Aus Tanah Rata berichtet Tom Grünweg
Die Polster sind aufgerissen, die Scheinwerfer blind, die Türen baumeln nur noch in den Angeln und was der Rost noch nicht zerfressen hat, ist von Moos bewachsen. Hierzulande würde dieser Land Rover nicht einmal mehr als Scheunenfund taugen. Doch 10.000 Kilometer weiter südöstlich ist das anders. Dort trägt der Offroad-Dinosaurier das Kennzeichen AAW 4479 und gondelt jeden Tag durch die Cameron Highlands.
Er ist nicht allein. Wo man auch hinschaut in Dörfern wie Ringlet oder Bringchan und welche der wenigen Straßen dieser Gegend man auch befährt - immer und überall sieht man die Allrad-Oldies aus England; rund 7000 Exemplare sollen hier nach offiziellen Schätzungen unterwegs sein. Und einer sieht jämmerlicher aus als der andere. Die Region im Hochland von Malaysia hat vermutlich die höchste Defender-Dichte weltweit.
Deshalb gilt die Gegend etwa drei Fahrstunden nördlich der Hauptstadt Kuala Lumpur als eine Art Kultstätte für Land-Rover-Fans. Jedenfalls für solche mit einem Hang zum morbiden, denn so, wie angeblich Elefanten zum Sterben auf entlegene Friedhöfe in der Savanne trotten, so endet die letzte Fahrt sehr vieler Defender offenbar in den Cameron Highlands.
Die Erklärung dafür ist gänzlich unromantisch: Um den Bauern der ehemaligen britischen Kolonie in der abgelegenen Bergregion Cameron Highlands überhaupt die Chance auf ein eigenes Auto und damit auch ein wenig ökonomische Mobilität zu geben, senkte die Bezirksregierung die Kfz-Steuer auf zehn Prozent. Allerdings dürfen die derart geförderten Fahrzeuge die Cameron Highlands nicht verlassen, weshalb sie als Erkennungszeichen in großen, handgepinselten Lettern ein CH auf der Flanke tragen - zumindest bis Monsun oder Rost die Buchstaben wieder verschwinden lassen.
Das beste Auto der Welt
Im Prinzip gilt diese Regelung für jedes Auto, auch für die Typen der heimischen Marken Proton und Perodua. "Aber was soll ich mit einem Kleinwagen oder einer Limousine?" fragt Yamin Rong, der inmitten von sattgrünen Hängen voller Teeplantagen eine kleine Obst- und Gemüsefarm betriebt. Rong braucht ein Auto, das auch dann noch den schmalen Dschungelpfad zu seinem Hof hinaufkommt, wenn es mal wieder tagelang geregnet hat. Er braucht außerdem ein Auto, mit dem er die Ernte auf den Markt karren kann. Und er braucht ein Auto, in dem etwaige Elektronikbauteile nicht jeden Reparaturversuch von vornherein zunichtemachen. "Welches Auto erfüllt diese Anforderungen besser als mein mehr als 50 Jahre alter Land Rover Pick-up?", fragt er.
Zumal Defender-Modelle zu Tausenden verfügbar waren, als Malaysia 1963 von Großbritannien endgültig in die Unabhängigkeit entlassen wurde und zahlreiche Briten nach England gingen - ihren Fuhrpark jedoch zurückließen. Außerdem gibt es weiterhin Nachschub: In einer Fabrik im Norden des Landes werden die Autos weiterhin montiert. Das spart Import- und Luxusteuern, Defender sind also immer noch vergleichsweise billig, wie ein Händler in Kuala Lumpur berichtet. Diese Autos kosten in Malaysia ab 95.000 Ringit, das sind umgerechnet knapp 25.000 Euro. Für einen neuen Range Rover aus England hingegen müsste man in Malaysia glatt das Zehnfache hinblättern.
Werkstätten in Wellblechhütten
Trotz der Land-Rover-Dichte in den Cameron Highlands gibt es dort allerdings weder offizielle Händler oder Mechaniker. "Die Bauern dengeln sich die Autos selbst zurecht", sagt Nick Fitt von Land Rover Malaysia in seinem klimatisierten Büro in der Hauptstadt. "Und was sie nicht an Ort und Stelle selbst reparieren können, das erledigen Spezialwerkstätten am Straßenrand." Diese "Spezialwerkstätten" sind im besten Fall Wellblechgaragen, meist jedoch offene Unterstände. Statt einer Hebebühne kommen vier Holzbalken zum Einsatz, und als Ersatzteillager dient der Schrottplatz nebenan.
Was den Mechanikern an Ausstattung und Ersatzteilen fehlt, machen sie mit Phantasie und Geschick wieder wett. "Von außen sehen die Dinger zwar noch aus wie Defender, aber kaum etwas an den Autos ist noch original", sagt Fitt. Wenn die Lenkräder brechen, werden welche von Honda oder Proton eingebaut, die englischen Motoren werden durch japanische ersetzt und wohl kaum ein alter Defender ist noch mit dem Originalgetriebe unterwegs.
"Mir egal welche Technik drin steckt. Hauptsache er fährt", sagt Bauer Rong, der das Auto bis übers Dach mit leeren Obstkisten beladen hat und auf dem Weg hinauf zu seiner Plantage ist. Überhaupt kann er die Aufregung um die alten Landies nicht verstehen, die hier inzwischen sogar als Touristenattraktion gelten. Für ihn ist der Land Rover keine Kuriosität, sondern ein Arbeitsgerät. "Ihr rennt in Europa doch sicher auch nicht jedem Traktor hinterher?" fragt er mit leicht genervten Unterton. Andererseits schmeichelt es ihm natürlich schon ein wenig, dass er so ein berühmtes Auto fährt. Und selbstverständlich nahm er vor ein paar Jahren an der Parade teil, bei der 405 alte Land Rover in einem vier Kilometer langen Konvoi durch die Highlands kurvten.
Der Nachschub an Autos ist übrigens gesichert. Knapp 700 Neuwagen pro Jahr verkauft Land Rover in Malaysia, etwa die Hälfte davon sind Defender. "Und irgendwann", sagt Geschäftsmann Fitt, "landet jeder von denen in den Cameron Highlands".
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