrückt", erzählt er, "aber die meisten interessieren sich für mich und meine Modellautos."

Menschen haben auf seinen Bildern trotzdem nichts verloren. Zum einen würde sonst der kleine Schwindel ja nicht mehr funktionieren. Zum anderen sagt Otto: "Als Fotograf arbeite ich lieber mit Autos als mit Männern oder Frauen. Autos sind unkomplizierter."

Webseite von Eric Otto

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insgesamt 59 Beiträge
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1. na ja sind schon paar gute Bilder bei...
diepresselügt 21.03.2013
Zitat von sysopEric Otto Eric Otto fotografiert Autos in der Tradition alter Gangster-Filme. Der Clou dabei: In Wahrheit handelt es sich bei den Straßenkreuzern und Verbrecher-Flitzern um winzige Modellautos - aber der Schwindel ist kaum zu erkennen. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/fotos-von-modellautos-von-eric-otto-aus-hamburg-a-890132.html
aber die billigen Blendeneffekte, passen überhaupt nicht in die Bilder rein... ps. mit Photoshop übertrieben und verschlimmbessert, sieht aus als ob ein Oldsmobile mit Xeniónscheinwerfern rumfährt. Der Großteil der Bilder ist ziemlich schnell als Schwindel zuerkennen...da sollte es keine 2 Meinungen geben.
2. Klasse Sache
hypermental 21.03.2013
Sehr gute Idee und fotografische Umsetzung! :-) Habe ich als Schüler einst so ähnlich auch mal mit Modellautos ausprobiert...
3. Weltsensation !
Schlumperli 21.03.2013
Wow - und ich fotografiere den Inhalt von Ü-Eiern in der Tradition alter Science-Fiction-Filme ;-) Komm ich damit auf SPON ? Auch wenn ich nicht in Hamburg wohne ?
4. Wenn jemand dem Fotografen gesagt hätte, ...
Methusalixchen 21.03.2013
... dass es Software gibt, mit der sich Schärfe auch im Nahbereich über die gesamte Bildtiefe ziehen lässt, wäre da vielleicht was Bemerkenstwertes bei herausgekommen. Aber so ...
5.
bratworst 21.03.2013
Er mag ja ein toller Fotograf sein und Plastik oder Kunstoffmodelle schön in Szene setzen können. Aber mit Photoshop sollte er sich nochmal auseinandersetzen. Auf sämtlichen Bildern immer wieder dieselben Standard Lens Flares zu benutzen passt hier einfach so garnicht!
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