"PS-Profi" Jean Pierre Kraemer "Die Leute haben Angst, das falsche Auto zu kaufen"

Schrott oder Schnäppchen? Keiner kennt sich so gut aus mit Gebrauchtwagen wie Jean Pierre Kraemer. In seiner TV-Sendung "Die PS-Profis" deckt er Mängel auf und feilscht um den besten Preis. Hier spricht er über seine Geheimtipps gegen Abzocke.

SPIEGEL ONLINE

Von Sara Maria Manzo, und


Es gibt wenig im Leben, was so unerquicklich ist wie ein Gebrauchtwagenkauf. In den Annoncen verschwiegene Mängel, kaschierte Defekte, verschlagene Verkäufer - das Frustpotential auf dem Weg zum günstigen Gebrauchten ist groß. Wieso also ist eine TV-Show zu genau diesem Thema seit Jahren ein Erfolg? Vielleicht genau deswegen - weil in jeder Folge die Hoffnung liegt, dass es auch andere, glückliche Fälle gibt.

Es könnte aber auch ganz einfach an einem Mann liegen: Jean Pierre Kraemer. Seit fünf Jahren moderiert er "Die PS-Profis - mehr Power aus dem Pott" zusammen mit Sidney Hoffmann. Das Palaver mit den Händlern, das Gefeilsche, die Suche nach Dellen und Rost, all das erledigt Kraemer - und präsentiert den Kandidaten am Ende jeder Sendung drei Autos ohne Tücken.

Er ist wissend, ohne belehrend zu sein. Er ist charmant - und kann den Verkäufern trotzdem Paroli bieten. Er ist sozusagen der Ranga Yogeshwar unter den Auto-Aficionados.

SPIEGEL ONLINE: Herr Kraemer, erinnern Sie sich noch an das Gefühl, als Sie das erste Mal allein Auto gefahren sind?

Kraemer: Ja, es war in einem Volvo 850. An der Ampel drehte ich die Musik voll auf und dachte: Jetzt beginnt ein neuer Teil meines Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Dabei wäre Ihr Leben kurz darauf fast beendet gewesen.

Kraemer: Stimmt. Mein erstes eigenes Auto, einen Golf III GTD, hatte ich gerade mal eine Woche, dann habe ich ihn bei einem Überschlag auf der Autobahn zerlegt. Ich bin einfach zu schnell gefahren. Danach war keine Kohle mehr für ein tolles Auto da, ich musste auf einen weißen Polo umsteigen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nach dem Unfall Angst, wieder zu fahren?

Kraemer: Nein. Ich glaube, dazu bin ich zu blöd. Um solche Sachen mache ich mir keine Gedanken.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie pünktlich zum 18. Geburtstag Ihren Führerschein?

Kraemer: Nein, bei der ersten praktischen Prüfung bin ich durchgefallen.

SPIEGEL ONLINE: Erzählen Sie mal.

Kraemer: Da war dieser Tunnel, wo nur ein Wagen durch durfte. Ich hielt davor an, weil am anderen Ende eine Autofahrerin stand. Sie hatte Vorfahrt, ich machte ein Handzeichen, dass sie fahren soll. Aber sie fuhr nicht. Ich winkte und winkte, und sie bewegte sich nicht. Und dann bin ich gefahren - und sie auch. Das war's dann. Beim zweiten Anlauf habe ich aber bestanden.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass Sie als Kind den Elektromotor von einem Kassettenrekorder in ein Carrera-Auto eingebaut haben?

Kraemer: Ja. Beim Rückspulen habe ich gemerkt, wieviel Dampf das Ding hat. Ich habe mich früh für Technik begeistert und war dabei immer von einem Gedanken getrieben: eine Maschine noch besser zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie an Technik vor allem Schnelligkeit und Kraft fasziniert?

Kraemer: Nein, es ging mir einfach ums Verbessern. Ich habe zum Beispiel als Kind einen Lego-Wettbewerb gewonnen. Alle anderen Kinder haben Raumschiffe gebastelt, aber ich habe ein einzelnes Roboterbein gebaut, mit pneumatischen Teilen. Das ließ sich dann wie ein richtiges Bein anwinkeln. Ich wollte einfach für mich selbst herausfinden, wie man das zum Funktionieren bringt.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also getunt, bevor Sie wussten, was Tuning überhaupt ist?

Kraemer: Ja, so kann man es sagen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Tuning bei den meisten Leuten eigentlich ein schlechtes Image?

Kraemer: Wenn ein Auto, das gut fährt, noch besser gemacht wird, dann wird das als Angeberei betrachtet. Als etwas Unnötiges. Hinzu kommt, dass ein paar Kandidaten sehr laut und sehr extrovertiert mit ihren getunten Autos unterwegs sind. Eigentlich benutze ich auch ungern den Begriff Tuning - ich finde Modifikation passender. Es geht darum, etwas zu verbessern.

SPIEGEL ONLINE: Autos gelten immer noch als Statussymbole. Finden Sie das noch zeitgemäß?

Kraemer: Für mich persönlich ist das gut. Aber für manche Jugendliche ist das schlecht, weil es sie unter Druck setzt. Die wohnen dann lieber bis sie 25 sind bei ihren Eltern und stehen nicht auf eigenen Beinen, weil ihr GTI ja einen neuen Turbolader braucht. Aber letztendlich ist das Auto doch nur ein Fortbewegungsmittel. Es ist okay, wenn man keinen tollen Wagen fährt!

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"Die PS-Profis": Hier riecht's nach Benzin

SPIEGEL ONLINE: Wie ist Ihr Eindruck nach fast hundert Folgen "PS-Profis": Haben die Leute ein realistisches Verständnis für das Preis-Leistungs-Verhältnis bei Gebrauchtwagen?

Kraemer: Die eine Hälfte schon. Und dann gibt es da noch die andere Hälfte: Die meldet sich bei uns und hat eine exakte Vorstellung davon, wie das Auto aussehen muss, von der Farbe über die Ausstattung bis zur Laufleistung - aber es darf dann nur einen gewissen Betrag kosten. Das geht natürlich nicht. Wenn ein Auto richtig preiswert ist, hat das schon Gründe, zum Beispiel weil die Farbe ungewöhnlich ist. Man muss schon Zugeständnisse machen.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man eine seltsame Farbe in Kauf nehmen?

Kraemer: Nein! Farben sind superwichtig.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Kraemer: Weil sie eine große Rolle beim Wiederverkauf spielen. Angenommen, du kaufst ein gutes Auto zu einem billigen Preis, aber die Lackierung ist gelb mit Punkten: Das kriegst du später nie wieder los. Wenn man weiß, dass man das Auto nicht ewig behalten will, muss es die richtige Farbe haben.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man also die Wahl hat zwischen einem schwarzen Auto mit ein paar Mängeln und einem neongrünen Auto ohne Mängel: Sollte man sich dann für das schwarze entscheiden?

Kraemer: Auf jeden Fall. Und wenn man unbedingt eine extreme Farbe will, kann man es ja folieren lassen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es noch weitere Beispiele, außer der Farbe?

Kraemer: Grundsätzlich muss man sich vorher informieren, wie ein bestimmtes Automodell ausgestattet ist. Haben zum Beispiel fast alle Exemplare auf dem Markt Xenon-Licht, dann sollte man auch eins mit Xenon kaufen, selbst wenn es etwas teurer ist und man persönlich keinen Wert darauf legt. Ansonsten passiert später Folgendes: 30 Autos werden mit Xenon angeboten, nur deines nicht - und damit fällt es bei den meisten Leuten gleich mal aus der engeren Auswahl. Das ist ganz wichtig: Der Wiederverkaufswert muss beim Kauf unbedingt berücksichtigt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wo findet man denn noch echte Schnäppchen?

Kraemer: Das kann man in Zeiten der Internetportale fast vergessen. Wenn du ein vernünftiges Auto online stellst, rufen innerhalb von einer Minute zwei Händler an. Spätestens nach 24 Stunden ist das Auto weg. Man muss also erstens viel Glück haben, um das Auto überhaupt zu entdecken, und zweitens in der Lage sein, sofort zuschlagen zu können. Nur dann kann man heute noch ein echtes Schnäppchen machen.

SPIEGEL ONLINE: Der Automarkt hat sich verändert - die Käufer auch?

Kraemer: Ja. Die Angst, das falsche Auto zu kaufen, ist gewachsen. Das liegt vor allem daran, dass das Angebot größer geworden ist. Früher gab es bei den Kleinwagen drei Modelle, die in Frage kamen - heute sind es zwanzig bis dreißig. Darum prüfen die Käufer jetzt auch genauer, bevor sie sich entscheiden. Bei Sportwagen ist es dagegen eher wie früher, weil die Käufer einer bestimmten Marke meistens treu bleiben. Wenn ein neuer Porsche rauskommt heißt es dann nur: kaufen oder nicht kaufen?

SPIEGEL ONLINE: Von der angeblichen Angst der Leute, ein falsches Auto zu kaufen, scheinen die "PS-Profis" ja zu profitieren. Warum schalten die Zuschauer sonst regelmäßig ein, wenn Sie Gebrauchtwagen suchen?

Kraemer: Ich glaube, dass ich die Zuschauer dabei gut mitnehmen kann. Die Leute spüren vielleicht, dass ich mich nicht zu ernstnehme, sondern einfach nur meinen Spaß vor der Kamera habe und gleichzeitig Wissen über Autos vermittle.

SPIEGEL ONLINE: Genießen Sie Ihr Dasein als TV-Berühmtheit?

Kraemer: Im Gegenteil. Die Leute denken vielleicht, ich freue mich, wenn sie mir sagen, ich wäre ihr Vorbild, oder wenn sie mich zum ersten Mal treffen und wie einen alten Bekannten begrüßen. Aber ich freue mich eben nicht, sondern werde fast ein bisschen sauer. Es stört mich, wenn man so abgefeiert wird. Ich bin doch ein ganz normaler Typ. Mittlerweile gehe ich wegen des Rummels ungern unter Leute.

SPIEGEL ONLINE: Warum betreiben Sie dann eine so intensive Selbstvermarktung? Ihr Youtube-Kanal hat fast 60.000 Abonnenten und wird regelmäßig befüllt.

Kraemer: Hauptsächlich wegen des Geldes.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet Ihnen Geld so viel?

Kraemer: Ich investiere es. Reichtum an sich ist mir nicht so wichtig. Ja, ich hab ein schönes Zuhause und kaufe mir viele Autos, aber die stelle ich ja nicht einfach nur hin, sondern bastle daran. Ich stecke das Geld vor allem in ein neues Firmengebäude und neue Leistungsprüfstände. Wie gesagt: Es geht immer darum, etwas zu verbessern.


"Die PS-Profis - mehr Power aus dem Pott", Freitag, 21.15 Uhr, Sport1

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Seite 1
www.yzx.de 28.03.2014
1. Selbst beim Gebrauchtwagenkauf ist nicht alles schwarz und weiß ...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINESchrott oder Schnäppchen? Keiner kennt sich so gut aus mit Gebrauchtwagen wie Jean Pierre Kraemer. In seiner TV-Sendung "Die PS-Profis" deckt er Mängel auf und feilscht um den besten Preis. Hier spricht er über seine Geheimtipps gegen Abzocke. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/gebrauchtwagen-ps-profi-jean-pierre-kraemer-ueber-tipps-gegen-abzocke-a-960909.html
Ich kaufe seit rund 30 Jahren immer nur 3-Liter-Autos, und da gibt es schon das eine oder andere Schnäppchen. Sofern man bei dem unsäglichen Donwsizing-Zeitgeistquatsch überhaupt noch einen Benziner mit halbwegs Hubraum ohne sinnfreien Turbo und mit sechs statt vier Zylindern findet. Aber darum ging es mir gar nicht. Wenn man also die Finger von A6 lässt und sich stattdessen eine für Heranwachsende und Wichtigtuer völlig unattraktive Karre kauft, die dann auch noch ausreichend viel Benzin verbraucht, dann ist der Markt voll mit Schnäppchen. Und die Ersatzteile und Werkstattkosten sind auch noch niedriger als bei der Vereinigten AufpreisGesellschaft. Für den gerne gut motorisierten Sparfuchs lief das z.B. bei meiner letzten Fahrzeugsuche auf große Franzosen mit größtmöglichem Benzinmotor raus (den man anders als maximal feinstaubende deutsche Direkteinspritzer sogar auf LPG umrüsten kann). Also sowas wie Renault Megane oder Citroen C5 und C6. Die kleineren Modelle sind leider auch da wieder unverhältnismäßig teuer. Aber wenn man sehr preiswert einkauft, kann man natürlich auch nur sehr wenig an Wert verlieren. :-)
mirrorm4n 28.03.2014
2. Super
sympathisch, die beiden! Gucke die Sendung gern, obwohl ich kein Auto habe und erstmal auch keins brauche. Die beiden bringen einfach Spaß.
ichbineinschaf 28.03.2014
3.
..über seine Geheimtipps gegen Abzocke." lol, wieder einmal auf einen SPON-Aufmacher "reingefallen" (nicht wirklich, ich rechne schon damit, aber trotzdem..).
Sibylle1969 28.03.2014
4. Wiederverkaufswert
Natürlich sollte man immer den Wiederverkaufswert im Auge behalten, aber ich kann irgendwie nicht einsehen, dass ich mir Extras zulegen soll, die mir absolut unwichtig sind, nur um einen besseren Wiederverkaufswert zu erzielen. Der Aufpreis für die Extras steht nach meinem Eindruck in keinem Verhältnis zum späteren Mehr beim Wiederverkauf. Als ich vor anderthalb Jahren einen 8 Jahre alten Skoda verkaufte, maulte der Gebrauchtwagenhändler auch über die Farbe (es war die "Serienfarbe", die damals keinen Aufpreis gekostet hatte) und dass das Auto kein fest eingebautet Navi hatte. Beide Extras hätten beim Neukauf zusammen ca. 2500 € extra gekostet, aber nie im Leben hätten diese Extras mir auch nur annähernd so viel eingebracht beim Verkauf. Also vielleicht 500 € mehr am Ende, aber dann hätte ich immer noch 2000 € Miese gemacht. Selbiges gilt für aus meiner Sicht überflüssige Extras wie Sitzheizung oder Zierfelgen.
vwl_marlene 28.03.2014
5. Der Text und seine Ueberschrift
Und wo sind jetzt die "Geheimtipps gegen die Abzocke"? Oder besteht der Tipp darin, lieber ein schwarzes Auto mit technischen Maengeln zu kaufen, als ein quietsch-gruenes, das technisch tiptop ist? (Ich wuerde es ja auch weiterhin genau umgekehrt machen)
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