Autodesigner Giorgio Giugiaro "Eine Verschwendung von öffentlichem Raum"

Er hat den ersten VW Golf geschaffen, den Maserati Quattroporte und den BMW M1: Giorgio Giugiaro zählt zu den wichtigsten Designern der Automobilgeschichte. Sein Wunsch: eine Längenbeschränkung für Pkw.

BMW

Ein Interview von


Giorgio Giugiaro hat in den Siebzigerjahren den kantig-coolen Flitzer BMW M1 geschaffen, die herrschaftliche Sportlimousine Maserati Quattroporte designt und er hat mitgeholfen, das bis heute erfolgreichste Volkswagenmodell auf die Räder zu stellen: den Golf. Der Italiener darf sich "Autodesigner des Jahrhunderts" nennen, das hat er sogar schriftlich. 1999 bekam er diesen Titel von einer 130-köpfigen Fachjury verliehen.

Der Sohn eines Kunstmalers nahm im Alter von 17 Jahren seinen ersten Job bei Fiat an, seitdem war er am Design von mehr als 100 Automodellen beteiligt. Er arbeitete für die Carrozzeria Bertone und Ghia, ehe er sich mit seiner Firma Italdesign selbstständig machte. Heute ist der 79-Jährige eine Art Elder Statesman des Industriedesigns.

Wir treffen Giugiaro am Rande der Vorstellung einer neuen Automesse in Basel. Er wird künftig mitentscheiden, welche Fahrzeuge dort gezeigt werden sollen. Giugiaro trägt seinen blauen Anzug, das weiße Hemd, die rote Krawatte und die braunen Lederschuhe mit einer stilvollen Würde, und er benutzt beim Reden seine Hände, als müsste er nebenbei die Tonfigur eines Automodells anfertigen. Seine Stimme klingt heiser. Das hindert ihn nicht, ausführlich zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Giugiaro, was ist schwieriger: Einen mondänen Sportwagen wie den BMW M1 zu formen oder ein Alltagsmobil wie den Fiat Panda?

Giugiaro: Der Panda war eindeutig komplizierter.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Giugiaro: Da herrschten enge Rahmenbedingungen. Dieses Auto musste günstig und funktional sein. Ich bekam Vorgaben, wie viele Schweißpunkte der Wagen höchstens haben darf und wie groß die Scheiben sein müssen. Einen Ferrari zu zeichnen ist vergleichsweise einfach. Eine Ungerechtigkeit!

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Giugiaro: Für das Design eines Panda interessiert sich kein Mensch, aber alle wollen den Ferrari sehen.

SPIEGEL ONLINE: Für das Ego eines Designers ist ein Massenprodukt wie der Panda doch ganz reizvoll - man begegnet seiner Schöpfung ständig, sie ist auf den Straßen allgegenwärtig.

Giugiaro: Da ist was dran. Mir hat es immer Spaß gemacht, sowohl Kleinwagen als auch Luxusautos zu designen. Man erfüllt damit ganz unterschiedliche Träume.

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Autodesigner Giorgio Giugiaro: Diese Autos gestaltete Giorgio Giugiaro

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Mitte der Siebzigerjahre das Design der ersten Baureihe des VW Golf entworfen, daraus wurde das europäische Massenmobil schlechthin. Wie gefallen Ihnen die aktuellen Modelle des Golf?

Giugiaro: Die Physiognomie ist im Grunde gleich geblieben, aber sein Gesicht hat sich verändert. Die Technik ist sehr ausgereift und mittlerweile bedient der Wagen auch eine anspruchsvollere Kundschaft.

SPIEGEL ONLINE: Der Golf hat aber auch ein Langweilerimage. Seine Form wurde nie radikal verändert.

Giugiaro: Wie die meisten Autohersteller will auch Volkswagen aus einer Design-Idee möglichst viel Profit schlagen. Ginge es nach mir, würde bei jedem neuen Modell etwas Neues geschaffen.

SPIEGEL ONLINE: Wer ist denn der größte Feind des Designers?

Giugiaro: Das Marketing! Was glauben Sie, warum sich heute fast alle Autos ähneln? Es herrscht bestimmt kein Mangel an jungen Leuten mit frischen Ideen, aber in den Marketingabteilungen schaut man sich genau an, welche Modelle sich gut verkaufen und wie die aussehen - und dann wird kopiert. Niemand will mehr ein Risiko eingehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren selbst Chef eines Unternehmens, 1968 gründeten Sie das Designbüro Italdesign. Das Problem wirtschaftlicher Zwänge dürfte Ihnen bekannt sein.

Giugiaro: Na klar. Wir waren ein Dienstleistungsunternehmen mit 1200 Angestellten und haben Autoherstellern Designentwürfe geliefert.

SPIEGEL ONLINE: Im Jahr 2010 haben Sie und Ihr Sohn 90 Prozent Ihres Unternehmens an den VW-Konzern verkauft, einige Jahre später auch die restlichen zehn Prozent. Warum?

Giugiaro: Die Hersteller sind dazu übergegangen, möglichst viel selbst zu entwerfen und weniger von Außen einzukaufen. Die Design- und Forschungsabteilungen der Marken sind gewachsen, für unabhängige Anbieter wie uns wurde die Situation immer schwieriger. Gleichzeitig mussten wir feststellen, dass es in den internen Designabteilungen der Hersteller noch anstrengender ist, kreativen Spielraum zu bekommen. So ist das in großen Organisationen.

SPIEGEL ONLINE: Bedauern Sie diese Entwicklung?

Giugiaro: Sie lässt sich nun mal nicht aufhalten. Es ist ein bisschen wie mit den kleinen Geschäften in den Städten: Die werden mehr und mehr durch große Einkaufszentren verdrängt. Damit geht leider die Vielfalt verloren.

Designskizze des Fiat Panda
Photo and media archive Italdesign

Designskizze des Fiat Panda

SPIEGEL ONLINE: Früher mussten die Geschmäcker in Europa und Nordamerika bedient werden. Mittlerweile ist China zu einem der wichtigsten Märkte für die Hersteller geworden. Welchen Einfluss hat das auf das Design der Autos?

Giugiaro: Erwarten Sie da mal keine Stilbrüche. China kopiert das Design, das im Westen Erfolg hat. Darauf ist die dortige wirtschaftliche Kultur seit Jahrzehnten ausgelegt. Wobei sich da gerade etwas ändert.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Giugiaro: In der Volksrepublik spielt die Weiterentwicklung der Elektromobilität eine große Rolle. Der Westen hat hundert Jahre Erfahrung mit Verbrennungsmotoren, China ist auf dieses Know-how angewiesen. Davon befreit man sich jetzt aber, ein E-Antrieb ist längst nicht so komplex.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Elektromobilen?

Giugiaro: Ich besitze einen Tesla - fantastisches Auto, schneller als ein Ferrari. Aber ganz ehrlich: Wenn ich von Turin nach Rom reise, nehme ich den Zug. Auf die Reichweite der E-Mobile ist noch kein Verlass.

SPIEGEL ONLINE: Könnten E-Autos für neue Impulse beim Design sorgen?

Giugiaro: Man hat zumindest mehr Gestaltungsraum, weil der Motor nicht so viel Platz wegnimmt wie bei einem herkömmlichen Wagen.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich nach traumhaften Bedingungen für Designer an.

Giugiaro: Klar. Schauen Sie, heute werden die Autos immer größer, weil die Leute darin viel Platz haben wollen. Wenn in Zukunft die Verbrennungsmotoren und Kraftstofftanks wegfallen und der Elektroantrieb und die Akkus stattdessen im Fahrzeugboden untergerbacht sind, ergibt sich ein großer Vorteil: Die Autos müssen nicht mehr wachsen, um den Platzbedarf zu befriedigen.

SPIEGEL ONLINE: Klingt vernünftig.

Giugiaro: Ja, aber es gibt ein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Nämlich?

Giugiaro: Ohne gesetzlichen Rahmen neigt der Mensch zur Maßlosigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit genau?

Giugiaro: Schön für die Leute, wenn sie sich fünf Meter lange Autos leisten können. Aber was bringt es, wenn sie darin nur zu zweit oder alleine herumfahren? Das ist eine Verschwendung von öffentlichem Raum. Eine intelligente Gesellschaft sollte da Grenzen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Giugiaro: Indem der Gesetzgeber festlegt, dass bestimmte Autos nicht länger als vier Meter sein dürfen, meinetwegen auch viereinhalb. Das reicht vollkommen. Solche Vorgaben sind entscheidend für die Zukunft der Mobilität. Schauen Sie doch mal auf die Straßen: So viele gute Autos, von Porsche, von Ferrari, von VW oder Fiat - und alle kriechen sie in Staus hintereinander her.


Unten finden Sie eine Auswahl der von Giorgio Giugiaro gestalteten Autos. Welches der Modelle gefällt Ihnen am besten? Der DeLorean aus "Zurück in die Zukunft", der Fiat Uno oder vielleicht doch eines seiner Konzeptfahrzeuge? Wählen Sie Ihren Favoriten.

Und so geht's: Sie sehen zwei Fotos im Vergleich. Klicken Sie auf das Auto, das Ihnen besser gefällt. Das andere verschwindet, ein neues erscheint - wieder können Sie das Ihrer Meinung nach schönere anklicken. Am Ende bleibt Ihr Favorit übrig. Eine Auswertung, wie die anderen Leser entschieden haben, erscheint nach Ihrer Abstimmung.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
dliblegeips 07.09.2017
1. Endlich
Es wird zu viel über die Motoren gesprochen. Der enorme Flächenverbrauch der Autos und Strassen ist ein mindesten genauso grosses Problem. Mit Elektrofahrzeugen wird sich an dieser Problematik gar nichts ändern. Autonome fahrende Fahrzeug das Problem minimal Verbessern.
jan-c137 07.09.2017
2.
Schönes Interview. Kann dem Mann eigentlich nirgendwo widersprechen. Danke für den Scirocco.
jogola 07.09.2017
3. Auf den Straßen
ist es schon schlimm aber die Parkplätze holen auf. Habe nun schon mehrere Limousinen diagonal auf zwei Parkplatzen stehen gesehen. Im fließenden Verkehr dürfte es wenig bringen, die Auto kürzer zu halten - wenn die geforderten Sicherheitsabstände eingehalten würden: ob das Auto alle 30 Meter nun 4,5 oder 5 Meter lang ist. Man muss vielleicht gar keine Politik gegen das Auto machen, aber eine Politik die die Mobilitätsursachen bekämpft ist genausowenig zu sehen wie die, die die Ursachen der Flüchtlingsströme bekämpfen soll.
Pango 07.09.2017
4. Der gute Mann hat völlig Recht
Ich sehe es immer wieder auf meinen zweimal 30km, die ich täglich pendele: dickste Kaliber von Audi bis Porsche – und doch nicht schneller, als ein kleiner Fiat oder Smart ... Allenfalls fahren sie schneller und dichter auf, weil sie sich vermeintlich sicherer in ihrem Hightech fühlen. Ansonsten erlauben es Verkehr und Tempolimits aber nicht, sich in irgendeiner Art zu differenzieren. Mir tun da die Fahrer immer leid die extra regelmäßig in der Waschanlage ihre Karossen aufpolieren und dann nicht ihre PS auf die Straße bringen können. Muss ziemich unbefriedigend sein. Obwohl: Bei den langsamen Geschwindigkeiten kann ich mir solche Automobile sowieso besser in Ruhe ansehen und mich über mein gespartes Geld freuen.
whazzup 07.09.2017
5.
Lesenswertes Interview mit dem Genie. Der Mann hat wirklich wunderschöne Karosserien entworfen. Bild Nr. 27 in der Galerie zeigt allerdings keinen Lexus GS, sondern einen Subaru SVX von 1991 (vertauscht mit Bild 28). Bild 28 zeigt auch keinen Lexus GS von 1991, sondern einen Lexus LS von 1989. ;-)
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