Hoodride-Käfer Ritter Rost auf Rädern

Als Sven Wiesners VW Käfer 1984 in Mexiko vom Band rollte, war er einer von Millionen Exemplaren. Jetzt ist das Auto ein Unikat: total rostig, voller Überraschungen - und mit eigener Web-Seite.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Sven Wiesner hat beim Thema Auto klare Vorstellungen. "Der VW Käfer hat die geilste Karosserieform der Welt", sagt er. "Und je tiefer die auf der Straße liegt, desto besser sieht sie aus." Damit ist das Wesentliche schon mal klar: Ein Käfer musste es sein, und er musste runter auf Asphalthobel-Niveau. Wiesner, 30, hat sich das persönliche Idealauto in den vergangenen Monaten mit Hilfe eines versierten Kumpels selbst gebaut. Jetzt ist sein Käfer eine der Attraktionen im Hamburger Stadtteil St. Pauli, wo der Social-Media-Berater wohnt und seiner speziellen Autoleidenschaft fröhnt.

"Es gibt manchmal heikle Szenen an der Ampel", berichtet Wiesner von Ausfahrten mit dem rostigen Käfer, "weil die Kinder stehen bleiben und gucken, die Eltern aber drängeln, weil das Rotlicht längst strahlt." Aber nicht nur Kinder, eigentlich alle gucken, wenn der Wagen irgendwo steht. Und erst recht, wenn er fährt. Regelmäßig unternehmen Wiesner und seine Freunde sogenannte OKF - "also Orts-Kontroll-Fahrten durchs Schanzenviertel, durch St. Pauli und dann noch über den Jungfernstieg. Touristen erschrecken", berichtet der Käferfan. Mitunter sprühen bei den Exkursionen durch die Hansestadt die Funken, wenn der tiefergelegte Käfer auf dem Boden aufsetzt.

An dieser Stelle wird es wohl Zeit für ein paar Erklärungen. Den VW Käfer, damals noch im originalen, eisblauen Lack, erstand Wiesner in einem Autohaus am Bodensee und fuhr mit dem Wagen dann zurück nach Hamburg. "Zuvor war ich noch nie Käfer gefahren, das war schon speziell", erinnert er sich. Leicht verbastelt war das Auto zu diesem Zeitpunkt schon. Im Heck etwa rasselte bereits der 1600er-Motor aus dem Bulli T2 mit 50 PS, das Innenleben war aus einem VW Corrado transplantiert worden. Außerdem gab es großflächige Riffelblech-Verschalungen.

Zurück zum Original

"Das soll nach und nach raus und durch alte Originalteile ersetzt werden", sagt Wiesner. Ihm war zunächst Anderes wichtiger: nämlich ein einzigartiger Look und ein wirklich cooler Auftritt. Als Orientierung galt ihm die amerikanische Hoodride-Szene. Wie der Name andeutet, geht es dabei um möglichst billige Autos, die maximal tiefer gelegt werden, um dann damit durchs Viertel zu cruisen. Wichtigstes Detail dieser Fahrzeuge - oft sind es VW Käfer, weil die so einfach abgesenkt werden können - sind neben der außerordentlichen Straßenlage spektakuläre Felgen.

Auf Wiesners Hoodride-Käfer stecken 16 Zoll große American-Racing-Aero-Räder, aber vor allem gibt es ein Airride genanntes Fahrwerk, das sich absenken und per Kompressordruck wieder aufrichten lässt. Auf unterstem Niveau liegt der Käfer auf der Straße, wenn der Kompressor, der vorne unter der Kofferraumhaube sitzt, ordentlich pustet, hebt die Druckluft per Knopfdruck über Magnetschaltventile Vorder- und Hinterachse mit bis zu 14 bar jeweils um maximal zehn Zentimeter an.

Ideal ist es irgendwo dazwischen. Das ist immer noch ganz schön tief und auf welligem Untergrund setzt der Käfer mitunter auf, doch für die Kriechfahrt durch die Stadt - um die Mädchen zu locken, die Damen zu verstören und die Jungs zu beeindrucken - ist der Hovercraft-Look genau das Richtige.

Wenn es sein soll, kann Sven Wiesner seinen Käfer auch ein bisschen schunkeln lassen, vorne runter und hinten hoch oder umgekehrt. Aufgerissene Augen beim Ampelstopp sind garantiert. Obwohl das Auto auch so auffällt wie ein Rolls-Royce auf drei Rädern: Denn die Karosserie wurde komplett abgeschliffen - und ist mittlerweile bronze-braun gesprenkelt vom Flugrost. An der vorderen Haube half Wiesner der Korrosion auf die Sprünge, indem er das Teil in Tücher wickelte und mit Batteriesäure übergoss. Ergebnis: Ein herrlicher Rostton und eine seltsam kompakte Konsistenz der Oberfläche.

Man braucht: Viel Zeit, viel Werkzeug, sehr viel Geduld und eine Garage

In die Umbauten investierten Wiesner und sein Kumpel nicht nur Hunderte von Arbeitsstunden, sondern auch jede Menge Nerven. Denn nirgendwo gab es eine Anleitung für ein solches Unterfangen, und es bedurfte etlicher Stunden in Internetforen und diverser Schraubergespräche, um die technischen Feinheiten eines ausgeklügelten und perfekt funktionierenden Airride-Fahrwerks zu verstehen. Es ging Sven Wiesner aber genau auch um dieses Abenteuer. "Ich wollte mal was wirklich Eigenes machen und endlich mal ein mutiges Auto exakt nach meinem Geschmack bauen", sagt er heute.

Aufgrund der beruflichen Präferenzen des Halters ist der Hoodride-Käfer natürlich auch im Internet breit aufgestellt. Das Auto twittert und es hat ein Profil bei Facebook; außerdem besitzt der Rostkäfer natürlich eine eigene Web-Seite. Einen Pokal hat der Wagen auch schon abgeräumt - kürzlich bei einem Käfer-Treffen in Elmshorn. "Ich hatte erst befürchtet, dass die uns gleich vom Platz scheuchen. Aber das Gegenteil war der Fall", berichtet Wiesner.

Mitunter schlägt dem rostigen Ritter auf Rädern anfängliche Skepsis entgegen - doch am Ende siegt immer die Sympathie. Der Käfer hat ja vielleicht tatsächlich die geilste Karosserieform der Welt.



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