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Günstige Oldtimer - Ford Scorpio: Weder Fisch noch Pferd

Von Haiko Prengel

Günstige Oldtimer - Ford Scorpio: Designunfall mit ABS Fotos
Ford

Wenig Geld, aber trotzdem Lust auf einen Oldtimer? Kein Problem - es gibt sie nämlich, die Schnäppchen-Schlitten. Wir stellen sie vor. Diesmal: der Ford Scorpio.

Günstige Oldtimer
Sie haben richtig Lust auf einen Oldtimer, trauen sich aber nicht, einen zu kaufen, weil Altautos in vielen Medien nur noch als Wertanlage thematisiert werden? Keine Angst, man muss nicht erfolgreich an der Börse spekuliert haben, um schönes Blech zu fahren.

Klar, für Opas abgelegte Karren von Mercedes oder BMW sind inzwischen stolze Summen fällig, und für die meisten alten Porsches werden heute Mondpreise gezahlt. Aber zwischen all den teuren Strahlemännern, die in der Regel kaum noch bewegt werden, gibt es sie noch: die Mauerblümchen, die Exoten, die kaum jemand auf dem Schirm hat - und die entsprechend wenig kosten. Und das nicht nur in der Anschaffung, sondern auch im Unterhalt. Autos, bei denen die Ersatzteilversorgung kein Problem ist und für einen Auspuff nicht ein ganzes Monatsgehalt einkalkuliert werden muss.

Wir haben sie zusammengetragen und stellen sie in einer Serie in regelmäßigen Abständen vor.

Ford Scorpio: Das verkannte Talent

Allgemeines zum Modell: Wenn es um die größten Flops in der Automobil-Historie geht, landet der Ford Scorpio stets weit vorne auf der Hitliste. Dabei war es eigentlich ein grundsolides, ja fortschrittliches Mittelklasse-Fahrzeug, das Ford 1985 als Nachfolger des Granada auf den Markt brachte. Immerhin war der Scorpio der erste Großserien-Wagen, der serienmäßig ein Antiblockiersystem (ABS) an Bord hatte, später folgten Fahrer- und Beifahrer-Airbags. Motorjournalisten waren entzückt - 1986 wurde der Scorpio zum Auto des Jahres gewählt. Er kam unter anderem in die Flotte des Bundesgrenzschutzes. Bei der normalen Kundschaft fiel der Scorpio dagegen durch, vor allem weil es den Wagen anfangs nur mit ungeliebtem Fließheck gab. Kombi und Stufenheck kamen zu spät. Das große Facelift 1995 ging dann völlig daneben: Mit den Glubschaugen, seinem Fischmaul und dem "Dreipferdehintern" ("Auto Revue") wurde der Scorpio zur automobilen Witzfigur, drei Jahre später wurde die Produktion eingestellt. Schade, denn damit ging die letzte klassische Ford-Limousine mit Heckantrieb von Bord.

Als Nachfolger kam der fade Mondeo mit Frontantrieb. Warum ausgerechnet der? Pfeif auf die Optik, wer mit Glupschaugen und Fischkörper leben kann, findet im Scorpio einen wunderbaren Gleiter und komfortablen Reisewagen für die ganze Familie. Und die erste Modellreihe war ja auch gar nicht hässlich rund: Frühe Scorpio sind schöne, kantige 80er-Jahre-Limousinen. Besitzer schwärmen vom fantastischen Raumangebot, sogar im Fond kann man die Beine ausstrecken und stößt nicht an die vorderen Sitze. Und weil die Preise im Keller sind, genehmigt man sich gleich ein Modell mit Sechszylinder und der hochwertigen Ghia-Ausstattung. Das heißt: Scheinwerfer-Wischanlagen, Mittelarmlehne, beheizbare Außenspiegel, Niveauregulierung und andere Accessoires. Dank Sperrdifferenzial kann man die Heckschleuder sogar bei Schnee fahren. Also Tempomat auf 130 km/h, zurücklehnen und ab in den Winterurlaub. Allerdings sollte man den Wagen vorher hohlraumversiegeln, denn Scorpio sind rostanfällig.

Verfügbarkeit: Der Scorpio war für Ford zweifellos ein Desaster. Doch auch Flops werden noch massenhaft unter das Volk gebracht, wenn man einer der größten Autohersteller auf der Welt ist. Immerhin 850.000 Scorpio liefen vom Band, daher muss man nicht lange nach Überlebenden suchen - auch wenn viele Exemplare der Abwrackprämie zum Opfer fielen. Schwieriger wird es, ein gepflegtes Stück mit einer guten Ausstattung zu finden. Eingefleischte Scorpio-Fans, die ihr Schätzchen hegten und pflegten, waren von Anfang an rar gesät. Die meisten Besitzer sahen in dem Wagen nur einen Gebrauchsgegenstand. Dementsprechend heruntergeritten sind viele Autos heute. Dafür gibt es praktisch keine günstigere Eintrittskarte in die Welt der Oldtimer/Youngtimer als mit dem Ford Scorpio: Der Einstiegspreis liegt bei wenigen 100 Euro.

Ersatzteilversorgung: Teile für alte Ford gibt es überall, außer bei Ford. "Das Auto kennen wir nicht, das ist aus dem Museum" - so wird in etwa die Antwort lauten, wenn man mit einem Scorpio zu einer Ford-Werkstatt fährt und nach Hilfe fragt. Wenige Hersteller kümmern sich so lieblos um Modelle aus vergangenen Zeiten wie die Kölner. Das gilt auch für den Scorpio, der immerhin 13 Jahre lang gebaut wurde. Wer Ersatzteile sucht, ist daher auf freie Händler oder Clubs angewiesen, aber davon gibt es viele. Ford hat eine rührige Fan-Szene, die gerne bei der Teile-Suche hilft. Vor allem Verschleißteile gibt es für den Scorpio en masse. Sogar Blechteile wie Kotflügel oder Türen sind noch neu zu finden. Einen Scorpio komplett neu aufzubauen, lohnt sich aber wirtschaftlich nicht, weil der Zeitwert gegen null tendiert. Dann besser direkt ein gut erhaltenes, teureres Exemplar kaufen, das lohnt unter dem Strich mehr.

Ersatzteilpreise (beispielhaft):

Satz Bremsscheiben vorn: ca. 90 Euro

Satz Bremsbeläge vorn: ca. 25 Euro

Kotflügel vorn: gebraucht ab 40 Euro, Repro-Teile 150 Euro, Original-Teile 240 Euro

Lichtmaschine: zwischen 150 und 250 Euro

Schwachstellen: Ghia-Modelle protzen mit ihrer komfortablen Ausstattung, doch im Alter fällt die Elektronik oft aus. So ist die Klimaanlage häufig defekt, eine Generalüberholung von Kompressor und Kondensator kann ins Geld gehen (ca. 1000 Euro). Teuer wird es auch, wenn die Stoßdämpfer hinten Niveauregulierung haben und ausgetauscht werden müssen (ca. 600 Euro): Das merkt man daran, wenn der Boden in der Garage plötzlich voller Öl ist. Und Rost ist beim Scorpio ein Thema, der Gammel blüht oft an Seitenschwellern und an den hinteren Radläufen. Die Motoren sind robust, lediglich die Cosworth-Aggregate (24 V)gelten als empfindlich, Besitzer klagen über Probleme mit der Steuerkette.

Preis: Viel Auto für wenig Geld: Für 500 Euro aufwärts kann man schon einen Ford Scorpio finden, und das sogar mit TÜV, aber oft auch mit massig Wartungsstau. Gepflegte Sechszylinder-Modelle mit der luxuriösen Ghia-Ausstattung kosten selten mehr als 1500 bis 2000 Euro. Wer den Wagen als Oldtimer (Mindestalter 30 Jahre) anmelden möchte, muss sich allerdings noch auf die Baujahre 1985 und bald 1986 beschränken. Es geht aber auch ohne H-Kennzeichen: Jüngere Benziner-Modelle mit Katalysator sind nicht teuer bei der Kfz-Steuer.

Anlaufstellen im Internet:

Ford-Board (eines der größten Ford-Modell-Foren in Deutschland)

www.ford-forum.de (Deutschsprachiges Ford-Forum)

Ford Clubs auf einen Blick(Offizielle Übersicht von Ford Deutschland über alle Clubs nach Postleitzahl)

Alt-Ford-Freunde e.V. (Größter Ford-Oldtimerverein Deutschlands)

Weitere, fast schon frech günstige Fuhren finden Sie in den vorangegangenen Folgen der Serie:

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insgesamt 123 Beiträge
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    Seite 1    
1. Scorpio? Mit dem Alter nicht besser...
eunegin 03.01.2016
Meine ersten Fahrerfahrungen machte ich mit diesem Gefährt und kann mit Überzeugung sagen: der war neu schon nicht gut. Warum sollte er im Alter besser werden?? Der einzige Vorteil war sein Größe, der Rest - von Verarbeitungsqualität über Motor bis Handling - war auch im nachträglichen Vergleich mit meinen Nachfolgerautos sehr sehr mäßig. Und hässlich war / ist er eben auch noch immer. Na ja, wem's gefällt.
2. Jetzt.........
goere70 03.01.2016
......geht wieder das Scorpiobashing los. Da hat Ford leider den deutschen echt zu viel Design zugemutet. Endlich mal ein Auto aus den Neunzigern was auch zu Recht als Hässlich empfunden werden konnte und sich deutlich von dem Designbrei distanzierte. Mit deutlichen Akzenten an das US-Design ging Ford ja schon einmal richtig baden, mit dem P7a. Der P7a ist heute einer der begehrtesten 60iger Jahre Mittelklasse Fords. Genauso wird es dem letzten Scorpio auch ergehen. Wenn die Dinger in zwanzig Jahren überhaupt noch fahrbar sind. Die Elektronik war ja schon in manchen Jahreswagen als recht neurotisch zu bezeichnen. Ich bin den gerne gefahren, ein echt sanfter, nervenschonender Wagen der allerdings wohl Deutschlands ramschigsten Holzdekor auf Koreaniveau im inneren hatte.
3. Nicht jedes alte Auto ist ein Oldtimer
macfant 03.01.2016
Um aus einem Automodell am Ende seines normalen Zyklus einen Oldtimer werden zu lassen, braucht es vorher ein paar mindestens nötige Kriterien der Beliebtheit und des Erfolgs - nicht unbedingt wirtschaftlich. Man muss auch nicht gleich "Kultstatus" vorschreiben oder ein Baujahr bis maximal Mitte der 60er-Jahre, wie Puristen das tun. Ein Auto wie der Scorpio, der schon damals eine sehr unglückliche Konzernentscheidung war, auch wegen seines Designs, schafft es trotzdem beim besten Willen nicht vom Altauto zum Oldtimer.
4. Ford Scorpio?
geisterfahrerii 03.01.2016
Ja stimmt, da war doch mal was. Das waren doch die Autos die meist einen Aufkleber auf dem Heck hatten. Mit der Aufschrift: "Wenn sie dieses Auto von hinten hässlich finden, sollten sie ihn erst mal von vorne sehen"! Das kommt dabei heraus, wenn man es jedem recht machen will. Abgesehen davon, war das aber technisch sicher ein ganz hervorragendes Fahrzeug.
5. Spannend
Siggi_Paschulke 03.01.2016
Da wird mehrmals der Sechszylinder empfohlen, bei den Problemen verweist man dann auf den Motor mit den 24V. Wurden mehrere 6Zyl-Aggregate verbaut oder stammen diese stets von Cosworth?
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