Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Grenzsteintrophy: Mountainbike-Tour im ehemaligen Todesstreifen

Von

Es ist eine Radtour der besonderen Art: Die Teilnehmer der Grenzsteintrophy fahren mit ihren Mountainbikes 1250 Kilometer entlang der ehemaligen Grenze zur DDR. Sie suchen Einsamkeit, Abenteuer und Grenzerfahrungen in der Natur - und begeben sich auf eine historische Entdeckungstour.

Grenzsteintrophy: Reise in die Vergangenheit Fotos
pd-f.de/ Gunnar Fehlau

Vor 50 Jahren, am 13. August 1961, verbarrikadierten Vopos und Grenzschützer nachts im Berliner Ostsektor die Grenzübergänge mit Stacheldraht. Das war der Auftakt zum Bau der Berliner Mauer. Jahrzehntelang sperrte die DDR-Regierung ihre Bewohner ein. Mehr als 800 Menschen starben an der innerdeutschen Grenze beim Fluchtversuch in den Westen. Heute heißt dieses Gebiet Grünes Band, beheimatet seltene Tier- und Pflanzenarten und ist Austragungsort der Grenzsteintrophy (GST) - einer Selbstversorgerfahrt für Mountainbiker, die gerne jenseits von Komfortzone und Massenveranstaltungen autonom unterwegs sind.

1250 Kilometer führt die Strecke über Lochsteinplatten, 18000 Höhenmeter sind zu bewältigen. Wo einst Grenzsoldaten patrouillierten erleben die Fahrer heute Freiheit, Einsamkeit und eine Wildnis, die sie manchmal auch emotional ergreift. Nur ein Bruchteil der Teilnehmer schafft es überhaupt ins Ziel.

Der Kodex der GST ist schlicht: Übernachtungen plant man spontan, Hotelbuchungen und Besuche bei Freunden sind verboten. Was man braucht, trägt man am Körper oder auf dem Rad. Entsprechend spartanisch ausgestattet stehen die Fahrer im Juni am Strand von Travemünde am Start. 28 Männer und eine Frau auf Mountainbikes, vorzugsweise auf 29-Zöllern, mit fetten Stollenreifen. Die Fahrradtaschen haben sie unters Oberrohr geklemmt, die Gepäckwurst steckt unterm Sattel.

Der ehemalige Patrouillenstreifen der DDR-Grenzer ist in dieser Wildnis das einzige, was annährend an einen Weg erinnert. Auf ihm bahnen sich die GST-Teilnehmer ihren Track. Und der folgt nicht der Topographie, sondern der Linealführung einstiger Kriegsgegner. Steigungen und Gefälle von mehr als 25 Prozent reihen sich streckenweise aneinander wie die Zacken blanker Zahnkränze. Die Schnellsten schaffen die Strecke in sechs Tagen.

Entdeckungstour für Radfreaks

René Fischer ist so einer. Jedes Jahr fuhr er mit, jedes Mal wurde er schneller. Dieses Jahr war er Erster. Ihn treibt das unkommerzielle Tourgeschehen an den Start. Im Grunde ist es eine Verabredung von Fahrradfreaks. Alle starten gemeinsam, aber jeder fährt seine eigene Tour, allein oder in spontan gebildeten Teams. Tipps austauschen und einander helfen sind Ehrensache.

Die erste Trophy war eine wahre Entdeckungstour, die Fahrer leisteten beim Austüfteln des Streckenverlaufs Pionierarbeit. "Mittlerweile kann man gut dreiviertel der Route souverän fahren", sagt Gunnar Fehlau, Leiter vom Pressedienst Fahrrad und Initiator der GST. Der Rest bleibt Überraschung. Wildnis ist nicht planbar. Wenn die Streckenscouts im Frühjahr Teile der Route abfahren, rollen sie durch seichtes Grün. Drei Monate später reichen den Fahrern die Rabatten bereits bis zum Lenker. Stämme von Baumrodungen versperren ihnen den Weg, sie queren hüfthohe Lupinenfelder und die Wiese, die im vergangenen Jahr komfortabel befahrbar war, ist zum Getreidefeld geworden. Derlei Hindernisse zeigt der GPS-Track den Fahrern nicht an. Das soll und kann er auch nicht. Sie sind Teil des Abenteuers, das die Fahrer suchen. "Wer gezielt aus der Komfortzone raus will, muss sich nicht wundern, wenn die Natur dann auch kommt", sagt Fehlau.

Oftmals sind die Unterbrechungen eine willkommene Abwechslung vom monotonen tock, tock, tock des ehemaligen Grenzweges. "Die Lochplatten fressen einen auf", sagt Fischer. "Wenn man frisch und hochkonzentriert ist kann man sie gut befahren. Wird man müde, fährt man ständig hinein." Das bringt die Fahrer ihre Grenzen - mental wie körperlich. Wenn es dabei noch regnet, wie immer wenn die Trophy-Teilnehmer den Brocken überqueren, wird es hakelig. Dann wird der Moosbewuchs glitschig. Was bleibt, ist eine wenige Zentimeter breite Fahrspur. "Am Ende fährt man nur auf der Bordsteinkante", sagt Fehlau.

Freunde nach der gemeinsamen Fahrt

Es sind diese Momente: Wenn der Regen dem Fahrer ins Gesicht klatscht, der Hintern brennt, der Magen knurrt, die Waden beißen und nach einer abgebremsten Abfahrt eine 30 Prozent Steigung den Fahrer erneut zum schieben zwingt - hier entscheidet sich, wer die Trophy zu Ende fährt. "Im ersten Jahr bin ich mit einem Wessi gefahren, wir haben uns die ganze Zeit erzählt, wie es auf der anderen Seite war", berichtet Teilnehmer Fischer, der in der DDR aufgewachsen ist. Die beiden haben jeden Grenzstein fotografiert, gemeinsam geschwitzt und gelitten. Das verbindet. Nach zehn Tagen kamen sie gemeinsam ins Ziel. Seitdem sind sie Freunde.

Dieses Mal wollte Fischer die Trophy als Rennen fahren, draußen schlafen, um schnell zu sein, Kilometer fressen. "Pensionen kosten Zeit", erklärt Fehlau diese Strategie. Wer die Trophy sportiv angeht, ist morgens spätestens um 5.30 im Sattel, fährt bis 22, 23 Uhr und kampiert draußen. Ein Bushäuschen oder ein Hochstand im Wald sind beliebte Quartiere der Fahrer. Aber Fischers Plan ging nicht auf. Auf der Suche nach Nahrung und Wasser wurde er häufig von Fremden eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Er schlief in Gästebetten, in Waschküchen und in leeren Wohnungen auf Luftmatratzen.

Trailmagic, nennt Fehlau diese spontanen Einladungen. "Die bekommt man jedoch eher, wenn man allein unterwegs ist", sagt er. Ein Trio bärtiger, stinkender Fahrer nimmt so schnell niemand mit nach Hause.

25 Fahrer sind in diesem Jahr gestartet, 10 kamen ins Ziel. "Die Trophy wird oft unterschätzt", sagt Fehlau. Wer hier an den Start geht, muss die gesamte Logistik im Blick haben, die Krafteinteilung, die Ausrüstung und die Ernährung. "Ein größeres Abenteuer gibt es in Europa nicht."

Totale Erschöpfung am Ziel

Fehlau muss das sagen, er hat sich die Trophy ausgedacht. Als Ersatz. Denn ursprünglich wollte er bei der Tour Divide starten, dem berüchtigten Self-Support Race von Kanada nach Mexiko. 4400 Kilometer ohne Hilfe durch die Wildnis. Fehlau fährt gerne jenseits der Komfortzone. Beim legendären Radmarathon Trondheim-Oslo war er elf Mal dabei, Paris-Brest-Paris hat er gefahren, die Premiere der Transalp mit dem Mountainbike erlebt und ist diverse andere extreme Rennen gefahren. Als er feststellte, dass ihm die Tour-Divide schlicht zu viel Zeit kostete, plante er die Grenzsteintrophy. Gentlemensport nennt er das, sich selbst knechten ohne Preise, Tabellen und Kontrollen. "Kommen die ins Spiel, hilft sofort wieder jemand nach", sagt er.

Das einzige Hilfsmittel der Teilnehmer ist ein satellitengestütztes Kommunikationsgerät in Handyformat. Mit ihm können die Fahrer im Notfall geortet werden. Außerdem geben sie damit täglich ihren persönlichen Lagebericht durch und melden, wenn sie am Zielpunkt sind. Der liegt in Eichigt, im Dreiländereck. Dort gibt es ein rotes Buch, in der Gaststätte Kleintierschänke, in dem man sich verewigen kann. Sofern man das will. "Ich war um 13.45 Uhr am Zielpunkt. Zur Kleintierschänke bin ich nicht mehr gefahren", meldete Fischer sechs Tage nach dem Start. Ihm war es wichtiger, den Zug zu erwischen. Fischer hatte sein Ziel erreicht. Er war sein privates Rennen gefahren. "Ich melde mich", versprach er noch. Packte sein Rad in die Bahn und fuhr heim.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. idiotischer ...
capmidi 13.08.2011
Zitat von sysopEs ist eine Radtour der besonderen Art: Die Teilnehmer der Grenzsteintrophy fahren mit ihren Mountainbikes 1250 Kilometer entlang der ehemaligen Grenze zur DDR. Sie suchen Einsamkeit, Abenteuer und Grenzerfahrungen in der Natur - und begeben sie auf eine historische*Entdeckungstour. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,779414,00.html
[QUOTE=sysop;8492805]Es ist eine Radtour der besonderen Art: ...und geschmacksloser - auch gegenüber den DDR-Opfern - geht's wirklich nicht mehr!!!
2. .
qx87 13.08.2011
und warum denkt niemand an die Kinder?
3. :-))
Illya_Kuryakin 13.08.2011
Zitat von qx87und warum denkt niemand an die Kinder?
Hahaha... you made my day. Bester Beitrag ever!
4. .
kathokalypse 13.08.2011
Zitat von capmidi[QUOTE=sysop;8492805]Es ist eine Radtour der besonderen Art: ...und geschmacksloser - auch gegenüber den DDR-Opfern - geht's wirklich nicht mehr!!!
[QUOTE=capmidi;8493317] Gleiches gilt für ihren Beitrag. Allerdings nicht den DDR-Opfern gegenüber, sondern uns - den Lesern ihres Beitrags - und den Serverkapazitäten des Spiegels. Und wo Sie schon mal dabei sind: Echauffieren Sie sich bitte auch über den Tourismus in der DMZ in Südkorea und die Besichtigungen von Tschernobyl.
5. In Erdkunde ...
capmidi 13.08.2011
Zitat von kathokalypse[QUOTE=capmidi;8493317] Gleiches gilt für ihren Beitrag. Allerdings nicht den DDR-Opfern gegenüber, sondern uns - den Lesern ihres Beitrags - und den Serverkapazitäten des Spiegels. Und wo Sie schon mal dabei sind: Echauffieren Sie sich bitte auch über den Tourismus in der DMZ in Südkorea und die Besichtigungen von Tschernobyl.
[QUOTE=kathokalypse;8494540] ...gefehlt oder liegt die Mauer in Südkorea od. Tschernobyl??? Hier wird über eine Radtour im DDR-Todesstreifen geschrieben!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Leid, Champagner, Stacheldraht: Die Mauer in 33 Bildmomenten


Aktuelles zu