Funsport-Gerät "Bockerl" Geschoss mit Sofa-Eigenschaften

Das Ding hat drei Räder, Bremse, Sitz und Griff: Das "Bockerl" ist kaum länger als ein Inline-Skate - doch dieser Sommerrodel ist geländetauglich. SPIEGEL-ONLINE-Autorin Andrea Reidl hat's getestet.


Auf den ersten Blick ist mein Vertrauen in das Bockerl gleich Null. Zwar ist der Sattel größer als beim Fahrrad, dafür befindet er sich aber nur 26 Zentimeter über dem Boden. Am vermeintlichen Lenker kann sich der Fahrer festhalten. Lenken soll er aber mit dem Körper, per Gewichtsverlagerung, darum steht das mittlere der drei Räder auch höher als die beiden anderen.

An Lenken oder gar Bremsen ist bei der ersten Probefahrt im Wald nicht zu denken. Draufsetzen, Beine anwinkeln, abstoßen und los geht's. Ein, zwei, drei Meter, dann hopst der Hintern vom Sattel und landet auf dem Boden. Helm und Handschuhe sollten eigentlich bei schlimmen Stürzen schützen. Müssen sie aber gar nicht. Der Abstand zum Boden ist so gering und der Hintern von Natur aus so gut gepolstert - da kann gar nix passieren. Stattdessen packt mich der Ehrgeiz: Das ist einfach, das kann jeder, noch mal.

Berg raufklettern, abstoßen, runter. 10, 20, 50 Meter. Die Strecke bis zum nächsten Sturz wird mit jeder Abfahrt länger, der Spaß wächst mit jedem gefahrenen Meter. Irgendwie ist es wie Rodeln, nur besser. Man kann wirklich richtig lenken. Erst mit den Füßen, um Wurzeln und Erdlöchern auszuweichen, dann, viele Abfahrten später, wenn der Oberkörper leicht nach hinten kippt und die Beine überm Boden schweben, geht es tatsächlich mit dem Körper.

Nach einem Nachmittag Bockerltraining kann ich Hans Gschwendtner (36) und Thomas Eimansberger (41) verstehen. Die beiden haben den Sommerrodel vor acht Jahren erfunden. Sie leben in Bad Tölz, sind begeisterte Bergsteiger und waren es Leid im Sommer die Berge runterlaufen zu müssen. Im Winter nehmen sie für den Abstieg einen Schlitten - als Belohnung für den Aufstieg. Was sie brauchten war ein adäquater Sommerrodel.

Selbstgebastelte Abstiegshilfe

Ideen hatten sie genug. Gschwendtner und Eimansberger sind leidenschaftliche Tüftler, der eine gelernter Schreiner und Ingenieur, der andere Schuster mit eigenem Orthopädiegeschäft. Ihr Sommerrodel sollte Rollen haben und so klein und leicht sein, dass sie ihn bequem auf dem Rücken den Berg hochtragen können.

Die Bastelarbeit war schnell getan. Sie nahmen eine Kufe, die der Unterseite eines Inline-Skates entsprach, aber bedeutend länger war, befestigten daran die Rollen eines Inline-Skates und schraubten diese unter eine Sitzfläche mit Haltestange. Fertig war das erste Bockerl - nach einer Stunde Schraubarbeit. Und der Namensfindung diente ein sogenanntes Böckl - eine Art Schlitten mit drei breiten Kufen, Lenker und Sitz.

Bergtauglich war der Flitzer damit aber noch nicht. Ein Jahr lang werkelten Gschwendtner und Eimansberger an der Feineinstellung herum. Immer wieder veränderten sie die Sitzposition und die Länge der Haltestange. Das Verhältnis musste genau stimmen, denn hier lag das Geheimnis fürs stabile Sitzen. Sie probierten verschiedene Reifen aus und entschieden sich schlussendlich für Luftreifen von Rollstühlen - weil sie so gut dämpfen.

Die Bremse war das größte Problem

Das meiste Kopfzerbrechen bereitete ihnen die Bremse. Die kleinen Räder heizten sich beim Bremsen in Talfahrt so extrem auf, dass die Bremsen verschmorten. Nach vielen Gesprächen mit dem Bremsenhersteller Magura kam der Durchbruch: Der Einbau einer Scheibenbremse ins mittlere Rad. "Jetzt ist die komplette Felge die Bremse", erklärt Gschwendtner.

Einmal in Fahrt, rast das Bockerl mitsamt Fahrer sicher wie ein Sofakissen die Hänge hinab. Dabei gilt: Je steiler umso besser. Denn das Bockerl liebt Geschwindigkeit. Je schneller es fährt umso stabiler rollt es über Stock und Stein. Selbst Schotterpisten, schmale Forstwege oder steile Wiesenhänge nimmt das Dreirad souverän - manchmal gar im Flug - wenn der Fahrer sich traut.

Mit Füßen oder der Bremse lässt sich die Geschwindigkeit sanft und sicher regulieren. Auf Asphalt sollte man jedoch auf die Fußbremse verzichten. Je nach Geschwindigkeit riecht es sonst nach Gummi, Schuhsohlen schmelzen erstaunlich schnell bei hoher Geschwindigkeit. Und schnell wird der rollende Schlitten. Bei etwas über 70 Stundenkilometer liegt momentan die Grenze der Profis. 30 Kilometer pro Stunde schaffen selbst Laien nach kurzer Zeit.

Die Fangemeinde der Bockerlfahrer wächst stetig. Nachdem eine Lokalzeitung über den Sommerrodel berichtet hatte, meldete sich ein Hersteller bei Gschwendter und Eimansberger. Seitdem wird das Sportspielzeug in Serie produziert. Jetzt besteht es fast vollständig aus Aluminium, wiegt rund drei Kilo, kostet rund 280 Euro und hat eine Hydraulik-Bremsanlage mit innenbelüfteter Bremsscheibe. Ein richtiges Hightech-Gerät mit großer Fangemeinde, die sogar Bockerl-Weltmeisterschaften ausrichtet.

Einmal ist Gschwendtner bei so einer Weltmeisterschaft selbst mitgefahren. "Ich bin auf Platz zehn oder elf gelandet, unglaublich, wie schnell die sind", staunt der 36-Jährige. "Da konnte ich nicht mehr mithalten."



insgesamt 9 Beiträge
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keats 16.04.2009
1.
Zitat von sysopImmer wilder, gefährlicher und schneller: In diesem Sommer ist das "Bockerl" das neueste Trendsportgerät. Mit welchem Gerät halten Sie sich auf Trab?
Das Lange Schwert
Mann_der_Arbeit 12.05.2011
2. Trendsportgeräte
Mit der Slackline im Park. Trainiert Balance und stärkt die Muskulatur.
SilkeSonnenschein 12.05.2011
3.
das Bockerl sieht aber sehr gefährlich aus, so klein und man brauch immer ein Gefälle -> für mich kein neuer Trend
ray4901 12.05.2011
4. auch immer gefährlicher
Zitat von sysopImmer wilder, gefährlicher und schneller: In diesem Sommer ist das "Bockerl" das neueste Trendsportgerät. Mit welchem Gerät halten Sie sich auf Trab?
als ehemaliger Spitzenfechter mit dem hier: http://www.willhaben.at/iad/viewimage?adId=25515602
Umberto, 13.05.2011
5.
Zitat von sysopImmer wilder, gefährlicher und schneller: In diesem Sommer ist das "Bockerl" das neueste Trendsportgerät. Mit welchem Gerät halten Sie sich auf Trab?
Immer noch damit. (http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/54/Ducati-corse-factory-900xr-01-1280.jpg) Auf 'Immer wilder, gefährlicher und schneller' lege ich keinen Wert (mehr).
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