Mobilität

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Goodwood Revival

Wo Autos und Millionäre durchdrehen

Jedes Jahr im September liefern sich Besitzer der wertvollsten und schnellsten Oldtimer der Welt ein Rennen in Südengland: Beim Goodwood Revival geben die Fahrer Vollgas - das geht nicht immer gut aus.

Von Fabian Hoberg

Dienstag, 11.09.2018   04:07 Uhr

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Tür an Tür donnern die Ferrari-Sportwagen an den Zuschauern vorbei, bremsen kurz vor der Schikane ab und zwängen sich dann durch die enge Rechtskurve. Ein Reifen touchiert das Gras, schleudert Dreck auf. Für die Piloten kein Problem - sie geben weiter Gas.

Die Kinrara Trophy des Goodwood Revivals ist vermutlich das exklusivste Autorennen der Welt. Am Start stehen die teuersten Sportwagen, die älter als Baujahr 1963 sind: Aston Martin, Maserati, Austin Healey und AC Cobra. Dazu kommen zehn Ferrari 250 GT SWB und ein 250 GTO - ein Auto dieses Typs wurde vor wenigen Wochen für 48,4 Millionen Euro versteigert. Allein die Fahrzeuge im Teilnehmerfeld dieses Rennens besitzen einen Wert von mehr als 800 Millionen Euro, insgesamt gibt es 15 Wettkämpfe in Goodwood.

Versteigerung eines Ferrari 250 GTO - der Wagen brachte 48,4 Millionen Euro ein:

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Doch trotz der Seltenheit schonen die Fahrer die Autos nicht. Schon beim Start rutscht ein Jaguar E-Type einem Ferrari ins Heck, ein Aston Martin DB4 fliegt bei einem Positionskampf von der Strecke, dreht sich ein paar Mal, bevor er auf dem Rasen zum Stehen kommt. Die Rennen dauern zwischen 20 und 60 Minuten, geschenkt wird den Fahrern nichts. "Es ist schön, diese seltenen und wertvollen Autos in richtiger Aktion zu sehen - dafür wurden die Rennwagen schließlich auch gebaut", sagt Frank Wilke, Oldtimer-Experte und Geschäftsführer von Classic Analytics, ein Unternehmen zur Marktbeobachtung und Bewertung von Oldtimern. Für ihn ist die Kinrara Trophy und das Goodwood Revival ein Pflichttermin.

Seit 20 Jahren veranstaltet der heutige Duke of Richmond das Rennen für historische Fahrzeuge im Süden Englands; die Strecke ist viel älter. Den sogenannten Goodwood Motor Circuit entwickelte der neunte Duke auf Richmond, besser bekannt als Freddie March. Aus einem alten Militärflughafen wurde eine Rennbahn, im September 1948 senkte sich die erste Startflagge für die Sportwagen. In den darauffolgenden Jahren saßen in Goodwood alle damaligen Spitzenfahrer hinterm Lenkrad, von Juan Manuel Fangio und Stirling Moss in den Fünfzigerjahren, bis zu Jim Clark und Graham Hill in den Sechzigerjahren. Im Sommer 1966 war Schluss, weil der Duke befürchtete, dass die damals aktuellen Rennwagen zu schnell für seine Strecke seien.

"Die schenken sich auf der Strecke nichts"

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Freddie Marchs Enkel, vormals Lord March, heute der aktuelle Duke, restaurierte die 2,38 Meilen lange Strecke (knapp vier Kilometer) mit den sieben Kurven gründlich, fügte Sicherheitsstandards wie Auslaufzonen hinzu und eröffnete den Kurs im September 1998 wieder. Seitdem pilgern jedes Jahr rund 200.000 Besucher an einem Wochenende im September auf das Gelände von Goodwood House, dem Landsitz des Duke of Richmond. Gestartet wird in 15 Rennen in unterschiedlichen Klassen. Piloten wie Derek Bell, Jochen Mass, Romain Dumas, Freddie Spencer, Steve Parris, Emanuele Pirro treten gegen Hobbyfahrer an.

Sebastian Gutsch aus München fährt seit 2005 zum Goodwood Revival, im Transporter immer sein Motorrad von 1937, eine BMW R5. "Goodwood ist das beste historische Rennen der Welt. Auf den tollen und schnellen Maschinen sitzen aktuelle Profis und alte Hasen, die schenken sich auf der Strecke nichts", sagt der Rechtsanwalt aus München. Außerdem begeistert ihn der Hochgeschwindigkeitskurs: "Du musst von Anfang an den Speed halten, sonst verlierst du den Anschluss. Der Schnellste gewinnt hier, nicht das schönste Fahrzeug". So fährt der zweimalige Superbike-Weltmeister Troy Corser mit einer 75 PS starken BMW R 57 Kompressor von 1928 mit über 210 km/h auf der Strecke, jagt die anderen Maschinen der legendären Marken Norton, Rudge, Matchless und Triumph.

Der eigentliche Höhepunkt sind aber nicht die Rennen, sondern die Show auf dem Gelände. Die meisten Besucher tragen zeitgenössische Kleidung wie Tweed, Knickerbocker und Schirmmützen. Frauen in Petticoats, Armeeanzügen oder Arbeiterhosen der Fünfzigerjahre schlendern über den Rasen, Familien und Cliquen picknicken dort. Kinder können in historischen Tretautos um die Wette fahren, das Finale zählt zum Rahmenprogramm - auf einem Teilstück der Rennstrecke. Shops und Essensstände in der Optik von vor 70 Jahren wirken wie eine Filmkulisse. Es ist eine Reise in vergangene Zeiten - als Verbrennungsmotoren noch als zukunftsträchtig galten.

Ein acht Millionen teurer Sportwagen ging provisorisch repariert an den Start

Historische Jagdflugzeuge vom Typ Spitfire oder Hurricane der Royal Air Force (RAF) knattern morgens im Formationsflug über die Rennstrecke. Ein Freilichtkino zeigt Filmklassiker und das Versteigerungshaus Bonhams verkauft daneben ein paar wertvolle Oldtimer. Sponsoren wie BMW oder Porsche halten sich vornehm zurück, zeigen nur alte Fahrzeuge im Stil der damaligen Zeit - parkend und frisch poliert.

Für Jason Yates die falsche Art, ein Auto zu zeigen. Der Fahrer des Ferrari 500 TRC von 1957 touchierte am Freitagnachmittag bei einem Rennen einen Reifenstapel und zerstörte die Front des rund acht Millionen teuren Sportwagens. Einen Tag später ging er mit dem provisorisch reparierten Auto auf die Strecke. Und gab Vollgas.

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