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Grüner Flitzer: Sakrileg unter der Haube - Porsche brettert mit E-Motor

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Bei Porsche-Treffen sind Jens Broedersdorff und Uwe Koenzen nicht gern gesehen. Denn was sie getan haben, ist für Fans schlimmer Frevel: Sie haben einen Zuffenhausener Klassiker, den 912er, in ein Elektroauto verwandelt.

Einem Porsche das Benzinaggregat herauszuoperieren - vielen gilt das als Sakrileg. Aber eigentlich eifern Jens Broedersdorff (48) und Uwe Koenzen (47) mit ihrem Stromer nur Ferdinand Porsche nach. Der Automobilpionier konstruierte 1899 den elektrisch angetriebenen Lohner-Porsche.

Damals waren Elektroautos die Zukunft: leise, sauber und schnell. 1899 durchbrach ein Elektrowagen mit 105,8 km/h die damals magische Grenze von 100 Stundenkilometern. Doch der Verbrennungsmotor machte das Rennen und Elektroautos galten seitdem als langsam, langweilig und oftmals ziemlich hässlich. Ganz anders der silberfarbene Elektro-Neunzwölfer von Broedersdorff und Koenzen: Fast lautlos rollt er an, hinterlässt beim Gasgeben aber eine zehn Meter lange Gummispur auf dem Asphalt, dreht auf bis Höchstgeschwindigkeit 160 km/h und fährt bei einer Reisegeschwindigkeit von 100 km/h rund 90 Kilometer weit. Der E-Porsche ist ein cooler Flitzer, der für vier Euro an der Steckdose tankt.

Die Idee für den Umbau brachte Koenzen vor 13 Jahren von einem Amerika-Urlaub mit. Er hatte dort einen Architekten kennengelernt, der einen Karmann-Ghia in einen Stromer umgebaut hatte. Als er seinem Schulfreund Broedersdorff von dem E-Mobil erzählte, war der Plan perfekt. Schließlich wartete das passende Auto bereits in Koenzens Garage: ein Porsche 912er mit Motorschaden, Kaufpreis: 3000 Mark.

Zwei Jahre Bastelarbeit

Broedersdorffs und Koenzens Idee war damals Zeitgeist. Viele Autohersteller sahen Anfang der Neunziger für kurze Zeit in E-Mobilen die Zukunft der Branche. VW, BMW und Mercedes hatten eigene Projekte und auf der Insel Rügen lief ein Forschungsprojekt der Bundesregierung mit 60 Elektromobilen verschiedener deutscher Autokonzerne.

Zwei Jahre lang schraubten die beiden an ihrem Porsche. "Normalerweise brauchen Autobastler, die etwas von Schaltplänen verstehen, dafür etwa 60 Arbeitsstunden, aber wir hatten Zeit und waren sehr detailverliebt", sagt Broedersdorff. Kein Wunder: Der Ingenieur arbeitete damals als Motorbauexperte bei einem Spezialbetrieb für Porsche 356er und 911er. Und so hat der Neunzwölfer heute eine Leistung von 88 PS. Er hat noch sein Originalgetriebe "fürs Fahrgefühl und für die Beschleunigung", der Tacho zeigt die genaue Drehzahl des E-Motors an und die ehemalige Tankuhr den Ladezustand der Batterien.

Obwohl die Forschung in der E-Auto-Industrie seinerzeit boomte, war die Technik größtenteils veraltet. "Als wir anfingen, fuhr jedes Fahrzeug mit Blei-Akkus, eine Entwicklung aus dem 19. Jahrhundert", sagt Broedersdorff. Heute verwenden sie zwar leistungsfähigere Blei-Wickelbatterien, aber das Manko ihrer Vorgänger bleibt: Die Akkus sind schwer. "Deshalb eignen sich alte Autos auch viel besser für einen Umbau als Neuwagen", sagt Broedersdorff.

Denn der ganze Schnickschnack, vom elektrischen Fensterheber bis zur elektrischen Sitzheizung, wiegt fast eine Tonne. Brachte es der erste Golf im Leerzustand noch auf 750 Kilogramm, wiegt der Golf Vl leer bis zu 1600 Kilogramm - also rund 850 Kilo mehr. Der Porsche dagegen wog nach dem Einbau des leichten Elektromotors nur 820 Kilo. Da konnte der ehemalige Kofferraum auch die 400 Kilo schweren Akkus verkraften.

Herausforderung TÜV-Abnahme

Trotz langer Entwicklungsarbeit hatte der Porsche Kinderkrankheiten. "Am Anfang hatten wir am Kabelbaum sehr dünne Kabel verwendet, die bei Bewegungen schnell brachen und anfangs fummelt man ja ständig an allem herum", sagt Broedersdorff. Als er kurz vor dem TÜV-Termin zum Wiegen fuhr, brach das Schalter-Kabel für den Vorwärtsgang. Das Ergebnis: Broedersdorff musste die fünf Kilometer nach Hause rückwärts fahren.

Seitdem sind neun Jahre vergangen und Pannen sind passé. Mittlerweile wohnen die Freunde hundert Kilometer voneinander entfernt, die perfekte Distanz für einen Steckdosenstopp. Doch wie teilt man einen Porsche? "Ganz einfach", sagt Broedersdorff :" Ein Jahr fährt Uwe Koenzen Porsche, ein Jahr ich." Während der Ingenieur ihn hauptsächlich für den Weg zur Arbeit nutzt, profitiert in Köln vor allem Koenzens Nachwuchs von dem Elektro-Neunzwölfer: Das Au-Pair-Mädchen fährt die Kleinen damit in den Kindergarten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Blasphemie
descartes101, 14.03.2008
Frevel, Sakrileg, 'nicht gern gesehen auf Porsche-Treffen'... Man fragt sich, wo dieser Verbrennungsmotor-Fetischismus herkommt, der sich da offenbart. Einen Porsche kaufen kann sich jeder, dazu gehört nichts. Man darf sich ein bisschen elitär aufspielen, weil man das Kleingeld dafür lockermachen konnte oder wollte. Nichts, worauf man stolz sein könnte. Wenn aber jemand einen Klassiker in Eigenarbeit in ein zukunftsfähiges Modell umbaut, ist das ein Frevel?? Da spricht nur der Neid der neureichen Grossmäuler mit zwei linken Händen und Halbhirn.
2. Klassische Autos
huebi, 14.03.2008
Zukunftsweisende Technik wurde schon immer erst in edlen Autos verbaut: Der Fluxkompensator in einem DeLorean und Elektrotechnik in einem Porsche. Bleibt nur die Frage: Woher kommt der Strom? Denn so richtig grün ist ein E-Auto nicht, wenn es "konventionnell" erzeugten Strom "verbraucht".
3. E-Motor kontra Verbrennung
Tom SN, 14.03.2008
Mir ist es wirklich gleich was für ein Auto dahinter steht, aber ich komme gerade mit den Zahlen nicht zurecht... 4,00 Euro für 90 km? Was verbraucht nun mehr - Der E-Porsche oder ein Verbrenner? Der Strom dafür muss auch produziert werden. Ich weiss wirklich nicht, warum hierbei über einen "Grünen Flitzer" gesprochen wird! Rein rechnerisch, versteht sich...
4. Rechnung
huebi, 14.03.2008
Zitat von Tom SNMir ist es wirklich gleich was für ein Auto dahinter steht, aber ich komme gerade mit den Zahlen nicht zurecht... 4,00 Euro für 90 km? Was verbraucht nun mehr - Der E-Porsche oder ein Verbrenner? Der Strom dafür muss auch produziert werden. Ich weiss wirklich nicht, warum hierbei über einen "Grünen Flitzer" gesprochen wird! Rein rechnerisch, versteht sich...
Mein Turbodiesel braucht 5,1 Liter im Schnitt. Sind also 5,1 * 0,9 * 1,34 = 6 Euro 15. Das ist schon ein bisschen mehr als 4 Euro. Da ich diese Strecke jeden Tag fahren muss, sogar 2 mal, wären das 2 * 2,15 * 20 = 86 Euro Ersparnis pro Monat. Funktioniert natürlich nur dann, wenn ich das Auto auf dem Firmenparkplatz aufladen könnte. Sonst käme ich nicht mehr zurück.
5. Wirklich billiger ?
augu 14.03.2008
als Stadtauto gut geeignet, energetisch (bezogen auf Primärenergieverbrauch der Stromerzeugung für 100 km Fahrtstrecke) zwar ungünstiger als ein Benziner, aber trotzdem billiger, da keine Mineralölsteuer anfällt (wenn viele ein E-Stadtauto haben würden, würde Vater Staat wahrscheinlich die Verwendung des Haushaltsstrom für Autofahrten verbieten, ähnlich wie Heizöl nicht als Dieselersatz verwendet werden darf)
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