Guerilla-Tuning Das Kleben ist schön

In Nacht-und-Nebel-Aktionen hat ein junger Fotograf in Amsterdam stinknormale Autos aufgemotzt - mit Pappteilen. "Den meisten Besitzern", sagt er, "habe ich wohl eine Freude bereitet."

Von

Max Siedentopf

Etwas Karton und Klebeband auf Dach und Motorhaube, fertig ist das Slapdash Supercar. So nennt der Fotograf und Regisseur Max Siedentopf Autos, denen er einen überdimensionalen Kühlergrill, Spoiler, Lufthutze und fette Überhänge verpasst hat. Das Besondere daran: Die Tuningteile waren aus Pappe zusammengeschnipselt. Siedentopfs Slapdash Supercars sehen aus wie schlecht verkleidet und wirken wunderschön lächerlich. Im Interview erzählt der 24-Jährige von seinen Bastelarbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie auf die Idee, Autos mit Pappe zu tunen?

Siedentopf: Mich interessiert es, wie Menschen sich inszenieren. Zum Beispiel durch Selfies, da ist ja eine eigene Kultur entstanden. Mir ist dabei aufgefallen, dass Individualität eine immer größere Rolle spielt - außer bei Autos. Da geht der Trend offenbar in die andere Richtung.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Siedentopf: Früher hat man viel mehr getunte und abgedrehte Autos gesehen. Keine Ahnung, warum das zurückgegangen ist, vielleicht liegt's an der schlechten Wirtschaftslage. Da hab ich mir gedacht: Tu doch Besitzern von normalen Autos einen Gefallen.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Gefallen?

Siedentopf: Ihre Autos in Supercars zu verwandeln.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie diese Besitzer um Erlaubnis gefragt?

Siedentopf: Natürlich nicht. Ich habe bei jeder Aktion so gegen halb 5 Uhr morgens losgelegt, wenn fast alles noch schläft.

"Ich habe versucht, das Normalste vom Normalen zu finden"
Max Siedentopf

"Ich habe versucht, das Normalste vom Normalen zu finden"

SPIEGEL ONLINE: Woher stammten die Tuningteile aus Pappe?

Siedentopf: Hab ich selbst gebastelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie transportierten Sie Ihr Zubehör?

Siedentopf: Ich war zu Fuß unterwegs und habe die Teile getragen. Ich bin mit einem riesengroßen Berg aus Pappe durch Amsterdam gelaufen.

SPIEGEL ONLINE: War das nicht auffällig?

Siedentopf: Wenn man Pappe durch die Gegend trägt, wirkt das nicht kriminell.

SPIEGEL ONLINE: Verstehe. Nach welchen Kriterien haben Sie die Autos ausgesucht?

Siedentopf: Ich habe versucht, das Normalste vom Normalen zu finden. Fahrzeuge, die schon von sich aus auffällig sind, haben mich nicht interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie vorgegangen, wenn Sie ein passendes Auto entdeckten?

Siedentopf: Ich hab die Pappteile angebracht, die Fotos gemacht und bin wieder verschwunden. Das hat ungefähr fünf Minuten gedauert. Manchmal waren die Autos noch feucht vom Morgentau, dann waren die Klebebänder etwas schwieriger anzubringen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Teile wieder mitgenommen?

Siedentopf: Nein. Die blieben dran. Ich hab vorher getestet, wie leicht sich der Kleber wieder entfernen lässt, da sollte nichts hängenbleiben und kein Schaden entstehen. Es war alles durchdacht!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die Fotos auf Ihrer Webseite veröffentlicht. Hat sich schon einer der Besitzer bei Ihnen gemeldet?

Siedentopf: Nein, leider nicht. Naja, in manchen Fällen ist es vielleicht auch gut so. Ich glaube zwar, dass ich den meisten eine Freude bereitet habe. Aber ich habe zum Beispiel auch einen Audi gepimpt und bin mir nicht ganz sicher, ob der Besitzer das lustig findet.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Sie mal erwischt?

Siedentopf: Einmal wurde ich von Leuten überrascht, die gerade von einer Party kamen. Die fanden das aber witzig und sind weitergelaufen.

SPIEGEL ONLINE: Es wäre doch reizvoll gewesen, sich auf die Lauer zu legen. Dann hätten Sie beobachten können, wie die Leute auf ihr neues Supercar reagieren.

Siedentopf: Auf jeden Fall. Aber Amsterdam ist klein, und man kann leicht entdeckt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie denn reagieren, wenn sich ein Besitzer bei Ihnen meldet?

Siedentopf: Ich würde ihm ein Foto seines Supercars ausdrucken.

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
pigtime 14.10.2015
1.
...die Bilder sind total schlecht gemacht. Sieht aus wie irgendwelche Handyfotos. Noch schlechter die Anbauteile! Ist das Kunst? Nee, kann weg!
nsa 14.10.2015
2.
"Ich glaube zwar, dass ich den meisten eine Freude bereitet habe." Natürlich! Aber sicher ist sicher, daher lieber die Autos nachs um fünf bekleben - es soll ja Spaßbremsen geben, die das Ganze für Vandalismus halten...
r_dawkins 14.10.2015
3. @pigtime
Vieleicht verstehen Sie bloß nix von Kunst?
TS_Alien 14.10.2015
4.
Mir gefällt es. Aber den Besitzer des Autos vorher nicht zu fragen, ist nicht in Ordnung. So manches Anbauteil ist nicht schlechter als das, was manche Formel-1-Rennställe hinbekommen.
r_dawkins 14.10.2015
5. Braucht man dafür
eigentlich eine TÜV-Genehmigung?
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