Retro-Renner im Eigenbau Der Autodidakt

Durch einen Zufall stößt Chris Runge vor vier Jahren auf altes Werkzeug für Karosseriebau. Er hat keine Ahnung, wie man damit umgeht. Heute fertigt er Traumautos - und verkauft sie für sechsstellige Summen.

Kristopher Clewell

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Chris Runge erinnert sich noch genau an die schicksalhafte Entdeckung. Es hatte ihn in eine - wie er sagt - "obskure Gegend" von South Dakota verschlagen. Eine ältere Dame bot dort den 1967er Porsche 912 ihres verstorbenen Mannes an. Genau der Wagen, nach dem er suchte. Doch als sich vor ihm die Garage öffnete, wurde der Porsche zur Nebensache. Ein größerer Schatz tat sich auf: alte Hämmer, eine Rollstreckmaschine, Drehmaschinen. Traditionelles Werkzeug für den Karosseriebau.

Runge schmiedete daraus seinen Traum.

Chris Runge ist 34 Jahre alt, er stammt aus Minnesota und spricht seinen Nachnamen "Runkii" aus. Nach eigenen Schätzungen hat er in seinem Leben schon etwa 15 verschiedene Porsche-Modelle besessen, so genau weiß er es nicht mehr. Sein erster war ein 1978er 911 Targa SC, den kaufte er mit 17. Ein Jahr zuvor hatte er einen Vertrag als Profi-Snowboarder unterschrieben.

Wie einst Walter Glöckler

"Ich habe mir die Autos immer in reparaturbedürftigem Zustand angeschafft und sie restauriert", erzählt er. Wie man an den Wagen schraubt, brachte ihm sein Onkel bei. Mehr als drei Fahrzeuge gleichzeitig standen allerdings nie in seiner Garage. "Ich bin der Ansicht, dass man sich nur um eine bestimmte Anzahl von Autos kümmern kann."

Für Chris Runge sind die Sportwagen mehr als Statussymbole, seine Liebe zum Automobil geht tiefer. "Seit ich 14 bin, faszinieren mich historische Rennwagen aus Deutschland", erzählt er. "Die Eigenbauten aus den frühen Fünfzigern, das war echte Handwerkskunst. Da haben Männer ihre Kisten aus Altmetall zusammengezimmert und sich damit Rennen geliefert." Männer wie zum Beispiel Walter Glöckler. Der Autohändler aus Frankfurt bastelte nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Sportwagen mit einer Alu-Karosserie aus Porsche- und VW-Teilen, die sogenannten Glöckler-Porsche.

Glöckler-Porsche bei einem Rennen auf dem Grenzlandring im September 1951
Porsche

Glöckler-Porsche bei einem Rennen auf dem Grenzlandring im September 1951

Mit seinem Fund aus South Dakota wollte Runge ihm nacheifern. Sein Ziel: anhand des alten Werkzeugs seinen eigenen Flitzer bauen. Sein Problem: Er hatte keine Ahnung, wie man das Werkzeug bedient.

Vom Boarder zum Entrepreneur

"Ich kannte mich ein bisschen mit Schweißen aus", sagt Runge, "aber wie man Blech mit einer Rollenstreckmaschine bearbeitet, wie sich Metall unter einem Hammer biegt oder wie man Aluminium in Form bringt, davon hatte ich keinen Schimmer." Einen Mentor suchte er in Minnesota vergeblich, sein Onkel konnte ihn diesmal nicht unterstützen. Seine einzige Hilfe war ein Dutzend alter Handbücher über Karosseriebau, die zum Nachlass des verstorbenen Porsche-Besitzers gehörten. Er fraß sich durch die Anleitungen und klapperte Foren im Internet ab. "Dann habe ich einfach angefangen. Trial and Error."

Mit dem Werkzeug, den Materialien und einer selbstangefertigten Skizze des Autos schloss er sich in die Scheune seines Vaters ein. Zuerst baute er ein Chassis, dann verbrachte er zwei Wochen damit, aus Sperrholz eine Form für die Karosserie zu fertigen. Zwölf Stunden täglich. "Ich hatte keine Bauanleitung, aber das war im Nachhinein betrachtet ein Vorteil, weil ich mir jeden Schritt vorher genau überlegen musste. Die Arbeit mit dem Holz fiel mir nicht schwer, weil ich früher als Handwerker gejobbt habe."

Auf diesem Holzgerüst passte Runge die Alu-Karosserie an
Kristopher Clewell

Auf diesem Holzgerüst passte Runge die Alu-Karosserie an

Seine Snowboard-Karriere hatte Chris Runge zu dieser Zeit längst beendet. "Mit Mitte 20 war ich zu alt dafür, außerdem wollte ich weniger reisen und mehr Zeit mit meiner Frau und meinen beiden Kindern verbringen." Zwischenzeitlich war aus dem Boarder mit einfachem Highschool-Abschluss ein Entrepreneur geworden: Runge hatte ein Unternehmen gegründet und sich auf die Reinigung von Ethanol-Tanks spezialisiert. Die Geschäfte liefen gut, er war erfolgreich. 2009 trat er etwas kürzer, einige Zeit später verkaufte er die Firma.

Mit dem Rennwagen-Projekt sollte seine dritte Karriere beginnen.

"Das Coolste, was du je gesehen hast"

Runge erzählt, wie er die Karosserie des Wagens zum ersten Mal aus der Scheune rollte, einige Schritte Abstand nahm und sein Werk aus ein paar Metern Entfernung betrachtete: "Ich dachte mir: Oh Boy, das ist das Coolste, was du je gesehen hast." Zwischendurch hatte er immer wieder Rückschläge einstecken müssen, die Frontpartie war ihm schief geraten, er musste sie komplett neu anfertigen. "Es gab Phasen, da konnte ich den Wagen nicht mehr anschauen."

2012, nach acht Monaten Schrauben, Schweißen und Dengeln, war sein Werk vollbracht: Ein handgemachter Alu-Sportwagen, rund 450 Kilo leicht, mit einem modifizierten 1,2 -Liter-Vierzylindermotor von VW mit 50 PS. 1800 Stunden Arbeit, schätzt Runge, stecken in dem Auto. Als Hommage an den Herkunftsort des Glöckler-Porsches nennt er ihn Frankfurt Flyer. Wie darf man sich die Fahrt in der Silberbüchse vorstellen? "Es fühlt sich an, als ob man einen Motor auf den Rücken geschnallt hat. Als ich das erste Mal damit unterwegs war, habe ich vor Freude nur geschrien"

Der fertige Frankfurt Flyer

Der fertige Frankfurt Flyer

An einigen Stellen, sagt Runge, sieht man an der Karosserie noch die Abdrücke seiner Hammerschläge. Er weiß, dass das nicht den gängigen Vorstellungen von Perfektion entspricht. Aber am Frankfurt Flyer wirken sie wie Schönheitsflecken: "Für mich machen sie dieses Auto erst perfekt; man erkennt das Handwerk darin, das Selbsterschaffene."

Kundschaft aus Deutschland

Runge hofft nun darauf, dass andere Menschen seine Vorstellung von Perfektion teilen. Mittlerweile hat er zwei weitere Frankfurt Flyer gebaut. Aus dem Ein-Mann-Betrieb ist ein Team geworden, der 34-Jährige hat zwei Mitarbeiter, beide weit über 70. "Tom Bruch hat in den Sechzigern bei Porsche gelernt und ist ein Guru für VW-Motoren", erzählt Runge, "und Chuck Beck hat bereits mehr als 3000 Replicas des Porsche 550 Spyder gebaut. Als ich ihn kontaktierte, bastelte er gerade an einem Motorrad mit V12-Lamborghini-Motor. Er war sofort von einer Zusammenarbeit begeistert."

Für die Unikate verlangt Runge rund 100.000 Dollar. Zuletzt restaurierte er für einen Kunden aus Deutschland die Karosserie eines Alu-Rennwagens aus den frühen Sechzigern. "Mein Traumauto ist jetzt immer das, an dem ich aktuell bastle. Ich habe das Glück, das ich dafür auch noch bezahlt werde."

Die Eigenbauten haben eine Straßenzulassung

Die Eigenbauten haben eine Straßenzulassung

Für seine Manufaktur hat Runge einen weiteren Eigenbau vorgenommen: An seinem Namen. Er firmiert unter Rünge Karosserie Flyer Motorwerks. Ein kleiner Marketing-Trick - "It's called an Umlaut, right?" - deutsche Ingenieurskunst genießt in den USA nun mal einen exzellenten Ruf und Runges Vorfahren stammen aus der alten Welt, deshalb über dem "u" noch zwei Pünktchen.

Sie sehen aus wie Schönheitsflecken.



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
jrzz 29.01.2015
1. Das ist jetzt ...
... schon der zweite Artikel über Menschen, die sich für Autos wirklich interessieren. Und das weitab des Mainstreams. Super! Besser als jedes Tom-Grünweg-Geschreibsel!
Bin_der_Neue 29.01.2015
2. Klasse!
Einfach nur Klasse, was Chris Runge da auf die Beine gestellt hat. Und er hat auch noch das absolute Glück, seine Schöpfungen in den USA fahren zu dürfen. Die deutsche Bürokratie würde derlei Kreativität leider schon im Ansatz im Keim ersticken.
bbär 29.01.2015
3. Klassse!
Im Gegensatz zu vielen, die auf der Retrowelle schwimmen wollen (und es nicht hinbekommen) hat er das richtige Auge für die Fahrzeuge dieser Periode. Der Erfolg sei ihm gegönnt!
bartholomew_simpson 29.01.2015
4. Einfach schön
sind diese Retro-Renner. Der Charme der Handarbeit muss sich nicht verstecken. Die Uhlenhaut-Karosserie des 300SL wies ja auch gewisse Unregelmässigkeiten auf.
Jobuch 29.01.2015
5. Zu #1.: Sehr wahr!
Ich kann dieses Grünweg-Geschreibsel auch nicht mehr ertragen. An was der sich immer aufhält - da hat’s keinen Luftsack, da piepst es falsch, das ist nicht lieferbar. Anstatt sich mal drum zu kümmern, ob man ein Auto gescheit beladen kann, ob man vernünftig raussieht, ob es einfach zu warten ist und: OB ES EINE SEELE HAT. Die hier beschriebenen Fahrzeuge haben eine - und wie! Es ist so geil, was der Typ da macht. Ein echtes Highlight im 08-15-Plastik-Auto-Gemenge.
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