Gürbetaler Oldtimer-Friedhof Im Zauberwald der Auto-Legenden

Auf dem Fiat wächst Moos, im Porsche leben die Spinnen: In einem Schweizer Wald haben 500 Uralt-Autos ihre letzte Ruhestätte gefunden. Doch laut Gerichtsentscheid muss der märchenhafte Oldtimer-Friedhof geräumt werden. Künstler, Professoren und Anwohner kämpfen für den Erhalt.


Bis zur Felge versinkt der Borgward Isabella im Lehmboden, die Kotflügel des Fiat Topolino sind mit Moos bedeckt und im Porsche 356 weben Spinnen ihre Netze. Vor 60 Jahren hat Walter Messerli die Oldtimer am Rande des Tausend-Seelen-Dorfes Kaufdorf, 15 Kilometer südlich der Hauptstadt Bern, auf seine Wiese gestellt. Den Rennfahrer und Schrotthändler faszinierte die Schönheit und Technik der Automobile. Als gelernter Zimmermann hatte er sich das Autoschrauben einst selbst beigebracht, um dann 1933 den "Autoabbruch Messerli" zu eröffnen.

Umweltschutz war damals ein Fremdwort. Viele parkten ihr Autowrack auf dem eigenen Grundstück, wo es auf Schrotthändler oder Ersatzteiljäger wartete. Messerli stellte die Autos unter einen Unterstand auf festen Lehmboden. Erst 100, dann 1000, dann 2000. "Es sollte ein Freilichtmuseum über die Anfänge der Automobilgeschichte werden", beschreibt heute Franz Messerli (59) die Pläne seines Vaters.

Die Leidenschaft für die ausgemusterten Straßenflitzer teilten allerdings nur wenige Kaufdorfer. "Es war immer ein Kampf", sagt Messerli. Bereits in den sechziger Jahren sammelten Dorfbewohner Unterschriften: Der Autoabbruch sollte weg. 1975 pflanzte der Senior auf Geheiß der Gemeinde Bäume als Sichtschutz an der Grundstücksgrenze.

Als sein Sohn im gleichen Jahr den Schrottplatz übernahm, ging der Streit weiter. Wie sein Vater stellte er die Autos auf die Wiese. Als dort kein Platz mehr war, in neue Hallen, später an den Straßenrand. Die Oldtimer aus den Vierzigern rührte er nicht an.

Bäume zwischen Stoßstange und Karosserie

In ganz Europa ist Messerlis Autosammlung bekannt. Ebenso seine Mentalität die Oldtimer wie Schätze zu hüten. Nicht ein Ersatzteil rückte er raus. "Jedes Auto ist Teil eines Puzzles, wenn etwas fehlt, ist das Gesamtwerk zerstört", erklärt er.

Im Laufe der Jahre eroberten Flora und Fauna seine Heiligtümer. Dachse gruben Gänge unter die Karossen und als sie auszogen, rückten Füchse nach. Tausende von Weinbergschnecken ziehen jeden Sommer schleimige Spuren über Windschutzscheiben, im Herbst decken Laubkissen die Autos zu und bis zu 40 zentimerterdicke Bäume quetschen sich zwischen Stoßstange und Karosserie gen Himmel. Wer hier ein Auto bergen will, braucht Kettensäge, Forstmaschinen und Hubschrauber. Vielleicht rückt der Bautrupp bald an.

Zehn Jahre hat Franz Messerli mit der Schweizer Justiz um Umweltschutz und Genehmigungen für seinen Betrieb gestritten. Er hat verloren. Jetzt soll er schließen. Auch die Oldtimer müssen weg.

Aber Messerli bekommt Verstärkung. Zwei zugezogene Kaufdorfer, Barbara Richinger und Marc Renaud, entdeckten im vergangenen Jahr den Autofriedhof. Fasziniert von der morbiden Schönheit der Oldtimer, die eingeschlossen von Sträuchern und Bäumen, Geschichten vergangener Generationen bewahren, organisierten sie innerhalb weniger Wochen einen Tag der offenen Tür. Auf 50 Besucher hat Richinger gehofft, 10.000 kamen.

Mehr als 3500 Leute unterschrieben an diesem Tag Listen, um den Autofriedhof zu erhalten. Mit dabei Kaufdorfer, Alteingesessene und Zugezogene. Franz Messerli sitzt mit Dorfbewohnern an einem Tisch, mit denen er 15 Jahre kein Wort gesprochen hat.

Museum oder Räumung?

Aber der Gerichtsentscheid ist ebenso real, wie die Frage nach dem Umweltschutz. "Wir brauchen dringend eine Bodenanalyse", sagt Richinger, mittlerweile Pressesprecherin des Fördervereins "Historischer Autofriedhof Gürbetal", den sie Mitte März 2008 mitgründete. Für sie steht fest: Ist der Boden verseucht, müssen die Autos weg.

Ist er es nicht, soll ein Freilichtmuseum entstehen mit museumspädagogischen Konzepten, Führungen und Informationen rund um die schweizerische Auto- und Abfallgeschichte. Alternativen gibt es nicht. Für sie ist das Gesamtbild das Kunstwerk.

Diese Meinung teilen viele. Der Schweizer Künstler Heinrich Gartentor organisiert für die Sommermonate die "Nationale Kunstausstellung Historischer Autofriedhof Gürbetal" auf dem Autofriedhof. Mit dabei: Künstler und Professoren aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Sie rühren die Werbetrommel.

Ob der Autofriedhof bleibt oder nicht, entscheiden sie nicht. "Ich auch nicht", sagt Markus Borer, Gemeindepräsident in Kaufdorf. "Die Entscheidung fällen die Gerichte, wir setzen sie nur um. Ob uns das Ergebnis gefällt oder nicht."

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