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Gehörloser Automechaniker: Fühl mal, was da hämmert

Von Claudia Kabel

Gehörloser Automechaniker: Ein Händchen für Motoren Fotos
Claudia Kabel

Kai Kragenings hat keine Ahnung, wie ein Motor klingt - trotzdem arbeitet der Gehörlose als Kfz-Meister. Bei der Suche nach Defekten und Problemen verlässt er sich aufs Handauflegen.

Kaputte Autos klingen oft verräterisch: Quietschende Keilriemen, klackernde Ventile - selbst Laien können manche Defekte einfach erkennen, und für Automechaniker ist das Gehör ein zuverlässiges Werkzeug zur Fehlerdiagnose. Bei Kai Kragenings ist das anders. Er ist zwar Kfz-Meister, weiß aber nicht , wie ein Motor klingt: Kragenings ist gehörlos. Doch wo seine Kollegen dem Stampfen von Kolben oder dem Zischen von Kühlschläuchen lauschen, legt er die Hände auf.

Anhand kleinster Vibrationen erspürt er mit seinen Fingern defekte Zündkerzen, Fehler im Ansaugtrakt oder kaputte Kurbelwellen. "Was ich nicht höre, wird erfühlt", sagt er.

Kragenings, 38, stammt aus Frankfurt, er kann von Geburt an nichts hören - bastelte aber schon als Kleinkind an Autos herum. Sein Vater restaurierte einen Austin Healey 3000 Cabrio von 1963, und der Sohn schaute und griff dabei zu. "Damals habe ich herausgefunden, dass sich ein defekter Generator anders anfühlt als ein neuer, wenn man an ihm dreht", sagt Kragenings. Die geschwungene Form des Healeys, die simple Technik, der Motor, den er bei höheren Drehzahlen "schön spüren konnte", faszinierten ihn.

Bloß nicht die Finger verbrennen!

Er nimmt nur einen Bruchteil der Töne um sich herum wahr. Er vergleicht es damit, beim Lesen einen großen Teil der Wörter abzudecken und sich den Sinn zusammenzureimen. Seinen Eltern können bis heute keine Gebärdensprache, Kragenings war früh dazu gezwungen, das Lippenablesen zu lernen. Er selbst kann deutlich sprechen.

Auch den Kollegen und Kunden schaut er meist genau auf den Mund, Terminabsprachen und Reparaturaufträge schließt er außerdem per SMS oder E-Mail ab. "Manchmal stellt mir jemand auch einfach nur das Auto vors Tor und wirft den Schlüssel in den Briefkasten", sagt Kragenings.

Dann geht er auf Fehlersuche. Bei modernen Fahrzeugen kommt wie in allen Autowerkstätten zuerst der Diagnosecomputer zum Einsatz. Doch bei bestimmten Defekten des Motors gebe es oft keine Fehlermeldung, sagt Kragenings. Zum Beispiel bei Problemen mit der Wasserpumpe oder an der Umlenkrolle des Keilriemens.

Hier verlässt er sich auf seine Hände - und muss aufpassen, dass der Motor nicht zu heiß ist. Dem laufenden Aggregat legt er die Hände auf. Fast zärtlich gleiten seine Finger über den Stahl. Dann hält er inne: Er hat eine kleine Veränderungen im Takt des Motors ertastet. Das lasse auf eine schlechte Kompression oder ein zu großes Spiel der Ventile schließen. Ob seine Finger sensibler sind als die anderer Mechanikern? Er lächelt: "Vielleicht."

"Eine doppelte Meisterleistung"

Seit 1995 arbeitet Kragenings als Automechaniker, seit 2013 ist er Kfz-Meister. Die Ausbildung zu organisieren, war anfangs kein großes Problem, weil es Berufsschulen für Gehörlose gibt. Doch auf der Meisterschule war er auf die Unterstützung eines Gebärdendolmetschers angewiesen. Die Fremdwörter und Spezialbegriffe zu lernen, habe viel Kraft gekostet, der Dolmetscher konnte nicht immer an seiner Seite sein: "Das wäre zu teuer gewesen", sagt Kragenings.

Sascha Nuhn kennt dieses Problem. "An den wenigsten Förderschulen wird Gebärdensprache angeboten und die Kostenübernahme der Dolmetscher ist mit riesigem bürokratischem Aufwand verbunden", sagt der Vorstand des Landesverbands der Gehörlosen in Hessen.

Von den etwa 80.000 Gehörlosen in Deutschland schaffen es laut Nuhn nur die wenigsten, einen höher qualifizierten Beruf auszuüben. "Der zweite Ausbildungsweg ist für sie meistens eine unüberwindbare Hürde", sagt er. Nach der ersten Unterstützung erachte es der Gesetzgeber als nicht notwendig, Gehörlose weiter zu fördern. "Sie gelten dann als ausreichend für den Arbeitsmarkt ausgebildet", sagt Nuhn. "Die Karriere von Kai Kragenings ist deshalb eine doppelte Meisterleistung."

Auch Kragenings bekam keine staatliche Förderung. Erst durch die Unterstützung der Randstad Stiftung, die sich für gehörlose und hörgeschädigte Menschen in Hessen einsetzt, konnte er sich den Besuch der Meisterschule leisten.

Kai Kragenings, Deutschlands erster gehörloser Kfz-Meister, arbeitet zwar festangestellt in einem Betrieb. Nebenbei hat er sich aber einen Traum erfüllt: Vor Kurzem machte er sich selbstständig und eröffnete seine eigene Autowerkstatt. In Frankfurt am Main hat er eine Halle gemietet, die jetzt mit einer Hebebühne ausgestattet wird und wo noch eine Werkstattgrube gegraben werden muss. Er mache das selbst, mit den eigenen Händen. Es fühlt sich gut an.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Beeindruckend
gubben 10.04.2015
Wirklich sehr beeindruckend dieser junge Mann. Meine Hochachtung
2. Respekt und Anerkennung!
Teddygo 10.04.2015
Sich mit so einem Handicap im Berufsleben zu behaupten ist ja schon schwer genug, aber dann noch die Meisterschule absolvieren ist eine starke Leistung!
3.
Maflora 10.04.2015
Tolle Leistung. Respekt. Zu dem würde ich meinen Wagen sofort bringen.
4. Wie Probleme suchen?
Leser161 10.04.2015
Super das ein Gehörloser in einem ganz normalen Job arbeiten kann. Ich denke auch nicht das seine behinderung ihn einschränkt, denn ein KFZ-Mechaniker macht bei einem Problem das über einen Standardwechsel hinausgeht ja Folgendes: Fehlerspeicher auslesen. Wahllos Teile austauschen. Behaupten das das Problem nicht existiert. In dieser Reihenfolge.
5. Das ist Talent!
spon-facebook-10000015195 10.04.2015
Respekt - bei manch anderem Kfz Meister würde ich mir so viel Feingefühl wünschen.
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