Trend zu straffen Fahrwerken S wie ausgeschwebt

Die Automobilindustrie ist im Jugendwahn - und opfert dafür den Fahrkomfort. Selbst Mercedes' S-Klasse, einst die Vorstufe zum fliegenden Teppich, gibt sich zwanghafter Sportlichkeit hin. Gibt es noch Autos mit Sänften-Gefühl?

Daimler

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Der Wagen fährt nicht, er schwebt. Lässig überfliegt der Mercedes den Asphalt. Behutsam, jeder Zentimeter scheint perfekt einstudiert; eine ausgewogene Choreografie aus einfedern, ausfedern, durchatmen. "Klonk!", "Krack!" oder "Pang!", Kraftausdrücke der automobilen Arbeiterklasse, liegen dem Fahrwerk fern. Höchstens ein leises "Gunk" entfährt ihm bei Schlaglöchern oder tiefliegenden Gullideckeln. Gedämpft und komfortabel - so wie das Turnen auf den dicken Gummibelägen neumodischer Kinderspielplätze.

Auf der Autobahn findet der Fahrgenuss seine Vollendung. Ein sinnliches Erlebnis. Ein Fahrgefühl, wie es kein zweites gibt. Es ist das S-Klasse-Fahrgefühl - von vor 26 Jahren. Im W126, Baujahr 1987.

Bye-bye Schwebezustand

Heute scheint der Schwebezustand von früher unwiederbringlich verloren. Er ist dem Straffheitswahn zum Opfer gefallen. Umso mehr hofften zartbesaitete Menschen auf eine Renaissance des S-Gefühls, als im Sommer 2013 das neue Daimler-Luxusflaggschiff bei den Händlern stand. Mit Massagesitzen nach dem Hot-Stone-Prinzip, einem Raumbedufter mit drei verschiedenen Noten und Ambientelicht in sieben Farben - kurz gesagt ein Wellness-Tempel, oder derber: eine Hammer-Kiste!

Jetzt noch gute Fahrwerkspolster - und ein Traum ginge in Erfüllung. Das neue, aufpreispflichtige Fahrwerk "Magic-Body-Control", das von Daimler als erstes Chassis der Welt, das sehen kann, gepriesen wird, schien wie ein Versprechen. Die Ingenieure integrierten dafür hinter der Scheibe eine Stereokamera, die menschliche Augen simuliert. Bei Tageslicht blickt die Kamera bis zu 15 Meter voraus, checkt kontinuierlich den Zustand der Straße und meldet alle wichtigen Infos an ein Steuergerät. Das elektronische Superhirn entwickelt daraus die beste Strategie für das elektronische Fahrwerk, um möglichst sanft über die Unzulänglichkeiten der Straßen dieser Welt hinwegzugleiten. Jedes einzelne Rad wird per Hydraulik dann be- oder entlastet. So weit die Theorie.

In der Praxis funktioniert "Magic-Body-Control" weniger überzeugend, wie wir bei einer Ausfahrt mit einem S 500 feststellten. Zwar wurden derbere Nickbewegungen wie beim Überfahren von Speed-Bumps von den schlauen Dämpfern fast egalisiert, aber beim Fahren über Kopfsteinpflaster polterte es unvornehm aus dem Radhaus und auch sonst zeigte sich das Fahrwerk eher von der harten als von der zarten Seite. Wo ist es nur hin, das gute alte S-Klasse-Gefühl von früher?

Glatte Straßen fördern den Trend zur Fahrdynamik

Es ist buchstäblich auf der Strecke geblieben, sagen die Experten des Autozulieferers Continental. "Dass die Fahrwerke straffer geworden sind, hat auch viel mit unseren Straßen zu tun", erklärt der Leiter des globalen Kompetenzzentrums Chassis Control des Autozulieferers, Thomas Raste. "Die Fahrwerke mussten vor einigen Jahrzehnten noch weicher gefedert sein, weil die Straßen schlechter waren. Durch perfekte, glatte Fahrbahnen haben sich die Autobauer stärker auf die Fahrdynamik konzentriert."

Die Straße hat also Schuld. Und auch der Kunde selbst trägt dazu bei, dass der Komfort beim Autofahren leidet. Bei der Kaufentscheidung rangiert Design vor allen anderen Kriterien. Zum schnittigen Auftritt zählen heute selbstverständlich auch Räder mit Format. "Die Reifen haben immer flachere Querschnitte, Räder werden immer größer", sagt der Leiter für Fahrzeugdynamik bei Conti, Jörg Kock. Was an der Ampel oder beim Nachbarn Eindruck schindet, reduziert den Fahrkomfort drastisch. Waren vor Jahren noch 15 Zoll große Räder Standard, drehen sich heute an immer mehr Modellen 20 Zoll messende Riesenräder, die aber einen viel kleineren Querschnitt haben - und entsprechend schlechter dämpfen.

In ihrem Sportlichkeitswahn schießen die Hersteller auch so manches Mal über das Ziel hinaus. So legte Audi das Sportfahrwerk seines A3 ab 2003 so straff aus, dass es von Testern wie Kunden Kritik hagelte. Auch Hyundai optimierte erst kürzlich das Chassis des i30, weil es offensichtlich zu straff geraten war.

Das S-Klasse-Gefühl kommt heute von Citroën

Doch selbst nach der Weichspülung sind diese Modelle dann lange noch keine Sänften. Sie sollen zusammenbringen, was nicht zusammengehört. "Heute lösen wir als Ingenieure mehr Zielkonflikte. Die Frage, ob wir ein Fahrwerk nun sportlich oder komfortabel auslegen, existiert nicht mehr - ein gutes Fahrwerk kann heute beides", sagt Kock, aber das Gefühl beim Fahren sagt etwas anderes. Die adaptiven Fahrwerke suchen nach einem Kompromiss. Kompromisse macht keiner gerne.

Und mit dem Zwischenweg sterben alte Gewissheiten. Der komfortable Renault, der schwammige Chevrolet oder der auf Härte getrimmte BMW - durch Luftfederung und anpassungsfähige Dämpfer wird alles nivelliert, globalisiert - und verliert leider auch an Charakter. Das Auto passt sich elektronisch auf eine sportliche oder gemäßigte Fahrweise an, auf die Gewohnheiten und Wünsche ferner Kontinente. In manchen Ländern liefern die Autohersteller ihre Modelle serienmäßig zumindest noch mit Schlechtwegefahrwerk aus.

Es gibt sie aber noch: Modelle, die so etwas gar nicht brauchen. Die die Kunst der schwerelosen Fortbewegung beherrschen und als Teil der DNA begreifen. Dieser Wagen versprüht auch heute noch, frisch vom Band gelaufen, echtes S-Klasse-Gefühl. Nur dass der C5 mit hydropneumatischem Fahrwerk nicht von Mercedes kommt, sondern von Citroën.

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insgesamt 244 Beiträge
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marthaimschnee 29.12.2013
1.
Dumm nur, daß der deutsche Sparwahn die einst so perfekten, glatten Straßen wieder in notdürftig geflickte Schlaglochpisten verwandelt ...
nachdenklich289 29.12.2013
2. optional
Stimmt genau! Die Fahrwerke sind durchs Band bei allen heutigen Autos zu hart! So toll und glatt sind die Strassen nämlich auch nicht (mehr)..
fklein 29.12.2013
3. Na endlich.
Als Vielfahrerr habe ich mich auch unserem Firmenwagenzwang entzogen (Audi/VW), weil mir die auf die Dauer viel zu hart sind. Seit ich C5 fahre bin ich hingegen stets entspannt unterwegs und spare auch noch viel Geld gegenüber deutschen Rumpelautos und vermisse nichts. (hatte vorher A6/A8)
elwu 29.12.2013
4. Ebene Straßenoberflächen?
Wo?
hagar 29.12.2013
5. Die Straße hat Schuld?
"Durch perfekte, glatte Fahrbahnen haben sich die Autobauer stärker auf die Fahrdynamik konzentriert." Mein subjektiver Eindruck ist dass die Straßen eher schlechter geworden sind. A7 nördlich vom Walsroder Dreieck, gefahren mit dem Golf Plus (ca Bj 2008) meines Vaters. Er fragte noch ob ich die Federung nicht auch etwas hart fände. Die ehrliche Antwort wäre gewesen: Hat der überhaupt eine Federung? Und das ist ein Fahrzeug welches überwiegend von älteren Herrschaften bewegt wird.
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