Hamburg-Berlin-Klassik Altmetall in Eile

Ein paar Wochen noch, dann werden die meisten Oldtimer wohl wieder eingemottet. Doch zum Schluss der Saison durften knapp 200 der schönsten Altmetaller noch einmal auf große Fahrt von Hamburg nach Berlin. Tom Grünweg hat den Tross mit über 26.000 PS in einem Prunkwagen aus England begleitet.

Gudrun Muschalla

Es riecht nach Öl und Benzin, in den Ohren klingt das Röhren aus Hunderten von Auspuffrohren und über der Hamburger Fischauktionshalle steigt ein eigentümlicher Nebel auf. Kurz hinter den Landungsbrücken laufen sich fast 200 Oldtimer warm, die gleich bei der Hamburg-Berlin-Klassik ihren Saisonabschluss feiern: Drei Tage, Hunderte von Kilometern auf Nebenstraßen durch Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg und Dutzende knifflige Sonderprüfungen stehen auf dem Programm der Klassiker-Karawane, die mit mehr als 1000 Zylindern und mehr als 26.000 PS gen Osten startet.

Bunter könnte das Feld aus privaten Sammlerstücken und Fahrzeugen aus den Werksmuseen kaum sein: Prunkwagen aus der deutschen Vorkriegsgeschichte wie der Horch 830K, Traumwagen aus der Nachkriegszeit wie der Flügeltürer von Mercedes und die frühen Porsche 911, Rennwagen wie der BMW 328 und der Jaguar XK140, Ami-Schlitten vom Schlage des Chevrolet Impala, der Corvette C1 oder des Cadillac deVille.

Aber es sind auch absolute Exoten wie der Cord 812 mit seinem fast fünf Liter großen Flugzeugmotor ohne Rückwärtsgang oder das Nash Metropolitan Cabrio dabei, und dazwischen Brot-und Butter-Autos wie ein Renault R4, eine Handvoll VW Käfer, der Opel Kapitän oder die quietschbunten Minis sind am Start - und mittendrin SPIEGEL ONLINE in einem Rolls-Royce Silver Cloud Cabrio von 1963, das fast so majestätisch wie die Queen Mary an den Landungsbrücken vorbei rollt.

Der fliegende Teppich

Hier nach Hamburg passt das offene Dickschiff vielleicht noch, selbst wenn es mit einem Preis von 106.800 D-Mark seinerzeit zehnmal so viel gekostet hat wie ein BMW 1800TI. Und später in Berlin macht die silberne Kühlerfigur sicher auch eine gute Figur, wenn sie mit der "Gold Else" auf der Siegessäule um die Wette strahlt. Doch je weiter die Tour nach Osten führt, desto größer werden die Kontraste zwischen dem schillernden Luxusliner und den nicht immer blühenden Landschaften.

Ein laues Lüftchen streicht über die hohe Scheibe, die Füße versinken fast im knöchelhohen Teppich, man thront auf den Ledersesseln eher, als dass man sitzt, und der Motor säuselt mit fast gespenstischer Ruhe dahin. Es muss schon ordentlich bergauf gehen mit dem Zweitonner, damit sich der 6,2 Liter große Achtzylinder überhaupt mal einen Laut entlocken lässt.

Wie für alle Rolls-Royce aus jener Zeit gibt es auch für dieses Exemplar keine Leistungsangabe: "Ausreichend" ist alles, was die Briten ihren Kunden verraten haben. Und "ausreichend" ist das, was über die vierstufige Automatik an der Hinterachse ankommt, noch immer.

Es geht nicht um Geschwindigkeit

Die 140 Meilen pro Stunde Höchstgeschwindigkeit, die der Tacho verspricht, will man hier ohnehin nicht ausprobieren. Erst recht nicht, wenn sich vor einem ein 50 Jahre altes Skoda Felica Cabrio abmüht, dem 1,2 Liter Hubraum und 55 PS genügen müssen. Außerdem ist es schon bei gemächlichem Tempo oft schwer genug, den Dampfer mit jener Würde auf Kurs zu halten, die einem solchen Wagen geziemt. Erst recht, wenn der fliegende Teppich auf Plattenwegen und Kopfsteinpflaster mal in Turbulenzen kommt.

Natürlich geht es den Teilnehmern vor allem um den Spaß mit und in ihren Autos. Aber das ist manchmal eine verdammt ernste Angelegenheit. Nicht nur, weil es irgendwann lausig kalt wird an Müritz und Co., wenn die Herbstsonne mal weg ist und die Nacht über das offene Vorkriegs-Cabrio hereinbricht. Sondern auch, weil es unterwegs schließlich wie bei jeder echten Rallye ein paar Sonder- und Wertungsprüfungen gibt.

Wohnmobil auf Knopfdruck

Was im Programm profan als "Gleichmäßigkeitsfahrt" ausgewiesen wird, ist deshalb ein Kampf um die letzte Sekunde - nur, dass es nicht um Tempo, sondern um Präzision geht. 780 Meter in 50 Sekunden, 3,56 Kilometer in 22,48 Minuten, verschachtelte Etappen und Zielvorgaben, die einem erst auf der Strecke ins Auto gerufen werden: Während man seinen Wagen oft nur mit Mühe auf den schmalen Straßen halten und den Weg finden kann, sitzt einer immer am Wegstreckenzähler, schielt auf die Stoppuhr und schaut, wo die nächsten Messschläuche oder Lichtschranken versteckt sind.

So also sieht es aus, wenn große Jungs mit ihren noch größeren Spielzeugen eine Schnitzeljagd machen. Und obwohl die Autos aus einer Zeit stammen, in denen schon Taschenrechner Science-Fiction waren, sind selbst die ältesten Oldtimer mit digitalen Tripmastern und professionellen Stoppuhren bestückt. Auch das ist einer der wunderbaren Kontraste, die man bei Rallyes wie diesen genießen kann.

Weil es auf den Messstrecken mehr um Präzision als um Power geht und die Etappen dazwischen eher gemütlich gefahren werden, ist Leistung auf dieser Rallye Nebensache. Der 550 PS starke Ferrari F40 als stärkster Starter hat deshalb die gleichen Chancen wie der Fiat 500 von 1970, der sich mit 18 PS durch Mecklenburg kämpft. Und auch Hubraum hilft hier nicht viel, obwohl die Spanne zwischen der Ente mit 431 Kubikzentimetern und dem Buick GS 455 von 1972 mit 7456 Kubikzentimetern groß ist. Im Gegenteil: Irgendwie sind es bei dieser Rally vor allem die großvolumigen US-Modelle, die inkontinent am Straßenrand stehen und auf den Pannendienst warten müssen.

Glück im Unglück hatten dabei die Teilnehmer im vielleicht skurrilsten Auto der Klassiker-Karawane: Einem Mini Wildgoose aus dem Jahr 1963, dem irgendwo im Nirgendwo zwischen Hamburg und der Müritz eine defekte Zylinderkopfdichtung am 34 PS schwachen 848 Kubikzentimeter-Motor den Garaus machte. Zwar war es jammerschade, dass der kleine Engländer nicht bis ins Ziel kam, weil es davon in Europa nicht einmal mehr ein Dutzend fahrbereite Exemplare gibt. Und man hätte den Fahrern bei ihrer Panne zumindest Mobilfunkempfang oder einen Rest von Zivilisation gewünscht. Doch wenigstens waren die beiden in ihrer Wildgans gut aufgehoben: Denn mit einem Kopfdruck verwandelt sich der Mini-Umbau in ein gemütliches Wohnmobil.



insgesamt 2 Beiträge
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seppedoni 22.09.2012
1.
fährt Lloyd", dichtete damals der Volksmund (oder die Konkurrenz?). Vielen Dank an SPON, dass Ihr euch immer mal wieder um die schöne Oldtimerei kümmert.
lynx2 22.09.2012
2. BMW 1800 ti oder 2000 ti..
Zitat von sysopEin paar Wochen noch, dann werden die meisten Oldtimer wohl wieder eingemottet. Doch zum Schluss der Saison durften knapp 200 der schönsten Altmetaller noch einmal auf große Fahrt von Hamburg nach Berlin. Tom Grünweg hat den Tross mit über 26.000 PS in einem Prunkwagen aus England begleitet. http://www.spiegel.de/auto/fahrkultur/0,1518,857261,00.html
... besten mit Rallye-Streifen, auf die kann ich verzichten. Bald kommen auf young-timer-Treffen schon die schimmligen Golf GTI.
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