Schönes Ding: Honda Puyo Die Pille für die Stadt

Ein Knirps zum Knuddeln: Die Automobilgeschichte ist voll von irren Entwürfen, die erst begeisterten und dann verschwanden. SPIEGEL ONLINE zeigt die gewagtesten Visionen. Diesmal: der rundum verweichlichte Honda Puyo.

Honda

Von Jürgen Pander


Der Name Puyo klingt wie ein erleichtertes Seufzen - genau deshalb wählten ihn die Honda-Verantwortlichen für die putzige Stadtauto-Studie aus, die 2007 auf der Autoshow in Tokio präsentiert wurde. Das Wort beschreibe die "lautmalerische Reaktion auf die Berührung des Autos", hieß es damals zur Erklärung. Um das zu kapieren, muss man wissen, dass die Karosserie unterhalb der Glaskuppel von einer mit Silikongel gefüllten Schicht überzogen war. Drückte man dort mit dem Finger hinein, gab das Auto nach wie ein Stück Schaumgummi - und nahm danach wieder die ursprüngliche Form an. Puyo.

Honda beschrieb das Konzeptauto als "sauber, sicher und spaßig", und dem ist erst einmal nicht zu widersprechen. Optisch sieht der Wagen aus wie eine Riesenpille auf Rädern, und zwar sehr kleinen Rädern. Diese wiederum sind allesamt lenkbar und machen es zum Beispiel möglich, dass sich der Puyo auf der Stelle drehen kann. Ein Rückwärtsgang ist daher unnötig.

Gelkissen auf der Karosserie

Die gerundete, gelgepufferte und nahezu nahtlose Karosserie soll das Wägelchen einerseits liebenswert und zutraulich erscheinen lassen, andererseits leichte Rempler mit anderen Verkehrsteilnehmern für alle Beteiligten harmlos ausgehen lassen. Damit der Autoknirps im dichten Stadtverkehr nicht so leicht übersehen wird, ist die untere Hälfte der Karosserie selbstleuchtend. Zudem kann der Lichtschimmer die Farbe wechseln und zeigt damit der Umwelt zum Beispiel an, ob das Auto fährt oder steht.

Zwei Scherentüren öffnen den Zugang zum Auto, das über vier Sitzplätze, einen ebenen Boden und eine komplett verglaste Kuppel verfügt. Das lässt den Innenraum noch größer wirken, als er ohnehin schon ist, und es erleichtert die nonverbale Kommunikation mit allen, die sich außerhalb des Autos aufhalten.

Minimalistisches Interieur, Joystick statt Lenkrad

Für die Insassen wiederum ist der Puyo eine Oase der Sanftmut. Das liegt an den mit weichem Stoff überzogenen, nachgiebigen Oberflächen sowie an der minimalistischen Ausstattung. Die wenigen Bedienelemente heben sich erst dann aus der Armaturentafel hervor, wenn das Auto abfahrbereit ist und anstelle eines dominanten Lenkrads gibt es einen unscheinbaren Joystick zum Steuern des Wagens.

Über die Antriebstechnik ist nicht allzu viel bekannt, lediglich, dass der Wagen von einem Elektromotor bewegt wird, der mit der Energie aus einer Brennstoffzelle betrieben wird. Ein Wasserstofftank ist auch an Bord - der Rest ist kuschelige Mobilität, die bis auf ein wenig Wasserdampf keine Spuren hinterlässt.

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Schönes Ding: Honda Puyo: Softie mit Brennstoffzelle

Ein Stadtautokonzept für die Zukunft? Oder nur eine spleenige Spielerei einiger ambitionierter Designer? Womöglich ist der Honda Puyo vor allem etwas Drittes: nämlich ein Experiment, um die alltägliche Zweckmobilität der Zukunft nicht zur völlig unpersönlichen Dienstleistung werden zu lassen. Sondern stattdessen zu zeigen, dass auch sehr kleine und sehr pragmatische Autos Emotionen und Empathie wecken können und vielleicht auch wecken sollten. Denn Straßenverkehr ist und bleibt, auch wenn er künftig von Algorithmen kontrolliert wird, eine soziale Veranstaltung.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
-chazzy- 03.01.2019
1. Kein Rückwärtsgang?
Wie soll das Kfz denn aus engen Parklücken manövrieren? Auf der Stelle drehen fällt da wohl flach.
thrust26 03.01.2019
2. Parklücken?
Alle Räder in die gleiche Richtung einschlagen und dann einfach seitlich herausfahren. Aber Rückwärtsgang wäre trotzdem praktisch und beim E-Motor problemlos machbar.
oldman2016 03.01.2019
3. Soziale Veranstaltung?
"Denn Straßenverkehr ist und bleibt, auch wenn er künftig von Algorithmen kontrolliert wird, eine soziale Veranstaltung." Ich würde den Begriff "soziale Veranstaltung" eher die Mobilität von Menschen verwenden. Straßenverkehr in Großstädten ist eher sozialer Horror.
bafibo 03.01.2019
4. Funktioniert nicht immer
Zitat von thrust26Alle Räder in die gleiche Richtung einschlagen und dann einfach seitlich herausfahren. Aber Rückwärtsgang wäre trotzdem praktisch und beim E-Motor problemlos machbar.
Was macht man bei Lücken, wo die Wägen nicht hintereinander, sondern nebeneinander stehen? Vor kurzem mußte ich mein Gefährt (zugegebenermaßen kein Kleinwagen) vorübergehend in eine Lücke bugsieren, die so schmal war, daß ich dort nicht hätte aussteigen können (ca. 10 cm Platz auf beiden Seiten). Ohne Rückwärtsgang wäre da gar nichts gegangen. Und ich bezweifle, daß die Räder des Puyo sich um volle 90° drehen lassen, wie es thrust26 mit seinem Lösungsvorschlag unterstellt.
Rahvin 03.01.2019
5. Glas halbvoll
Warum muss man sich am fehlenden Rückwärtsgang aufhängen, wenn dieser problemlos mit einem E-Motor realisierbar wäre. Das Konzept finde ich für Stadtautos großartig. Und es ist schade, dass viele Konzepte oder zu "wagemutige" Autos wie auch z.B. der Audi A2 sich auf längere Sicht nicht durchgesetzt haben, der Kunde stattdessen zum SUV für die Stadt greift, weil man sonst den Asphaltdschungel nicht bezwingen könnte. Die Türen finde ich hingegen unsinnig, da würde eine Schiebetür vielleicht mehr Sinn machen. Und auf ein Lenkrad würde ich auch nicht verzichten wollen. Ansonsten wäre das Teil doch super.
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