"Hallo Fahrerlager Classic" Backstage bei den Ballermännern

Rainer Braun berichtete schon über den Motorsport, als dieser noch ein total verrücktes Paralleluniversum war, keine durchkontrollierte Werbeveranstaltung. Seine besten Geschichten hat der Reporter nun in einem Buch gesammelt.

Von Jürgen Pander

Archiv McKlein

Was soll man sich unter einem Buch mit dem Titel "Hallo Fahrerlager Classic" vorstellen? Der Untertitel gibt glücklicherweise Auskunft: "Nostalgische Geschichten aus der Welt des Automobilsports". Aufgeschrieben hat sie Rainer Braun, der seit den frühen Sechzigerjahren als Motorsport-Journalist, TV-Kommentator und Streckensprecher bei mehr als tausend Rennen den Vollgas-Zirkus begleitete. Der dicke, reich bebilderte Band ist eine Art Vermächtnis Brauns - und ein Schmökerspaß für alle mit Benzin im Blut.

Es geht um die große Zeit der Formel V, um das Kultauto Ford Capri RS oder um das kurze Formel-1-Gastspiel des Eifelland-Teams (der Rennstall des gleichnamigen Wohnwagenherstellers aus der Eifel) mit einem von Luigi Colani bizarr gestalteten Rennwagen. Auch über den kleinsten deutschen Werks-Rennstall, den des Autobauers Glas aus Dingolfing, gibt es eine Geschichte. Immerhin trumpften aus heutiger Sicht biedere Glas-Limousinen zwischen 1962 und 1966 im deutschen Tourenwagen- und GT-Sport groß auf.

Berühmter Geisterfahrer auf der Rennstrecke

Braun hat diese Geschichten alle unmittelbar miterlebt. Im Fahrerlager sowie direkt an der Rennstrecke. Dort stand er als Streckensprecher auf einem Ölfass (Flugplatzrennen Innsbruck), balanciert auf einem Hochsitz im Geäst (Krähbergrennen im Odenwald) oder saß stark eingeengt in einem VW Bulli (Flugplatzrennen Wien-Aspern). Auch beim Flugplatzrennen im Sommer 1976 auf Sylt war Braun vor Ort. Damals trat Rocksänger Udo Lindenberg als Gaststarter im VW-Scirocco-Cup an. Panik-Udo legte jedoch schon in der ersten Runde einen Dreher hin, verlor die Orientierung - und raste in Gegenrichtung weiter. Als er kurz darauf das Feld auf sich zudonnern sah, bog er seitwärts in die Wiese ab. Sein Kommentar nach dem Rennen: "Die sind doch alle ganz schön balla balla hier."

Rennfahrer Willi Bergmeister (links) und Gaststarter Udo Lindenberg am Rande des Flugplatzrennens in Sylt im Sommer 1976
VW Motorsport

Rennfahrer Willi Bergmeister (links) und Gaststarter Udo Lindenberg am Rande des Flugplatzrennens in Sylt im Sommer 1976

Diese Einschätzung gilt für etliche Motorsport-Ereignisse aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Als etwa die Formel-1-Piloten 1970 einen Start zum Großen Preis von Deutschland am Nürburgring wegen der mangelhaften Auslaufzonen an der Strecke boykottierten und das Rennen kurzfristig nach Hockenheim verlegt werden musste, brach dort ein Chaos aus.

Der Andrang in Hockenheim war derart gewaltig, dass bereits um 3 Uhr früh die Eingänge zum Motodrom geöffnet werden mussten. Um 9 Uhr morgens waren die Tribünen bis auf den letzten Platz besetzt, und die Fans begannen, das Flachdach zu entern. Gegen Mittag jedoch ließ die Polizei die Dächer wegen Einsturzgefahr räumen - und so ergab es sich, dass beim Formel-1-Rennen am Nachmittag selbst entlang der langen Geraden durch den Wald sich die Zuschauer in mehreren Reihen hinter dem Zaun an den Leitplanken drängten. Jochen Rindt gewann das Rennen damals um einen Wimpernschlag vor Jackie Ickx.

Motorsport bedeutete damals oft Lebensgefahr

Beim Betrachten der vielen Fotos und beim Lesen der Texte hat man es ebenfalls oft: ein Gefühl zwischen balla balla und erstauntem Entzücken. Darüber vor allem, was damals alles möglich war, wie verrückt die Fans nach Motorsport waren, wie risikofreudig die Rennfahrer und wie improvisationsbegabt die Mechaniker.

Immer wieder bekommt das verklärende "Jaha, damals"-Gefühl allerdings Dämpfer - wenn Braun von Karambolagen, Unfällen und Toten berichtet. Motorsport, das bedeutete oft Lebensgefahr, und zwar für Rennfahrer und Zuschauer. Und so widmet Braun 70 Seiten des Buches, in dem er sein Motorsportleben zusammenfasst, den Erinnerungen an verstorbene Freunde und Kollegen.

Beim Formel-V-Rennen in Monaco 1967 hebt der Engländer Nick Brittan von der Strecke ab
Archiv Gute Fahrt/ Schwab

Beim Formel-V-Rennen in Monaco 1967 hebt der Engländer Nick Brittan von der Strecke ab

Er verspüre Wehmut, aber keine Schwermut, schreibt Braun über seine Abschied von den Weggefährten ebenso wie über seinen Rückzug aus dem Rennsportrevier. "Jetzt kann ich zufrieden von der PS-Bühne abtreten und gemeinsam mit meiner Familie in den immer wieder nach hinten verschobenen, ruhigeren Lebensabschnitt starten." Motorsport gibt es für Rainer Braun jetzt nur noch im Fernsehen.

Reiner Braun: "Hallo Fahrerlager Classic", McKlein Publishing, 288 Seiten, 419 Fotos, 59,90 Euro. www.hallo-fahrerlager.de

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
rennflosse 21.01.2016
1. Racing
Es war für mich die Zeit, als ich nur die Wahl hatte, das Rennen zu besuchen um es live vor Ort anzuschauen. Oder einer der damals angesagten Motorsportzeitschriften "rallye-racing" oder "sport-Auto" zu kaufen, um mich an Texten und Fotos zu ergötzen. Bis auf das jährliche Avus-Rennen blieb es meist beim Zeitschriftenkonsum. Im deutschen Fernsehen fand Motorsport ja kaum statt. Das Buch werde ich bestimmt kaufen.
f36md2 21.01.2016
2. Autorennen: Bitte nicht!
Diese Umweltsauerei auch noch "Sport" zu nennen, ist schon seltsam!
emotional flexibler 21.01.2016
3. Vergriffen
Die 1. Auflage erschien zum 1.10.2015 und war auf 500 St. limitiert, sie ist längst vergriffen. Restposten bei Amazon kosten 139,00 Euro! Viele Grüße Manfred
marcmasai 21.01.2016
4.
Zitat von emotional flexiblerDie 1. Auflage erschien zum 1.10.2015 und war auf 500 St. limitiert, sie ist längst vergriffen. Restposten bei Amazon kosten 139,00 Euro! Viele Grüße Manfred
Es gibt 2 Versionen, einmal die oben beschriebene "Classic"-Version für 59,90 € und einmal die teurere & limitierte "Edition 500". Beide Versionen sind noch beim Verlag verfügbar.
passionmedia 21.01.2016
5. Lieber f36md2
Warscheinlich nur in Deutschland gibt es diese Gattung defätistischer Menschen, die sich so wichtig fühlen zu allem Ihre negative Meinung zu äußern, die aber niemanden interessiert. Viel Spaß beim weiteren Bäume umarmen.
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